Als Norma Desmond würde Helen Schneider jederzeit noch einmal über den “Sunset Boulevard” flanieren

Die Künstlerin ist wieder mit ihrem Soloprogramm „A voice and a piano“ auf Deutschland-Tournee

Ihre Gastspielreise führt die in Südfrankreich lebende US-Amerikanerin in den nächsten Wochen u.a. Ingolstadt (19.10.), Linz (20.10.), Nürnberg (21.10.) und München (15. November). Die Künstlerin, die schon als 17-Jährige mit ihrer eigenen Bluesband durch die Staaten getingelt war, erinnert in dieser fessenden One-Woman-Show ihren musikalischen Ursprünge und lässt ihre Entwicklung bis heute Revue passieren. Auf ein großes Orchester wird dabei ganz bewusst verzichtet. Ihr langjähriger guter Freund Bruce W. Coyle genügt als einfühlsamer Begleiter am Flügel vollauf. Dabei spannt sich der Bogen von Stephen Sondheim über den ”Hoochie Coochie Man” von Willie Dixon bis hin zu Goethes ”Röselein”. Und selbstverständlich kommen auch die Musical-Freunde voll auf ihre Kosten.

Unser Mitarbeiter Florian Seibel hat sich vor der Tournee mit dem Weltstar unterhalten. Er bekam es mit einer Frau zu tun, die ebenso faszinierend ist wie die Charaktere, die sie darstellt. Hier seine Eindrücke:

Ein Nest im Süden Frankreichs

Helen Schneider ist bestens aufgelegt und trotzt den 40 Grad Celsius im Schatten. ”Ich sollte mich nicht beschweren, es gibt wohl Schlimmeres als eine Hitzewelle hier im Süden. Als wir Evita in Bad Hersfeld spielten, habe ich mir immer solches Wetter gewünscht. Deswegen bin ich ja hierher gezogen.” Ja, eine Stimme, die aus einer anderen Welt kommen könnte. Wie ein Gespräch mit Evita Peron, Frida Kahlo oder Norma Desmond, mit jenen sagenumwobenen Frauen, die Helen Schneider so treffend portraitiert und so faszinierend dargestellt hat. Sie spricht perfektes Deutsch, aber auf Nachfrage wechseln wir in ihre Muttersprache Englisch. ”Du weißt, daß es mir immer etwas einfacher fällt, Englisch zu reden” sagt sie und stellt ihre Sprachkenntnisse ein wenig unter den Scheffel.

Auch in Folge fällt es schwer, die Person Helen Schneider von ihren Rollen zu trennen. Wer sie schon einmal auf der Bühne erlebt hat, wird wissen, wie sehr die Schneider in ihren Rollen zu leben scheint. Große Kunstfertigkeit verschwindet hinter dem Realismus und der Wahrhaftigkeit jedes einzelnen Augenblicks. Und das macht die Separation für den Zuschauer schwer. Die Kunst beim Theater ist die Kunst vergessen zu machen, so oder ähnlich geht das Sprichwort. ”Dabei gibt es keinen Abend, an dem ich nicht große Angst habe, nicht das liefern zu können, was ich dem Publikum schulde. Keeps you on your toes.”

Zwischen Rock’n’Roll Gypsy und dem Knaben mit dem Röslein

Unwillkürlich wird man an ihre Stimme erinnert, die vom harten Rock bis zur fragilsten Musicalballade alles mitmacht. Wie sie das macht? ”Ich habe kein spezielles Training, mein Leben ist einfach auf das Singen ausgerichtet. Das ist zu etwas ganz Natürlichem geworden, wie Atmen. Wenn ich etwas Klassischeres singe, dann gewinnt das Einsingen natürlich an Wichtigkeit.” Helen Schneiders Weg vom Rock zum Musiktheater ist ein einzigartiger. In ”A Voice and a Piano”, ihrem großen Soloprogramm, zeichnet sie ihn anhand einiger sehr konträrer Musiknummern nach. Da ist alles vertreten von ”Rock´n´Roll Gypsy” bis hin zu ”Sah ein Knab ein Röslein stehn.”

Eine Schauspielerin, die singt

Allem gemein, über Schneiders Leben hinaus, ist die Hingabe, mit der sie die Personen hinter den Liedern formt. ”Ich habe mich immer mehr als Schauspielerin, die auch singt, gesehen. So bin ich auch zum Musiktheater gekommen. Ich habe erst gar nicht darüber nachgedacht. Ich habe bloß nach etwas Neuem neben dem Rock gesucht, einer neuen Herausforderung. Die Rock-Musik war für mich an einem toten Punkt angelangt. Ich wollte Schauspielunterricht nehmen, spielen lernen. Was ich dann auch gemacht habe, in New York. Die logische Folge aus Singen und Spielen, das Musiktheater, war eine Mischung von Möglichkeit, Interesse und Zufall – wie so vieles im Leben.”

Zufall, dass sie durch einen Film (”Eddie and the Cruisers”) Tom Berenger, Ellen Barkin and Michael Pare kennenlernte, ”gute Freunde, die meine Verbindung zum Musical herstellten”. Zufall, Interesse oder Möglichkeit, dass sie zur Zeit in Frankreich lebt? ”Hier zu leben ist ein Traum. Ich kann mit meinen Programmen ein bis zwei Wochen in den deutschsprachigen Ländern auf Tour gehen, dann zurück nach Frankreich für die selbe Zeit. Das Klima und die Landschaft haben den Ausschlag gegeben. Genau das, was man als Ausgleich für den Stress einer Tour braucht.”

Sie lebt in der Nähe von Arles. Zuvor verbrachte sie einen Teil des Jahres in den Vereingten Staaten, den anderen in Wiesbaden oder Bad Hersfeld. ”Es schien einfach unlogisch, weiterhin in den Staaten zu leben, während der Großteil meiner Arbeit in Deutschland und Europa stattfand. Außerdem vermisste ich die europäische Kultur. Wer weiß, vielleicht zieh’ ich auch irgendwann nach Deutschland.”

Eine tolle Zeit mit Yngve

Wer über Helen Schneiders Karriere in Deutschland spricht, kommt an ”Sunset Boulevard” nicht vorbei. Viele halten ihre Darstellung der ”Norma Desmond” im Rhein-Main Theater Niedernhausen für die definitive. ”Sunset Boulevard war eine fantastische Zeit. Trotz all des Stresses – wenn man mir die Norma wieder anbieten würde, würde ich die Rolle wieder annehmen. Norma Desmond war eine stetige Entwicklung. Manchmal habe ich mich gefragt, was das Premierenpublikum so toll an mir fand. Mit jeder Vorstellung ist die Rolle gewachsen. Gerade im letzten Jahr haben Yngve (Gasoy-Romdal) und ich unsere Charaktere jeden Abend neu entdeckt. Im Rahmen der Inszenierung natürlich. Aber die läßt immer noch viel Spielraum.” Ob sie einen weiteren Long-run vom Ausmaß eines Sunset Boulevard machen würde ? ”Kommt auf die Rolle an, wenn es eine ergiebige ist, natürlich.”

Spaß muss sein

Daß es nicht immer das dramatische Fach sein muß, beweist ”Anything Goes”, jene slapstickhafte Screwball-Comedy, in der die Schneider unter Helmut Baumanns Regie in Berlin die Hauptrolle spielte – Reno Sweeney, eine ”Predigerin” , deren wichtigste Mittel zur Sündenbekehrung das Entfernen ihrer Kleidung und das Schwingen ihrer Hüften sind. ”Die Presse hat immer gefragt: was bedeutet das? Meine Güte, es ist Comedy, Spaß. Satirischer Spaß, ja, aber Spaß.”

Singen statt von Brücken springen

Helen Schneider hat in der letzten Zeit gerade durch ihre Soloprogramme Ausehen erregt. ”A Voice and a Piano” zeichnet ihren Lebensweg nach. Vom Ausreißerkind, dem Punk im New York der 70-er, über die Bluessängerin und Rockröhre zur Charakterdarstellerin. Es fallen Sätze wie ”Andere Leute springen von Brücken, ich singe.” Oder ”Ich habe nie eine Uni gebraucht, um zu wissen, was im Leben wichtig ist. Wenn die Leute klatschen, hab ich es richtig gemacht. Wenn nicht, dann haben sie es nicht verstanden.” Währenddessen räumt sie die bereitgestellte Orchesterbestuhlung weg. ”Ich brauche kein Orchester.” Und verzaubert allein mit ihrer schier grenzenlosen Stimme – begleitet nur von einem Klavier.

Auch schwierige Stücke sollten eine Chance bekommen

Daneben gibt es ”A Walk on the Weill Side”, eine abendfüllende Ansammlung der interessantesten Stücke des großen Komponisten. So sind es denn auch zuerst die Soloprogramme, die sie erwähnt, wenn man sie auf ihr Pläne anspricht. Auch im nächsten Jahr wird Helen Schneider mehrere Kurztourneen unternehmen. Und die längerfristigen Pläne? ”Es gibt eine ganze Menge Ideen, die ich habe. Ich würde auch Frida (The Story of Frida Kahlo) gerne noch einmal erkunden, genauso wie ”Ghetto”. Und Sondheim. Ich hoffe, dass diese interessanten, aber schwierigen Stücke in Deutschland eine Chance bekommen. Dass das Publikum sich darauf einläßt. Das wünsche ich mir.”

FLORIAN SEIBEL
Quelle: Florian Seibel

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  • „Die Schneider“ ist wieder unterwegs. Mit ihrem Soloprogramm „A voice and a piano“ gastiert der Weltstar in zahlreichen deutschen Stätten. Aber dem Musical hat die in Südfrankreich lebende US-Amerikanerin keineswegs abgeschworen. „Sunset Boulevard“ würde sie sofort noch einmal machen  - oder auch etwas von Sondheim.
    „Die Schneider“ ist wieder unterwegs. Mit ihrem Soloprogramm „A voice and a piano“ gastiert der Weltstar in zahlreichen deutschen Stätten. Aber dem Musical hat die in Südfrankreich lebende US-Amerikanerin keineswegs abgeschworen. „Sunset Boulevard“ würde sie sofort noch einmal machen - oder auch etwas von Sondheim.
    © Jürgen Heimann

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