Mit Bernsteins selten inszenierten “On the town” bietet das Staatstheater solide und unterhaltsame Musical-Kost

In Kassel überragt die Skyline von New York den Herkules auf der Wilhelmshöhe

Weil das so ist, gehört es mittlerweile zum guten, weil sich auch in Cent und Euro auszahlenden Ton, pro Saison mindestens ein Stück aus dem Genre des allgemein-populären Musiktheaters auf den Spielplan zu setzen. Das Ergebnis ist zwar nicht immer und überall überzeugend, doch das Publikum kommt in der Regel in den Genuss eines kurzweiligen und, im Vergleich zu den großen privaten Anbietern, vor allem auch preisgünstigen Vergnügens.

Nichts von der Stange

Das Staatstheater in Kassel gehört auch (längst) zu den Einrichtungen, in denen Musical-Freunde gut bedient werden. Wobei es aber keineswegs “Fast Food” ist, das den Besuchern dort serviert wird. Unter der Ägide des scheidenden Intendanten Christoph Nix haben sich die Nordhessen diesbezüglich schnell einen hervorragenden Ruf erkämpft – und den gilt es zu wahren. Bei der Auswahl (und Umsetzung) der Stücke gelten andere Kriterien als die Erfolgserprobtheit andernorts schon x-mal abgenudelter Massenware von der Stange. Etwas mehr Anspruch (und Ehrgeiz) darf es schon sein.

Die drei Matrosen haben noch siebenmal Landgang

Mit Cy Colemans “The Life” unter der Regie von Matthias Davids hatten die Kasselaner in der Saison 2000/2001 eine europäische Erstaufführung hingelegt. Zwischendurch zapften “Die Drei von der Tankstelle” ein paar Gallonen bleifreien Sprit, ehe dann Springer, Türme und Könige fielen: “Chess”. Das ebenfalls von Davids inszenierte Abba-Schachmusical sorgte als deutsche Erstaufführung für volle Säle. Und derzeit überragt die Skyline von New York den Herkules auf der Wilhelmshöhe. Leonard Bernsteins selten gespielter Klassiker “On the town”, der im Mai dieses Jahres Premiere feierte, wurde nach der Sommerpause Ende September wieder aufgenommen. Bis zum 25. Januar 2004 stehen noch sieben Vorstellungen auf dem Programm. Regie führt mit Hartmut H. Forche wiederum ein ausgewiesene Musical-Koryphäe. Der Mann zeichnet “nebenbei” auch für die Gesamtchoreografie verantwortlich, der angesichts der zahlreichen Tanzsequenzen, unter denen das obligatorische “Traumballett zu den Highlights zählt, wesentliche Bedeutung zukommt.

Und ab Januar dann die “West Side Story”

Und die Verbeugung vom “ollen Bernie” geht anschließend fast nahtlos weiter. Im Januar 2004 hebt sich im Kasseler Opernhaus erstmals der Vorhang für Bernsteins wohl bekanntestes und genialstes Werk, die “West Side Story”. Während dabei nahezu alle Rollen extern besetzt, also von (namhaften) Gastkünstlern bekleidet werden, baute man bei “On the town”, von dem es deutschlandsweit zuvor erst zwei Inszenierungen gegeben hat, überwiegend auf eigene Kräfte. Zu den prominenten Ausnahmen zählt u.a. Stepp-Star Gaines Hall, der bereits bei “Chess” als Schach-Großmeister “Frederick Trumper” mit von der Partie war und demnächst auch bei Cole Porters “Anything goes” in Gelsenkirchen auf der Bühne steht.

Aufwändige Inszenierung

70 Mitwirkende verhelfen dieser aufwändigen Produktion nicht nur zur (personellen) Masse, sondern auch zur (künstlerischen) Klasse. Die Kulissen sind opulent. So läßt Rolf Häuser zum Beispiel mittels Hebebühne eine komplette U-Bahn-Station auftauchen oder zeigt die Carnegie-Hall als endlosen Türen-Tunnel. Das New York der 40-er Jahre wird lebendig. Für die mehr als 340 schillernden Kostüme, die die ganze Bandbreite der New Yorker Bevölkerung vom Bettler bis zum High-Society-Stenz abdecken, war bzw. ist Eva-Maria Weber zuständig. Fazit: Solide Musicalunterhaltung!

Eine Liebeserklärung an New York

Die rasante Eröffnungsnummer “New York, New York”, die spätestens seit dem Film mit Gene Kelly und Frankie-Boy Sinatra (deutscher Titel: “Heute geh’n wir bummeln”) als Hymne der Stadt schlechthin gilt, ist zugleich der bekannteste Song des Stücks. In Bernsteins erster Broadway-Partitur dominieren die vielen, vitalen, jazzigen und ausgelassenen Revuenummern. Sie werden packend und mit viel Drive vom Orchester unter der Leitung von Arne Willimczik umgesetzt.

Das 1944 uraufgeführte Stück ist eine Liebeserklärung an die millionenschwere Vielvölkerstadt an der Mündung des Hudson River und spiegelt auch den Optimismus wider, der sich angesichts des bevorstehenden Ende des Zweiten Weltkriegs (nicht nur) in N.Y. bemerkbar machte. Die Story (Betty Comden und Adolph Green) handelt von den Erlebnissen dreier Matrosen (Gabey, Chip und Ozzie) während eines 24-stündigen Landganges und führt sie nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, sondern lässt sie auch, mit durchwachsenem Erfolg, ihren Traumfrauen begegnen.

Weitere Aufführungen sind am 19. und 26. Oktober, am 27. November sowie am 7. und 26. Dezember. Im neuen Jahr gibt es dann noch am 4., 17. und 25. Januar drei Shows. Tickets sind unter (0561) 1094 222 buchbar. Weitere Informationen auch im Internet unter www.staatstheater-kassel.de.
Quelle: Jürgen Heimann

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  • 24 Stunden Zeit haben die Matrosen Gabey (Sebastian Bollacher), Ozzie (Gaines Hall) und Chip (Richard Roberts) um New York zu entdecken (v.l.n.r.) . Auf einem Plakat entdeckt Gabey ein Bild von
    24 Stunden Zeit haben die Matrosen Gabey (Sebastian Bollacher), Ozzie (Gaines Hall) und Chip (Richard Roberts) um New York zu entdecken (v.l.n.r.) . Auf einem Plakat entdeckt Gabey ein Bild von "Miss U-Bahn" und verliebt sich sofort in sie. Ganz rechts Michael Boley.
    © Thomas Huther
  • Eine umwerfend erotische und zugleich herrlich komische Szene im Naturkundemuseum. Dort bringt Draufgänger Ozzie (Gaines Hall) alle Saiten in der eigentlich doch recht unterkühlten Anthropologiestudentin Claire (Alexandra Kloose) zum Klingen.
    Eine umwerfend erotische und zugleich herrlich komische Szene im Naturkundemuseum. Dort bringt Draufgänger Ozzie (Gaines Hall) alle Saiten in der eigentlich doch recht unterkühlten Anthropologiestudentin Claire (Alexandra Kloose) zum Klingen.
    © Thomas Huther

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