Der „Starlight Express“ hat noch einmal aufgerüstet

”Greaseball” mit qualmenden Socken und ”Electra” als Feuer spuckender Sternenkrieger

Vorsicht an der Bahnsteigkante: Im Bochumer Rollschuh-Bahnhof fliegen die Funken. Mit ”brandheißen” neuen Show-Elementen haben die Produzenten das ”erfolgreichste Musical der Welt” noch einmal aufpeppt. Auch im 18. Jahr mag der rasante Dauerbrenner damit weit davon entfernt sein, Patina an zu setzen. In der Tatsache, dass die Verantwortlichen nicht müde werden, der Inszenierung dahingehend ständig neue Vitaminspritzen zu verpassen, dürfte einer der Gründe für den Langzeiterfolg zu finden sein. Aber das erklärt natürlich noch nicht alles. ”STEX” ist und bleibt ein Phänomen, das irgendwie keiner schlüssig erklären und deuten kann. Davon abgesehen: ”STEX” ist auch Kult. Wenn eine Inszenierung diesen Status für sich reklamieren kann, dann diese. Kein anderes Musical kann sich auf eine so große, über die Jahre hinweg treu gebliebene und im positiven Sinne ”fanatisierte” Fangemeinde stützen. In selbiger vereinen sich Generationen.

11 Millionen Besucher haben das spannende Eisenbahnrennen am hiesigen Stadionring seit dem ersten Startschuss anno 1988 schon verfolgt. Selbst an normalen Werktagen ist die seinerzeit eigens für diese Show errichtete und knapp 1700 Gäste fassende Starlight-Halle gefüllt. Von den hier erzielten Auslastungszahlen können andere Anbieter eigentlich nur träumen. Bislang wurden in Bochum rund 7400 Vorstellungen gefahren.

Feuriges Update

Der Rekordhalter unter den Musicalproduktionen dieser Welt scheint irgendwie ein Selbstläufer, was natürlich so nicht stimmt. Von nix kommt natürlich auch nix. Insofern war das neuerliche ”Tuning” auch nur ein weiterer Schritt in einer ganzen Kette von ”Updates”, die in den zurückliegenden Jahren sukzessive aufgespielt wurden.

Besucher der ersten Stunde, die vielleicht seitdem nicht mehr hier waren, werden das Webber-Stück deshalb auch kaum noch wieder erkennen. Grob geschätzt dürften noch 30 Prozent vom ursprünglichen Original übrig geblieben sein. Und das gilt für alle Bereiche, die Arrangements ebenso wie für die Dramaturgie, die Kulisse, die Kostüme, die Setlist, die Be- und Ausleuchtung oder die Innenarchitektur.

Circus reife Stunts

2002 beispielsweise wurden zwei zusätzliche Bahnen in die Halle eingelassen, die direkt durch die Zuschauer führen. Die spüren dann den Fahrwind unmittelbar und direkt – und müssen sich vorsehen, dass sie sich dabei keine Erkältung einfangen. Immerhin brettern die Fahrer mit bis zu 60 Stundenkilometern durch die Gegend. Dass sich die Zeiten geändert haben, lässt sich auch an der Wandlung der drei Frachtwaggons Rocky 1,2 und 3 erkennen. Die empfehlen sich inzwischen in Schlabber-Shirts als moderne Hip-Hopper. Ihr Bewegungsvokabular ist entsprechend. Als wesentliche Bereicherung hat sich die Verpflichtung von zwei Skate-Stunt-Profis erwiesen, deren spektakuläre, wahhalsige Luftnummern Abend für Abend offenen Szenenapplaus bewirken und allemal Circus reif sind. Last but not least hat der gut alte Sir Andrew seinem ”Baby” auch noch zwei neue Ohrwurm-Songs spendiert: ”Crazy” und ”Im Licht der Sterne”.

Welch eine Stromrechnung

Ins Auge stechendes optisches Herzstück der Show ist die neun Tonnen schwere, hydraulisch gesteuerte Vier-Achsen-Brücke im bzw. über dem Zentrum der 1.100 Quadratmeter großen Bühne. Ein kleines, pardon, großes Wunderwerk der Technik. Um alles richtig und angemessen in Szene setzen zu können, erhielt der Starlight Express weiland eine der aufwändigsten Beleuchtungsanlagen, die jemals in einem deutschen Theater zum Einsatz kam. 800 Scheinwerfer und 60 Farbwechser zaubern eine märchenhafte Atmosphäre. Hinzu kommen 840 in den Boden eingelassene Leuchtstofflampen sowie 24 Telescan-Scheinwerfer und zwei Laseranlagen, während 8.000 Lichtpunkte unter der Hallendecke eine Sternennacht entstehen lassen. Das alles hat natürlich seinen Preis. Angesichts der Stromrechnung, die Theaterleiter Meinolf Müller jeweils ins Haus flattert, würde sich jeder brave Familien-Vater die Kugel geben. Die Seinen verbraten pro Jahr 2.000.000 KW Strom. Ds entspricht dem Elektrizitätsverbrauch eines 3-Personen-Haushaltes in 571 Jahren.

Bis die Rollschuhe brennen

Und bei ihrem sowieso schon üppigen und opulenten Lichtdesign haben die Bochumer jetzt noch einmal drauf gesattelt. Es kommt seit neuestem noch farbenprächtiger und stimmungsvoller daher. Neue Effekte, zusätzliche Farben, Nebelkanonen und mehr Scheinwerfer sorgen für ein noch perfekteres ”Blendwerk”. Auch pyrotechnisch haben die Bahnhofvorsteher aufgerüstet – damit der sprichwörtliche Funke noch mehr überspringt. E-Lok ”Electra”, in der aktuellen Saison von dem Briten Leon Maurice-Jones verkörpert, würde nun auch im ”Krieg der Sterne” eine gute Figur machen. Entsprechend präparierte Spezialhandschuhe, in denen sich kleine Raketen verbergen, ermöglichen es, dass der Knabe bis zu vier Meter hohe Licht-Fontänen in den Hallenhimmel schickt, während Macho-Diesel ”Greaseball” (Chris Barron) zwar kein Feuer unterm Hintern, aber welches unter den Sohlen hat. Der Kerl fährt einen ziemlich heißen Reifen. Wenn er um die Kurve saust, scheinen die Rollschuh-Räder zu brennen und die Socken zu qualmen.

Immer noch auf der Pool-Position

Die Umsetzung dieses optischen eindrucksvollen und nur wenige Sekunden dauernden Effekts bedurfte intensivster Vorbereitungen und machte eine neue Staffelung und Aufstellung der übrigen, aus elf Nationen stammenden Ensemblemitglieder erforderlich. Die dürfen, ohne dass es dem Publikum zu sehr auffällt, dem brennenden Diesel nicht zu nahe kommen und müssen aus Sicherheitsgründen größeren Abstand als bisher halten. Das perfekte Timing ist auch hier alles. Aber die größte Hürde war, wir sind immerhin in Deutschland, die feuerpolizeiliche Bürokratie davon zu überzeugen, dass das Ganze eigentlich gar nicht so gefährlich ist wie es aussieht und bei etwas Vorsicht nichts passieren kann. Eben auch nicht beim großen, finalen Feuerzauber, der noch größer, leuchtender und gleißender als bislang daher kommt.

Die junge Dampf-Lok ”Rusty, der ”Schumi” unter den flinken, menschlichen Eisenbahnen, dürfte seine Pool-Position noch einige Jahre behalten. Die Publikumsreaktionen beweisen, dass das neue Konzept gezündet hat.
Quelle: Jürgen Heimann

[yasr_visitor_votes size=”small”]

  • Mit ihrer Feuerkraft  würde „Electra“, die/der in der aktuellen Spielzeit von dem Briten Leon Maurice-Jones verkörpert wird, auch im „Krieg der Sterne“ eine gute Figur machen. Zwei speziell angefertigte Handschuhe ermöglichen  es dem Künstler bis zu vier Meter hohe Funkenfontänen in den Hallenhimmel zu schleudern.
    Mit ihrer Feuerkraft würde „Electra“, die/der in der aktuellen Spielzeit von dem Briten Leon Maurice-Jones verkörpert wird, auch im „Krieg der Sterne“ eine gute Figur machen. Zwei speziell angefertigte Handschuhe ermöglichen es dem Künstler bis zu vier Meter hohe Funkenfontänen in den Hallenhimmel zu schleudern.
    © Jens Hauer
  • Da scheinen nicht nur die Socken zu qualmen: Chris Barron fährt einen heißen Reifen. Wenn „Greaseball“ sich in die Kurve legt, brennen die Rollschuhe.
    Da scheinen nicht nur die Socken zu qualmen: Chris Barron fährt einen heißen Reifen. Wenn „Greaseball“ sich in die Kurve legt, brennen die Rollschuhe.
    © Jens Hauer

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!