Liebesgesänge I und II von Peter Kern, Künstlerhaus Wien

Was macht ein Musicaldarsteller, der in Stücken wie ”Joseph” oder ”Grease” bekannt geworden ist, nachdem er seine Fangemeinde bei ”Hedwig and the angry inch” verblüffen konnte? Richtig – er versucht nocheinmal sich zu steigern. Andreas Bieber hat diesen Versuch unternommen und sich an Peter Kern’s ”Liebesgesänge I und II” gewagt. Der Regisseur hatte Bieber in ”Hedwig…” gesehen und wollte ihn unbedingt für die Rolle des Lucien in seinem Theaterstück. Ob Andreas da wusste, worauf er sich eingelassen hatte? Vermutlich nicht so ganz, aber um sein Image des braven Buben für immer abzustreifen, ist ihm vieles recht und er versuchte bei diesem Stück ein weiteres Mal aus seinem gewohnten Rollenbild auszubrechen.

Der kleine, sehr hoch gebaute Theaterraum fasst nicht einmal 100 Leute. Am Tag der besuchten Aufführung waren in etwa 20 Gäste anwesend. Was dann in den knapp 1,5 Stunden, ohne Pause, geboten wurde, überstieg bei weitem das, was man sich unter dem Programmtitel ”Liebesgesänge” vorgestellt hatte. Viele gingen danach sichtlich geschockt, benommen und mit einem beklemmenden Gefühl zurück in das Alltagsleben. Aber der Reihe nach.

Der erste Teil dauert in etwa eine viertel Stunde, bereits nach dieser kurzen Zeit, ist das Publikum schwer geschockt bzw. steht in dem Bann der Geschehnisse. Man sieht drei Männer in einem verdreckten Raum, die verkachelte Wand und die drei Toiletten strotzen nur so vor Schmutz, genau wie die Männer. Sie sind Gefängnisinsassen. Unter lautem Trommelwirbel (Toomas Täht) fährt auf einem Gestell mit einer Leiter der Gefängniswärter (Heinrich Herki) zu jedem von ihnen. Die Fütterung beginnt. Ein Blecheimer mit einem Teller mit trockenem Brot wird heruntergelassen. Andreas Bieber hat eine Jean und ein ehemals weißes Trägershirt an, die beiden anderen, Oliver Rosskopf und Günter Bubbnik, nur kurze Hosen. Jeder ist in einer eigenen Welt gefangen, apathisch und orientierungslos. Einer rollt mit wilden Zuckungen über den Boden, der andere schlägt den Kopf gegen die Wand, bis er blutet. Plötzlich kommt der Aufseher über die Leiter zu den Gefangenen. Er zwingt unter vorgehaltener Pistole den ersten (Rosskopf) sich auszuziehen und sich eine Zigarette auf seiner nackten Haut auszudrücken. Bieber muss sogar die Pistole tief in den Mund stecken und den Wärter oral befriedigen. Dem gefällt das. Er geilt sich regelrecht an der Hilflosigkeit seiner Opfer auf. Der dritte ist nicht mehr er selbst und bewegt sich auf unnatürliche Art und Weise – er kann dem Aufseher nicht mehr dienlich sein und wird brutal erschossen.

Der 1. Teil endet hier. Bieber’s Charakter stößt die Kachelwand um. Das Szenario verändert sich. Eine Art Strandlandschaft wird dargestellt. Man hört das Rauschen der Wellen. Man glaubt, das Schlimmste ist überstanden, doch dann folgt Teil 2.

Andreas singt das erste Lied mit dem Titel ”Die großen weiten Vögel”. Oliver und Andreas wälzen sich im imaginären Wasser. Ein schrilles Gitarren – Intermezzo (Miroslav Mirosavljev) beendet die Szene.

Ort des Geschehens ist ein Wiener Beisl. Ein alter Filmstar (Miriam Goldschmidt) wird von ihrem Mann (Heinrich Herki) in einem Rollstuhl in den Raum geschoben. Sie wirkt verbittert, zynisch, aber auch durcheinander. Ihren Mann befiehlt sie wie einen Diener hin und her. In dem Lokal ist nicht viel los, der Wirt ist soeben gestorben und zum Leidwesen der alten Dame sind auch keine Fans von ihr anwesend. Ihr graues Samtkleid macht sich oft selbständig und entblößt fast ihren Oberkörper. Zwei Männer, Java, ein Mörder (Oliver Rosskopf) und Lucien, ein Sexualverbrecher (Andreas Bieber) kommen in das Lokal. Beide sind nicht sonderlich nett zu der Alten, im Hintergrund hört man eine Radiodurchsage – eine auf grausamste Art und Weise verstümmelte Leiche wurde gefunden. Die Alte hält Java intuitiv für den Mörder. Andreas singt neben einer der Toiletten, die in weiterer Folge als Sitzgelegenheiten fungieren ”Scheiß mich zu”, Oliver setzt später ein. Von diesem Titel lässt sich auch auf den weiteren Text schließen. Die beiden Männer verbindet eine Art Hassliebe miteinander. Lucien braucht, um eine sexuelle Befriedigung zu erlangen, Schmerzen. Diese sucht er bei Java und bekommt sie auch. Java macht alles (er schlägt, tritt, würgt ihn), um ihn ”zufriedenzustellen” und findet so Erfüllung. Die Sprache zwischen beiden ist teilweise sehr ordinär, doch beide scheinen einander so am besten zu verstehen.

Der Altstar singt ”Each man kills the man he loves”. Ihr Gesang wirkt sehr diabolisch. Es folgt ein kurzes musikalisches Intermezzo durch die Musiker. Klatschen getraut sich danach niemand. Die Stimmung ist sehr gespannt.

Ein Kellner namens Beppo (Günther Bubbnik) kommt. WC Muscheln und Tisch werden mit Leintüchern abgedeckt. Man will Dart spielen. Java bringt die Unterhaltung auf Lucien’s Tochter (ist sie es auch wirklich?). Das wirkt wie ein rotes Tuch und ein Streit entbrennt. Lucien verletzt sich an einem Dartpfeil und betäubt den Schmerz mit Alkohol. Die Alte hat die Idee auf den Kellner zu zielen. Er stellt sich als Zielscheibe zur Verfügung. Da wusste er noch nicht, dass sie den Pfeil an Java weitergeben würde. Dieser möchte von Lucien einen Liebesbeweis, er soll auf Beppo zielen. Doch der Pfeil wird gegen ein Messer ausgetauscht. Erst als Java Lucien mit Liebesentzug droht und ihm alle möglichen Versprechungen macht, geht dieser mit dem Messer auf den, mittlerweile mit Klebeband an der Wand fixierten, Kellner los und rammt ihm das Messer mehrmals in den Bauch. Der Man der Alten kommt, sie möchte Lob für ihr inszeniertes Dartspiel. Lucien singt für Java ”Ich bin die Hure an der Bar”. Der Inhalt beschreibt sehr schön seine ”Beziehung” zu dem anderen. Lucien hat ein Tattoo, dass er vor Java’s Blick schützen möchte. Dieser wird extrem wütend, schlägt Lucien, hält ihn mit dem Kopf in die Klomuschel, schreit ihn an. Die Situation beginnt außer Kontrolle zu geraten. Java zieht ein Messer, ritzt Lucien am Kopf, sodass er blutet, danach fügt er sich selbst einen tiefen Schnitt am Arm zu. Bieber wird gefesselt und an einer Stange fixiert. Java erzählt ihm von dem brutalen Mord (von dem im Radio berichtet wurde) und was es für eine Freude war das Opfer zu zerstückeln. Es dürfte sich bei der Frau um die Mutter des vorhin erwähnten Kindes gehandelt haben. Ganz genau werden diese Zusammenhänge aber nicht beleuchtet. Dann ersticht er Lucien. Sofort färbt sich Bieber’s Shirt blutrot, man hört regelrecht das Leben aus ihm herausfließen und das Blut auf den Boden tropfen. Eine grauenhafte Szenerie, die noch irrealer wird, als Rosskopf wie ein Wahnsinniger nochmal auf Bieber losgeht und etwas rotes plötzlich in seinen Händen hält. Er hat ihm das Herz herausgerissen.

Die Alte hat alles miterlebt und reagiert nicht, sie findet die Vorstellung toll.

Plötzlich löst sich der Kellner von der Wand – dieser Mord war tatsächlich nur gespielt. Der Mann des Altstars kniet betend vor einer Marienstatue. Java ermordet auch ihn. .

Beide Tote werden zum Tisch geschleppt, man will essen. Ein grausiger Leichenschmaus. Java bricht über der Suppe, die er abschmecken soll, zusammen – die Alte hat ihn mit einer Überdosis ihrer Medikamente vergiftet. Sie beginnt aus ihrem Rollstuhl mühsam aufzustehen und mit dem Kellner zu tanzen.

Das Stück ist zu Ende. Das Publikum zögert mit dem Applaus, ist es wirklich vorbei? Die Darsteller verbeugen sich kurz mit steinernen Mienen – ja es ist zu Ende.

Soviel Brutalität, wie an dem Abend gezeigt wurde, kann es doch gar nicht auf einmal geben. An einem Ort vielleicht nicht, aber die Welt ist groß und die Gewaltbereitschaft in der gesamten Gesellschaft steigt. Beispiele von grenzenloser Gewalt in den letzten Jahren sind z.B: der ”Kannibale” Armin Meweis, der einen anderen mit dessen Einverständnis getötet und anschließend Teile des Körpers gegessen hat, Elfriede Blauensteiner, die ihre Lebensgefährten vergiftete oder die US-Soldaten, die im irakischen Gefängnis Abu-Ghraib Gefangene auf das Unmenschlichste quälten.

Andreas Bieber nahm in einem Kurzinterview zu seiner Rolle und dem Stück Stellung:

Warum spielt Andreas Bieber so eine provokante Rolle und lässt sich mitten auf der Bühne das Herz herausreißen?

Das ganze Stück ist, wenn man so will, Provokation. Es soll vor allem emotional provozieren, den Zuschauer fast penetrant zwingen, etwas anzusehen/mitzuerleben ohne die Möglichkeit des Ausweichens. Zuhause würde man den Fernseher an genau diesen Stellen umschalten, um der (leider alltäglich gewordenen) Realität zu entfliehen. Bei Peter Kern MUSS man da durch, auch wir als Schauspieler. Das endet dann eben für Lucien mit herausgerissenem Herz, und ich spiel diese Rolle halt…

Wie sehr schlägt es auf’s Gemüt und belastet die Nerven so etwas zu spielen?

Es ist schon ein “Trip”, der auch die Darsteller nicht cool lässt: man muss sich für den Abend in diese rauhe, perverse und verkommene Welt reinfallen lassen. Reinfallen, wie sicher in jedes Stück, das man spielt; aber manchmal ist das eben eine Glitzerwelt und hier ein Abgrund.

Kannst du nach so einem Abend ruhig schlafen?

Ich hab noch nie so gern nach der Vorstellung geduscht, wie nach diesem Stück! Natürlich muss auch das ganze “Blut” runter, aber es ist fast wie eine Reinwaschung nach diesem durchlebten Wahnsinn, DAMIT ich ruhig schlafen kann.

Das ganze ist doch auf eine gewisse Art (leider) realitätsnah – ist es nicht zuviel so eine geballte Ladung an Gewalt dem Publikum zu präsentieren?

Wie gesagt, vielleicht ist es genau diese Erfahrung: was ist zu viel? Im wirklichen Leben sehen wir ständig, wo wieder wieviele Menschen sterben etc., es gehört schon fast emotional unkommentiert zu unserem Alltag.

Peter Kern will hartnäckig zum Hinschauen zwingen- ja, es ist heftig, aber bewegt dafür auch irgendetwas in den Menschen. Das find ich spannend!
Quelle: Andrea Martin

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