Glitter, Flitter und Glamour: 42nd Street bietet perfekte Unterhaltung

So wunderbar, hin- und mitreißend kann Musical sein

Dass die atmosphärische Dichte des Vorgängerstücks nicht auch nur annähernd erreicht wird, mag ja stimmen. Die Stärken des neuen, broadway-typischen Glamour-Spektakels zeigen sich auf anderen Eben. Es ist von der Konzeption her zunächst einmal auf den Geschmack des amerikanischen Publikums zugeschnitten. Da gibt es viel Glitter, Flitter und Showbizz-Firlefanz. Die Story spielt in den 30-er Jahren vor und hinter den Kulissen eines Theaters auf der New Yorks Scheinwelt-Meile, dem Broadway eben. Und aus dieser Dekade stammt auch die Musik. Der Ort der Handlung und das Sujet sind weit weg von der Erlebenswelt und dem Alltag des deutschen Normalverbrauchers, der sich wohl kaum mit irgendeiner der handelnden Personen identifizieren kann. Und trotzdem funktioniert es.

Die Plieninger Straße erreichte die Stepp-Orgie über den Umweg Holland, wo eine niederländische Fassung von ”42nd Street” in der Saison 200/2001 mit großem Erfolg lief. Aber vor allem in New York hatte das Revival dieses daselbst 1980 uraufgeführten und auf dem gleichnamigen Film von 1933 basierende Stück sensationell eingeschlagen. Die Stage Holding schwelgt in Verbindung mit “42nd Street” in Superlativen. Von ihrer bislang aufwändigsten Produktion und “dem größten Musical Deutschlands” ist nicht gerade unbescheiden die Rede. Offensichtlich wird aber an allen Ecken und Enden, dass das viele Geld, das diese Inszenierung verschlungen hat, wirklich effektiv investiert ist.

Eine neue Variation des ”American Dream”

Es ist ein Backstage-Musical um die Produktion eines Broadwaystücks mit dem Titel “Pretty Lady”. Der Tellerwäscher, der es zum Millionär bringt, begegnet uns hier in Gestalt eines einfachen Mädels vom Lande, das zum gefeierten Bühnenstern avanciert. Der ”amerikanische Traum” lebt. Die naive, aber talentierte Provinzschönheit Peggy Sawyer (Karin Seyfried) aus einem verschlafenen Provinzkaff namens Allentown verletzt bei den Proben aus Unachtsamkeit den alternden Zicken-Star der Show, Dorothy Brock (Isabel Dörfler), wird darauf hin von Produzent Julian Marsh (Kevin Tarte) gefeuert, dann aber auf Anraten des Ensembles wieder eingestellt. Sie rettet durch ihren grandiosen Auftritt die Premiere. A Star ist born! Nebenbei findet Peggy mit Billy Lawlor (Jens Janke) auch noch ihr kleines, privates Glück – natürlich. Und das war’s denn auch schon.

Dünne Geschichte atemberaubend erzählt

Wie man um dieses doch recht spärliche Storygerippe herum einen wirklich mit- und hinreißenden Theaterabend stricken kann, exerzieren die Macher von “42nd Street” vorbildlich. Regie führt in Stuttgart übrigens Eddy Habbema (Elisabeth, Titanic). Die deutsche Übersetzung der Liedtexte besorgte Wolfgang Adenberg, die der Dialoge Ruth Deny. Anfängliche Bedenken, in Europa nicht genügend talentierte Stepptänzer auftreiben zu können, hatten sich schon im Vorfeld der niederländischen Produktion zerstreut. Und hier ist es nicht anders. Den letzten Schliff besorgte dann Randy Skinner, der bereits das Revival am Broadway choreografiert hatte.

Viel Stepp mit Pepp

Die mit einem gehörigen Schuss Comedy angereicherte Show lebt von ihren prachtvollen, opulenten Bildern und vor allem ihren fabelhaften, mitunter schwindelerregenden Tanznummern. Viel Stepp mit Pepp. Die lockere Leichtigkeit täuscht den Außenstehenden über das enorme Maß an Koordinationsfähigkeit, Rhythmusgefühl, Körperbeherrschung und schweißtreibende Disziplin, die dafür erforderlich sind. Es ist beeindruckend, mit welcher Energie und Hingabe das gesamte multinationale Ensemble agiert. Es ist zahlenmäßig das größte, das sich bislang auf einer deutschen Musicalbühne ausgetobt hat.

Abschalten, träumen und einfach genießen

Ein Fest fürs Auge sind bei “42nd Street” nicht nur die prächtigen, einfach schön anzusehenden, in allen Farben des Regenbogens leuchtenden und glitzernden Kostüme (über 800) und das stimmungsvolle Lichtdesign. Auch das fantasievolle, aber nie überladen wirkende Bühnenbild verfehlt seine Wirkung nicht und schindet Eindruck. Vor allem dann, wenn zum Finale hin die riesige, zehn Meter breite Showtreppe eingefahren wird und im Glanze tausender Glühbirnen leuchtet. Die Zeit vergeht wie im Flug, es gibt keine Hänger, der Besucher taucht in eine andere, gleißend illuminierte Welt ein und vergißt die da draußen völlig. Ganz nebenbei ist das Stück total witzig. Es gibt viel zu Lachen.

Die Musik ist schwungvoll und schmissig

Die Musik ist zunächst einmal einfach und auf herrliche, wunderbare Art und Weise ”altmodisch”. Sie klingt so, wie man sich eben den typischen Broadway-Sound der 30-er Jahre vorstellt. Auf dem CD-Player plätschert sie trotz einiger veritabler Ohrwürmer nur so vorbei, aber im Kontext mit der Show wird es dann richtig aufregend und spannend. Da swingt, vibriert und fetzt es. Da ist dieses unsterbliche “Lullaby of Broadway”, die Showbizz-Hymne schlechthin, die in der deutschen Übersetzung als “Melodie des Broadway” daherkommt. Da sind schwungvolle und schmisse Stücke wie der dynamische Titelsong selbst, “Jetzt rollt der Rubel” (“We’re in the money”), “Ich bin bei Kräften” (“Young and healthy”), “Wenn wir Flittern gehen” (“Shuffle off to Buffalo”) oder “Jede schlechte Seite hat auch eine gute” “Sunny side to every situation”. Olle Kamellen zwar, die aber in dieser Dosierung ungemein frisch und treibend klingen. Umgesetzt wird die aus der Feder Harry Warrens stammende und vor über 70 Jahren entstandene Partitur in Stuttgart mit einer Menge Drive von einem blendend eingestimmten Orchester unter der Leitung von Adrian Werum. Es lässt völlig vergessen, dass die Songs schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Karin Seyfried: Diese Frau ist wirklich eine ”Pretty Lady”

Kevin Tarte macht als gestrenger und zu Erfolg verdammter Produzent Julian Marsh (harte Schale, weicher Kern) eine starke und souveräne Figur. Im Vergleich zu seiner Krolock-Vergangenheit ist er nahezu ständig auf der Bühne präsent, darf aber andererseits nur zwei Songs intonieren, was er dann aber mit Inbrunst und Power tut. Der Rest ist Dialog. Für die Rolle der Peggy Sawyer hätte man niemand besseres finden können als Karin Seyfried. Die “Dancing-Queen” aus Österreich, die zuletzt in Düsseldorf als Salsa-Girl in “Miami Nights” Kritiker wie Publikum gleichermaßen für sich einnahm, blüht hier noch mehr auf und kann Dank ihres ungekünstelten Enthusiasmus noch nachhaltiger als bislang mit ihren Stärken wuchern. Diese Frau ist wirklich eine “Pretty Lady”.

Jens Janke als Peggys Tanzpartner Billy Lawlor entpuppt sich als temperamentvoller, strahlender Stepp-Derwisch und offenbart als solcher ganz neue Seiten seines Talents. Er fährt, zu Recht, mit den meisten Applaus ein.

Isabel Dörfler, die als mit Launen und Allüren behaftete Diva Dorothy Brock nicht gerade einen Sympathieträger verkörpert, ist ob ihrer warmen, modulationsfähigen Stimme und ihres Spielwitzes, der sich oft auch in den ganz kleinen Gesten zeigt, eine weiterer tragender Pfeiler. Sie wird vom Publikum dafür geliebt. Die Charaktere bleiben zwar blass und sind nicht sonderlich entwickelt, aber das stört nicht weiter.

Klasse und Masse

”42nd Street” bietet Klasse, Masse und ist spritziges Entertainment auf höchstem Niveau. Das gilt nicht unbedingt für den Inhalt, aber für die Qualität der Präsentation allemal. Die ist wirklich vom Feinsten. Die Besucher, die aus dem Theater kommen, sind überzeugt und ausnahmslos begeistert – vielleicht von einigen, aber wirklich nur ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Das einzige Problem mag darin bestehen, die Leute erst einmal dort hin zu locken. Die Gefahr, dass sie enttäuscht werden, besteht eher nicht. Der Titel allein verheißt eigentlich nicht sonderlich viel und dürfte deshalb nicht die Anziehungskraft entfalten wie weiland die Vampire. Deren Heimat liegt schließlich in Europa, in den Karpaten, Peggy Sawyer hingegen hupft(e) weit, weit weg, jenseits des großen Teichs. Auch dürfte der vampirische Polanski-Film den meisten eher noch im Gedächtnis haften, als jener 1970 erstmals in Deutschland ausgestrahlte 42. Straße-Streifen mit Warner Baxter, Bebe Daniels und Ruby Keeler in den Hauptrollen. Aber mit diesem Handicap müssen sich die PR-Strategen der Stage Holding herumschlagen. Am Produkt, das sie anpreisen, gibt es jedenfalls nichts zu mäkeln. Mögen die Besucher hier, anders als beispielsweise bei Abbas ”Mamma Mia”, das ja nun neben Hamburg auch ein schwäbisches Standbein bekommt, die Katze zunächst auch im Sack kaufen, sie entpuppt sich als rassige Mieze.

JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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