Rebecca, Welturaufführung im Raimundtheater, 28.9.2006

Nach zwei eher mässig erfolgreichen Weltpremieren (”Wake up”, ”Barbarella”) wagen sich die Vereinigten Bühnen Wien wieder an eine Geschichte heran, die man sich schwer als Musical vorstellen kann. ”Rebecca” nach dem gleichnamigen Buch von Daphne du Maurier ist eher ein dunkler, geheimnisvoller Roman und eben diesen mystischen Faktor hieß es nun musikalisch und technisch auf der Bühne umzusetzen. Wer wäre da nicht besser geeignet, als das Dreamteam der deutschen Musicalszene – Sylvester Levay und Michael Kunze. Nach ”Elisabeth” und ”Mozart!”, welches Stücke über existierende Persönlichkeiten waren, stand nun ”Rebecca” auf ihrem Arbeitsplan.

Michael Kunze machte den Sohn der Anfang der 80er Jahre verstorbenen Autorin in Cornwall ausfindig und versuchte ihn für sein Vorhaben zu begeistern, was letztendlich auch gelang. Die Ausarbeitung des Librettos dauerte fast zwei Jahre, die Arbeit mit Sylvester Levay an der Musik weitere zwei. Zum Team rund um ”Rebecca” gesellte sich bald die amerikanische Regisseurin Francesca Zambello und der englische Set Designer Peter J. Davison.

Rebecca, die dem Roman ihren Namen gibt, existiert im Stück gar nicht mehr. Sie starb bei einem mysteriösen Segelunfall und doch ist sie in den Mauern des Herrensitzes Manderley präsent wie eh und je und bestimmt das Schicksal einzelner Charaktere. Aber beginnen wir mit der Geschichte von vorne:

Wir befinden uns in einem noblen Hotel in Monte Carlo in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Hauptcharakter, der während des ganzen Stücks keinen eigenen Namen erhält und als ”ich” bezeichnet wird, ist als Gesellschafterin bei Mrs. van Hopper angestellt. Diese hält sich für eine Dame von Welt und ist eigentlich doch recht einsam in ihrer eigenen Welt. Mrs. van Hopper und ihre Gesellschafterin lernen im Hotel Maxim de Winter kennen. Dieser ist Besitzer des Herrenhauses Manderley, dem sein Ruf in der besseren Gesellschaft vorauseilt. Mr. de Winter findet das junge 21jährige Mädchen anziehend und auch ”ich” ist beeindruckt von dem um 20 Jahre älteren Mann. Beide verlieben sich ineinander und es folgt eine relativ rasche Heirat. Auch wenn Maxim anfangs zögert, kehrt er gemeinsam mit der neuen Mrs. de Winter in sein Haus zurück. Dort wird sie von den Bediensteten, allen voran Mrs. Danvers sehr kühl und zurückhaltend empfangen. Sie wirkt noch sehr kindlich und unbeholfen und ist nicht so eine ausnehmende Erscheinung wie Rebecca. Für Mrs. Danvers war Rebecca fast so etwas wie eine Tochter und sie will es nicht wahrhaben, dass es jetzt eine neue Frau an der Seite von Maxim gibt. Sie versucht alles und spinnt die gemeinsten Intrigen, um Maxim und seine Neue zu entzweien. Zum Glück gibt es da noch Beatrice, Maxim’s Schwester, Giles ihr Mann und Frank Crawley, der Verwalter des Anwesens – nicht alle sind der jungen Frau böse gesonnen. Auch die Angestellten im Haus müssen sich erst an die neue junge Herrin gewöhnen, was natürlich Stoff für Spekulationen gibt. Am jährlich stattfindenden Maskenball offenbart sich erst, wie dunkel die Seele von Mrs. Danvers wirklich ist. Sie hat ”ich” zu einem bestimmten Kostüm geraten, doch genau dieses trug Rebecca ein Jahr vor ihrem Tod. Maxim und die Gäste sind entsetzt. Die junge Frau den Tränen nahe, da sie ihren Liebsten doch nur überraschen wollte. Mrs. Danvers versucht ”ich” zum Selbstmord durch einen Sprung in die Tiefe zu überzeugen. Genau in dem Moment hört man ein Krachen von der Bucht her – ein Schiff ist gestrandet. Das ganze Haus ist in Aufruhr und begibt sich zum Strand. Bei der Untersuchung des Schiffes wird auch ein Segelboot auf dem Grund des Meeres gefunden – im Boot eingeschlossen eine Leiche – die Leiche Rebeccas. Maxim gerät unter Mordverdacht. Besonders Jack Favell, Rebeccas Cousin und einstiger Liebhaber, hofft auf eine Bestrafung von Maxim de Winter, da er in ihm immer einen Feind gesehen hat. Es kommt zu einer Anhörung vor Gericht. Maxim de Winter hatte damals eine falsche Frau identifiziert. Vor der drohenden Gerichtsverhandlung gesteht er seiner Frau, was damals mit Rebecca wirklich passierte. Er hatte seine erste Frau wegen ihrer Exzesse und Liebschaften nie geliebt, sie im Affekt getötet, im Inneren des Bootes eingeschlossen und es versenkt. Nach diesem Bekenntnis ändert sich der Charakter von ”ich” von Grund auf. Sie wird stärker und zeigt, allen voran Mrs. Danvers, wer nun die Herrin im Haus ist. Natürlich kommen bei der Verhandlung auch die Löcher, die sich im Boot befanden und zu dessen Untergang beitrugen, zur Sprache. Alles spricht gegen Maxim. Favell will aufgrund eines letzten Briefes von Rebecca beweisen, dass sie nie zu einem Selbstmord fähig gewesen wäre und versucht de Winter zu erpressen. Als Zeugen, der den Mord gesehen haben soll, versucht er Ben, einen Idioten, der beim Bootshaus herumstreift zu gewinnen, doch der hat nichts gesehen und nur Angst in ein Heim gesteckt zu werden. Als letzte Möglichkeit zur Lösung des Falles wird Rebeccas Kalender befragt. An ihrem Todestag suchte sie in London einen Frauenarzt auf. Favell glaubt, sie wäre von ihm schwanger gewesen und wollte ihm das mitteilen. Bei der Vernahme des Arztes kommt jedoch heraus, dass sie unheilbar krank gewesen war – sie hatte Krebs. Somit konnte ein Motiv für einen Selbstmord gefunden und Maxim entlastet werden. ”Ich” war auch in London und wird von Maxim abgeholt. Auf dem Weg zurück zu ihrem Haus bemerken sie einen unnatürlichen, hellen Schein – Manderley steht in Flammen. Die Angestellten versuchen zu retten, was zu retten ist, doch es ist zu spät. Die Vernichtung von Manderley ist vorherbestimmt. Mit ihm hat auch die letzte Stunde von Mrs. Danvers geschlagen. Sie verbrennt in dem Haus, dem sie den Untergang beschert hat. Maxim und seine Frau sind zwar heimatlos geworden, haben aber die Hoffnung auf ein ruhiges Leben zu zweit, ohne von den Schatten der Vergangenheit wieder eingeholt zu werden.

Die Inszenierung hält sich, bis auf wenige Ausnahmen, die aber nicht weiter störend wirken, sehr genau an die Romanvorlage. Das Bühnenbild von Peter J. Davison wirkt sehr beeindruckend. Egel ob die Halle des Hotels in Monte Carlo oder das Innere von Manderley mit riesigen Säulen und den zentralen, drehbaren Freitreppen. Auch die zwei Zimmer von ”ich” und der toten Rebecca haben etwas düsteres, geheimnisumwobenes an sich. Lediglich das Bootshaus ist eine Spur zu groß geraten. Beim großen Showdown am Schluss wird kräftig in die Specialeffektkiste gegriffen. Die Treppen beginnen am Geländer zu brennen, lodernde Flammen schießen empor, die Treppen bewegen sich abwärts und auch der Luster stürzt in die Tiefe. Videoprojektionen vom Herrensitz Manderley, der Hochzeitsreise durch Venedig, eines ankommenden Zuges oder aber der lodernden Flammen am Ende ergänzen die Szenen perfekt. Besonders berührend ist der Moment, nachdem die Brandruinen vom ehemals prachtvollen Manderley von der Bühne verschwinden und nur mehr ein blauer Hintergrund das Bühnenbild darstellt. Wietske und Uwe singen gemeinsam das Finale und fallen einander in die Arme.

Die Kostüme von Birgit Hutter sind einfach ohne viel Schnickschnack. Lediglich bei den Hotelgästen und am Ball darf es ein bisschen mehr sein.

Dass Sylvester Levay ein Händchen für gute Musik hat, ist hinlänglich bekannt und dementsprechend hoch waren die Erwartungen, die man in ”Rebecca” setzte. Leider gab es musikalisch nicht sehr viele Ohrwürmer. Lediglich der Titelsong ”Rebecca”, interpretiert von Susan Rigvava-Dumas, ist ein Song mit Gänsehautfaktor. Das dachte sich auch Levay, denn gleich ganze vier Mal kommt dieser Titel vor. DAS Lied des Stücks sollte nur einmal gesungen werden, da sonst der Highlighteffekt auf jeden Fall verlorengeht. Der von den VBW ausgekoppelte und von Gloria Gaynor gesungene Titel ”The power of a woman” zu deutsch ”Die Stärke einer Frau”, wird im Stück zu einem Duett von Beatrice und ”ich”. Es ist ein nettes Lied, doch im Grunde nicht das, was man erwartet hatte.

Zeitweise fühlt man sich vom grundlegenden Musikkonzept der Songs und auch teilweise der Choreographien (Denni Sayers) in ”Elisabeth”, ”Mozart!”, aber auch ”Les Miserables” hineinversetzt. Man glaubt fast, dass man mitsingen kann, wenn man die ersten Klänge von u.a. ”Du wirst niemals eine Lady” oder ”Wir sind britisch” hört, lediglich beim Text merkt man, dass es doch ein anderes Musical ist.

Eigentlich kann in einem Musical nicht genug gesungen werden – oder? Bei ”Rebecca” ist es schon fast zuviel des guten. Lange Texte, die gesprochen besser wirken, werden gesungen, was nicht immer zum Vorteil ist. Die Texte der Songs von Michael Kunze richten sich sehr stark nach dem Buch und man muss das Stück sicher öfters gesehen haben, um zumindest einen Teil mitsingen zu können.

Bei den Darstellern hat man auf altbewährte, aber auch in Österreich noch unbekanntere zurückgegriffen.

Allen voran als ”ich” die Holländerin Wietske van Tongeren. Sie gehört noch nicht zur alteingesessenen Riege der Musicaldarsteller, ist sie doch auch erst, wie ihr Rollencharakter, knapp über 20 Jahre. In Wien stand sie zuvor in ”Elisabeth” auf der Bühne, wo sie auch Cover der Hauptrolle war. Sie ist eine frische, noch unverbrauchte Künstlerin mit viel Energie und Tatendrang. Für sie ist diese Rolle sicher eine große Chance und man wird sicher noch viel von ihr hören. Anfangs ist sie das unbedarfte Mädchen, das sich in einen um viele Jahre älteren Mann verliebt. Die Wandlung in die starke, selbstsichere Frau gelang ihr am Premierenabend ansatzweise, was aber mit Sicherheit auch an der vorhandenen Nervosität lag. Die unbändige Liebe zu Maxim stellt sie hingegen glaubhaft dar. Ihre Songs, wie z.B. ”Ich hab geträumt von Manderley”, ”Zeit in einer Flasche” oder ”Heut Nacht verzauber ich die Welt” singt sie mit schöner, fast akzentfreier Stimme.

Uwe Kröger ist in dem Stück der Heimkehrer. Sowohl privat kann er jetzt wieder in Wien wohnen, als auch seine Rolle Maxim, der wieder nach Manderley zurückkommt. Auch Kröger passt von seinem Alter zu seiner Rolle und damit der Unterschied zu seiner jungen Geliebten noch deutlicher wird, hat man ihm graue Strähnen im Haar verpasst. Den zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und hergerissenen Maxim de Winter stellt er mit eindrucksvoller Mimik dar und stimmlich gibt es an diesem Abend absolut nichts auszusetzen. Er hat ein starkes Solo bei ”Gott, warum” und auch bei den Duetten ”Hilf mir durch die Nacht” und ”Jenseits der Nacht” harmoniert er sehr gut mit seiner Bühnenpartnerin Wietske.

Der böse Part der Haushälterin Mrs. Danvers hat Susan Rigvava-Dumas übernommen. Für die ebenfalls aus Holland stammende ist es die erste Rolle in Wien. Zuvor war sie in ”Phantom der Oper” und in ”Elisabeth” in Deutschland zu sehen. Kaum betritt sie als Mrs. Danvers die Bühne, umgibt sie eine geheimnisvolle, dunkle Aura. Sie ist perfekt für die, sich nach ihrer verstorbenen Herrin sehnenden Mrs. Danvers. In ihrem schwarzen Outfit wirkt sie unnahbar. Gesanglich zieht sie mit ihrer dunklen Stimme das Publikum sofort in ihren Bann. Schade, dass sie nicht verschiedenartige Titel singen darf, da ihr immer wieder der Titelsong vorgesetzt wird. Besonders beeindruckend wirkt die Szene am Schluss, in der sie als lebende Fackel über die Bühne läuft.

Die schillerndste Figur stellt zweifelsohne Carin Filipcic dar. Sie ist Mrs. van Hopper, die Arbeitgeberin von ”ich”. Ihre ersten beiden Kostüme in lila und blau gehalten sind sehr extravagant und passen zu dem etwas überdrehten Charakter. Es ist ein Vergnügen ihr zuzusehen, wie sie den verschiedenen Männern nachstellt. Auch das herrlich verdutzte Gesicht, als sie von der Hochzeit zwischen Maxim und ”ich” erfährt ist einen Lacher wert. Am meisten amüsiert sich aber das Publikum bei ihrem Auftritt als überdimensionale rosa schillernde Puppe am Maskenball. Bei ”I’m an american woman” zieht sie alle Register und vor allem die Schlussposition, wo sie als Freiheitsstatue inmitten des Ensembles steht ist eindrucksvoll.

Kerstin Ibald als Beatrice, Maxim’s Schwester, ist zeitweise die einzige Person ihres Vertrauens für ”ich”. Kerstin gibt eine burschikose, kumpelhafte, ihrem Bruder treue Schwester und überzeugt bei ihrem Solo ”Was ist nur los mit ihm?”

Marcel Meyer als ihr Mann Giles wirkt trotz Kostüm etwas zu jung. Er bringt mit seiner Tollpatschigkeit die Leute zum Schmunzeln und vor allem das witzige Duett mit Kerstin ”Die lieben Verwandten” ist eines der schnelleren Songs.

Jack Favell wird von Carsten Lepper dargestellt. Bis jetzt war er hauptsächlich in Deutschland zu sehen und hatte Rollen in ”Titanic”, ”Das Phantom der Oper” oder ”Elisabeth”. Im Roman wird dieser Charakter als schmierig beschrieben. Carsten im Nadelstreifanzug mit Schnauzbart und jeder Menge Gel in den Haaren spielt einen so richtig intriganten Verwandten, der nur auf Geld aus ist. Sein Solo hat er bei ”Eine Hand wäscht die andre Hand”.

Die etwas andere Rolle, die des geistig zurückgebliebenen Ben hat Norberto Bertassi übernommen. Er ist eine Schlüsselfigur, da vermutlich er allein (außer Maxim) weiß, was wirklich mit Rebecca passiert ist. Bertassi spielt diese Rolle mit viel Gefühl und gekonnter Mimik. Auch sein kleines Lied ”Sie’s fort” ist textlich sehr gut auf den Part abgestimmt.

Zu guter letzt gibt es da noch Frank Crawley, den Andrè Bauer verkörpert. Er ist der Hausverwalter und beste Freund Maxim’s. Obwohl Andrè mit ”Ehrlichkeit und Vertrauen” ein Lied für sich allein hat, indem er ”ich” Mut zuspricht, ist seine Rolle für den Handlungsverlauf nicht maßgeblich und wird im Hintergrund gehalten.

Das restliche Ensemble spielt gut zusammen, hat schöne Gruppenszenen und ist stimmgewaltig.

Beim Schlussapplaus tobte der Saal, doch ob dieses Stück genauso einen Siegeszug wie ”Elisabeth” antreten wird, bleibt in Frage gestellt.

Unter den Premierengästen waren u.a. zu finden: Dagmar Koller und Helmut Zilk, Carmen Nebel, Yvonne Catterfeld, Peter Weck, Harald Serafin, Albert Fortell, Alfons Haider, Daniela Ziegler, Ana Milva Gomes, Mathias Edenborn, Marika Lichter, Anne Görner…

Einige Musicalkollegen nahmen Stellung zu dem soeben gesehenen Stück:

Caroline Vasicek: ”Ich war sehr gerührt, es gab sehr schöne Bühnenbilder und die Darsteller haben es super gemacht. Ich bin noch ganz ergriffen und musste sogar am Schluss ein wenig weinen.

Boris Pfeifer: Ja, es war wirklich ergreifend, die Tränen konnte ich aber gerade noch zurückhalten.

Daniela Ziegler: Es hat mir gut gefallen. Es ist ein tolles Stück. Ich mag auch die Geschichte sehr und ich finde es gibt sehr schöne Melodien in dem Stück. Alle waren hervorragend und hatten wunderbare, tolle Stimmen. Es gibt zwar immer wieder das ein oder andere, was einem persönlich nicht so gefällt, aber im großen und ganzen ein gelungener Abend.

Ana Milva Gomes: Uwe war der Hammer. Das Bühnenbild und die Musik waren richtig richtig super. Ich war positiv überrascht. Ich hatte keine Ahnung, worum es in dem Stück geht, aber es hat mir sehr gut gefallen.

Andreas Bieber: Ich hatte einen tollen Abend. Wien hat ”sein Musical” wieder. Es ist eine interessante Geschichte, die von Levay und Kunze auch sehr gut dramaturgisch adaptiert wurde. Für mich waren auch einige hitverdächtige ”Ohrenschmäuser” dabei.
Quelle: Andrea Martin

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