What a feeling! „Miami Nights“ als rasanter, farbenprächtiger und witziger Musical-Spaß

Die Sonne Südfloridas über Tecklenburg: Salsa-Party im Münsterland

Ersonnen und geboren worden war dieses vitale Gute-Laune-Stück weiland in Düsseldorf. Mit dieser in Folge siebenmal verlängerten Eigenproduktion gelang dem dortigen Capitol-Theater, wo der turbulente, farbenprächtige Spaß fast zwei Jahre lang von März 2002 bis Januar 2004 ununterbrochen lief, ein veritabler Bühnen-Hit. Apropos Hit(s): Die Autoren hatten sich bei der Zusammenstellung der Partitur ziemlich ungeniert in den Charts der wilden 80-er bedient und daraus die größten Ohrwürmer herausgepickt. Das fing bei Gloria Estefans ”Congo” an und hörte bei Irene Caras ”What a feeling” noch lange nicht auf. Zwischendurch grüßte Cindy Lauper mit ”Time after Time”, während Whitney Houston (”I wanna dance with somebody”) und David Bowie (”Let’s dance”) keinen Zweifel daran ließen, wo der Hase hinläuft. Bonnie Taylor (”Holding out for a Heroe”) hielt Ausschau nach dem mutigen Ritter auf dem weißen Pferd, während Madonnas ”Material Girl” ebenso wenig fehlte wie die ”Wilden Buben” von Duran Duran. Und das war nur die Spitze des Eisbergs.

Mit dieser Anhäufung von Chartstürmern war der Grundstein für einen Erfolg schon mal gelegt. All diese Mega-Hits wurden aufgepeppt, neu arrangiert und dann äußerst geschickt und mit sicherem Gespür in die Handlung eingepasst bzw. mit selbiger verwoben. Die Story rankt sich letztlich nur um ein großes Tanzturnier, das nebst Preisgeld zu gewinnen, die Protagonisten alles daran setzen. Nicht mehr, und nicht weniger. Hinzu kommen die üblichen Zutaten: Liebe, Romantik, Herz, Schmerz, Intrigen, Eifersucht usw, usf. Das war’s. Aber: All diese Ingredienzen haben die Autoren Marcus Haselhoff und Alex Balga mit viel Gespür gemixt, verwoben und wohl dosiert in die Suppe gestreut, sodass diese eigentlich nie abgestanden schmeckt, im Gegenteil. Das Buch hebt sich wohltuend von dem gängigen Einheitsbrei anderer, ähnlich ausgerichteter Vorlagen ab. Das Tanzmusical sollte damit zwar nicht neu erfunden werden, aber es erhielt neue Impulse. Keine Konfektionsware, nix Billiges von der Stange, im anglo-amerikanischen Revier mal eben schnell eingekauft, sondern etwas Eigenständiges, Authentisches, made in Germany.

Charme und Dynamik

Die Tecklenburger haben sich als würdige Sachwalter der Düsseldorfer Vorlage erwiesen, ohne jedoch 1:1 abzukupfern. Und dabei war und ist es sicherlich nicht ganz einfach, so ein Choreografie-lastiges, temporeiches und rasantes Stück auf einer Freilichtbühne zu inszenieren, ohne dass etwas von seinem Charme und seiner Dynamik verloren geht. Regisseur Dean Welterlen hat dieses kleine Kunststück unter geschickter Ausnutzung der immensen Bühnenbreite jedoch fertig gebracht und dabei mitunter noch eins drauf gesetzt, die schwungvollen Bewegungsabläufe, Zeitschnitte und blitzschnellen Szenenwechsel in Manier eines Video-Clips inklusive. Die horizontale Weite der Tecklenburger Spielfläche ermöglicht es im Gegensatz zu dem doch beschränkten Bühnenraum in festen Häusern, auch die Peripherie als gleichberechtigten Schauplatz zu nutzen und einzubeziehen. Die Handlung und somit der Blick des Zuschauers ist somit nicht nur ausschließlich auf das Zentrum fokussiert, was dem gesamten Ablauf des Stücks durch ein Mehr an Dynamik, Diversität und Vielfalt zu Gute kommen kann.

Das war hier der Fall, Dank auch einer hervorragenden und hoch motivierten großen Cast. Die zeigte sich durch die Bank weg optimal eingestellt. Deren Auswahl zeugte von einem glücklichen Händchen. Dabei kam den Verantwortlichen eines Teils auch zu Gute, bei der Besetzung der beiden Hauptrollen auf die Ur-Personalien zurückgreifen zu können. Karin Seyfried und ihr Ehemann Sean Gerard sind nicht nur privat ein Traumpaar. Und bei den übrigen Positionen kamen die Figuren noch typgerechter und origineller daher, als in der Ursprungsversion.

Ein pfiffiges Gute-Laune-Stück

”Miami Nights”, in Tecklenburg mit leichter Hand und pfiffig in Szene gesetzt, steckt voller Humor und erfrischender Nuancen. Das Augenzwinkern ist allgegenwärtig. Ein quicklebendiges Gute-Laune- und Partystück, bei dem man keinen Tiefgang vermisst. Warum auch? Einfach mal zweieinhalb Stunden lang unbeschwerten Spaß genießen. Wenn dass erreicht wird, kann man nicht mehr verlangen.

Ein fast 50-köpfiges Ensemble brachte die Zauberkraft und die erotisch aufgeladene Atmosphäre der in den tropisch-schwülen Gefilden Südfloridas angesiedelten Love-Story in seiner ganzen Bandbreite zur Blüte. Allemal ein Gewinn war die Schützenhilfe durch Mitglieder der German Musical Academie Osnabrück. Das versetzte den Regisseur bei den personalintensiveren Szenen in die Lage, nicht kleckern zu müssen, sondern klotzen zu können. Sehr schön wurde das auch bei der Reporterszene deutlich, als die Semi-Final-Sieger des Tanzturniers nicht nur von zwei, drei Pressevertretern interviewt, sondern gleich von mehr als einem Dutzend umlagert wurden. Und die waren, damit auch kein Zweifel daran aufkommen mochte, welcher Zunft sie entstammten, allesamt in mit Zeitungsmotiven bedruckte Kostüme gewandet.

The Rhythm is gonna get you! Klaus Hillebrecht und seine Band sorgten für eine packende, temperamentvolle Umsetzung des dem Stück zu Grunde liegenden Hit-Materials und bereiteten so den Boden, auf dem sich die Akteure mit viel Drive, Spannkraft und Spielfreude austoben konnten. Das Tempo war hoch, von Anfang an. Und es wurde bis zum Schluss durchgehalten, was natürlich auch extreme Anforderung an die Kondition des Ensembles stellte. Aber hier schwächelte niemand.

Happy-End garantiert

Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt. 10.000 Dollar Preisgeld winken dem Siegerpaar der Miami-Tanzmeisterschaft. Ein schöner Batzen Geld, aber für die Schulen, denen die Teilnehmer entstammen, auch eine Prestigefrage. Und deshalb wird vor und hinter den Kulissen mit harten Bandagen und üblen Tricks gekämpft – um Sieg, Platz, Ruhm, Ehre und Ämter. Die aussichtsreichsten Finalisten sind Jimmy Miller (Sean Gerard) und seine oberzickige Partnerin Jessica Diamond (Rachel Marshall) auf der einen sowie Alt-Meister Roy Fire (Adrian Becker) und Cassi Flamingo auf der anderen Seite. Der Konkurrentin sägt Miss Diamond vor dem Wettbewerb heimlich den Absatz an. Die Arme verbiegt sich den Huf und ist ausgeschaltet. Der anständige und Fairplay-gewohnte Miller bricht darauf hin mit der Täterin, sucht Trost und findet Gefallen an dem kubanischen Popcorn-Girl Laura Gomez (Karin Seyfried). Mit ihr will Jimmy, und das steht schnell für ihn fest, nicht nur den Dance-Contest, sondern auch das weitere Leben bestreiten. Doch dem gemeinsamen Glück stehen noch viele Hürden und Stolpersteine im Wege. Aber: Ein Happy-End ist garantiert! What a feeling!

Dass Karin Seyfried und Sean Gerard diese Rollen nicht zum ersten Male spielten, sondern dabei auf ihre gemeinsame Zeit im Düsseldorfer Capitol zurück greifen und aufbauen konnten, wurde schnell deutlich. Ebenso die Tatsache, dass zwischen der charmanten Österreicherin und dem sympathischen Iren die Chemie ganz einfach stimmt. Deren fein dosierte und von harmonischem Fluss getragene Interaktion war einfach stimmig und hochgradig authentisch. Es machte Spaß, diesen beiden Künstlern zuzuhören und zuzusehen. Dass der vielseitigen, stimmstarken Darstellerin, die in dem Stück vom Popcorn-Aschenputtel zur Latino-Queen mutiert, auch die größten Ohrwürmer der Show zugeschrieben waren, sei nur nebenbei bemerkt.

Abgedrehte Typen

An skurrilen, über- und abgedrehten Charakteren herrscht in dem Stück kein Mangel, wobei die Zeichnung der Figuren immer hart an der Grenze zur Karrikatur verläuft, diese aber eigentlich nie überschreitet. Da ist an erster Stelle ”Roy Fire” zu nennen, ein abgehalfterter, whisky- und selbstverliebter Parketthengst, dessen beste Tage ganz offensichtlich gezählt sind. Und da hatten die Verantwortlichen, als sie Adrian Becker mit diesem Part betrauten, einen Volltreffer gelandet. Was der Saarlouiser Verwandlungskünstler und Vollblutkomödiant aus dieser Rolle herausholte, war eine geballte Ladung an exzellenter Komik, hervorragendem Schauspiel, bestem Tanz und erstklassigem Gesang. Dabei hatte da weiland Paulchen Kribbe in Düsseldorf schon ziemlich große Fußspuren hinterlassen. Fast ist man geneigt, Becker als ”heimlichen Star” der Inszenierung zu benennen, was freilich die Leistung der Kollegen in keiner Weise schmälern soll.

Viele Lacher

Roy hatte die Lacher auf seiner Seite und war immer für einen Szenenbrüller gut, was ebenso für Betty Miller, Jimmys ehrgeizige, hysterische und valium-resistente Frau Mama, galt. Mit wie viel Gespür die einzelnen Rollen besetzt waren, zeigt sich gerade an dieser Figur, die eindeutig einen an der Klatsche hatte. Da war Lillemor Spitzer in ihrem Element und konnte einmal mehr ihren Ruf als theatralische Vielzweckwaffe festigen. Die Künstlerin lieferte hier einen tollen Job ab. Köstlich!

Christoph Trauth als Jimmy-Kumpel und Automechaniker Andy und Melanie Haffke als seine Angebetete Sarah waren, wenn auch unter anderen Vorzeichen, das zweite Traumpaar des Stücks und machten ebenso eine gute und witzige Figur. Aber auch ”Wild Boy” Gianni Meurer, der Lauras Bruder Emilio verkörperte und einen kubanischen Macho wie aus dem Bilderbuch abgab, seine Freundin Mercedes (Maryso Ximéz-Carillo), Bettina Meske als Präsidentin, Isabel Dan als Gina und Marc Schlapp als ”Mr. Bob” bedürfen sicherlich der besonderen Erwähnung. Rachel Marshall als geldgierige und ruhmgeile Chefzicke Jessica Diamond, die auf dem Weg nach oben partout nicht die Treppe, sondern den Lift nehmen wollte, war ein Gewinn. Kurzum: Die gesamte Cast zeigte sich in bestechender Form.

Spritzige, ideenreiche Choreografie

Aber eine solche Inszenierung ohne eine entsprechend ausgeklügelte Choreografie wäre wie ein Segelflugzeug ohne Thermik. Hier hatte Doris Marlis, hier zu Lande eine der ganz Großen ihres Fachs, ganze Arbeit geleistet, was man ja, wenn auch auf einer anderen Ebene, von Kostümbildnerin Karin Alberti in Tecklenburg sowieso seit vielen Jahren gewohnt ist. Letztere verpasste den Künstlern, der Vorlage entsprechend, ein prächtiges, schillernd-buntes, ausgefallenes und schreiendes textiles Outfit. Doris Marlis hatte bei der Einstudierung der großen Tanzszenen ganz tief in ihre Ideenkiste gegriffen und sich vom hochklassigen, preisgekrönten Original keineswegs einschüchtern lassen. Sie buchstabierte den ihr Anvertrauten ein ebenso sprühendes, wie pointiertes und originelles Bewegungsvokabular, das schließlich in ein spritziges Parkettfeuerwerk mündete und den Bühnenzauber in kongenialer Weise abrundete, voran trieb und beflügelte.

Auf Wiedersehen in Düsseldorf

Upps: Wer hat an der Uhr gedreht ist es wirklich schon so spät? Eine Inszenierung ohne Hänger und Schwächen im Ablauf, bei der die Zeit wie im Flug verging. So soll und muss es sein. Volle Punktzahl! Nach 14 fast ausbnahmslos ausverkauften Shows ging die Sonnen Südfloridas in Tecklenburg unter – für nicht wenige viel zu früh. Und jetzt dürfen sich die Fans des Stücks auf ein vorgezogenes Weihnachstgeschenk freuen. Anfang Dezember kehrt die Salsa-Sause für sechs Wochen an ihren Ursprungsort zurück. Im Düsseldorfer Capitol-Theater ist die überarbeitete, auf Tourneetauglichkeit getrimmte Originalversion nach München vom 4. Dezember bis 13. Januar an ihrer ”Geburtsstätte” zu erleben. Danach geht es weiter nach Basel, Bremen, Zürich und Berlin. The Rhythm is gonna get you!
Quelle: Jürgen Heimann

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