„Die größte Jekyll & Hyde-Inszenierung, die ich je erlebt habe!“

Ein Sack voller Komplimente aus berufenem Munde: Erfolgskomponist Frank Wildhorn adelt die Tecklenburger Bühne – Patrick Stanke erhält den Ritterschlag – Im nächsten Jahr stehen Mozart und Footloose auf dem Spielplan

Die Künstler, in ihrer Mehrzahl erfahrene Profis, darunter aber auch etliche talentierte Amateure, waren aufgeregt wie vor dem ersten Mal, als sie vor der Show erfuhren, dass der Amerikaner in einer der ersten Reihe sitzen und Ihr Tun mit kritischem Blick verfolgen würde. ”Das war wie vor einer Premiere”, konstatierte Karin Seyfried, die in dem Stück die Jekyll-Verlobte ”Lisa” verkörpert und von der im Übrigen auch die Ritterschlag-Allegorie stammt.

Wildhorn, Erschaffer unsterblicher Melodien und Partitur-Vater solcher grandioser Werke wie eben Jekyll & Hyde, Scarlet Pimpernel, The Civil War oder Dracula, zeigte sich total begeistert. Und das manifestierte sich auch darin, dass er nach der Vorstellung hinter bzw. unter die Bühne eilte, um im ”legendären” Apfelgarten den Darstellern und Musikern persönlich die Hände zu schütteln, um damit sein dickes Lob für deren Leistung auszudrücken.

”Ich habe nie einen besseren Jekyll/Hyde-Darsteller gesehen”

Und einer hatte es dem New Yorker Komponisten ganz besonders angetan: Patrick Stanke. ”Ich habe nie einen besseren Darsteller des Jekyll/Hyde gesehen als ihn!” Das saß! Und das ging runter wie Öl. Dem jungen Wuppertaler (”Tecklenburg macht süchtig”) dürfte das wie die sprichwörtliche Musik in den Ohren geklungen haben. Der frühere Chemielaborant zählt zu den talentiertesten Musicalstars der neuen Generation und hat nach einhelliger Meinung der meisten ernst zu nehmenden Kritiker in dieser anspruchsvollen Doppelrolle in Tecklenburg einen wirklich brillanten Job abgeliefert. Sowohl als Arzt, als auch als Monster zeigte der junge Mann stimmlich und schauspielerisch eine bestechende Leistung und hat sich dieses Kompliment redlich verdient. All die in diversen Internetforen veröffentlichen Schmähtiraden geraten angesichts dieses aus berufenem Munde kommenden ”Diplomzeugnisses” in Vergessenheit.

Patrick Stanke zu jung für diesen Part? Wildhorn: ”Blödsinn! Der erste Jekyll in den USA war auch erst 27, der in Madrid erst 26. Patrick interpretiert den jugendlichen Leichtsinn des Wissenschaftlers und die animalische Existenz des Killers in absolut hervorragender Weise. Ich bin total beeindruckt”. Das Adjektiv ”einzigartig” (unique) gebrauchte der Amerikaner in diesem Zusammenhang wiederholt.

Ein eigenes Musical für Tecklenburg?

Gemünzt war dieses nicht nur auf die künstlerische Gesamtleistung, sondern speziell auch auf die Atmosphäre des Theaters, das als größte Freilichtbühne Deutschlands gilt. ”Speziell und nur für Sie hier müsste man eigentlich ein eigenes Musical schreiben”, sagte Wildhorn augenzwinkernd. Schade sei lediglich, dass die Münsterländer keine eigene CD von dieser Produktion herausgebracht hätten.

Die Regie Cusch Jungs, die im Vergleich zu den J&H-Vorgänger-Inszenierungen in vielen Punkten neue Wege beschritt und viele neue Ansätze zeigte, fand Frank Wildhorn ”absolut stimmig und gelungen”. Vor allem die Verlegung der ”Mädchen der Nacht” nach hinten und deren Umdeutung in ein Requiem nannte er einen ”genialen Schachzug”. Man müsste dies auch in den noch folgenden Inszenierungen einbringen, egal, wo sie stattfänden.

”Verfolgen Sie Ihre Visionen auch künftig unbeirrt und machen Sie auf diesem Weg weiter”, schrieb der prominente Besucher Intendant Radulf Beuleke ins Stammbuch und gab sich überzeugt: ”Eine Spielstätte auf und mit diesem Niveau und mit diesen Möglichkeiten wäre in Amerika ein sensationeller Erfolg”. Er hoffe, dass sich dies noch viel mehr herumspreche. Die Welt müsse von Tecklenburg erfahren.

Der Rebell mit der Rastafrisur muckt auf

Vielleicht tut das nicht gerade die ganze Welt, aber zumindest die deutschsprachige Musicalszene dürfte nächstes Jahr angesichts des neuen, 2008-er Spielplanes wieder einmal aufhorchen und erneut gespannt nach Tecklenburg schauen. Dann schickt sich der Salzburger Rebell mit dem Rastalook und dem Schockrock an, gegen Papi und den Erzbischof aufzumucken und die Nächte durch zu zocken. ”Mozart”, lange in der Theaterversenkung verschwunden, haut wieder in die Tasten. Dieses Meisterwerk aus der Feder des Tandems Dr. Michael Kunze und Sylvester Levay hatte sich weiland in Wien als veritabler Bühnen-Hit entpuppt, später dann aber in Hamburg aufgrund von eklatanten Marketingfehlern der damaligen Stella AG gefloppt. Nichtsdestotrotz ist dieses Werk hinsichtlich seiner Partitur, seines Librettos und seines dramaturgischen Aufbaus ein Meilenstein hin zu einer eigenständigen, deutschsprachigen Musicalkultur. Es begründete auch die steile Karriere des norwegischen Top-Stars Yngve-Gasyoy Romdal in der Titelrolle und wurde für viele andere Kollegen zum Sprungbrett.

”Mozart” ist das verkannteste Projekt von Levay/Kunze, aber, und das behaupten nicht wenige, eines ihrer besten. Man darf höchst gespannt sein, was die Tecklenburger daraus machen, wie sie dieses Stück aufbereiten und wen sie mit der Titelrolle betrauen. Daneben wird ein gewisser Ren McCormack dem Reverend Moor auf der Nase herumtanzen: ”Footloose” ist die zweite Inszenierung der nächsten Saison. Und für die Kleinen (und nicht mehr ganz so Kleinen) gibt es ”Cinderella”.
Quelle: Jürgen Heimann

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