Neue Herausforderungen: Interview mit Patrick Stanke

Demnächst mit Puderlocke und Schockrock: Aus D’Artagnan wird Mozart

Zwischendurch ließ der Künstler in dem kammerspielartigen Zwei-Personen-Stück ”Die letzten fünf Jahre” sein immenses schauspielerisches Potenzial durchblitzen, während er stimmlich bisher sowieso noch keinem Kritiker Munition geliefert hat, ihm am Zeug flicken zu können. Nebenbei, abseits der großen Musical-Bühne, ist Stanke auch umtriebig wie ein Eichhörnchen und bastelt permanent an neuen Projekten, Einspielungen und Konzepten.

Was ihn auszeichnet, aber mitunter auch anecken lässt, ist seine offene, unverblümte Art. Der Mann leidet nicht gerade an mangelndem Selbstbewusstsein und nennt die Dinge beim Namen, auch auf die Gefahr hin, dem ein oder anderen Einflussreichen mal auf’s Füßchen zu treten. Aber das ist der Preis fürs Unangepasstsein, den er in seiner Konsequenz gerne zahlt. Und auf den Mund gefallen ist er sowieso nicht, wie sich beim Interview am Rande der Tecklenburger Freilichtspiele zeigte. Daselbst gab Stanke im ”Kleinen Horrorladen” dieses Jahr den sadistischen Zahnarzt ”Orin”, und das auf seine eigene, unverwechselbare und charakteristische Art. Nebenbei lieh er auch der Monsterpfalnze ”Audrey 2” seine Stimme.

Der Prinz ist fort!

Doch es warten noch weitere Herausforderungen auf ihn, und das schon in kürzester Zeit. Demnächst stülpt sich der Jung-Star im Bajuwarischen die Puderlocken-Perücke über, um in der Neu-Inszenierung von ”Mozart! – Das Musical” im deutschen Theater in München den Titelpart zu übernehmen und Hieronymus Colloredo richtig Saures zu geben. Die Rolle des aufmüpfigen Genies aus Salzburg dürfte ihm auf den Leib geschrieben sein. Nicht wenige halten ”Mozart” nach wie vor für das beste, leider aber auch verkannteste Werk des glorreichen Komponisten- und Autorengespanns Sylvester Levay und Michael Kunze. Die Proben dazu beginnen in wenigen Tagen.

Bist Du eigentlich Vegetarier??

Hähh?

Oder vielleicht ein heimlicher Kleingärtner, so eine Art botanischer Undercover-Agent?

Ich versteh’ überhaupt nix…

Wie kommt dann ein D’Artagnan auf den Hund, ähm, die Pflanze?

Ah du meinst Audrey 2,

Genau. Was treibt einen ehemaligen Titanic-Heizer in den Freilicht-Schrebergarten nach Tecklenburg?

Das frage ich mich auch (lacht). Irgendwann bekam ich einen Anruf vom Intendanten, der sich erkundigte, ob ich nicht das Killer-Gewächs im kleinen Horrorladen geben wollte. Wie er denn ausgerechnet auf mich käme, wollte ich wissen. Ja und dann stellte sich heraus, dass ihm Norbert Kohler (das ist ”Seymour”, der Hauptdarsteller des Stücks, die Red.) berichtet hatte, dass ich einmal aus Jux in der Kantine der Musketiere in Berlin ”Gib’s mir, Seymouuuur…” geschmettert hätte.

Aber Du hast ja dann noch einen Zweit-Job in der Inszenierung übernommen, die Rolle des sadistischen Zahnarztes Orin Scrivello.

Ja, also ”nur” die Pflanze zu singen, damit hätte ich mich nicht unbedingt ausgelastet gefühlt. Wenn schon, dann wollte ich ja auch richtig und sichtbar auf der Bühne stehen. Und dann stellte sich heraus, dass die auch noch keinen Zahnarzt hatten. Wir haben dann hin und her überlegt und festgestellt, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließen muss.

Und umgekehrt hättest Du sicher auch keine Probleme damit, wenn Dein eigener Zahnarzt solche Behandlungsmethoden, wie Du sie auf der Bühne zelebrierst, an den Tag legen würde?

O Gott, dahingehend bin ich jetzt nicht gerade ein Held, so nach dem Motto ”Ein Indianer kennt keinen Schmerz”. Nee, es gibt Angenehmeres als einen Termin beim Zahnklempner…

Die Probenzeit war ziemlich kurz.

Au ja, mal gerade knapp drei Wochen. Ich dachte erst, das könnte ich ganz locker angehen lassen, weil ich ja nur zwei ganz kleine Rollen hatte. Aber dann stellte sich heraus, dass die Pflanze in jeder Szene, in denen der Zahnarzt nicht vorkam, am Zuge war. Und dann war ich auf einmal doch ziemlich beschäftigt.

Also nicht unbedingt eine optimale Vorbereitung?

Das kann man so nicht sagen. O.K. Es war ziemlich knapp, aber wir hatten, und das kann ich sagen, ohne rot zu werden, wir hatte den besten Regisseur (Hans Holzbecher, die Red.), mit dem ich je gearbeitet habe.

Du warst vorher noch nie in Tecklenburg?

Nee, ist aber ganz leicht zu finden. Liegt quasi direkt an der A 1..

..das wissen wir auch …

..und ist ein ganz süßes schnuckeliges, kleines Städtchen. Ich habe mich sofort verliebt.

???

In die Stadt, meine ich.

Das war hier Dein erstes Engagement auf einer Freilichtbühne?

Nicht ganz, während meiner Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie habe ich zwei Sommer in Bregenz in ”La Bohème” mitgespielt – im Ensemble.

”Man lebt richtig auf!”

Was sind denn aus der Sicht des Künstlers die Unterschiede zwischen einem Engagement an einem festen, überdachten Haus und dem Agieren auf einer Open-Air-Bühne wie hier?

Da gibt es mindestens 20 verschiede. Aber erst einmal ist es (auch) die Dimension der Spielfläche, deren Weite und Tiefe. Und dann spielt man pro Durchgang vor annähernd 2000 Zuschauern, was auch schon ziemlich erhebend und eindrucksvoll ist. Und, wir hatten mit dem ”Kleinen Horrorladen” ja nur 11 Shows zu absolvieren. Irgendwie war das hier, um es salopp zu formulieren auf die Spielzeit hochgerechnet wie bezahlter Urlaub. Viel besser und vor allem viel zwangloser als in festen Häusern. Man lebt richtig auf.

Du kommst ja richtig ins Schwärmen…

War aber auch wirklich ‚ne tolle Zeit! Nicht so die große Tretmühle. Man fühlt sich wieder mehr als Künstler, hat wieder mehr Zeit über dieses und jenes nachzudenken. Ich bin mindestens dreimal die Woche ins Tonstudio gepilgert, sitze an der Gitarre, klemm; mich hinters Klavier und fange wieder an zu schreiben …

Heckst Du da in dieser Hinsicht vielleicht etwas Neues aus?

…ich bin wieder aktiver. Man ist nicht mehr so gebunden, wie wenn man durchgehend acht Shows in der Woche absolvieren muss.

Das Publikum hier ist auch anders?

Kann ich nicht so beurteilen. Auf jeden Fall kommen die Leute nicht in piekfeiner Abendgarderobe. Man muss ja leider immer mit Regen rechnen. Und was man wirklich sagen muss, und ich will ja den Horrorladen nicht schlecht machen, aber ”Les Misérables” hier passte dermaßen gut in das Bild der Naturkulisse, so etwas Schönes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ich habe mir die Premiere angeschaut und war einfach hin und weg. Großes Kompliment an den Regisseur und das Ensemble.

Irgendwann steht ”24601” auch auf meiner Brust

Wäre das nicht auch mal ein Stück für Dich?

Natürlich!! Jeder, der in irgendeiner Form mit dem Thema Musical befasst bzw. und vertraut ist, kennt es und ist ein Fan von Les-Mis. Und für mich ist dieser ”Jean Valjean” auf alle Fälle ein Traumpart, vielleicht nicht gerade jetzt, aber in zehn Jahren könnte es hinhauen. Natürlich, die Rolle ist ‚ne verdammt harte Nuss, die muss man sich mühsam erarbeiten. Aber wenn dann irgendwann ”24601” auf meiner Brust geschrieben steht, dann hab ich habe ich die Nuss geknackt.

Um noch mal auf Deine häufigen Besuche im Tonstudio zurück zu kommen ….

Ja, ich nehme eine Platte auf.

Welche Richtung? Wann erscheint sie? Titel?

Das ist alles noch total frei und offen. Wir probieren halt so ein bisschen rum.

Wir sind richtig kreativ. Die Zeit ist so sehr auf unserer Seite, dass wir sogar ein Big Band-Projekt vorweg planen und sogar realisieren werden

Auf dem Weg zum Mond: ”Stanke schwingt”

Was ist das denn nun schon wieder?

Das wird ein richtig toller Abend, hier wird geswingt, was das Zeug hält. Viele Jazz-Standards. Richtig durchkonzipiert mit professioneller Regie. Da brüten wir seit Monaten drüber. Also so etwas in Richtung Frank Sinatra, Robbie Williams usw. Aber das Besondere daran ist: ALLES AUF DEUTSCH! Wir übersetzten die Jazz-Standards und das gesamte Liedgut in gepflegtes Hochdeutsch! Sodass man sich nicht mehr dabei ertappen muss, Lieder im Radio mit zu singen, aber überhaupt keine Ahnung davon zu haben, worum es eigentlich geht. Der Abend wird heissen: ”Schieß mich doch zum Mond – Stanke schwingt”.

Aber das ist ja nix Festes und nix auf Dauer. Wann wird man Dich wieder in einer größeren Produktion sehen?

Die Neuinszenierung von zwei populären Stücken, in denen ich mitwirke könnte, sind da ganz heiß und aktuell im Gespräch. Beide wären zeitlich so gestaffelt, dass ich sie nacheinander realisieren könnte. Aber wie gesagt, bevor hier nichts in trockenen Tüchern ist, möchte ich dazu nichts sagen.

Genie und Ungeheuer

Na ja, etwas mehr könntest Du an dieser Stelle schon rauslassen….

Wie heißt es so schön: Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor der Petz erlegt ist. Aber gut: Ich werde im November in der Produktion ”Mozart- Das Musical” im Deutschen Theater in München die Titelrolle spielen und anschließend an gleicher Stelle das Biest in der deutsche Version von ”Die Schöne und das Biest”.

Da wind wir echt gespannt und wünschen dir schon mal viel Erfolg! Viele hatten eigentlich damit gerechnet, Dich nach Berlin auch in Stuttgart bei

den ”3 Musketieren” wieder fechten zu sehen.

Der D’Artagnan hat mir ungemein viel gebracht. Viele sagen ja auch, dass sei für mich eigentlich der große Durchbruch gewesen. Obwohl: Für mich war die erste Show von Titanic das größte Erlebnis meines Lebens. Aber die Musketiere waren für mich eigentlich bisher der wichtigste Job, in dem ich unglaublich viel gelernt habe. Nicht nur Disziplin und dass ich stimmlich achtmal die Woche Höchstleistungen erbringen musste, sondern auch, dass ich unter zehn Bekannten neun Neider und (nur) einen Freund besitze. Das unterscheiden zu können, war eine schwierige und auch harte Erfahrung.

Also waren persönliche Erfahrungen bzw. Enttäuschungen ausschlaggebend, dass Du nicht mehr weiter machen wolltest?

Keinesfalls. Ich habe D’Artagnan ungemein gern gespielt, aber ich war auch irgendwie froh, als es dann vorbei war. Nicht, weil ich das Stück nicht mag. Im Gegenteil. Es ist fantastisch und hätte mehr Beachtung verdient, als es letztlich der Fall war. Aber eine nochmalige Spielperiode in der gleichen Rolle an einem anderen Ort hätte mir persönlich nichts mehr gebracht und mir auch in meiner Entwicklung als Künstler nicht mehr weiter geholfen. Die Luft war irgendwie raus. Ich glaube, es warten noch andere, neue Herausforderungen auf mich, denen ich mich stellen muss. Ich bin ja erst 26 und will nicht auf der Stelle treten und Patina ansetzen. Ich habe einfach noch viel zu viel zu sagen – und auch zu lernen. Ich suche nach neuen Horizonten. Deshalb habe ich mich für Stuttgart auch nicht beworben, obwohl man mich eingeladen hatte.

Fan-Rummel: Man muss aufpassen, dass einem das nicht zu Kopf steigt

Fan-Rummel? Spätestens seit Titanic scheinst Du dahingehend als Objekt der Begierde ja auch eine Art Alpha-Tier zu sein. Wie geht ein junger Mensch wie Du mit einem solchen Starkult um?

Also, man muss in meinem ”Alter” und gerade dann, wenn es so richtig los geht und es einen förmlich überrollt, schon verdammt aufpassen, dass einem so etwas nicht zu Kopfe steigt. Man muss lernen zwischen Sein, Schein und Realität zu unterscheiden. Da gibt es eine erfolgreiche Produktion mit 25 Darstellern – denen auf der anderen Seite 150 bis 200 organisierte Fans gegenüber stehen. Das ist ja vielleicht auch ganz o.k. – ob nun verhältnismäßig oder nicht. Ich meine, wir alle teilen zunächst einmal ja die gleiche Leidenschaft – die für das Musical. Das ist doch klasse.

Und die Schattenseiten?

Bleiben wir zunächst bei den positiven Faktoren: Das ist das Faible für das Musical, das uns alle eint. Und dann wäre da die Resonanz, die (für uns) ungemein wichtig ist. Ich rede jetzt nicht von dem (leider meist) völlig unkritischen Feedback. Das mag zwar gewissen Eitelkeiten schmeicheln, bringt aber rein gar nix. Mir hat mal eine junge Frau in Berlin gesagt, die Rolle des D’Artagnan läge mir überhaupt nicht. Dafür sei ich überhaupt nicht der Typ. Solche Aussagen finde ich völlig in Ordnung. Das gibt mir Anlass, über mich, mein Agieren und mein Selbstverständnis nachzudenken. Und: Es schützt vor Selbstgefälligkeit. Ich meine, der Mensch und insbesondere der Künstler neigen ja zunächst einmal dazu, unangenehme Wahrheiten auszublenden, sie zu verdrängen und sich im Ruhm zu sonnen, satt sich mit Kritik auseinander zu setzen.

Und was geht Dir jetzt wirklich auf den Geist?

Also, zu Titanic-Zeiten haben Fans vor meiner Wohnung gezeltet. Das ist doch nicht normal! Oder wenn meine Handynummer auf diversen Webseiten gehandelt wird, oder ein Nachwuchs-Stalker mich jeden Tag zur gleichen Zeit anruft, ohne jemals einen Piep zu sagen. Ich finde das echt krass.

Was soll das? Wir Künstler tun unseren Job, und das meist mit Leidenschaft, weil wir dahinter stehen und wir Freude an unserem Beruf und daran empfinden, anderen auf diese Weise Freude zu machen und gute, niveauvolle Unterhaltung zu bieten. Wir verdienen unsere Brötchen damit und können uns mit Abstrichen dadurch auch selbst verwirklichen. Aber sind wir deshalb besser, wertvoller oder herausragender als solche, die Tag für Tag am Fließband ihren Lebensunterhalt verdienen?? Ich weiß, was das bedeutet. Auch ich habe während meiner dreieinhalbjährigen Chemiekanten-Ausbildung am Band gestanden.
Quelle: Jürgen Heimann

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