C’est la vie, Stockerau Open Air Festival 2007

Das Stockerauer Open Air Festival feierte dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum. Zu diesem konnte es mit der bisher fünften Uraufführung aufwarten. ”C’est la vie” hatte sich als Grundlage dem Schicksal der Johanna von Orléans oder auch Jeanne d’Arc angenommen. Leider erinnerte einzig und allein der Name, den man der Hauptfigur gegeben hatte – Jeanne Romée – an die Vorlage. Die am 28.7.2007 besuchte Vorstellung war nicht so gut besucht, wie man sonst von Stockerau gewöhnt ist. Den Besuchern war das Glück trotzdem hold, denn das Wetter hatte ein Einsehen und ließ lediglich einen etwas stärkeren Wind über die Bühne wehen, vom Regen blieb dieser Abend verschont.

Zur Geschichte:

MA VIE ist der Name eines französischen Mineralwassers. Da der Absatz rückläufig ist, hat sich Präsident Lionel Mazarin (Alfons Haider) etwas Besonderes einfallen lassen. In einer Castingshow, von Leon Coupon (Jörg Stelling) moderiert, soll die ”Unschuld des Landes”, eine jungfräuliche Schönheit mit Stil und Charme gefunden werden, die das Mineralwasser repräsentieren soll. Isabeau Romée (Heidelinde Pfaffenbichler) hat ihre Schwester Jeanne (Caroline Frank) ohne deren Wissen zu dem Casting angemeldet. Diese ist zu Beginn alles andere als überzeugt, die richtige für dieses Projekt zu sein, doch wie es der Zufall will, wird sie die ”glückliche” Siegerin. Schnell wird sie mittels Auftritten in der Öffentlichkeit zu einem Star und Vorbild für die jungen Leute gemacht., das sie gar nicht sein möchte. In den USA lauert ein anderer Getränkehersteller – TEXA Cola – und ist dem französischen Mineralwasser seinen Erfolg neidig. Chef des Konzerns ist Mr. Bottlebottom (Jörg Stelling), der als Wunderwaffe Wonderlisa Price (Asha Chincery Lindsay) ins Rennen schickt. Price singt, sieht sexy aus und zieht durch einen Hauch von Verruchtheit die Massen an. Jeanne möchte jedoch auch einen Nutzen für die Menschheit aus ihrer Popularität ziehen und Gutes tun. Raymond (Christian Petru), ein Angestellter der Firma, der von Kopf bis Fuss in sie verliebt ist, unterstützt sie. Zwischenzeitlich hat der TEXA Cola Boss gemerkt, dass man sich einen Feind nur zum Freund machen kann, wenn man mit ihm gemeinsame Sache macht. Es gelingt Mr. Bottlebottom Mazarin für sich zu gewinnen. Lionel weiß jedoch, dass Jeanne nach einer Übernahme durch TEXA Cola nicht mehr mitmachen würde. Der Deal soll aber nur dann zustandekommen, wenn Jeanne in Zukunft gemeinsame Auftritte mit Wonderlisa Price absolviert. Um Jeanne zu einer weiteren Zusammenarbeit zu zwingen, werden sie und Raymond von Lionel und Isabeau mit Schlaftabletten gefügig gemacht und Fotos von beiden in eindeutigen Positionen geschossen (Jeanne’s Vertrag verbietet jeglichen Kontakt mit Männern). Jeanne unterschreibt ihr Schicksal und verlängert ihren Vertrag. Bei einer großen Präsentation sollen Jeanne und Wonderlisa Price, die Gesichter von MA VIE und TEXA Cola der Öffentlichkeit präsentiert werden. Jeanne erscheint nicht, dafür ihre Schwester, die den Tod ihrer Schwester mit Tränen in den Augen verkündet. Sehr traurig sind sie aber nicht lange, da sie schon über die Vermarktung der Toten nachdenken. Nur Lionel ist geknickt und tief betroffen und entschuldigt sich im Geist bei ihr für das, was er ihr angetan hat. Plötzlich erscheinen Raymond und Jeanne. Sie lebt. Sie hat die Welt der Medien ausgetrickst und ihren Tod vorgetäuscht, damit sie mit Raymond gemeinsam ein neues Leben beginnen kann.

Viel hat diese abenteuerliche Geschichte, mit dem etwas seltsamen Ende, wirklich nicht mit dem Schicksal der Jungfrau von Orléans gemeinsam, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese im Jahr 1431 lebendig verbrannt wurde. Aber natürlich kann man bei einem, eigentlich farbenprächtigen und witzigen Stück niemanden sterben lassen. Die Bühne ist in blau, weiß und rot gehalten – wohlgemerkt die Farben der französischen Nationalflagge – und bietet den Darstellern viele Möglichkeiten, um seitlich und von hinten zu erscheinen. Teile der verwendeten Kulisse wie z.B. ein stehendes Bett, das mit Geldscheinen bedeckt ist, in denen Haider badet und nackte Haut blitzen lässt oder eine übergroße Coladose, aus der Lindsey ihren großen Auftritt hat, waren echte Hingucker. Ebenfalls gelungen war die Darstellung der Charityreise Jeanne’s. Michael Bernhard war hier in ein Banner eingewickelt, dass beim Abrollen die einzelnen Stationen der Reis, darstellte. Von Stockerau ging es nach Russland, Indien und sogar in den Dschungel. Terry Chladt als dick eingepackter Russe mit Wodkaflasche, Alexander Moitzi als Inder mit Turban und weißem Wickelhöschen à la Sumoringer und Asha Lindsey als Dschungelqueen sorgen, wenn sie ihren kurzen Auftritt haben, für Lacher. Eine der witzigsten Szenen war aber mit Sicherheit die Darstellung der Heirat von Jeanne und Raymond in einer Art Traumsequenz. Haider spielte den Geistlichen, der die beiden traute (als Anspielung auf ”die Dornenvögel” Produktion 2008) und war beim Brautstraußwurf der ”glückliche” Fänger – was gab es da für einen herrlich entsetzten Gesichtsausdruck von Haider zu sehen. Etwas seltsam wirkte hingegen die Umsetzung des Songs ”Europa”, in dem die Situation von TEXA Cola diskutiert und nach einer Geheimwaffe gegen MA VIE gesucht wird. Die Nummer wirkt zu schrill und warum alle als Blues Brothers auftreten mussten ist auch fraglich. Aus textlicher Sicht sind schon fast zuviele Reime in den Songs (Buch & Liedtexte Prof. Peter Orthofer, Bearbeitung: Alexander Kuchinka) und auch die Musik bleibt leider nicht im Ohr hängen. Lediglich das englische ”Drink me”, der Werbesong für TEXA Cola hat etwas, aber vermutlich nur dank einer stimmgewaltigen Asha C. Lindsey. Besonders erwähnenswert ist aber das informative, qualitativ hochwertige Programm (EUR 3,50), dass sich jeder Theaterbesucher auch leisten kann, ohne nachher ein Loch in seiner Geldbörse zu haben.

Die Darsteller:

Alfons Haider – Lionel Mazarin:

Haider mit aufgemaltem, spitzen Koteletten und falschem Augenbrauenpiercing gibt den machtgierigen und selbstsüchtigen Chef von MA VIE sehr überzeugend. Besonders sein teuflischer Lacher bei ”Ich bin” bringt die Girls vom Ensemble reihenweise zum Umfallen. Gesanglich haben leider beide Hauptdarsteller, sowohl Haider als auch Frank mit den Liedern zu kämpfen, was sich vor allem beim gemeinsamen Duett ”Der eigene Roman” bemerkbar macht. In dieser Szene werden auch Anspielungen auf Titanic (die typische Stellung am Schiff) und die Adoptionsleidenschaft gewisser Prominenter (Haider: ”wir wollen ein Baby aus Afrika adoptieren”) gemacht.

Caroline Frank – Jeanne Romée:

Jeanne’s Charakter war eigentlich so angelegt, dass sie am Anfang unsicher und schüchtern rüberkommen und sich mit der Zeit verändern hätte sollen. Im Laufe der Zeit hätte sie an persönlicher Stärke gewinnen sollen und merken, dass sie mit ihrem Bekanntheitsgrad auch etwas Gutes tun kann. Leider geht diese Entwicklung komplett unter. Jeanne wird von Anfang an sehr abgeklärt und vernünftig dargestellt und man fragt sich, warum sie eigentlich nicht das falsche Spiel von Lionel, der ihr seine Liebe vorspielt, durchschaut. Das jungfräuliche nimmt man Frank nicht wirklich ab, auch wenn sie die meiste Zeit in weißen Outfits auftritt. Stimmlich hat Frank große Probleme, vor allem die Töne in den höheren Lagen liegen ihr nicht.

Heidelinde Pfaffenbichler – Isabeau Romée:

Pfaffenbichler gibt die selbstbewusste, geschäftstüchtige, toughe Schwester von Jeanne. In ihrem Nadelstreifkostüm mit dicker Brille wirkt sie fast wie eine Sekretärin. Bei ihrem Solo ”Typisch Isabeau” darf sie dann zeigen, was für eine Power in ihr steckt. Sie streift ihr Kostüm ab und hat darunter ein blaues Kleid mit vielen Schlitzen versteckt. Was Frank etwas von den Tönen her zu leise ist, ist Pfaffenbichler fast eine Spur zu laut, was leider die Qualität des Songs beeinträchtigt.

Jörg Stelling – Leon Coupon, Mr. Bottlebottom

Stelling ist in einer Doppelrolle, der des Moderators des Castings und als Chef von TEXA Cola zu sehen. Als Coupon ist er ein toller Anheizer des Publikums, das bei einem Daumen in der Höhe klatschen muss und bei beiden Daumen in der Höhe johlen, toben und trampeln soll. Als Chef der Getränkefirma hat er einen schönen amerikanischen Akzent und darf bei ”Europa” zeigen, was in ihm steckt.

Christian Petru – Raymond:

Raymond arbeitet unter Mazarin und wurde Jeanne als Stütze zur Seite gestellt. Das oftmalige Beisammensein der beiden löst in Raymond Liebesgefühle aus, die Petru gut vermittelt. Schüchtern versucht er sich immer wieder an Jeanne heranzutasten, doch immer wenn er ihr seine Gefühle gestehen will, verlässt ihn der Mut, vor allem, da ihn Jeanne nur als guten Freund sieht. Petru singt sein ”Verliebt” mit viel Gefühl und liefert eine gute gesangliche Leistung, während sich hinter und neben ihm eine mögliche gemeinsame Zukunft mit Jeanne (Haus, Heirat, Kind) abspielt.

Asha Chincery Lindsay – Wonderlisa Price:

Asha ist in der österreichischen Musicalszene noch weitgehend unbekannt, was sich aber dank ihres Aussehens und einer tollen Stimme sicher bald ändern wird (Anm. d. Red.: ab 7.2.2008 wird sie im Klagenfurter Stadttheater zum Ensemble von ”Jesus Christ Superstar” zählen). In ihrem ersten Auftritt erscheint sie in knappen Höschen und mit Bustier und wirbt mit ”Drink me” für die TEXA Cola Marke. Ein fetziges Pop-Liedchen, das sie Gottseidank auf englisch singen darf, da sie sich noch ein wenig schwer mit der deutschen Sprache tut. Leider ist auch ihr zweiter Auftritt, dieses Mal in einem interessanten roten Kleid, das vor allem seitlich viel Einblick gewährt, viel zu kurz geraten, sodass man von ihren gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten nicht viel zu sehen bekommt.

Das 12-köpfige Ensemble, das die flotte Choreographie von Christoph Riedl gut umzusetzen vermochte, bestand aus: Murielle Stadelmann (zuständig für das Make up von Jeanne erschien sie als Punkerin mit Irokesenfrisur und löchrigen Strümpfen und rockte was das Zeug hielt), Michael Bernhard, Nina Tatzber, Terry Chladt, Barbara Schmid, Nikolaus Stich (als walking coach will er Jeanne den Ladygang beibringen), Klara Steinhauser (ist beim Casting zur MA VIE Jungfrau die Konkurrentin von Jeanne, sie spielt das naive Dummchen in sexy Kleidchen mit Piepsstimme und vielen ”also’s” sehr gekonnt), Patrick Brunner, Raphaela Pehovsek, Alexander Moitzi (Jeanne’s Frisör mit Kung Fu Ambitionen), Daniela Nitsch, Gernot Romic und Sandra Miklautz.

Vielleicht sollte Stockerau einmal auf altbewährte Stücke zurückgreifen und nicht jedes Jahr mit einer neuerlichen Uraufführung versuchen sich zu übertrumpfen. Im nächsten Jahr folgt schon die nächste. Dann wird Alfons Haider in der Rolle des Pater Ralph in ”Die Dornenvögel” auf der Bühne stehen und zeigen, wieviel Geistlichkeit in ihm steckt.
Quelle: Andrea Martin

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