Der „Geist der Weihnacht“ in Oberhausen: Charles Dickens hätte seine helle Freude daran

Ein reizendes, temperamentvolles Märchen-Musical mit Charme und vielen Ohrwürmern

Dabei heraus kam eine bestechende, inhaltlich-dichte und überraschend frische und unkonventionelle Adaption des Charles Dickens-Klassikers ”A Christmas Carol”, professionell umgesetzt und erzählt mit den Stilmitteln der Moderne, wodurch aber weder Intention noch Diktion des Ur-Autors verwässert werden. Mit viel Liebe zum Detail gezeichnete Charaktere, herrlich-farbenprächtige und phantasievolle Kostüme, ein aufwendiges Bühnendesign (Manfred Gruber) – und vor allem eine Partitur, die sich, wenn auch nicht durchgängig, aber an vielen Punkten, in die Gehörgänge krallt und nach mehr schreit. Das fängt bei dem lyrischen ”Folge mir” an, erstreckt sich über das romantisch-zarte Duett ”Ein Leben lang” und hört bei dem frechen und temperamentvollen ”Ooops, das tut uns leid” der kecken und vorlauten Geister noch lange nicht auf. Weitere Anspiel- und Anhörtipps: ”Weihnachten ist Rattendreck”, ”Diese Nacht soll niemals enden” und vor allem das Final-Thema ”Ein neues Leben”.

Die Geschichte von ”Scrooge”, jenem berufsmäßigen und unglücklichen, mit sich selbst nicht im Reinen befindlichen Unsympathen und Kotzbrocken, ist ja bereits dutzendfach aufbereitet worden – im Fernsehen, im Radio und auf der Bühne. Trotzdem darf die Oberhausener Version zu Recht als ”Welturaufführung” firmieren. Noch nie zuvor ist dieses Weihnachtsmärchen in einer deutschsprachigen Musical-Fassung auf die Bühne gebracht worden.

Gut, es hat vor Jahren im Alexandra Theatre von Birmingham einmal erste musical-ische Gehversuche, den Stoff entsprechend umzusetzen, gegeben. Aber zwischen diesen (für Buch, Musik und Text zeichnete damals kein Geringerer als Leslie Bricusse verantwortlich) und der aktuellen Inszenierung in Oberhausens ”Neuer Mitte” liegen Welten.

Dirk Michael Steffan hat die Story mit Hilfe von Regie-”Altmeister” Dr. Jürgen ”Zappo” Schwalbe und Autor Michael Tasche völlig neu eingekleidet und verpackt und ihr eine ganz andere Gewichtung gegeben. Steffan, im benachbarten Gelsenkirchen geboren, feiert damit eine Art verspätetes Heimspiel. Er, bekannt als TV-Moderator und Fernseh-Produzent, betritt damit auch ein klein wenig Neuland. Als Komponist freilich kann er bereits auf einen beachtlichen Output verweisen. Mehr als 120 zwischen Chansons, Kinderliedern, Balladen sowie Chor- und Klavierstücken angesiedelte Werke gehen inzwischen auf seine Kappe.

In dem inzwischen als Arrangeur schon legendären Gert Wilden fand der zum Wahl-Münchener mutierte Kreative einen Partner, der seine musicalischen Ambitionen und Ansprüche trefflich aufbereitete, ihnen den letzten Schliff verpasste und das berühmte ”i”-Tüpfelchen aufsetzte.

Einschränkend muss erwähnt werden, dass ”Vom Geist der Weihnacht” zwar in der Tat ein ”Familienmusical” ist, das Erwachsene und Kinder gleichermaßen anspricht, aber es ist eben doch nicht, wie es die PR verheißt, geeignet für Kids schon ab dem 6. Lebensjahr. Ziehen wir die Erkenntnisfähigkeits-Grenze bei Altersklasse 10 oder 11. Das kann hinkommen. Jüngere Besucher mögen mit dem Stück doch überfordert sein. Inhalt und Botschaft dürften ihnen, jenseits aller wirklich gelungener technischer und bühnenbildnerischer Aha-Effekte, eher verschlossen bleiben. Und dann wird es für Jüngere doch schnell langweilig – zwangsläufig.

Dass die Macher all die high-technischen Gegebenheiten des TheatrO-CentrO integriert haben und voll ausschöpfen, kann man ihnen nicht zum Nachteil ankreiden. Sie müssten abgestraft werden, wenn sie es nicht täten. Deshalb erinnert streckenweise auch vieles an ”Tabaluga”, den kleinen grünen Drachen, der daselbst bis Juni dieses Jahres sein abenteuerliches Unwesen getrieben hat. All die Hub-Podien und Aufzüge beispielsweise, die die Akteure wie aus dem Nichts kommend auf den Neben- Vor- und Hauptbühnen auftauchen lassen, des Engels ulkiges Himmelsgefährt (früher nannte man es Mond) oder die aus den Seitenwänden aufklappenden Rampen, von denen aus weiland ja die Winde bliesen.

Paraderolle für ”Fiesling” Kristian Vetter

Die einzelnen Rollen sind ausnahmslos glücklich und mit sicherem Gespür besetzt, wobei vor allem Kristian Vetter als ”Scrooge” herausragt. Der offenbar auf solche und ähnliche Fieslings-Charaktere abonnierte Rock-Tenor agiert ungemein überzeugend und hingebungsvoll. Wenn er scheinbar überzeichnet, wirkt es trotzdem nie aufgesetzt oder aufdringlich. Mit sensiblem, stimmlich und mimischen Fingerspitzengefühl trifft er die Stimmungen und Nuancen und kleidet sie aus. Mit dem Dänen steht und fällt das ganze Stück. Ihm gelingt es durch sein intensives, kraftvolles Spiel auch Durchhänger im Aufbau zu überbrücken, die Storyline voranzutreiben und spannend zu halten. Ab und an erscheinen die Dialoge nämlich etwas zu breit angelegt. Da wünscht man sich mehr Musik von Steffan und weniger gesprochenes Wort.

Vetter ist ja seit Les Misérables in Duisburg, dem ”Kleinen Horrorladen” daselbst und Tabaluga hierzulande eine feste musical-ische Größe. Das gilt nicht für die (kleine) Frau an seiner Seite: Judith Hildebrandt. Der zierliche ”blonde Engel” betritt Neuland und war die eigentliche Überraschung des Abends.

Judith Hildebrandt: Power mit Stimme

Diese stimmliche Power haben viele dem früheren Marienhof-Star eigentlich nicht zugetraut. Die Skeptiker, die glaubten, die quirlige Künstlerin habe nur aufgrund ihrer televisionär-bedingten Popularität den Zuschlag für die Hauptrolle bekommen, dürfte es die Sprache verschlagen. Nein, dieses knapp 150 Zentimeter in der Vertikalen messende Temperamentbündel kann singen – und wie! Von der Ausstrahlung dieser Power-Frau ganz zu schweigen.

Ein dritter personeller Eck- und Stützpfeiler der Inszenierung ist Peter Trautwein als ”Marley”, jener Geist also, der zu Lebzeiten Kompagnon und Freund von ”Scrooge” war und nach seinem Tod zum Wandern zwischen den Existenzen verdammt ist – nicht richtig tot, aber auch nicht richtig lebendig. Nur, indem er den garstigen Ex-Partner auf den richtigen Pfad bringt, kann er erlöst werden.

Ein Traumpaar als Mrs. und Mr. Fezziwig geben Bienenkönigin i.R. Kerstin Frank und Ex-Horrorshop-Mr. Mushnik Axel Kraus ab. Die Szene, in der die kochkünstige Hausherrin ihren Weihnachtsmahl-Gästen erläutert, wie spielend ihr die Zubereitung des opulenten Festessen von der Hand gegangen ist, zählt zu den Highlights der Show – ist aber leider nicht auf der zeitgleich zur Premiere veröffentlichten, limitierten CD enthalten. Schade.

”Vom Geist der Weihnacht” steht im TheatrO CentrO nur bis zum 30. Dezember auf dem Spielplan. Produzent Dirk Michael Steffan hält sich freilich die Option offen, selbigen vielleicht auch im nächsten Jahr zur passenden Christfest-Zeit wieder zu reaktivieren – eventuell an ganz anderer Stelle. Zu wünschen wäre es. Ob das aber tatsächlich geschieht, hängt nicht zuletzt von der Publikumsresonanz ab, die das Stück in Oberhausens ”Neuer Mitte” in den nächsten Wochen erfährt.

Beste Unterhaltung

Auch wenn es für diese Produktion letztendlich vielleicht nur zu einer Fußnote in den musical-ischen Annalen reichen mag, sie ist mit viel kreativem Engagement, Herzblut und Seele gestrickte . Die Ingredienzien stimmen, wobei sich der inhaltlich-dramaturgische, zwischen Gefühl, Poesie, Komik angesiedelte Mix mit einer geschlossenen, überzeugenden Ensembleleistung paart, die von einer Welle einer alles in allem gelungenen Partitur getragen und mitgerissen wird. Beste Unterhaltung!
Quelle: Jürgen Heimann

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  • Späte Reue:  „Scrooge“ (Kristian Vetter) war die Gier nach Geld  und immer wichtiger als die Liebe. Am Grab von „Belle“ wird dem Geizhals schmerzlich bewusst, mit welchem Verlust er die Jagd nach dem schnöden Mammon bezahlt hat. Als Engel (Judith Hildebrandt) mischt sich die einst abgewiesene Frau seines Herzens in sein verkorkstes Leben ein – und bringt den hartherzigen Kotzbrocken  auf den richtigen Weg zurück.
    Späte Reue: „Scrooge“ (Kristian Vetter) war die Gier nach Geld und immer wichtiger als die Liebe. Am Grab von „Belle“ wird dem Geizhals schmerzlich bewusst, mit welchem Verlust er die Jagd nach dem schnöden Mammon bezahlt hat. Als Engel (Judith Hildebrandt) mischt sich die einst abgewiesene Frau seines Herzens in sein verkorkstes Leben ein – und bringt den hartherzigen Kotzbrocken auf den richtigen Weg zurück.
    © Studio Sieben
  • Weihnachtsfest bei Familie Cratchit: Geist Marley (vorne rechts), früherer Freund und Geschäftspartner von „Scrooge“ , ist für normale Menschen ebenso unsichtbar wie die Verwandlungsgeister (im Hintergrund). Er redet seinem Ex-Partner ins Gewissen und öffnet ihm die Augen dafür, dass menschliche Wärme, Zuneigung und Freude mehr zählen als Reichtum und Geldscheffeln. Das wird dem gierigen Unsympathen beim Besuch im Hause seines Angestellten endgültig klar.
    Weihnachtsfest bei Familie Cratchit: Geist Marley (vorne rechts), früherer Freund und Geschäftspartner von „Scrooge“ , ist für normale Menschen ebenso unsichtbar wie die Verwandlungsgeister (im Hintergrund). Er redet seinem Ex-Partner ins Gewissen und öffnet ihm die Augen dafür, dass menschliche Wärme, Zuneigung und Freude mehr zählen als Reichtum und Geldscheffeln. Das wird dem gierigen Unsympathen beim Besuch im Hause seines Angestellten endgültig klar.
    © Studio Sieben
  • Ein tolles Gespann:  Von der Interaktion zwischen Peter Trautwein als „Marley“ (links) und Kristian Vetter („Scrooge“) bezieht die Inszenierung  „Vom Geist der Weihnacht“ ihre Spannung und intensive Dichte. Die beiden Künstler geben ein, wenn auch gegenläufiges, überzeugendes Team ab.
    Ein tolles Gespann: Von der Interaktion zwischen Peter Trautwein als „Marley“ (links) und Kristian Vetter („Scrooge“) bezieht die Inszenierung „Vom Geist der Weihnacht“ ihre Spannung und intensive Dichte. Die beiden Künstler geben ein, wenn auch gegenläufiges, überzeugendes Team ab.
    © Studio Sieben

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