Von Phantomen der Nacht, „Bühnentürsteherln“ und anderen Fans

Zwischen „Heldenverehrung“ und Musicalbegeisterung /Dokumentation auf 3Sat

Dass sich Besucher im sich neuerdings ”Apollo-Theater” nennenden schwäbischen Vampirschloss wie ihre düsteren Stars kleideten, gehörte daselbst fast schon zum guten Ton – und erregte eigentlich schon kaum mehr Aufsehen. Schwarze Umhänge und Roben, Perücken, kreidebleich geschminkte Gesichter und Vampirgebisse waren für viele (vornehmlich jüngere) Gäste obligatorisch. Und bei den Fanclubtreffen, die standesgemäß am schaurig-schönen Ort des Geschehens, im Theater daselbst, stattfanden, ging es zu wie auf einer Geisterbahn.

Keine Musical-Webseite – in diesem Falle ist sie privat betrieben und wird nicht von der Produktionsfirma gesteuert und als PR-Plattform genutzt – verzeichnet tagtäglich eine so hohe Zahl von Zugriffen. Im dortigen Forum wird heftiger diskutiert als im Deutschen Bundestag bzw. dem quasselfreudigsten Kommunalparlament. Gut, es sind nicht immer Themen von existenzieller Bedeutung oder solche, die den Lauf der Welt beeinflussen. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer, inoffizieller Internetauftritte, ebenso wie Zusammenschlüsse von Gruppen jenseits des anerkannten und somit quasi ”amtlichen” Fanclubs.

Am Sonntag Dokumentation auf 3Sat

Ein Fernsehteam von 3sat hat die ”Geschöpfe der Dunkelheit” über mehrere Wochen bei ihrem Treiben beobachtet und daraus einen Dokumentarfilm gestrickt. Titel: ”Phantome der Nacht”. Der Streifen wird am kommenden Sonntag (12. Oktober) um 22. 30 Uhr in Erstausstrahlung gesendet. Mit ”viel Sympathie”, so die Eigenwerbung des Kanals, hätte Autorin Ilka Schulz die Protagonisten porträtiert und dabei ”eine ungewöhnliche Form von Starkult und Fansein” entdeckt und beleuchtet. Zur Wort kommen sollen aber auch die Darsteller, und zwar dahingehend, wie sie diesem mitunter verschrobenen und exzentrischen Gebaren ihres Publikums begegnen und damit umgehen.

Was steckt hinter dem Kult?

Interessanten und keineswegs nur populär-televisionären Stoff für eingehendere, ja sogar wissenschaftliche Studien jenseits der Forschungen des ollen Ambronsius aus Königsberg würde dieses Phänomen sicher zur Genüge bieten – auch für Verhaltenskundler und Psychologen. Was steckt hinter dem Kult und dem Rummel um die der Sage nach zum ewigen Leben Verdammten, die in diesem Stück ihr Unwesen treiben. Worin besteht ihre Anziehungskraft, warum sind Vampire, und vor allem die von Polanskis Gnaden, so ”in”?

An der packenden, intensiven Musik Jim Steinmans und dem meisterlichen Libretto Michael Kunzes allein kann es nicht liegen, wenngleich beide natürlich neben der außergewöhnlichen Art der Inszenierung die wesentlichsten Erfolgs-Ingredienzien sind. ”Tauch mit mir in die Dunkelheit ein” heißt es in einer Liedzeile. Eben diese Dunkelheit ist unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen und wird in dem Bühnenstück mit eben solchen dunklen Sehnsüchten, einer gehörigen Portion Romantik und einem Schuss Erotik verwurstelt.

Wo Schattengewächse aufblühen

Aber es sind, Gottes Tierpark ist bekanntlich groß, natürlich nicht nur Grufties, Gothics, Schwermütige oder andere von eventuellen Todessehnsüchten getriebene Nachtschattengewächse, die sich davon in den Bann ziehen lassen und der Faszination des Unausgesprochenen, Rätselhaften und Diffusen erliegen – obwohl die sich natürlich auch darunter mischen und hier ein heimeliges Refugium gefunden haben. Sie stellen allerdings eine Minderheit dar. Die Mehrzahl der Besucher (darunter ein hoher Prozentsatz an ”Mehrfachtätern”) rekrutiert sich aus ganz normalen, biederen, braven und unauffälligen Bürgersleuten. Und bei den FC-Mitgliedern handelt es sich auch keineswegs nur um Teenies, die mit rosarotgetönter, vom Nebelkondensat der Starverehrung beschlagener Brille durch ihre eigene, pubertäre Mysterienwelt geistern. Da mischen auch ziemlich viele gestandene Erwachsene mit.

Hoher Spaßfaktor

Aber vielleicht ist es ja auch nur eine besonders ausgeprägte und engagierte Spielart der ”Fanolgie”, die sich hyperschlauen Analysen und Erklärungsversuchen entzieht und bei der, neben anderem, der Spaßfaktor im Vordergrund steht. Im Formel 1-Circus laufen die Tempofreaks ja schließlich auch mit roten Käppis und Schumi-T-Shirts durch die Gegend und lassen auf der Heimfahrtt in ihrem betagten und selbstverständlich getunten VW Golfs die Pneus rauchen – um dann am Montag darauf wieder ganz gesittet im Katasteramt neue Blaupausen zu zeichnen oder in der Buchhaltung die Reisekostenabrechnung der Kollegen zu prüfen . . ….

Man kann über solche und andere Musical-Fans, von denen es ja die unterschiedlichsten Ausprägungen gibt, denken, was man will, nur herablassend belächeln und behandeln sollte man sie eher nicht. In diversen Internet-Foren gehört eben das aber quasi zum guten, selbstüberhöhenden Ton. Kostproben gefällig? http://www.network54.com/Forum/197905?it Unter jenem Diskussionspunkt, in dem sich die User ”medienkritisch” über Inhalt und Anspruch des neue Musical-Magazins ”Da Capo” auslassen, gibt es wirklich feinen Anschauungsunterricht. In gerade zu unsäglicher Arroganz wird dort und anderswo über den infantilen Enthusiasmus der als ”Bühnentürsteherl” mit Dreirad-Niveau diffamierten Musical-Anhänger geklagt, von denen man sich ja bitteschön ob eigener geistlicher Reife wohltuend abhebe.

Nur, die so Gescholtenen sind nicht nur bereits die Theaterbesucher von heute, sondern auch die von morgen. Und sie tragen durch und mit ihrer Begeisterungsfähigkeit allemal mehr zu einer quicklebendigen und prosperierenden Musical-Landschaft bei als jene, die vorgeben, die theaterwissenschaftliche Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Für diese abgehobenen Kultur-Theoretiker erscheint ein Inszenierung ja erst dann akzeptabel, wenn darin zumindest in philosophischen Ansätzen erkenntnistheoretische Schlüssel zum Verständnis der transzendentalen Evolutionshypothese über Ursprung und Entwicklung der Anti-Materie unter Berücksichtigung aller relevanter sozialkritischer Aspekte enthalten sind.

Hochnäsige Dummschwätzer

Das sind aber genau die Leute, die, wie ein anderer Beitragsschreiber es treffend formuliert, den Eindruck erwecken wollen, sie hätten in frühen Jahren bei der ersten Ausformung ihrer Lesegewohnheiten nicht mit Astrid Lindgrens ”Die Kinder von Bullerbü” begonnen, sondern, Zitat, ”sich als literarische Eistiegsdroge gleich mit Stefan Zweigs ‘Thersites’ auseinander gesetzt”. Das Schlusswort hat in diesem Fall Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker: ”Dummschwätzer!” Man könnte aber auch sagen ”Klugscheißer”!

JÜRGEN HEIMANN

Quelle: Jürgen Heimann

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