Schani – Mehr als ein Leben, Stockerauer Open Air Festival 2006

Im Mozartjahr 2006 ein Musical über Johann Strauß Sohn, dem legendären Walzerkönig, zu spielen – kann das gut gehen? Es kann. Vor allem, wenn die Location das vielversprechende Ambiente vor der barocken Stadtpfarrkirche in Stockerau ist und das Zugpferd wieder Alfons Haider heißt.

Wie schon in den Vorjahren hatte Alfons Haider die künstlerische Leitung übernommen und es sich auch nicht nehmen lassen, wieder in der Titelrolle selbst auf der Bühne zu stehen. Passend zur Rolle bekam er einen Lockenkopf und einen Schnauzer verpasst und musste keine Haare lassen, wie im Vorjahr für die Rolle des Königs in ”Der König und ich”. Ebenso wie 2005 hätte Jessica Blume an seiner Seite stehen sollen. Da sie aber ein Kind erwartet (alles Gute an die werdende Mutter) musste relativ schnell Ersatz gefunden werden. Heidelinde Pfaffenbichler, in Musicalkreisen weitgehend unbekannt, bekam den Zuschlag. Obwohl sie eine Gesangsausbildung genossen hatte, stand sie bisher schon in etlichen Fernsehfilmen wie ”Schlosshotel Orth”, ”Kommissar Rex” oder ”Soko Donau-Wien” vor der Kamera. Heidelinde verkörpert gleich alle vier Frauen, die im Leben Schanis eine Rolle spielten. Die weiteren Hauptrollen waren mit Sabine Muhar, Kurt Hexmann und Jörg Stelling, die auch mehr als einen Charakter darstellten, besetzt. Das 11köpfige Ensemble (Tim Reingruber, Nora Schleicher, Niklas-Philipp Gertl, Melanie Gemeiner, Robert D. Marx, Gloria Wind, Patrick Brunner, Klara Steinhauser, Gianpiero Tiranzoni, Sascha Ahrens und Bea Knoth) sorgte bei den Choreographien von Christoph Riedl für den nötigen Schwung, was gar nicht immer so einfach ob der hochsommerlichen Temperaturen war.

Die Kulisse bestand hauptsächlich aus Wänden, die voll von einem Notenwirrwarr waren. In der Mitte war eine höhere Wand in Rottönen, die sich unten öffnen ließ und u.a. Betten, Tische, Stühle oder Spiegelkommoden beherbergte.

Die musikalischen Einlagen basierten zum größten Teil auf bestehenden Melodien von Johann Strauss Sohn, wurden aber von Bela Fischer modernisiert und aufgepeppt, sodass auch Nicht-Operettenbegeisterte auf ihre Rechnung kamen.

Regisseur Tamás Ferkay hatte nach 2jähriger Arbeit ein autobiographisches Stück verfasst, das das Leben von Strauß nicht beschönigen, sondern zeigen soll, wie er für seine musikalischen Erfolge gelitten hatte.

Alfons Haider war die meiste Zeit trotz tropischer Hitze zugeknöpft. Trug Anzugshosen, lange Hemden, Gilets und verschiedenste Gehröcke. Die weiblichen Ensemblemitglieder waren die meiste Zeit in Korsetts eingeschnürt und trugen lange Kleider, die aber sehr schön anzusehen waren und für die Mimi Zuzanek verantwortlich zeichnete. Lediglich die schulterfreien Partien bei den Gewändern sorgten für Frischluftzufuhr. Die Männer hatten auch Anzugshosen und lange weiße Hemden an und mussten, genau wie die Damen, bei manchen Szenen noch zusätzlich schwere Mäntel anziehen.

Schani erzählt kurz von seiner Geburt und wie sein Vater ihm das Spielen auf der Geige zeitlebens verbieten wollte. Sein Vater, der zu ihm spricht, erscheint nur hinter einer Leinwand als Silhouette. Nur seine Mutter Anna, dargestellt von Sabine Muhar hält zu ihm. Die Maske stellt den Altersunterschied leider nicht gut dar. Man weiß nur, dass sie die Mutterrolle spielt, da Schani sie mit Mutter anspricht. In ”Mehr als ein Leben” schwört Haider alias Schani seiner Geige Treue und kann sich ein Leben ohne seine geliebte Musik gar nicht vorstellen. Das Ensemble erscheint ganz in schwarz mit Masken. Sie stellen böse Geister dar, die ihn seiner Geige berauben wollen, was ihnen auch kurzfristig gelingt (die ”Pistolenszene” aus Elisabeth lässt grüßen). Als kleine Auflockerung möchte Haider mit dem Publikum ”Brüderlein fein” singen. Als seine Animation nicht wirklich erfolgreich verläuft, bezeichnet er die Zuseher als ”Weltmeisterschaftsanhänger”. Erst nachdem einmal alles zu leise, dann alles zu laut und falsch gesungen wurde, klappte das Singen.

Eine kurze Szene mit einem jungen Schani, dargestellt von Bea Knoth wird dargestellt. Haider spricht den Text, Bea bewegt synchron die Lippen. Jetzt würde der Altersunterschied zu Sabine Muhar als Mutter wieder passen.

Beim Titel ”Hietzing” wollen die Ensemblemitglieder eben dort ”Schani schaun gehen”. Ein witziger Song, mit einer Art Rapgesang, der das Original wirklich sehr verfremdet, aber nicht zum Nachteil. Schade nur, dass diese Einlage so kurz war.

Seine Freunde loben ihn nach dem Auftritt, doch Schani ist beleidigt, da sein Vater nicht erschienen ist. Seine Mutter versucht ihn bei ”Der Weg ist schöner als das Ziel” zu trösten. Es kommt zu einem Duett der beiden, wobei Alfons die hohen Töne nicht so gut liegen.

Mit einer ”Trauermusik” wird das Begräbnis von Schanis Vater begleitet. Er selbst ist diesem allerdings ferngeblieben. Hier muss das Ensemble zum ersten Mal seine Hitzebeständigkeit unter Beweis stellen. In lange schwarze Mäntel gehüllt, muß es den hohen Temperaturen trotzen. Bei der nächsten Nummer wirbt das Ensemble mit Schildern in einer Art Sprechgesang für das ”Wasserglacis”, womit ein Teil des Wiener Stadtparks gemeint war (was allerdings aus dem Lied nicht hervorging). Während des Titels ”Russland, Russland” sind die Tänzer/innen ordentlich winterlich angezogen, da sie ja die sibirische Kälte verdeutlichen müssen. Mit einem fahrbaren Gestell, an dem ein Zug aufgemalt ist, wird Schani’s Reise nach Russland dargestellt. Alfons Haider schaut ab und zu, wenn nicht gerade ein Tunnel kommt aus dem Fenster hinaus und singt mit russischem Akzent. Rasch hat sich das Ensemble seiner Mäntel entledigt und tanzt in rot/schwarzen Outfits einen Kasatschok zur ”Kalinka-Melodie”.

In der nächsten Szene tritt zum allerersten Mal Heidelinde Pfaffenbichler auf. Ihre erste Rolle ist die der Olga. Eine witzige Szene folgt, als sie Schani das Tanzen beibringen möchte, es aber dann doch bei einem Russischsprachkurs bleibt. ”Du bist für mich die Liebe” ist ein Liebesduett zwischen Olga und Schani. Heidelinde hat eine sehr schöne operettenhafte Stimme und harmoniert stimmlich gut mit Alfons. Leider ist bei dem Song ihr süsser russischer Akzent total verschwunden, da sie mit ihrer eigenen, nicht verstellten Stimme singt. Schade es wäre sicher lustig gewesen, wenn sie ihn beibehalten hätte. Unterhaltsam sind auch die kleinen Gschichterln, die Alfons so über Schani erzählt. So z.B., dass alle Frauen narrisch nach ihm waren und sogar seine Locken von ihm haben wollten. Von dieser Sammelleidenschaft zeugte dann auch ein dementsprechend nackter Hund – ein Neufundländer.

Kurt Hexmann und Jörg Stelling als zwei russische Väter sowie Melanie Gemeine rund Klara Steinhauser als deren Töchter sorgen mit der folgenden Szene für Lacher. Die heiratswütigen Töchter haben ihren Vätern erzählt, dass Schani sie beide ehelichen wolle. Als Schani diesen Irrtum erklären möchte, brechen beide in herzzerreißendes Heulen und Schluchzen aus. Die beiden Väter wollen sich schon mit Schani duellieren, als gerade noch im rechten Augenblick zwei Polizisten Schani abführen. Wie Alfons das Publikum aufklärt, handelt es sich um Freunde Schani’s, die gerade noch rechtzeitig gekommen sind.

Schani erhält einen Brief von Olga, indem sie ihm mitteilt, dass sie einen anderen geehelicht hatte. Das Volk erzählt sich von Strauߒ neuer Liebe Henriette (kurz Jetty), sonst gibt es keine großen Neuigkeiten, sondern nur ”Langeweile in Wien”. Melanie Gemeiner übernimmt bei dem Titel die Leadstimme und wird von schwungvollen Tanzszenen begleitet.

Jetty ist sieben Jahre älter als Schani und ledige Mutter von sieben Kindern von ”Baron” Todesco”. Sie war es auch, die Johann Strauß Sohn ermutigt hatte gesungene Musik zu seinen Melodien zu komponieren.

Schani gesteht ihr seine Liebe und möchte am liebsten 50 bis 60 Jahre mit ihr verheiratet sein. Es folgt wieder ein derber Scherz auf Kosten des Publikums. Haider meint, bezogen auf Schani’s Heiratspläne ”wenn ich da runterschau (ins Publikum) dann vielleicht doch nicht”.

Es wird die Hochzeitsreise der beiden nach Venedig angekündigt. Als gute Überleitung folgt eine 15minütige Pause.

Nach der wohlverdienten Pause geht es mit einem bunten Farbenspiel, das an die Kulisse geworfen wird weiter. Das Ensemble tanzt zu ”Rondo Veneziano” in schwarze Kutten gehüllt und mit Masken vor den Gesichtern, ganz nach dem Motto ”Karneval in Venedig”.

Es wird ein Bett auf die Bühne geschoben. Darin befinden sich Alfons und Heidelinde. Die Hochzeitsnacht dürfte sehr wild gewesen sein, denn Alfons hat nur mehr die Pyjamahose und Heidelinde das dazupassende Oberteil an. Frech blitzt manchmal ihre Unterhose hervor, vielleicht wäre es doch ratsamer gewesen, ein Nachthemd anzuziehen. Schani und Jetty singen ”Komm in die Gondel”. Der Song endet mit ziemlich eindeutigen Bewegungen im Bett und einem Augenzwinkern Haiders.

Schani’s Mutter alias Sabine Muhar hat im zweiten Teil graue Strähnen im Haar bekommen. Somit wäre ein Altersunterschied geschaffen worden, wenn nicht auch Schani ein paar graue Löckchen bekommen hätte. In ”der Rubel rollt” freut sie sich mit Netti (Gloria Wind), Josephine (Sascha Ahrens) und Tante Ernestine (Nora Schleicher) ob des vielen Geldes, dass ihr Sohn verdient. Als ihre Schwiegertochter Jetty in der Wohnung auftaucht und ihr eröffnet, dass sie mit Schani in eine eigene ziehen möchte, reagiert sie verletzt und beleidigt.

Kurt Hexmann unterbreitet in der Rolle des Gilmore Schani ein Angebot, dass ihn nach Amerika führen würde. Kurt legt in dieser Rolle einen schönen amerikanischen Akzent an den Tag.

Sabine Muhar auf alt getrimmt, möchte nicht, dass ihr Sohn seine Operettenleidenschaft aufgibt und begibt sich letztendlich auf ihren letzten Weg. Von Schani erfährt man, dass er weder auf diesem, noch auf den Begräbnissen seiner beiden Brüder war.

Das Ensemble ist weißen Outfits und stellt die ”Reise nach Amerika” auf dem Schiff dar. Viele sind wegen der hohen Wellen mit einem flauen Magen sehr in Mitleidenschaft gezogen und bringen das auch gut zum Ausdruck. Speziell bei dieser Nummer zeigt Nora Schleicher wiederholt ihre akrobatischen Künste, die gut zum Auf und Ab der imaginären Wellen passen. Auch Schani wagt sich an Deck und kann gerade noch rechtzeitig abgehen, bevor etwas Schlimmes passiert. Unter Stroboskopblitze gehen die Darsteller ab.

Während Schani seinen Freunden von seinem Amerikaaufenthalt erzählen soll, gibt es einen unschönen Zwischenfall mit verschwundenem WC-Papier. Diesen Vorfall hat es in Schanis Leben tatsächlich gegeben und wird mit unanständigen Worten beschrieben.

Jetty wirft ihm vor, Angst vor dem Leben zu haben. Schani streitet das ab, gibt seine diversen Ängste dann aber doch vor dem Publikum zu.

Der Song ”Glücklich ist, wer vergisst” bringt die Nachricht, dass eine gewisse Lily bei Strauß vorsingen möchte. Heidelinde mit deutschen Dialekt und langer, blonder Hippieperücke ist ein lustiger Anblick. Lily nutzt Schani aber nur aus und findet in Franz Steiner, gespielt von Jörg Stelling einen neuen Liebhaber. Beide geben herrliche gackernde Lacher von sich, wenn sie sich über Schani lustig machen.

Gloria Wind als Netti klärt ihren Bruder über das Verhältnis auf. Dieser ist sehr getroffen, doch laut seiner Schwester soll er froh darüber sein. In dem melancholischen ”Ihr Platz ist leer” gibt sich Schani die Schuld und sucht Trost bei seiner geliebten Musik, da sie die einzige treue Konstante in seinem Leben ist. Heidelinde Pfaffenbichler erscheint in ihrer letzten Rolle, nämlich der von Adele Deutsch. Sie will ihn trösten und für ihn da sein. Beide sind glücklich miteinander, können aber den Bund der Ehe erst miteinander eingehen, als sie beide Religion und Staatsbürgerschaft wechseln.

Schani schäumt über vor Freude, als er den Auftrag für seine erste durchkomponierte Oper erhält. Alfons kommt von der rechten Seite ins Publikum. Als es ihm zu wenig Auftrittsapplaus spendet, ist sich Alfons sicher, dass zuviele Abonnenten im Publikum sitzen.

Schani dirigiert ”Csárdás” vor der Bühne. Danach erleidet er einen Schwächeanfall und wird in sein Bett gelegt. Adele zieht ihm sogar die Schuhe aus. Sie muss ihm auch noch seine geliebte Geige bringen, ohne die er nicht einschlafen kann.

Das letzte Lied des Abends ”Brüderlein fein” wird angestimmt. Adele singt im Endeffekt alleine weiter. Heidelinde kann ihre Tränen sichtlich in diesem Augenblick nicht unterdrücken, da im Hintergrund Schani gerade gestorben ist.

Das Ensemble stellt sich links und rechts neben dem Bett auf und gibt ihm so das letzte Geleit.

Als Zugabe folgte gleich zweimal das schwungvolle ”Hietzing”, bei dem sich die Darsteller noch einmal so richtig ins Zeug legten. Danach wurde wieder zur Spendenaktion – diesmal für Opfer des Hochwassers – aufgerufen. Alfons, Heidelinde und Jörg standen für Autogramme und Fotos zur Verfügung und die Besucher griffen kräftig in die Geldbörsen.

Auch im nächsten Jahr wagen sich die Verantwortlichen an eine Welturaufführung heran. Mit ”Jeanne – das Mädchen und die Mächtigen” wird die Geschichte von der Heiligen Johanna erzählt, die aufgrund von göttlichen Erscheinungen in den Krieg zog, um letztendlich als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen zu enden. Ein spannendes Thema, auf dessen Umsetzung man gespannt sein darf. Eines ist aber sicher, Alfons Haider wird dann nicht in der Titelrolle zu sehen sein.
Quelle: Andrea Martin

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