Tecklenburg auf den Barrikaden

Hört ihr wie das Volk erklingt…!

Wer hätte das gedacht, dass die ”Elenden” auch einmal unter freiem Himmel auf die Barrikaden steigen würden. ”Les Misérables” als Open-Air-Spectaculum wäre noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen. Bis Ende 2000 hielt das Produzententeam um Cameron Mackintosh seine eiserne Hand über dem auf Victor Hugos gleichnamigen, fast 2000 Seiten starken Epos basierenden Monumentalwerk aus der Feder von Claude-Michel Schönberg und Alain Boublil. Es durfte entweder in der Urfassung gespielt werden, oder halt eben gar nicht. Und so kannte auch das deutsche Publikum bis dahin nur die – zugegeben -mitreißende Version aus dem Duisburger Musicaltheater. Und die ist ja längst Geschichte. Die Politik der Rechteinhaber änderte sich im Frühjahr 2001, als die Bonner Staatsoper unter der Regie des Exzentrikers John Dew die erste wirklich freie Inszenierung von Les-Mis verwirklichen durfte. Die rief zwar unter Puristen durchaus zwiespältige Gefühle hervor, doch der Damm war damit gebrochen. Seitdem hat es zahlreiche weitere, mehr oder weniger gelungene Versuche gegeben, das 1980 im Pariser Palais des Sports uraufgeführte und längst zum Klassiker avisierte Stück in Szene zu setzen. Die Tecklenburger Freilichtspiele haben diese Reihe jetzt um eigene Version ergänzt – und bereichert.

Ein Wagnis schien es schon, diese dreistündige, durchkomponierte Klassik-Pop-Oper, deren Storyline sich auf den zeitlichen Rahmen zwischen 1815 und der gescheiterten Pariser Revolution des Jahres 1832 konzentriert, auf einer Freilichtbühne zu zeigen. Das hatte in Deutschland bislang noch nie jemand versucht. Regie und Ensemble sahen sich deshalb vor immense Herausforderungen gestellt. Aber auch dabei greift in der vorläufigen Rückschau die Erkenntnis: No risk, no fun. Gut, ”Fun” in des Wortes eigentlicher Bedeutung hat ”Les Misérables” kaum zu bieten. Dafür ist die Story zu bedrückend und in ihrer Ausprägung zu schwermütig. Aber: Wenn man erleben darf, mit welchem Einfallsreichtum und sensiblen Geschick Regisseurin Helga Wolf alle Untiefen in Aufbau, Dramatik und Staging umschifft und ihre Charaktere zeichnet, macht es schon Freude, zu verfolgen, wie sich der Leidensweg der Handelnden entfaltet und sich ihre Schicksale miteinander verweben.

Kraftvoll und bewegend

Die Musik Claude Michel Schönbergs ist, zumindest hierbei, ja sowieso jenseits von Gut und Böse. Dicht und mit viel opernhafter Dramatik angereichert, haben die wunderschönen Melodien in den vergangenen 26 Jahren die Menschen auf der ganzen Welt be- und gerührt. Keiner, der auch nur eine rudimentäre Affinität zum Genre besitzt, kann sich der Kraft und der Feingeistigkeit der prachtvollen und bewegenden, von dramatischen Solosequenzen, romantischen Liebesduetten kraftvollen Ensembleszenen und opernhaften Rezitativen geprägten Partitur entziehen. Für deren Umsetzung zeichnet, wie sollte es anders sein, in Tecklenburg wiederum Klaus Hillebrecht verantwortlich, der ”Haus- und Hofkapellmeister” der Freilichtbühne. Er liefert auch diesmal an der Spitze eines auf fast 60 Musiker aufgerüsteten, volltönenden Groß-Orchesters einen hervorragenden Job ab. Allerdings war die Tonabmischung am Premierenabend stellenweise lausig, worunter vor allem die Streicherpassagen litten. Diese soundtechnischen Kinderkrankheiten mögen in Folge aber sicherlich überwunden worden sein.

Ohne Bombast und visuelle Reizüberflutung

Helga Wolf hat aus der Not eine Tugend gemacht. Eine Freilichtbühne setzt einer Inszenierung nun mal gewissen Grenzen und verfügt nicht über die technischen Möglichkeiten eines festen Hauses. Aber das muss, wie sich in diesem aktuellen Fall zeigt, kein Nachteil sein. Im Gegenteil: Die Frau hat das Stück von seinem high-technischen Bombast befreit, es in gewisser Weise entschlackt. Es geht auch ohne visuelle Reizüberflutung und Ausstattungsorgien. Der Mensch, die Story, die Handlung stehen wieder eindeutig im Mittelpunkt.

Stimmungen und Emotionen lassen sich auch auf eine andere Art erzeugen bzw. verstärken, und sei es unter (geschickter) Nutzung der naturgegebenen Zeitabläufe. Der Übergang zwischen Dämmerung, Abend und Nacht ist ein durch kein noch so ausgeklügeltes Lichtdesign zu kopierendes Schauspiel, dem man sich in Tecklenburg beim Timing willig unterwirft. Ein weiteres Pfund, mit dem die Verantwortlichen hier wuchern, ist der große Personalfundus. Chor und Laienspieleriege des Vereins lassen die Massenszenen des Stücks noch grandioser wirken, als man/frau sie in Erinnerung hat. Wenn bis zu 130 Leute auf der Freilichtbühne agieren, kann man sich dieser Wirkung kaum entziehen. Da stellt sich Gänsehaut-Feeling ein.

Mit viel Sensibilität und Detailliebe in Szene gesetzt

Aber es sind vielleicht auch die kleinen Momente oder Regieeinfälle, die die Tecklenburger Produktion so interessant machen. Man muss halt loslassen können und bereit sein, den alten Les-Mis-Film im Hinterkopf (etwas) auszublenden. Die Barrikade, das Kulissen-Herzstück einer jeder Les-Mis-Aufführung, puzzelt sich aus zwei phantasievoll und aufwändig dekorierten Leiterwagen zusammen, die mit Muskelkraft vom rechten und linken Bühnenrand ins Zentrum geschoben werden und daselbst bis zum Ende stehen bleiben. Das stört in den späteren Szenenabfolgen überhaupt nicht.

Aber bereits die Eröffnungssequenz zeigt, dass sich hier jemand seine eigenen Gedanken gemacht hat. Die Gefangenen im Knast kloppen nicht, was beispielsweise in Duisburg immer etwas lächerlich gewirkt hat, mit imaginären Werkzeugen auf imaginären Steinen herum, sondern mühen sich unter der Knute der brutalen Aufseher mit veritablen Baumstämmen ab. Mit seinem schlichten Bühnenbild beweist Jan Bammes, dass weniger allemal mehr sein kann, zumindest und vor allem in diesem Falle. Und unter den Händen von Karin Alberti wurden die Kostüme wieder zu echten Hinguckern.

Chris Murray ein Glücksgriff

Was freilich wäre das stimmigste Konzept in seiner gelungenen, finalen Umsetzung ohne eine adäquate Darstellerriege. Dahingehend haben die für das Casting Verantwortlichen ein glückliches Händchen bewiesen. Sie konnten aber auch aus dem Vollen schöpfen und hatten insofern die Qual der Wahl. Nahezu alles, was in der bundesdeutschen Musical-Szene über Rang und Namen verfügt, hatte in Tecklenburg angeklopft. Darunter viele, die bereits in den vorangegangenen Inszenierungen des Stücks, sei es in Duisburg, Bonn, Berlin oder anderswo, mitgewirkt hatten. Und deshalb verwundert es nicht, dass das Publikum hier mit vielen alten Les-Mis-Bekannten Wiedersehen feiern konnten.

Solisten und Ensemble agieren souverän

Die Solisten (wie auch das gesamte Ensemble) zeigen sich bestens disponiert und agieren absolut souverän. Als Jean Valjean liefert Chris Murray eine beeindruckende Leistung ab, schauspielerisch wie gesanglich. Der vokalstarke Künstler hat seit seinen Berliner Tagen als Ex-Sträfling noch deutlich zugelegt und ist in dieser Rolle schlicht und ergreifend zur Idealbesetzung gereift. Das wurde vor allem bei den lyrischen Passagen offenkundig. Er dürfte auf den Musical-Bühnen hier zu Lande künftig sowieso zu den dominierenden Figuren zählen. Als Inspektor Javert, Valjeans gnadenloser Gegenspieler, gab sich Dean Welterlen keine Blöße und machte mit sonorer Stimme und großer Bühnenpräsenz als pflichtbesessener Bulle eine eindrucksvolle Figur. Seine Ehefrau Jana Werner hatte als ”Fantine” schon zu Duisburger Tagen Pluspunkte sammeln können und, wie ihr nahe gehendes ”Ich hab’ geträumt vor langer Zeit” zeigte, nichts verlernt. Welterlen hatte freilich in Folge Pech. Auf Grund einer Kehlkopfentzündung musste der Fahnder noch vorzeitiger, als es das Script vorsah, seinen Dienst quittieren. Schade. Doch in Marc Clear, Athos und Riechelieu i.R., fanden die Tecklenburger einen adäquaten Ersatz. Der Künstler, der den ”Kommissar” bereits in Berlin alternierend gegeben hatte, fügte sich nahtlos in die hoch motivierte Riege ein und ließ in Folge keine Wünsche offen. In der Rolle des Javert wird er auch für den Rest der Spielzeit zu erleben sein.

”Scaramouche” Vera Bolten hatte als ”Eponine” schon in Bonn und Berlin überzeugen können. So auch in Tecklenburg Mit ihrer attraktiven, individuellen Stimmfärbung weiß sie die Gefühlswelt des unglücklichen Mädels kraftvoll zu vermitteln. Ihr ”Nur für mich”, die Wehklage ihrer unerfüllten Liebe zu Marius, gehört zu den eindringlichsten Momenten der Aufführung.

Martin Bergers kleine Kneipe

Martin Berger liefert als schlitzohriger Gauner-Kneipier ”Thénardier” mit die überzeugendste Partie. Es ist ja eigentlich auch die dankbarste Rolle dieses Stücks. Seite an Seite mit Madame (Katja Berg) ist der Österreicher für die wenigen lustig-amüsanten Passagen der Inszenierung zuständig, was dem Publikumsliebling wie auf den Leib geschnitten scheint. Das in Tecklenburg (leider) ziemlich schnell vorangetriebene ”Herr im Haus” wird aber auch so (zwangsläufig) zum Showstopper. Mit Frau Wirtin scheint es die Regie hingegen etwas zu gut gemeint zu haben. Die komödiantische Dosis wirkt überladen und zu dick aufgetragen. Aber das ist Geschmackssache. Dem Publikum gefällt’s.

Michael Eisenburger fühlt sich in der Rolle des kämpferischen Studentenführers Enjolras sichtlich wohl und verleiht dem Revoluzzer im Rahmen des vorgegebenen Profils das Größtmögliche an Kontur. Ein Marius andererseits hat es dahingehend immer etwas schwerer, weil es für ihn kaum Spielraum gibt, sich zu entfalten. Der Charakter ist nun mal blass und farblos angelegt. Alen Hodzovic bekleidet als stimmschöner, jugendlicher Held diesen undankbaren Part. Als liebliche Cosette an seiner Seite: Elisabeth Ebner.

Mit ”Les Misérables” gehen die Freilichtspiele Tecklenburg ihren Weg konsequent weiter. Sich an dem Credo orientierend, neue Herausforderungen zu suchen und sich ihnen zu stellen, fährt man im Theater auf der Burg zunehmend erfolgreich. Das zeigen die Wagnisse ”Camelot” im vergangenen Jahr und ”Dracula” in der Spielsaison davor. Das Publikum ist, wie die Erfahrung zeigt, für derlei spielplantechnische Innovationen empfänglich und dankbar. Die Tecklenburger als größtes Freilichttheater Deutschlands haben ihre ”Marktposition” damit ausbauen können und dürfen unangefochten als Nr. 1 gelten.

Spannendes Experiment wird zum mitreißenden Musical-Erlebnis

”Les Misérables” als ”Oben-Ohne”-Inszenierung ist ein spannendes Experiment, das sich in seiner finalen Umsetzung als packendes, mitreißendes Musical-Erlebnis präsentiert, und das bei einer anhaltend ”sozial-verträglichen” Preisgestaltung. Mehr fürs Geld bekommt man/frau auch beim etablierten Branchenprimus nicht, eher weniger. Und die Freilicht- ”Konkurrenz” in Bad Hersfeld hat ja jetzt auch ein Jahr geschlafen, bemüht sich aber darum, 2007 mit eben dem selben Stück den Anschluss wieder zu finden. Um es mit dem Kaiser zu formulieren: Schaun mer mal”.

In Tecklenburg leiden die ”Elenden” noch bis zum 26. August. Damit kommt man hier in dieser Saison auf 26 Aufführungen des Hauptstücks. Als zweite Produktion dieses Jahres steht unter der Regie von Hans Holzbecher ”Der kleine Horrorladen” mit Norbert Kohler, Natalie Hammer, Patrick Stanke und Thorsten Thinney auf dem Programm. Premiere war am 28. Juli.
Quelle: Jürgen Heimann

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