Packende Tanzszenen, treibende Disco-Hits aber eine Story so dünn wie bayerisches Bier

Dass sich das Fosse’sche Nachfolgestück am Hamburger Schießbudenplatz als der große Abräumer entpuppen würde, hatte nun wirklich niemand ernstlich erwartet. Da konnten die PR-Herolde im dunklen Wald noch so laut pfeifen. ”OH! What a Night”, die neue Show im Premierentheater Operettenhaus auf der Reeperbahn, ist so wenig überzeugend wie die Türsteher und Anmacher in der rotlichternen Nachbarschaft.

Seit Freitag vergangener Woche steht das Fun-Spektakel daselbst auf dem Spielplan – allerdings nur bis Ende April. Und daraus wird schon ersichtlich, dass diese Produktion von Anfang an eher als Verlegenheitslösung konzipiert war. Es gilt, die Zeit bis zum Sommer zu überbrücken, was schwer genug werden dürfte. Ab dann wollen die beiden Unterhaltungsgiganten Stella Entertainment und die Stage-Holding den Musentempel, in dem fünfzehn Jahre lang die CATSen schnurrten, gemeinsam betreiben.

Eine einmalige, örtlich beschränkte, aber zugleich vielversprechende Allianz, die, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dem Theater unweit der Davids-Wache wieder glorreichere Tage bescheren wird. Mit welchem Musical-Bonbon die beiden Partner das Publikum dann locken werden, wird noch als geheime Kommandosache gehandelt. Da darf man echt gespannt sein. Durchschnittskost wie momentan ist wohl kaum zu erwarten.

Stella-Chef Klaus von der Heyde berief sich in seiner Premierenansprache fast beschwörend auf eine Marktstudie, die einen beträchtlichen Bedarf an einem solchen infernalischen Disco-Spaß mit den Hits der Siebziger zutage gefördert habe. Mag sein, dass dem so ist. Nur: Mit ”Saturday Night Fever” in Köln beispielsweise werden die Fans in dieser Richtung wesentlich besser bedient.

Schwächen und Hänger

”OH! What a Night” hat Schwächen und deutliche Hänger. Da kann sich der kleine Mann mit dem Panamahut noch so sehr abstrampeln. Kid Creole himself, jene Pop-Legende, die in den 80-er Jahren mit seinen ”Coconuts” weltweit Erfolge feierte, ist einer der wenigen Joker des Projektes. Bei dem quirligen, charismatischen Energiebündel mit dem Mafioso-Outfit laufen die Fäden zusammen. Der Künstler, der inzwischen auch schon 51 Lenze auf dem Buckel hat, trägt die Show, kann aber letztlich nicht alle Defizite abfedern.

”OH! What a Night” ist kein Musical im Sinne dieses Wortes, sondern eher eine Nummernrevue ohne stringente Handlung. Nichts weiter als eine Aneinanderreihung von, zugegeben, packenden Disco-Hits. Der Versuch, selbige in eine glaubwürdige Storyline zu verpacken, muss Autor Christopher Barr jede Menge schlafloser, verzweifelter Nächte bereitet haben. Er hätte sie sinnvoller verbringen können. Dabei heraus kam schließlich eine simple, tröge Geschichte, deren Wendungen zu jeder Zeit vorhersehbar sind.

Tatort: Die New Yorker Disco ”Inferno”. Dort verliebt sich der Engländer Riki (Stuart Ramsay) in Nikki (Rebecca Reaney), die Tochter des trunksüchtigen Besitzers Paul Burns (Philip Childs), der den Schuppen heruntergewirtschaftet hat. Nikki ist aber mit Bösewicht Jack (Hugo Harold-Harrison) verlobt, der seine Chance gekommen sieht, sich den Laden anzueignen. Das aber weiß DJ Brutus T. Firefly (Kid Creole) zu verhindern, der seinen süffelnden Chef nebenbei auch noch aufs Trockendock bringt. Ein großes Hollywood-Studio entscheidet sich schließlich nach einer furiosen Tanz-Audition dafür, im ”Inferno” einen Dis-

co-Film zu drehen, was die finanzielle Rettung des Etablissements bedeutet.

Wenig aufregend also. Die banalen und stellenweise viel zu langen Dialoge sind durchweg in Englisch, wodurch sie sich nicht jedem im Parkett und auf den Rängen erschließen. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so. Eine Stimme aus dem Off (Manfred Sexauer) erklärt zwischendurch, worum es bei dem hektischen, aufgeregten Treiben der Akteure eigentlich geht. Das Schauspiel zählt nicht unbedingt zu deren Stärken. In dieser Hinsicht könnte jeder halbwegs talentierte, autodidaktische Heimatbühnen-Mime mühelos mithalten. Nicht jedoch bei der Choreografie. Die ist erste Sahne und trägt die Handschrift von Regisseur Kim Gavin, der ja bereits für Robbie Williams und Take-That die Puppen hopsen ließ.

Choreografie-Feuerwerk

Hier liegt die eindeutige Stärke der Inszenierung, das sind die Pfründe, mit denen sie ausgiebig wuchert. Da dreht das kunterbunte in Plüschjacken, Hotpants und Schlaghosen gewandete Ensemble auf und bringt schweißtreibende Höchstleistungen. Die Plateausohlen glühen, die schrillen Perücken wippen. Faszinierend, welches Feuerwerk da auf der Bühne entzündet wird. Schmidtchen Schleicher, der mit den ”elaschtischen Beinen”, würde hier keinen Stich machen. Das Publikum geht begeistert mit. Der ersehnte Funke springt doch noch über. Der von Stella eingeschleusten Claqueure hätte es gar nicht bedurft.

Viel gute Laune

Spätestens bei ”Y.M.C.A.” am Ende der ersten Halbzeit hält es niemand mehr auf dem Sitz. Jetzt gewinnt die Party an Fahrt. Und von diesen Ohrwurm-Kalibern gibt es bei ”Oh! What a Night” mehr als reichlich: ”Carwash”, Celebration”, ”We are Family” und wie sie alle hießen und heißen. Da wird der Papa noch mal jung und munter, und seine angegraute bessere Hälfte erinnert sich mit Wehmut an die heißen, schon viele Jahre zurückliegenden unnd verrenkungsträchtigen Nächte im Schüttelschuppen der Kreisstadt. Authentisch und mit viel Drive umgesetzt wird die Musik von einer fünfköpfigen Band unter der Leitung von Chris Taylor, die optisch aber erst ganz zum Schluss in Erscheinung tritt.

Wenn es überhaupt eine Botschaft gibt, dann die: ”Have a good Time”. Nicht mehr und nicht weniger bietet die Show. Wer hier von Anfang an keinen Anspruch sucht, wird ihn letztlich auch nicht vermissen und somit auch nicht enttäuscht. Die gute Laune steht im Vordergrund. Spaß haben, ab- und mittanzen. ”Mir freue sich!” Und das ist doch auch schon etwas. Darüber gerät das große Manko der Produktion, nämlich deren inhaltliche Flachheit, schon mal in den Hintergrund. Die Geschichte sei so dünn wie bayerisches Bier, hat ein Kritiker formuliert. Wer mehr Stammwürze mag, ist eineinhalb Kilometer Luftlinie entfernt besser aufgehoben. In der ”Neuen Flora” wird, um beim allegorischen Biervergleich zu bleiben, dahingehend Doppelbock ausgeschenkt. Prost!

Karten zum Preis zwischen 29 und 99 Euro unter der Ticket-Hotline (0180) 54444.
Quelle: Jürgen Heimann

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  • © Stella Entertainment
  • Die „Mozart!“-Fraktion war bei der Premiere zahlenmäßig stark vertreten und feierte ausgelassen mit. V.l.n.r. Jessisca Kessler, Stefan Reil, „Fürstbischof“ Felix Martin, Maricel und Ethan Freeman
    Die „Mozart!“-Fraktion war bei der Premiere zahlenmäßig stark vertreten und feierte ausgelassen mit. V.l.n.r. Jessisca Kessler, Stefan Reil, „Fürstbischof“ Felix Martin, Maricel und Ethan Freeman
    © Jürgen Heimann
  • Die Show verbreitet jede Menge gute Laune, hat aber Schwächen und Hänger. Anspruch sollte man hier nicht suchen. Die Story ist dünn, die Dialoge langatmig und durchgehend in Englisch. Dafür zählen die fesselnden Tanzszenen unumstritten zu den Highlights dieser Nummernrevue.
    Die Show verbreitet jede Menge gute Laune, hat aber Schwächen und Hänger. Anspruch sollte man hier nicht suchen. Die Story ist dünn, die Dialoge langatmig und durchgehend in Englisch. Dafür zählen die fesselnden Tanzszenen unumstritten zu den Highlights dieser Nummernrevue.
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  • Rebecca Reaney als „Nikki“ und ihr Verlobter, der Bösewicht Jack (Hugo Harold-Harrison) beim Balztanz. Die Laufzeit des Stücks ist bis Ende April befristet.
    Rebecca Reaney als „Nikki“ und ihr Verlobter, der Bösewicht Jack (Hugo Harold-Harrison) beim Balztanz. Die Laufzeit des Stücks ist bis Ende April befristet.
    © Stella Entertainment
  • DJ Brutis T. Firefly in Aktion: Der charmante, quirlige Künstler mit der  glorreichen „Kokosnuss“-Vergangenheit  trägt die Inszenierung, rettet selbige und nebenbei auch das „Inferno“.
    DJ Brutis T. Firefly in Aktion: Der charmante, quirlige Künstler mit der glorreichen „Kokosnuss“-Vergangenheit trägt die Inszenierung, rettet selbige und nebenbei auch das „Inferno“.
    © Stella Entertainment
  • Szene aus dem neuen Disco-Musical auf der Hamburger Reeperbahn: Als Joker erweist sich „Alt“-Star Kid Creole  (Mitte).
    Szene aus dem neuen Disco-Musical auf der Hamburger Reeperbahn: Als Joker erweist sich „Alt“-Star Kid Creole (Mitte).
    © Stella Entertainment
  • Nie ohne (Panama-)Hut: DJ Brutus T. Firefly alias Kid Creole (links) und seine Kollegen präsentierten nach der Erstlingsshow die obligatorische Premierentorte.
    Nie ohne (Panama-)Hut: DJ Brutus T. Firefly alias Kid Creole (links) und seine Kollegen präsentierten nach der Erstlingsshow die obligatorische Premierentorte.
    © Jürgen Heimann

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