“Lewwe geht weiter”: Auch ohne durchgängigen Handlungsfaden gute Unterhaltung

“And the world goes round”: Deutsche Erstaufführung der Kander & Ebb-Revue in Bielefeld

Von den internen Querelen im Vorfeld war nichts zu spüren, als sich der Premierenevorhang hob. Unterschiedliche Auffassungen über das Bühnenbild hatten zum Zerwürfnis zwischen Intendantin Regula Gerber und Regisseur Nico Rabenald geführt und zwar mit der Folge, dass letzterer zum Schluss die Proben nicht mehr leiten durfte.

Wir alle werden in der heutigen Zeit mit Katastrophenmeldungen geradezu bombardiert; auf der großen Weltbühne, aber auch im privaten Bereich gibt es, wenn es mal ganz dicke kommt, Rück-, Tief- und Niederschläge am laufenden Band. Und trotzdem: Die Welt dreht sich, was auch passiert, weiter. Insofern ist trotz aller Widrigkeiten, häuslicher wie öffentlicher Super- und Normal-GAU’s Optimismus angebracht, denn: Es kann zwar noch schlimmer kommen, andererseits aber auch (nur noch) besser werden. Simmel hat es so ausgedrückt: “Hurra, wir leben (doch) noch!

Das ist die eigentliche Botschaft/Aussage des Stücks, das freilich auf eine verbindende, durchgehende Storyline verzichtet. Vielmehr handelt es sich um eine, wenn auch keineswegs willkürliche Aneinanderreihung von Songs aus den Werken des erfolgreichen US-amerikanischen Komponisten- und Textergespanns, das der sich weiter drehenden Welt immerhin so bedeutende Musicals wie “Chicago”, “Der Kuss der Spinnenfrau”, “Zorbá” oder eben “Cabaret” geschenkt haben. Die sind in sich allerdings allesamt mehr oder wenige düster gezeichnet, die Schattenseiten überwiegen.

“And the world goes round” führt dem Zuschauer und -hörer auch vor Augen, wie sich viel Menschen angesichts von Vernichtung, Gewalt und persönlichen Niederlagen desillusioniert in Amüsierwut flüchten und immer bereitwilliger in ein schnelllebiges Vergnügen stürzen.

Dabei verstellt der Blick zurück – auch auf die vermeintlich “goldenen Zeiten” des Broadway – keineswegs eben diesen Blick für das Wesentliche und die brutale Realität der Moderne. Er ist kritisch, zweifelnd und mitunter auch etwas wehmütig.

Um diese Grundstimmung auch im Bühnenbild zum Ausdruck zu bringen, wurde in der Inszenierung des Bielefelder Stadttheaters bewusst auf eine aufwändige Kulisse verzichtet. Dem Publikum wird der Eindruck eines zerstörten, ausgebombten Theaters vermittelt. Im Hintergrund eine Ruine, von der aus eine stark in Mitleidenschaft gezogene Treppe bis hin zur Bühne führt.

Vor diesem Hintergrund agieren die fünf gesanglich bestens disponierten Künstler (Katharine Mehrling, Bettina Meske, Kristin Hölck, Arthur Büscher und Paul Erkamp) ausdrucksstark und mit viel Gespür für die feinen Zwischentöne und Nuancen. Mehrling kennen die Bielefelder noch aus “Evita”- und “Piaf”-Zeiten, Bettina Meske stand bereits bei “Hair” auf der Bühne des Hauses. Kristin Hölck, vormals alternierende Kaiserin bei “Elisabeth” in Essen, sowie die beiden Herrn der Schöpfung geben mit dieser Inszenierung ihren Einstand in der Westfalen-Stadt.

Vor allem ist es die ausgefeilte, temperamentvolle Choreografie die, in bestechenden Exaktheit umgesetzt, nachhaltig Eindruck macht. Aber erst in den Solopassagen offenbart sich so richtig, welche vokale Power in jedem der Darsteller steckt. Die können sie ausleben, weil es ohnehin keine durchgängigen Charaktere zu zeichnen und somit auch keine Rücksicht auf eben diese zu nehmen gibt. Doch sind alle Songs im Originaltext belassen, wodurch der des Englischen nicht so mächtige Zuhörer oft an seine Verständnis-Grenzen stößt. Eigentlich schade. Was fehlt, ist die verbindende, durchgängige Geschichte. Dennoch hat die Inszenierung einen hohen Unterhaltungswert.

Weitere Aufführungen sind am 18., 24. und 31. Oktober. Tickets gibt es unter (0521) 51 54 54 sowie der NW-Kartenhotline (0521) 555444.

CHRISTINE KRENTSCHER
Quelle: Christine Krentscher

[yasr_visitor_votes size=”small”]

  • Mit viel vokaler Power setzten die fünf Künstler die Kander & Ebb-Songs im Bielefelder Stadttheater um. Die Inszenierung hat trotz einer fehlenden durchgängigen Handlung hohen Unterhaltungswert.
    Mit viel vokaler Power setzten die fünf Künstler die Kander & Ebb-Songs im Bielefelder Stadttheater um. Die Inszenierung hat trotz einer fehlenden durchgängigen Handlung hohen Unterhaltungswert.
    © Detlef Krentscher

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!