Musical Gala Tecklenburg

Der Freilichtbühne Tecklenburg glückte wieder ein furioser Einstieg in die neue Saison

Pfingst-Gala mit achtTop-Künstlern geriet zum rasanten Musical-Fest

Am 30. Juni Premiere der ersten Open-Air-Insenierung von ”Jekyll & Hyde”(”Miami Nights” als zweites Stück

Wenn das Hauptgericht genau so lecker ausfällt wie die Hors d’œuvres, wird’s ein Festmahl! Mit ihrer jeweils den Saisonstart markierenden Pfingst-Gala haben die Tecklenburger in diesem Jahr ihren Anspruch, die Nr. 1 unter den deutschen Freilichtbühnen zu sein, noch einmal unterstrichen. Die dreieinhalbstündige, mit vielen hörens- und sehenswerten Schmankerln gewürzte Show war traditionell als Appetitanreger für kommende Musical-Freuden konzipiert. Insofern darf man auf die weiteren Menügänge gespannt sein. Her Ober! Noch ‚ne Runde! Die mehr als 2000 Gäste im ausverkauften, überwiegend von einem Dach geschützten Auditorium erlebten einen trockenen Abend, zumindest was die befürchteten, aber dann doch ausgebliebenen Segnungen von oben anbelangte. Inhaltlich war die Veranstaltung alles andere als trocken. Der im weiten Umland vorherrschenden, ungemütlich-feuchten Wetter-Tristesse hielten die bestens disponierten Akteure auf der Bühne eine ebenso schwungvolle, wie lustige und niveauvolle Song- und Gag-Parade entgegen. Und da kam Freude auf.

Freilichtspiel-Intendant Radulf Beuleke hatte im malerischen Theater auf der Burg eine erlauchte Riege populärer Musical-Stars aufgeboten, wobei die meisten von ihnen zu den Solisten der beiden in diesem Jahr anstehenden Stücke, ”Jekyll & Hyde und ”Miami Nights”, zählten und somit Werbung in eigener Sache machten. Acht herausragende Top-Künstler der deutschen Musiktheater-Szene gaben sich hier das Mikro in die Hand: Karin Seyfried, Jessica Kessler, Rachel Marschall, Patrick Stanke, Serkan Kaya, Chris Murray, Adrian Becker und Sascha Krebs. Eine prickelnde Konstellation. Hinsichtlich der personellen Besetzung dürften da keine Wünsche offen geblieben sein. Dabei heraus kam ein zum Finale hin von einem kleinen Feuerwerk gekröntes Melodiefest, das getreu dem Motto ”Musical meets Pop” wieder eine bekömmliche Melange beider Genres beinhaltete. War der erste Teil reinrassigen Musicalmelodien vorbehalten, wobei sich der Bogen von ”Aida” über ”Rent”, ”3 Musketiere” und ”Chess” bis hin zu ”We will rock You”, ”Scarlet Pimpernel” und ”Elisabeth von Thüringen” spannte, dominierten nach der Halbzeit Rock, Blues, Soul und Pop. Da ließen ACDC, die Pointer Sisters, Falco, Maria Carey und Melissa Etheridge grüßen.

Mit dem ”König von Mallorca” immer auf der sicheren Seite

Klangvolle Rückendeckung erhielt die Künstlerriege durch Klaus Hillebrecht und seine exzellente, siebenköpfige Gala-Band. Der ”König von Mallorca” zeichnet auch in der aktuellen Spielzeit wieder als Musikalischer Leiter verantwortlich und fährt dabei massives Geschütz auf. Allein für die Operation ”Jekyll-& Hyde” hat der ”Haus- und Hofkapellmeister von Tecklenburg” ein 37 Köpfe starkes Orchester aufgeboten. Wenn man in Relation setzt, dass bei der letzten Long-Run-Ausgabe dieses Wildhorn-Hits am Kölner Rheinufer gerade mal acht Instrumentalisten für den guten Ton zu sorgen hatten, wird offenbar, mit welchen Ambitionen die Tecklenburger an die Umsetzung dieses ehrgeizigen Projekts gehen.

”Les Misérables” im vergangenen Jahr geriet ihnen zum Triumph, obwohl im Vorfeld nicht wenige geunkt hatten, eine solche Inszenierung ließe sich Open-Air gar nicht adäquat auf die Bühne bringen. Und wie! Der Erfolg gab den Münsterländern aber Recht und belehrte alle Zweifler eines Besseren. Die Produktion wurde die erfolgreichste in der Geschichte der Freilichtbühne. Dass sie, obwohl nur wenige Wochen dauernd, auch bei der Leserwahl von Da Capo auf Rang 1 landete und doppelt so viele Stimmen einfuhr wie beispielsweise die Langläufer Mama Mia von Stuttgart und Hamburg zusammen, spricht Bände und ist allemal beachtlich. Den entsprechenden Award verlieh Da Capo-Chefredakteur Jörg Beese Pfingstmontag an Ort und Stelle (siehe gesonderten Bericht auf dieser Seite).

Gespannt auf Patrick Stanke

Henry Jekyll und sein Alter Ego Edward Hyde dürften in dieser Hinsicht auch noch für ein paar Überraschungen gut sein. Dafür mag nicht zuletzt der Name Patrick Stanke bürgen, der für diese anspruchsvolle Doppelrolle verpflichtet wurde. Der gebürtige Wuppertaler zählt zu den hoffnungsvollsten und talentiertesten Newcomer-Talenten der deutschsprachigen Musical-Szene. Nach seinem Tecklenburg-Debüt im vergangenen Jahr als sadistischer Zahnklempner .im ”Kleinen Horrorladen” stand für die Hausherren fest, der oder keiner! Und diese Entscheidung war wohl durchdacht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil durch die Verpflichtung eines J&H-Neulings der Spannungsgrad wesentlich höher angesiedelt ist, als dies der Fall gewesen wäre, hätte man den Job einem in dieser Rolle bereits erprobten Künstler anvertraut. Der Druck, der auf den breiten Schultern des ehemaligen Chemielaboranten lastet, ist natürlich hoch, aber der Bub wird das Kind schon schaukeln. Entsprechende Kost- bzw. Hörproben (”Dies ist die Stunde”), die Stanke ablieferte, lassen einiges erwarten. Der offizielle Probenstart für Hyde erfolgte übrigens am der Pfingstgala folgenden Morgen.

Salsa-Orgie mit Karin Seyfried und Sean Gerard

Mit von der blutrünstigen Partie, wenn auch mehr in der Opferrolle als Jekyll-Verlobte ”Lisa”, ist auch Karin Seyfried. Die bezaubernde Österreicherin empfahl sich als Tecklenburg-Debütantin und hatte das Publikum im Handumdrehen erobert. Mit ”Mylady ist zurück” aus ”3 Musketiere” glückte der Stuttgarter Ex-Kaiserin gleich ein furioser Einstand, um in Folge mit ”Flashdance” (”What a Feeling”) elegant die Kurve zu ihrer zweiten Tecklenburger Baustelle zu nehmen. Karin Seyfried, trägt in der diesjährigen Tecklenburger Zweit-Inszenierung ”Miami Nights” die weibliche Hauptrolle. Als Laura Gomez. war ihr in der Welturaufführung des rasanten und mit vielen unsterblichen Hits der 80er- Jahre gewürzten Tanzspektakels im Düsseldorfer Capitol-Theater der große Durchbruch gelungen. Daselbst hatte sie weiland ihren späteren Mann Sean Gerard kennen, der dort den männlichen Hauptpart spielte. Dass beide nicht nur privat, sondern nun auch beruflich vereint sind, mag Zufall sein oder nicht. Gerard riskiert in Tecklenburg als männlicher Held Jimmie Miller eine flotte Sohle und macht die norddeutschen ”Miami Nights” zum Tage.

”Roy Fire” gehört in dieser Salsa-Orgie ebenfalls zu den exponierten Figuren. Und da dürfte Adrian Becker zweifellos der richtige Mann am richtigen Ort sein. Ein glänzender Entertainer mit dem Hang zur Travestie, der seit vielen Jahren auf den Bühnen Deutschlands konstant gute Leistungen zeigt und nebenbei ein begnadetes Komödiantentalent ist. Becker, der nach seiner Berliner Casanova-Einlage zur Zeit bei ”La Cage aux Folles” in Koblenz glänzende Kritiken einfährt, verwandelt jede Bühne, wenn man ihn lässt, in ein Tollhaus. Und das liegt nicht nur an seinem losen Mundwerk und den teils frivolen Moderationstexten. In Tecklenburg bewies dieser temperamentvolle Paradiesvogel ”Sinn für Stil” und hatte mit diesem eigentlich der Prinzessin Amneris zustehenden Aida-Ohrwurm die geballte Lacherfront auf seiner Seite. Da blieb kein Auge trocken….

Die erste Garnitur aus dem Ga-Ga-Land

Dem ein oder anderen Besucher mag sich der Eindruck aufgedrängt haben, ”We will rock you” sei heimlicher Pate dieser Gala-Show gewesen. Nicht nur, dass ”Radio Ga-Ga” zum Auftakt auf Sendung ging und sich mit Alex Melcher, Vera Bolten und Martin Berger die erste Garnitur des rheinischen Globalsoft-Planeten unter die Gäste gemischt hatten: Auf der Bühne agierten neben Rachel Marschall, einer weiteren stimmstarken Vertreterin der Kölner Produktion, auch die beiden Protagonisten des Schweizer WWRY-Ablegers, Serkan Kaya und Jessica Kessler. Die beiden sympathischen Künstler haben in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Karrieresprung hingelegt, und das kam nicht von ungefähr, wie sie in Tecklenburg bewiesen. Die ehemalige Eisprinzessin aus Duisburg war zwar arg erkältet, ließ sich das aber nicht anmerken. Ihr ”Whistle down the Wind” und ihr ”Nur sein Blick” im Duett mit Karin Seyfried waren von eindrucksvoller, bestechender Reinheit und zugleich ein Beleg für die Weiterentwickung ihres stimmlichen Reifegrads. Der ”Türke aus Essen” hingegen gehört auch zu jenen, denen man ob ihrer vokalen und schauspielerischen Bandbreite eigentlich jede Rolle anvertrauen kann. Darüber hinaus blitzt da immer wieder eine quirlige Komikerseele durch, wobei aber auch tragisch-ernste Passagen wie beispielsweise sein fulminantes ”On Song Glory” (”Rent”) bei ihm gut aufgehoben sind. Im Verein mit Sascha Krebs, der in Tecklenburg quasi schon zum Inventar gehört und auf dieser Bühne groß geworden ist, lutschte er so manches situationskomische Bonbon. Den Anmoderationen der Beiden verdankte die Veranstaltung sicherlich auch einen Teil ihres kurzweiligen, lustigen Charakters.

Chris Muray – ein vokales Kraftpaket

Als Vokalist punktete Krebs vor allem mit Pitty the Child” aus Chess, während sein Meat Loaf-Song ”It’s all coming back” zusammen mit Jessica Kessler sicherlich zu den herausragenden Passagen des Abends gehörte. Apropos herausragend: Da wäre noch ein vokales Kraftpaket zu nennen, dem man zunächst gar nicht ansieht, wie viel PS es in der Kehle hat: Chris Murray. Als Valjean hatte er bei der weltweit ersten Freiluftaufführung von ”Les Misérables” im vergangenen Jahr das Publikum hingerissen. Motto: Er kam, sang und siegte! Ein Platz im deutschen Musical-Olymp ist dem gebürtigen Braunschweiger sowieso schon sicher. Wie viel Potential in diesem Mann steckt, darf er ab 7.Juli in Eisenach ein weiteres Mal beweisen. Und er freut sich schon drauf. Murray wird dort in dem neuen Musical ”Elisabeth – der verhängnisvolle Traum von Liebe” die ihm auf den Leib geschriebene Rolle des Konrad von Marburg übernehmen. Was als solchem von ihm zu erwarten ist, Murray lieferte in Tecklenburg einen kleinen Vorgeschmack darauf. Eine grandiose, packende Performance – und die weltweit erste Live-Präsentation eines Songs aus diesem neuen Musical obendrein. Das wird interessant!

Lärmschutz kostet viel Geld

Obwohl die Erfolgskurve der Tecklenburger in den vergangenen Jahren konstant nach oben weist, ganz sorgenfrei ist die Situation für Deutschlands größte Freilichtbühne, die sich inzwischen locker mit den etablierten, festen Musentempeln der Republik messen kann, nicht. Grund: Nicht alle Einwohner des Städtchens, das ja in großem Ausmaß von den Aktivitäten der Bühnen profitiert, um nicht zu sagen von ihr lebt, sind ihr wohl gesonnen. So gibt es seit Jahren von einigen wenigen Anliegern massive Beschwerden über Geräuschbelästigung durch den Theaterbetrieb. Deshalb werden die Betreiber um entsprechende und kostspielige Lärmschutzmaßnahmen wohl nicht herum kommen, wollen sie nicht Auflagen riskieren, die den Bühnenbetrieb quasi zum Erliegen bringen könnten. Das reißt ins Geld, zumal das Ganze auch Denkmalschutz-kompatibel erfolgen muss. Insofern kam der über 10.000 EURO ausgestellte Scheck, den der Förderverein im Rahmen der Pfingstgalle an den Intendanten überreichte, gerade Recht, auch wenn das zunächst ein Tropfen auf den heißen Stein ist. .Da werden Radulf Beuleke und die Seinen künftig noch mit spitzerem Stift als bislang rechnen müssen, zumal sie, im Gegensatz zu den öffentlichen, staatlich geförderten Häusern, ohne nennenswerte Zuschüsse wirtschaften müssen. Dennoch wird man an der selbst formulierten Vorgabe, hochklassiges Musiktheater zu sozialen Preisen zu bieten, nicht rütteln. An keiner anderen Spielstätte in Deutschland ist das entsprechende Preis-Leistungs-Verhältnis so gesund wie in Tecklenburg. Wo sonst bekommt der Besucher für, wie in diesem Jahr bei Jekyll oder Miami Nights, zwischen 22 und 32 EUR ein Hochglanzstück geboten, für das er in festen Häusern bei annähernder (oder sogar geringerer) Qualität das Drei- oder sogar Vierfache berappen müsste? Siehe als direkten Vergleich die aktuelle Tour ”Best of Musical”. Da ist der preisliche Unterschied ähnlich gravierend. Und wer wäre so vermessen zu behaupten, das Spektakel der Stage Entertainment sei auch dreimal besser?? Niemals!

Dem Sheriff von Nottingham den Stinkfinger gezeigt

”Jekyll & Hyde”, das ebenfalls noch nie zuvor als Freilichtinszenierung gespielt wurde, hat am 30. Juni Premiere. Insgesamt 20 Mal wird der unter dem Einfluß des Elixiers ”jh7” zum Monster mutierte Doktor meuchelnd durch London ziehen. Von der Salsa-Orgie ”Miami Nights” stehen 14 Vorstellungen auf dem Spielplan. Premiere: 27. Juli. Und weil aller guten Dinge drei sind, bietet die Bühne dieses Jahr auch für ihre jüngeren Freunde wieder ein Kindermusical: Robin Hood. Dem Sheriff von Nottingham hat der Rebell aus dem Sherwood Forrest am Pfingstsonntag erstmals den Stinkefinger gezeigt. Das wird er in Folge noch 29 weitere Male tun. Die Musik stammt übrigens wieder aus der Feder von Klaus Hillebrecht.
Quelle: Jürgen Heimann

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