Interview mit Ramesh Nair

Du bist sowohl als Darsteller auf der Bühne (zuletzt in ”Hair” in Amstetten) als auch im Hintergrund als Choreograph aktiv (Sophistikids, High School Musical). Warum zieht es dich auch hinter die Kulissen?

Ramesh: Eigentlich wurde ich durch Werner Sobotka hinter die Kulissen gezogen. Er hat 2003 einen Choreographen für eine firmeninterne Gala gesucht, und ich habe zugesagt. Mir macht es irrsinnig viel Spaß kreativ zu sein und meine Ideen umzusetzen. Mit der Zeit kamen dann weitere Anfragen, und ich bekam immer wieder neue Jobs als Choreograph. Aber ich möchte es nicht missen auch als Darsteller auf der Bühne zu stehen. Mir wäre eine gute Mischung aus beidem – sowohl hinter als auch auf der Bühne agieren zu können – am liebsten.

Hast Du einen Choreographen als Vorbild?

Ramesh: Ich bin ein MGM (Metro-Goldwyn-Mayer) Fan, der Zeit von Fred Astaire und Gene Kelly. Mich faszinieren diese ganzen alten Stile. Toll finde ich auch Rob Marshall, der den Film ”Chicago” choreographiert hat und natürlich auch Dennis Callahan. Dennis ist ein kleines Genie, der tolle Ideen hat und diese auch umzusetzen weiß. Kim Duddy liebe ich für ihre energiegeladenen Choreographien und die Fähigkeit so viele Stile zu beherrschen.

Wie erschaffst du immer wieder neue Choreographien und gibt es Elemente, die du als ”typisch Ramesh” bezeichnen würdest?

Ramesh: (lacht) Jetzt müsste man die Sophistikids fragen, die könnten diese Frage sofort beantworten. Ich glaube, es gibt bei mir ”saisonabhängige” Schritte. Die baue ich ein ganzes Jahr lang in unterschiedlichen Formen in verschiedene Choreographien ein, dann folgt wieder eine andere Phase, wenn ich wieder neu inspiriert wurde. Bezeichnend für meine Arbeiten ist wohl, dass ich versuche immer viele Bilder und Formationswechsel zu bauen.

Früher habe ich länger Zeit gebraucht, um mir Choreographien auszudenken, mittlerweile höre ich die Musik und mir fällt sofort ein, wie wer wann wohin zu gehen hat, damit es dann gut aussieht. Um mich up-to-date zu halten, sehe ich mir gerne viele verschiedene Stücke an, fliege auch z.B. nach New York, um dort Shows zu sehen.

Für welches Stück würdest du gerne, wenn du es dir aussuchen könntest, die Choreographie machen und könntest Du Dir vorstellen, vielleicht sogar einmal die Regie zu übernehmen?

Ramesh: Was mich reizen würde, das wäre ”Kiss me Kate”, ”West Side Story”, ”Fame” oder eine Neubearbeitung von ”A Chorus Line”. Was die Regiearbeit angeht, könnte ich mir vorstellen, dass viele denken, dass ich noch zu jung dafür bin und auch nicht bekannt ist, dass ich schon auf diesem Gebiet tätig war, wie zum Beispiel im Sommer 2006 ”Hair” in Deutschland. Ich traue mir das auf jeden Fall zu und warte nur mehr auf den Anruf, der mir diese Chance auch mal hier in Wien gibt!

Dein großes Projekt sind die Sophistikids. Seit wann gibt es diesen Verein und wie ist er entstanden?

Ramesh: Ich habe die Sophistikids 2004 gegründet. Davor habe ich in einer anderen Schule unterrichtet, wo die Kooperation nicht so gut funktionierte. In der Zeit danach wurde die Bitte an mich herangetragen, doch eine eigene Gruppe für tanzbegeisterte Kids zu gründen. Anfangs wollte ich diese Verantwortung nicht übernehmen, da man als Musicaldarsteller nie weiß, wie lange man in einer Stadt ist. 2004 wusste ich aber, dass ich, zumindest für ein Jahr, in Wien sein werde und so habe ich diese Company gegründet und es bis jetzt nicht bereut. Viele meiner ehemaligen Schützlinge haben es schon auf Musicalschulen in Hamburg, München oder Wien (Konservatorium, Performing Arts) geschafft, und das macht mich natürlich auch ein wenig stolz.

Wenn du bei den Sophistikids ein Ausnahmetalent erkennen würdest, das nur hobbymässig singt und tanzt, würdest du diese Person und deren Familie von einer professionellen Karriere überzeugen wollen und wie würdest du das anstellen?

Ramesh: Die Ausnahmetalente wissen meist nicht, dass sie eines sind. Sie haben Spaß an der Sache, aber denken selbst nicht daran, dass mehr daraus werden könnte. Viele muss man aber nicht überzeugen. Da meine Kollegen (Jacqueline Braun, Lorna Dawson) und ich professionelle Musicaldarsteller sind und die Kids uns auch manchmal auf einer Bühne sehen, beschließen viele von selbst, dass sie so etwas wie wir machen möchten. Wichtig ist, dass es die Kinder selbst möchten und sie nicht von den Eltern zu etwas gezwungen werden. Wenn ich merke, dass die Eltern den eigenen Traum durch ihr Kind ausleben, dann würde ich versuchen dort eingreifen.

Welche Ratschläge gibst du deinen Schützlingen mit auf den Weg, wenn sie zu den Sophistikids stoßen oder wenn sie euch verlassen, um auf eine Schule zu gehen?

Ramesh: Sie sollen ehrlich, vor allem zu sich selbst und untereinander sein, fair bleiben, die Disziplin nicht verlieren und immer alles geben, um den Job, den sie möchten, auch zu bekommen. Wichtig ist auch, dass sie sich treu und immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Wenn du dich mit 3 Worten beschreiben müsstest, welche wären das?

Ramesh: perfektionistisch veranlagt, workaholic, ehrlich!

Du bist indischer Abstammung, bist in Landau in der Pfalz geboren und lebst jetzt in Österreich. Hast du schon einmal dein Herkunftsland besucht und wie hat es dich nach Wien verschlagen?

Ramesh: Bis jetzt war ich drei Mal in Indien. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich bis zu dem dritten Besuch nicht so wirklich für meine Wurzeln interessiert habe. Trotzdem ich Hinduist bin und einen indischen Pass habe, fühle ich mich doch eher als Europäer. Nachdem ich allerdings meine Familie dort kennengelernt habe, habe ich beschlossen Kontakt zu halten und öfters hinzufahren.

Während meines Studiums 1999 bekam ich ein Angebot für eine Coverrolle in ”Ain’t misbehavin” in Wien. Danach wollte ich nach Deutschland zurückkehren beenden, doch mir wurde von einem Kollegen ”Joseph and the amazing technicolor dreamcoat” nähergebracht. Ich kannte es von Essen her, aber da hat es mich nicht sonderlich interessiert. Erst als ich hörte, dass Kim Duddy für die Choreographie verantwortlich sein würde, wurde ich hellhörig, da ich sie unbedingt einmal kennenlernen wollte. Nach den Auditions wurde mir die Zweitbesetzung des Joseph ganz überraschend angeboten, die ich auch Gottseidank annahm. Seitdem bin ich in Wien hängengeblieben und hatte viele schöne Engagements. Ich kann es mir im Moment nicht vorstellen, diese Stadt zu verlassen, außer die Arbeitsmöglichkeiten nehmen für mich ab und in Deutschland gäbe es bessere Angebote, dann würde ich mir einen Umzug überlegen, da man ja doch Geld verdienen muss. Im Moment kann ich sagen, dass ich auf alle Fälle bis Sommer nächsten Jahres Wien treu bleiben werde.

Du warst dieses Jahr beim Musicalsommer in Amstetten die Margaret Mead in ”Hair”. Anders als damals im Raimundtheater, wo du die Zweitbesetzung warst, wurde die Mead, in Anlehnung an deine Abstammung, zu einer Inderin. Wie kam es zu dem außergewöhnlichen Einfall, der beim Publikum großen Anklang fand.

Ramesh: Dieser Einfall kam von Kim Duddy. Sie hat versucht im ”Hair-Zirkus” möglichst viele unterschiedliche Typen zu kreieren und hat zu mir gemeint ”let`s try the indian version”. Sie hatte mich bereits einige Male (”Fever”, ”Wake up”) schon gesehen, wo ich meine indische Abstammung etwas auf die Schippe genommen habe, und da das immer gut angekommen ist, wollten wir das wieder probieren.

Wenn du auf deine bisherige Laufbahn zurückblickst – was war bisher der schönste Moment?

Ramesh: Ich glaube der bisher schönste Moment war mein erstes großes Engagement, die Rolle des Joseph am Raimundtheater. Der zweite war jetzt gerade, dass ich Margaret Mead als Erstbesetzung spielen durfte.

Wenn Du mit irgendeiner anderen Person für 24 Stunden Körper tauschen könntest, wer wäre das und warum?

Ramesh (nach einer kleinen Nachdenkpause): Ich glaube, ich verspüre gar nicht den Wunsch mit jemandem zu tauschen, ich bin rundum zufrieden mit meinem Leben. Aber wenn, dann glaube ich, dass es diesen Menschen noch gar nicht gibt. Es müsste jemand sein, der in der Lage ist die vielen Baustellen auf unserem Planeten in den Griff zu bekommen. Ich glaube aber leider nicht, dass diese bereits Person existiert.

Wolltest Du schon immer Sänger und Schauspieler werden oder hast Du einmal einen anderen Berufswunsch gehabt?

Ramesh: Eigentlich wollte ich Tänzer werden. Mit sieben habe ich zu tanzen begonnen. Später kamen dann aber Zweifel, dass ich es schaffen könnte und so dachte ich mir, wenn ich schon nicht selbst auf der Bühne stehen werde, dann möchte ich es anderen Leuten beibringen und nahm mir vor Tanzpädagogik zu studieren. Durch Zufall wurden, während ich maturiert habe, Tänzer für das Musical ”Manche mögen’s heiß” gesucht und so kam ich zum ersten Mal mit dem Begriff ”Musicalstudium” in Kontakt. Für mich war das total neu, dass man das auch studieren kann und schlussendlich habe ich dann beschlossen Musicaldarsteller zu werden, was ich bis jetzt auch nie bereut habe. Man kann mit der Ausbildung sovieles machen, ich bin nicht nur Musicaldarsteller, sondern auch Autor, Choreograph und imzwischen auch Regisseur. Mein Beruf ist sehr vielfältig, was will man mehr!

Ein herzliches Dankeschön für das interessante Interview und möge die Zukunft viele neue Herausforderungen für dich bringen.
Quelle: Andrea Martin

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