Irma La Douce, Sommerarena Baden

Eine eigenwillige Kulisse, ein chaotischer flotter Dreier auf offener Bühne und jede Menge Chaos – das ist die Kurzversion vom Stück ”Irma La Douce”, das von 7.7.-31.8. den Besuchern in der Sommerarena Baden die Abende versüsste.

Das Theater, das aufgrund eines zu öffnenden Daches bei Schönwetter mit open air Veranstaltungen aufwarten kann, war bei der besuchten Vorstellung am 21.7. gut ausgelastet, aber nicht ausverkauft. Während des Abends war kräftiges Fächer wedeln angesagt, da brütende Hitze (trotz geöffnetem Dach oder gerade deshalb) herrschte und es keinen Luftzug, weder für Darsteller noch für Publikum gab.

Schon bei der Overtüre geizte das weibliche Ensemble, das in kurzen Kleidchen inspiriert von der Mode der 60er Jahre auftrat, nicht mit seinen Reizen. Als dann noch Erwin Windegger alias Bob, der Barbesitzer, der gleichzeitig als Erzähler fungierte, versprach, dass es lehrreich und spannend werden würde, stieg die Erwartungshaltung des Publikums natürlich gleich an.

Die 4er Bande Jojo (Markus Schöttl), Persil (Robert Kolar), Roberto (Joachim Feichtinger) und Bonbon (Matthias S. Raupach) stellen sich mit ”Die Creme de la creme” vor. Das Quartett ist ein witziges Gaunergespann, zu jeder Schandtat bereit und sticht durch ihre bunten Anzüge hervor. Als Nestor (Martin Niedermair) mehr oder weniger zufällig in der Bar des Bordells landet, ist er noch ein schüchterner und tollpatschiger Student, mit schlauen Büchern unterm Arm. Zum bekannten Film von Billy Wilder mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon unterscheidet sich das Musical aufgrund der Tatsache, dass Nestor kein Jungpolizist ist und so ein anderer Einstieg erfolgt. Im Musical wurde er in einen mittellosen Studenten umgewandelt, der sich Hals über Kopf in die Prostituierte Irma verliebt. Auch Irma (Patricia Nessy) ist einer gemeinsamen Zukunft mit Nestor nicht abgeneigt. Beide bringen ihre Liebe zueinander in ”Die Tür geht auf” zum Ausdruck und landen schließlich im Bett. Nestor kann seine Gefühle mit der Zeit nicht mehr unter Kontrolle halten und reagiert auf die ”Kundenbesuche” von Irma eifersüchtig. Er verlangt von ihr, dass sie ihren Beruf aufgibt. Sie kann jedoch seine Sorgen nicht nachvollziehen. Nestor schmiedet einen Plan, wie er Irma von ihrem Beruf befreien kann. Er will sich in einen ”zahlenden alten Trottel” verwandeln, der Irma’s einziger von Nestor genehmigter Stammkunde sein soll. Bei jedem Treffen gibt es von ihm 10.000 Franc, die Irma an Nestor weitergeben soll. Mit Windegger, der hier als Erzähler auftritt, bespricht Niedermair seinen Plan und bekommt zur Unterstützung den Schnurrbart von ihm geschenkt und gleich direkt ins Gesicht geklebt. Niedermair schneidet herrliche Grimassen und übt seine Rolle als ”alter Herr”. Auch seine Stimme hat er ein paar Tonlage höher geschraubt. Die erste Begegnung mit Irma verläuft erfolgreich. Sie erkennt ihn nicht und reißt sich gleich die Kleider vom Leib. Nur Nestor ist zögerlich, lässt sich jedoch auf dieses Spiel ein, indem er den Oscar spielt. Irma freut sich, dass ihr Traum (nur ein Freier) Wirklichkeit geworden ist. Nessy tanzt ausgelassen zu ”Dis Donc, Dis Donc” auf dem Billiardtisch und feiert ihr neues Leben. Das tanzende Ensemble unterstützt sie was das Zeug hält und man bekommt eine rasante Choreographie (für die Bohdana Szivacz verantwortlich zeichnete) zu einer flotten Gesangsnummer zu sehen. Auch schöne Hebefiguren sind dabei und die Bühne wird bei dieser Nummer gut ausgenützt. Vor allem erwähnenswert ist die Einlage von Niedermair, der Nessy in der Luft fliegen lässt. Zum Schluss wird sie sogar in die Luft geworfen, tanzt mit Windegger einen kleinen Tango und verliert bei soviel action fast ihren Rock. Als sich Irma eines Tages 1.000 Franc von Oscar ausgeborgt hat und Nestor nach dem Verbleib dieses Geldes fragt, hätte er sich fast verraten. Er kann sich noch einmal herausreden, ist aber wütend, weil Irma so von Oscar schwärmt und lässt seinen ganzen Zorn an Irma aus. Irma zieht in Erwägung ganz zu Oscar zu ziehen. Dieser unterstützt die Idee, da das Versteckspiel auch für Nestor anstrengend ist. Was dann folgt ist mit Sicherheit eines der Highlights des Stücks, was an der einmaligen Interpretation von Martin Niedermair liegt. Irma packt ihre Sachen und verabschiedet sich von Nestor. Während sie sich auf zu Oscar macht, wechselt Nestor geschwind das Outfit und geht in die Wohnung von Oscar. Nachdem Irma dort angekommen ist, stellt sie fest, dass sie etwas vergessen hat, also geht sie wieder zurück. Oscar wird wieder zu Nestor. Irma ist zum zweiten Mal auf dem Weg zu Oscar, Nestor ist auch schon wieder dort. Irma ringt mit sich, soll sie nicht doch zurück zu Nestor, also wieder retour – so geht das Hin und Her eine Weile weiter, Niedermair kann einem vor lauter Herumgerenne leid tun und, dass er keinen Hitzschlag erleidet, grenzt an ein Wunder. Im Endeffekt spielen sich irre komische Szenen ab. Nestor robbt und kriecht auf der Bühne, weil er nicht mehr kann und bricht zu guter letzt als Oscar auf seinem Bett zusammen. Irma ist misstrauisch, weil er so kraftlos ist. Sie verfolgt ihn und findet heraus, dass der für reich gehaltene Oscar plötzlich verarmt ist und Kisten schleppt, damit er Geld für sie verdient. Sie trifft sich mit Nestor und berichtet ihm, was sie gesehen hat und ist der Meinung, dass sie wieder ihren Beruf ausüben sollte, um Oscar nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Nestor schlägt vor, Irma’s neuer Dauerkunde zu werden, sie willigt ein. Zwischen den einzelnen Szenen, die vielleicht manchmal ob der Dreiecksgeschichte etwas kompliziert sind, agiert Erwin Windegger als Aufklärer, um die Verhältnisse, die gerade herrschen, zu entwirren. Nestor möchte seinen ungewünschten Nebenbuhler Oscar ausschalten und trifft sich mit ihm (!). Oscar wird durch ein Sakko und einen Hut auf einem Gehstock dargestellt und muss nach einen Zwiegespräch sein Leben lassen. Nestor wirft Hut und Sakko in die Seine. Plötzlich durchfährt ihn ein Schrecken, seine Brieftasche mit den 10.000 Franc war noch darin, was für ein Schlag ins Gesicht für den armen Nestor. Er gesteht Irma ”den Mord”. Diese ist fassungslos und ohrfeigt ihn. Auch die 4er Bande ist vom feigen Mord nicht beeindruckt und singt ”Ein kalter Mord geht viel zu weit”. Vom Inspektor (Klaus Ofzcarek) wird Nestor samt Jojo, Persil, Robert und Bonbon verhaftet. Das Zusammentreffen der ”Guten mit den Bösen” fällt sehr turbulent aus, die Polizei kann aber alle überwältigen. Der zweite Teil beginnt mit dem Prozess gegen Nestor und die 4er Bande. Erwin Windegger, Stephan Wapenhans und Michael Duregger, die in dieser Szene die Richter spielen, können einem leid tun, da sie die typische Lockenpracht der Richter tragen müssen und so noch mehr ins Schwitzen geraten. Die Anklägerin erscheint – es ist Irma la Douce. Nestor will seine Unschuld beweisen und zeigt den Richtern sein Buch, wo er immer die ein- bzw. ausgegangenen 10.000 Franc samt Banknotennummer eingetragen hat. Diese Nummern sollen sie mit den Scheinen in der gefundenen Brieftasche vergleichen. Doch plötzlich sind die Geldscheine verschwunden und der Richterspruch für Nestor lautet lebenslängliche Zwangsarbeit auf der Teufelsinsel. Seine angeblichen Komplizen werden zu je 10 Jahren Haft verdammt. Die Überfahrt auf die Insel wird gut umgesetzt, dort sitzen die Gefangenen hinter Gittern. Nestor ist ganz lethargisch und stammelt die ganze Zeit nur ”Irma ich bin unschuldig”. Die restlichen werden von anderen Sorgen geplagt. Bonbon braucht eine Nagelfeile, da er sich einen Nagel abgebrochen hat, statt dieser zaubert Persil eine Riesenfeile hervor und will sich schon ”freifeilen”. Noch wird er von den anderen abgehalten. Irma lässt in der Zwischenzeit in Paris niemanden an sich heran. Mögliche Kunden werden vergrault. Diese erinnern sich in ”Irma La Douce” an vergangene Zeiten und vollführen einen wilden Tanz in ihren Trenchcoats. Irma beschließt ihr Leben zu ändern und besiegelt ihre Entscheidung, indem sie ihren Lippenstift wegwischt. Als Nestor plötzlich einen Brief von Irma ins Gefängnis bekommt, erwacht sein Lebenswille. Sie überwältigen den Gefängniswärter und fliehen zu fünft von der Insel in einem Boot. Hier werden besonders gut die Wellen mit einem blauen Tuch dargestellt. Die Tatsache, dass sie verfolgt werden, spornt sie zu noch mehr Schnelligkeit an. Nachdem sie in Frankreich gelandet sind, führt sie die Jagd durch viele Städte. Das Publikum findet sich mitten in der Hetzjagd. Niedermair und Raupach klettern fast bis auf den Balkon, die anderen jagen von einer Saaltür zur anderen – was für ein herrliches Chaos. In Paris angekommen, verkleidet sich Nestor noch einmal als Oscar und sucht Irma auf. Diese erschrickt, da sie ihn für tot gehalten hat. Eigentlich sollte sich Irma freuen, doch diese Wiedersehensfreude wird von Nessy nicht gut umgesetzt. Sie schickt ihn gleich zur Polizei, doch diese glaubt ihm nicht. Oscar kann auch die Richter nicht von seiner Lebendigkeit überzeugen. Dann hilft ihm ein glücklicher Zufall. Ein Steuereintreiber, will Geld von Oscar, das er dem Finanzamt schuldet. Er bekommt eine Quittung und somit ist sein Vorhandensein bewiesen. Mittlerweile wurde der Fall publik und die Öffentlichkeit will, dass sich der geflohene Nestor meldet und frei gelassen wird. So geschieht es dann auch. Er ist unschuldig und die große Party bleibt nicht aus. Gleichzeitig ist es auch eine Willkommensparty für den Nachwuchs von Nestor und Irma, die Eltern von Zwillingen geworden sind. Ende gut – alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann…..

”Dis Donc, Dis Donc” wird als Finale noch einmal vom ganzen Ensemble gesungen. Eine witzige, spritzige Inszenierung (von Alexandra Frankmann-Koepp), der am Anfang etwas der nötige drive fehlt, aber sobald Martin Niedermair loslegt, ist dieser auch vorhanden. Da die Sommerarena eher ein Ort der Operetten ist, gibt es dort auch keine Vorrichtungen für Mikrofone. Die Darsteller mussten ohne auskommen, was im großen und ganzen auch gut funktionierte. Kleine Probleme gab es hingegen bei der Kulisse. Eine aus mehreren Teilen bestehende verschieb- und drehbare Wand wollte nie so ganz, wie die Kulissenschieber und sorgte für sorgenvolle Blicke bei Technik und Darstellern. Mit der musikalischen Komödie von Alexandre Breffort bewiesen die Verantwortlichen wieder einmal, dass es nicht immer die großen, bekannten Stücke sein müssen, die das Publikum begeistern können.
Quelle: Andrea Martin

[yasr_visitor_votes size=”small”]

  • Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    © www.christian-husar.com
  • Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    © www.christian-husar.com
  • Patricia Nessy (Irma), Ensemble
    Patricia Nessy (Irma), Ensemble
    © www.christian-husar.com
  • Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    Martin Niedermair (Nestor/Oscar), Patricia Nessy (Irma)
    © www.christian-husar.com

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!