Bad Hersfeld auf den Barrikaden: Ganz ohne Musical geht es doch nicht

In der Stiftsruine weht die Trikolore :„Les Misérables“ beschert den Festspielen wieder volle Ränge

Die dortigen Freilichtspiele hatten ”Les-Mis” bereits im vergangenen Jahr auf den Spielplan gesetzt und mit der deutschlandweit ersten Open-Air-Version dieses durchkomponierten Revolutionsdramas den größten Erfolg in ihrer Geschichte gelandet. Und an diesem Beispiel werden und müssen sich die Hersfelder messen lassen, ob es ihnen nun passt oder nicht.

Keine Experimente

Indes: Mit der romanischen Stiftsruine verfügen sie über die imposanteste und eindrucksvollste Spielstätte in Deutschland. Durch eine geschickte Ausnutzung und Einbindung dieser historischen Kulisse in den jeweiligen Handlungsverlauf kann jedes Stück nur gewinnen. Genügend Beispiele dafür gibt es aus der Vergangenheit. Insofern durfte man sich auch mit den ”Elenden” von Anfang an auf einer sicheren Seite wähnen, zumal Regisseur Helmuth Lohner, von Hause aus ja eher dem Opern- und Operettenfach zugetan, nicht zu Experimentierfreude neigte. Eine solche hätte dem Projekt an dieser Stätte wohl auch kaum gut zu Gesicht gestanden.

Althergebrachtes solide inszeniert

Lohner orientiert sich am Althergebrachten und folgt dem (weltweit) bewährten Muster Cameron Mcintoshs. Insofern durfte man keine spektakulären, innovativen Neuerungen erwarten – was wohl auch ernsthaft niemand getan hat. Freilich war ein nicht unerhebliches Zugeständnis an die örtlichen Gegebenheiten zwingend: Da der Zuschauerbereich der Stiftsruine nur über einen einzigen Publikumszugang verfügt, ist eine Zweiteilung mit Pause von vornherein obsolet. Es würde viel zu lange dauern, bis die Leute zur ersten Halbzeit das Auditorium verlassen und, Vice versa, anschließend wieder ihre Plätze eingenommen hätten. Also muss das Ganze durchgespielt werden. Drei Stunden, so lange dauert Les-Mis im Original, mochte man da den Besuchern an einem Stück aber nicht zumuten. Also wurde der Rotstift angesetzt und gekürzt. Das allerdings mit Bedacht und so, dass es in den meisten Fällen gar nicht auffiel. Dabei heraus kam dann eine Aufführung von rund zwei Stunden und 20 Minuten Dauer. Dadurch wirkte das Stück kompakter, ohne dass dies den dramaturgischen Ablauf negativ beeinflusste. Etwas weh tat da freilich dem Gewohnheitsfanatiker das üble Zusammenstauchen von Valjeans ”Wer bin ich”.

Olegg Vynnyk rettete die Saison

Apropos: Ursprünglich hatte sich ja der norwegische Publikumsliebling Yngve Gasoy-Romdal die Sträflingsnummer ”24601” auf die Brust tätowieren lassen sollen, doch musste der Skandinavier, der in Bad Hersfeld nach seinen bejubelten Einlagen als ”Jesus Christ” und ”Camelot” schon so etwas wie Heimvorteil genießt, krankheitsbedingt die Segel streichen, und das ausgerechnet während der heißen Phase der Proben knapp vier Wochen vor der Premiere. Da war guter Rat teuer. In Olegg Vynnyk fand sich auf die Schnelle adäquater Ersatz. Der sympathische Ukrainer ist aus dem Holz, aus dem man Musical-Stars schnitzt. Nicht erst seit Stuttgart, wo er in ”Elisabeth” als Tod brillierte, zählt er zu den Schwergewichten der Szene. Als Valjean hatte sich der blonde Recke bereits in Berlin Meriten verdient, eine Rolle, die er in Folge auch in St. Gallen spielte. Insofern konnten die Hersfelder mit seiner Verpflichtung nichts verkehrt machen, zumal ihnen die Zeit davonlief und hier jemand war, der diesen Part bereits aus dem Eff-Eff beherrschte. Mag auch stellenweise zuviel an Routine bei ihm zu spüren gewesen sein, ob seines intensiven, ausdrucksstarken Spiels, die schrittweise Wandlung vom kraftstrotzenden, hungrigen Sträfling hin zum todgeweihten Greis eingeschlossen, und seiner sowohl kraftvollen, als auch gerade in den leisen Passagen nuancierten Stimme hatte der Künstler von Anfang an beim Publikum einen dicken Stein im Brett.

Ein Bulle wie aus dem Bilderbuch

Als personeller Glücksgriff entpuppte sich das Engagement Norbert Lamlas als fanatischer Law & Order-Bulle Javert. Ein Inspektor wie aus dem Bilderbuch: Gnadenlos, rigoros, militant-obrigkeitshörig, würdevoll, glaubwürdig und bis in den (Frei-)Tod hinein konsequent. Und stimmlich sowieso über jeden Zweifel erhaben. Barbara Köhler macht als Fantine das kongeniale Dreiergespann komplett. Ihr ”Ich hab’ geträumt vor langer Zeit” dürfte in diesem Rahmen nicht zu toppen sein.

So ‚ne Wirtschaft!

Einen eher durchwachsenen Eindruck hinterließen hingegen die ”Thénardiers”. Die korrupten, geldgierigen Kneipiers, in dem Stück (auch) für die wenigen komischen Einschübe zuständig, wollten irgendwie nicht so richtig in die ansonsten geschlossene Ensembleleistung hineinpassen. Und das lag nicht unbedingt an Sanni Luis, die als Frau Wirtin durchaus einen guten Job hinlegte. Ihr ”Göttergatte” (Heinz Kloss) wirkte hingegen hölzern, gekünstelt und immer etwas deplaziert. Das ”Herr im Haus”, normalerweise der Showstopper schlechthin, geriet zum müden Ringelpietz, woran wohl auch die Orchesterführung nicht ganz unschuldig gewesen sein mag. Das klang alles viel zu verhalten, zu leise und zu langsam. Da fehlte, ganz einfach das berühmte ”i”-Tüpfelchen. Als ob ein Auto nur auf zwei Zylindern stottern würde. Ansonsten freilich vermochten die 25 exzellenten Musiker unter der bewährten Stabführung von Christoph Wohlleben der komplexen-schönen Partitur Claude-Michel Schönbergs in jeder Hinsicht zu entsprechen.

Eponine als Lady

Janina Goy zählte als Eponine zu den angenehmen Überraschungen der Inszenierung, von ihrem Spiel her gesehen, aber gerade auch deshalb, weil die Rolle so ganz anders ausgelegt war, als in allen anderen Vorgängerproduktionen. Eponine ist keine schmuddelige Diebin, sondern eine elegante junge Dame in sauberen, schicken Kleidern. Weiß der Teufel, warum sich dieser liebestolle Marius (Patrick Schenk) ausgerechnet in die doch viel unscheinbarere und blassere Cosette (Eva Aasgaard) verguckt hat. Janina Goys ”Nur für mich” geriet in seiner Eindringlichkeit und unerfüllten Sehnsucht zum Highlight der Aufführung. Das ”Dunkle Schweigen an den Tischen”, auf einer spärlich möblierten Seitenbühne platziert, hat man andernorts allerdings schon intensiver und bewegender erlebt, zumal die Geister der im Barrikadenkampf getöteten Mitstreiter von Marius nicht erscheinen.

Verschenktes ”Volkslied”

Verschenkt hat der Regisseur auch das ”Lied des Volkes”. Selbiges ist ja eigentlich als fulminante Massenszene ausgelegt. Warum man da nur die Hälfte des Ensembles aufmarschieren ließ, wo man doch, auch Dank der Verstärkung durch einen örtlichen Chor, über genügend Ressourcen verfügte, wissen die Götter. Auch bei den anderen Chorstücken hätte man es sich gewünscht, wenn die Mikros der Sänger mehr und vor allem sekundengenauer hochgefahren worden wären. Das hätte allemal mehr Eindruck hervorgerufen, als es die imposante und gelungene, aus Möbelversatzstücken zusammen geschreinerte Barrikade vermochte, die um so wuchtiger wirkte, als sie im nach hinten ansteigenden Bühnensegment errichtet wurde.

Neben dem kämpferischen Studentenanführer Enjorlas (Ivar Helgason), der mit intensivem Spiel und starker Stimme auftrumpft, präsentiert sich auch Antje Eckermann gesanglich in guter Form. Allerdings stellt sich hier die Frage, warum man die Knabenrolle des Gavroche ausgerechnet einer erwachsenen Frau andienen musste.

In Hersfeld immer eine Augenweide ist das Lichtdesign, das stets wohldosiert und nie überladen wirkt. Erst durch diese Zurückhaltung im Zusammenspiel mit dem natürlichen Ablauf der einsetzenden Dämmerung kann die prächtige Stiftsruine ihren ganzen Zauber entfalten, was beispielsweise in der Kanalisationsszene oder bei Javerts Selbstmord offenkundig wird. Und das gilt samt und sonders auch für das Bühnenbild (Paul Lerchbaumer).

Fazit: Eine sehenswerte, ordentliche und von einem hervorragenden Ensemble getragene Inszenierung ohne große Überraschungen. Der berühmte Aha-Effekt bleibt zwar aus, aber man vermisst andererseits auch nichts. ”Les Misérables wird in Bad Hersfeld noch bis zum 5. August gespielt. Vorstellungsbeginn ist jeweils um 21 Uhr.
Quelle: Jürgen Heimann

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