Noch vor Weihnachten erscheint ein Live-Mitschnitt des Konzerts als Doppel-CD

Musical-isches Gipfeltreffen in Remscheid: „J.C.“ mit Top-Besetzung

Das sattsam bekannte Werk des britischen Musical-Papstes einmal als Oratorium in einer Kirche erleben zu können, war schon ein besonderes Erlebnis – erst Recht in dieser Zusammensetzung. Die Cast war vom Feinsten, und ob der personellen Konstellation geriet die Veranstaltung zum musical-ischen Gipfeltreffen. Exponierte Vertreter der europäischen Musical-Szene gaben sich die Klinke in die Hand: Alex Melcher in der Titelrolle, Nicole Berendsen (Maria Magdalena), David Michael Johnson (Judas), Léon van Leuuwenberg (Herodes), Claus Damm (Pilatus) Martin Pasching (Petrus), Michael Bergmann (Annas) und Heribert Feckler (Kaiphas).

Alex Melcher in bestechender Form

Alex Melcher, der ja in dem Ruf steht, als Musical-Künstler wandelbar wie ein Chamäleon zu sein, füllte den Part des Jesus Christ mit unglaublicher Intensität, einem Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und vokaler Power aus. Sein “Gethsemane”, die Nagelprobe für jeden Darsteller bzw. Interpreten dieser Rolle, geriet zum hymnischen Höhenflug. Den Christus hatte der Ex-Magier bereits 2001 in St. Gallen gespielt und war zuvor in Tecklenburg zum Verräter Judas geworden. Als solchen konnte man in Remscheid den Amerikaner David Michael Johnson bewundern, ein Kollege Melchers aus verflossenen Tabaluga -Tagen. Dem US-Amerikaner, der sich seit dem Abgang des kleinen grünen Drachens ziemlich rar gemacht hat, glückte hier ein exzellentes Comeback. Mit Sicherheit eine der nachhaltigsten und eindrucksvollsten Judas-Interpretationen in der langen Reihe dieses Klassikers hierzulande.

Gold in der Kehle: Nicole Berendsen

Auch von Nicole Berendsen (Maria Magdalena) würde man sich wünschen, sie nach “Mozart!” einmal wieder in einer größeren Produktion erleben zu dürfen. Das ist eigentlich längst überfällig. Die sympathische Künstlerin hat Charisma – und vor allem Gold in der Kehle! Ihr “I don’t know how to love him” ist kaum zu toppen.

Ob Martin Pasching mit seinem warmen Timbre, der Pilatus-erfahrene, tief- und wohltönende Claus Dam, Michael Bergmann, der dem durchtriebenen Annas mit hoher Tenorstimme Konturen verlieh, oder Heribert Feckler, der musikalische Leiter von ”Miami Nights” in Düsseldorf, der seine Kaiphas-Bässe aus dem tiefsten Keller hervorzauberte, bestens disponiert waren sie alle. Und spätestens nach “Harod’s Song” von Léon van Leuuwenberg wurde der Wunsch verständlich, exakt diese Cast einmal in einer veritablen J.C.-Inszenierung erleben zu können. Vielleicht klappt’s ja irgendwann einmal.

Der Altarraum des Gotteshauses als Musicalbühne, tosender Beifall und zum Schluss stehende Ovationen der Besucher und Zugabe-Rufe – was in anderen Gegenden bereits als Sakrileg gilt, hier ist es selbstverständlich und wird mit Wohlwollen quittiert – und nach Kräften gefördert.

Gute Adresse für Musical-Freunde

Das zwischen Solingen und Wuppertal gelegenen Städtchen Remscheid hat sich in den vergangenen Jahren zu einer guten Adresse für die Freunde des Genres gemausert. Und das ist zunächst einmal auch das Verdienst eines einzelnen Mannes: Christoph Spengler. Der Kantor der evangelischen Johannisgemeinde ist “nebenbei” auch ein gefragter Musiker und als Keyboarder in den Orchestergräben vieler bedeutender Theater zu Hause. Er haut bei “AIDA” in Essen ebenso in und auf die Tasten wie bei “Jekyll & Hyde” in Köln und demnächst beim Bochumer “Starlight Express”. Daraus resultieren enge Kontakte zu vielen Künstlern, die dann im heimatlichen Remscheid in außergewöhnliche Konzert-Events münden. Jesus Christ war vor drei Jahren an gleicher Stelle schon einmal aufgeführt worden, damals mit Kristian Vetter in der Titelrolle.

Spengler, in dessen Händen auch die musikalische Gesamtleitung lag, hatte dem Anlass entsprechend auch diesmal eine exquisite, sich aus Berufsmusikern rekrutierende elfköpfige Band zusammengestellt, und der von ihm geführte “Musical-Choir” ließ vergessen, dass es sich hier um (passionierte) Amateursänger handelte.

Neuen Song ”ausgegraben”: ”Then we are decided”

Und dann sage noch einmal jemand, “Jesus Christ Superstar” hätte nichts Neues zu bieten. Da hatte Christoph Spengler einen nahezu unbekannten Song ausgegraben und für die Aufführung transkribiert: “Then we are decided”, ein Lied, das den Charakteren der Priester Kaiphas und Annas eine ganz andere, besondere Tiefe verleiht, ist bislang auf keiner CD-Einspielung enthalten und lediglich in dem in den 70-er Jahren entstandenen Jesus Christ-Film zu hören.

Und inzwischen haben in Remscheid auch die Planungen für die Zukunft schon Gestalt angenommen: Als nächstes größeres Projekt ist eine (vermutlich ebenfalls konzertante) Aufführung (bzw. mehrere) von ”Hair” im hiesigen Stadttheater angedacht, allerdings erst für das Jahr 2005.

JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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