Mut zur Zäsur: Durch die Neuinszenierung ist Tabaluga & Lilli schlüssiger und persönlicher

Das Musical-Märchen ist gereift und erwachsen geworden/Mehr Entfaltungsmöglichkeiten für die Darsteller

Der Abschied von Altgewohntem und Liebgewonnenem fällt nicht immer leicht. Wer sich dazu entschließt, ergraute Zöpfe abzuschneiden und neue zu flechten, muss sich Kritik gefallen lassen – insbesondere aus dem Lager der Puristen und ”Konservativen”, die vielleicht jetzt Zeter und Mordio schreien und die (Arktos’sche Eis-)Welt nicht mehr verstehen. Insofern war das Echo auf die Neuinszenierung des phantasievollen Musical-Märchens auch (zunächst) geteilt. So eine Zäsur will erst einmal verdaut werden.

Unter dem Motto ”Tabaluga wird erwachsen” haben Regisseur Andras Friscay Kali Son und sein Kreativteam dem Stück auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, es auf der einen Seite von verzichtbarem Ballast befreit, und auf der anderen Seite neue Ingredienzien hinzugemixt. Das ist kein Sakrileg. Sie taten dies guten Gewissens, da die seit September 1999 laufende Show ja von Anfang an nicht als starre, statische en suite-Produktion ausgelegt war, sondern mit der Zeit reifen und sich für Veränderungen und neue künstlerische Idee offen zeigen sollte.

Die Beteiligten hatten während einer Spielpause gerade mal zehn Tage Zeit, die den neuen Kurs zu verinnerlichen und umzusetzen. Das Ensemble probte während dieser kurzen Periode quasi Tag und Nacht, um schließlich seit Anfang März eine wesentlich schlüssigere und verständlichere Geschichte erzählen bzw. präsentieren zu können.

Die ”dramatischte” Neuerung ist die Aufhebung der Rollenteilung bei Tabaluga und seinem Herrn Papa Tyrion. Die beiden hopsen als märchenhafte Puppenfiguren nur noch in der Eingangssequenz durch den Saal und nehmen in Folge menschliche Züge an. D.h: Die Vollmasken fallen, die Darsteller agieren mit offenem Visier und rücken als solche in den Vordergrund. Für Bernie Blanks als Drachenjunior (seine grünen Haare sind allerdings schon gewöhnungsbedürftig) bedeutet dies eine durchgehende Bühnenpräsenz. Gleiches gilt für Kristian Vetter, der jetzt den Senior mimt, was ihm sichtlich Spaß macht, zumal er mehr zeigen kann als früher, als sich sein Part als Arktos-Sänger auf das Absingen eines einzigen Liedes (Schlüssel zur Macht) beschränkte.

Die Protagonisten erhalten wesentlich mehr Entfaltungsmöglichkeiten, die schauspielerischen Leistungen gewinnen an Intensität. Auch die Dialoge werden nun live gesprochen und kommen nicht wie bisher vom Band. Durch dies alles wird zugleich auch die Identifikation des Publikums mit den Handelnden wesentlich erleichtert, wobei die Schlüsselrolle des Magiers (Genial: Alex Melcher) als verbindendes Element, der die Geschichte zusammenhält, noch größere Bedeutung erlangt. Sein dezentes, harmonisches Zusammenspiel mit dem neuen Mond/Baum David Michael Johnson (auch ein Glücksgriff) zählt neben der Audienz der stimmgewaltigen, temperamentvollen Bienenkönigin (Nicole Berendsen/Kerstin Frank) und dem Auftritt der schwarzen Spinne (Carolin Fortenbacher P.) mit der Fünf-Oktaven-Stimme, die sie allerdings hier nicht ausreizt, sowieso zu den unumstrittenen Highlights, die allein schon einen Besuch in Oberhausens neuer Mitte rechtfertigen würden.

Etwas weniger, aber letztlich doch mehr

Der inhaltlichen Umstrukturierung zum Opfer gefallen sind allerdings das ”Lied der Delfine” und die Ameisen-Szene, weil sie nicht mehr ins dramaturgische Konzept passten. Die Show ist insgesamt um 15 Minuten kürzer. Aber in diesem Falle dürfte weniger mehr bedeuten. Vielleicht mögen die Kinder den lustigen Drachenfiguren etwas nachtrauern, aber sie zurückzudrängen war in diesem Falle nur konsequent. Denn: Die Inszenierung war nie als reines Kindermusical ausgelegt.

Tabaluga & Lilli ist nicht länger eine reine, originelle, effektreiche Song & Dance-Show, sondern zu einem kompakten, musiktheatralischen Ganzen gereift, in dem die Handlung nicht länger zweitrangig ist, sondern sich beide Elemente dramaturgisch gleichrangig gegenüberstehen. Mag ja sein, dass das einige schlaue und besserwisserische Kritiker vielleicht etwas anders sehen, aber entscheidend ist die Akzeptanz des Publikums. Und das hat sich nach anfänglicher Irritation inzwischen mit dem neuen Tabaluga herzlich angefreundet.

JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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  • Bernie im Doppelpack, mal ganz in Grün, mal ganz in Bunt: Mr. Blanks hat in der Rolle des  vermenschlichten kleinen Grünen Drachen wesentlich mehr zu tun als bisher.
    Bernie im Doppelpack, mal ganz in Grün, mal ganz in Bunt: Mr. Blanks hat in der Rolle des vermenschlichten kleinen Grünen Drachen wesentlich mehr zu tun als bisher.
    © Jürgen Heimann
  • Dass der sympathische Amerikaner stimmlich und musikalisch noch weit mehr drauf hat, als er in der Inszenierung zeigen darf, bewies er seinen Fans bei der der Zweit-Premiere folgenden After-Show-Party.
    Dass der sympathische Amerikaner stimmlich und musikalisch noch weit mehr drauf hat, als er in der Inszenierung zeigen darf, bewies er seinen Fans bei der der Zweit-Premiere folgenden After-Show-Party.
    © Jürgen Heimann
  •  Drachen ohne Vollmaske: Tyrion (Kristian Vetter) stellt sich im Kampf gegen Arktos schützend vor seinen Sohn Tabaluga (Bernie Blanks). Beide Künstler erhalten in der Neuinszenierung wesentlich mehr Entfaltungsmöglichkeiten.
    Drachen ohne Vollmaske: Tyrion (Kristian Vetter) stellt sich im Kampf gegen Arktos schützend vor seinen Sohn Tabaluga (Bernie Blanks). Beide Künstler erhalten in der Neuinszenierung wesentlich mehr Entfaltungsmöglichkeiten.
    © Brinkhoff/Mögenburg
  • Majestäten in Zivil:  Die beiden Bienenköniginnen Kerstin Frank (links) und Nicole Berendesen (rechts) feierten nach der Premiere die gelungene Neuinszenierung von Tabaluga und Lilli.
    Majestäten in Zivil: Die beiden Bienenköniginnen Kerstin Frank (links) und Nicole Berendesen (rechts) feierten nach der Premiere die gelungene Neuinszenierung von Tabaluga und Lilli.
    © Jürgen Heimann

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