Köln streicht sich selbst von der Karte der bedeutenden Musical-Standorte

„We will rock you“ zieht Mitte 2008 aus, der „Dome“ soll einem Busbahnhof weichen

Die Entscheidung fällt zwischen Stuttgart und München

Den Umzugstermin hat Produzent Michael Brenner inzwischen bestätigt, wobei die Entscheidung, wo genau das neue Ga-Ga-Land entstehen soll, Anfang des neuen Jahres fällt. Die Bohemiens haben die Wahl zwischen Weißwurst und Spätzle. Hamburg spielt in den entsprechenden Überlegungen inzwischen keine Rolle mehr, da eine Produktion an der Elbe erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt hätte realisiert werden können. Also sind nur noch die Schwaben und die Bayern im Rennen. Dass WWRY das Rheinufer verlässt, ist seit längerem bekannt. Der Dernieren-Termin 30. Juni ist bereits auf Plakaten sowie in Zeitungs- und Internetanzeigen vermerkt.

In der jüngeren Musicalgeschichte gibt es nichts Vergleichbares. Es ist das erste Mal, dass eine boomende Produktion (Knall auf Fall) abgebrochen wird, ohne dass eine schwindsüchtige Publiklumsentwicklung solches vielleicht zwingend gebietet. Das Gegenteil ist in Köln der Fall. Hier sind die Besucherzahlen nach wie vor konstant. Nach Einschätzung Brenners hat ”We will rock you” noch Kraft und Potential genug, um fünf weitere Jahre in deutschen Landen bestehen zu können. Es ist neben dem ”Löwenking”, dem ”Starlight Express” und ”Mamma Mia” die mit Abstand erfolgreichste Musicalproduktion in Germanien.

Neues Musicaltheater auf verlorenem Posten

Die Entscheidung des Impresarios, sich mit dem Stück aus Kölle zu verabschieden, hat andere Gründe und basiert auf dem seit Monaten schwelenden kommunalpolitischen Hick-Hack um den lukrativen Standort an der Rheinpromenade. Die städtischen Gremien wollen diesen, siehe oben, anderweitig nutzen und liebäugeln als Ersatz mit dem Bau eines neuen Musicaltheaters auf der anderen, rechtsrheinischen Seite im Stadtteil Deutz. Doch daselbst argumentiert die weltweit operierende Produktionsfirma bb-promotion, deren Chef Michael Brenner ist, stimmt das Umfeld nicht. Mit anderen Worten: Dort ist der Hund begraben! Hier fällt, wie man es ja auch am exemplarischen Beispiel der unweit davon gelegenen Köln-Arena beobachten kann, nach Vorstellungsende die Klappe. Wer sich von den Besuchern dann noch ins Nachtleben stürzen möchte, findet allenfalls die Nacht – aber kein -leben.

Anders am Breslauer Platz. Die Nähe zum Hauptbahnhof, zur Altstadt, zur City, ist ideal, den Musicalbesuch noch mit etwas Sightseeing, Shopping, einem Bummel oder einem ”Absacker” in irgendeiner der zahllosen urigen Kneipen zu krönen. Ein paar Meter, und der Besucher ist mittendrin im pulsierenden Leben Kölns. Drei Purzelbäume weiter, und man sitzt schon im Zug nach Hause – oder liegt in einem gemütlichen Bett der vielen Hotels und Pensionen in der Nähe. Es gibt in ganz Deutschland keine vergleichbare Konstellation, noch nicht einmal in Berlin oder Hamburg. Einmal ganz davon abgesehen: Zehn bis 15 Prozent der Musicalgäste sind ”Laufkundschaft”, hat Geschäftsführer Thomas Krauth einmal vorgerechnet. D.h. Sie entscheiden sich spontan zu einem Besuch im ”Müllsack”. Woher sollen diese ”Spontis” aber in Deutz kommen, wohin sich normalerweise kein Tourist ohne triftigen Grund verirrt? Nebenbei fließt Jahr für Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag als Gewerbesteuer aus dem Theaterbetrieb in den Stadtsäckel. Und die Bedeutung des ”Zelts” für Geschäfte, Gastronomie und Hotellerie dürfte noch um ein Vielfaches höher sein.

Die außergewöhnliche, 1996 in einer Rekordbauzeit von sechs Monaten errichtete Glas-Stahl-Konstruktion, über deren Aussehen man durchaus geteilter Meinung sein kann, war ursprünglich nur als Provisorium konzipiert – um dem Woolfson-Musical ”Gaudi” eine Bleibe zu verschaffen. Drei Jahre später übernahmen Thomas Krauth und Michael Brenner den ”Tempel”. In Folge hielt hier Tony Manero mit den elastischen Beinen Einzug und infizierte die Massen mit dem ”Saturday Night Fever” (1,4 Millionen Besucher). Nach dem Abtritt des Tanzboden-Casanovas mixte Dr. Henry Jekyll dort sein teuflisches Elixier und verwandelte sich in das Monster Hyde, ehe die Killerqueen den Ort zu ihrer Residenz kürte. Zwischendurch, während spielfreier Wochen oder Tage, gab es immer wieder ander kürzere Gastspiele oder Konzerte.

Die Argumente der Totengräber

Dass der ”Dome” einmal zu einer solchen Blüte gelangen und sich zu einem Publikumsmagneten mausern sollte, hatte ursprünglich keine ahnen können. Kaum ein Musical-Künstler von Format, der hier nicht aufgetreten ist. Und jetzt das ”Aus”, das so überraschend zwar auch nicht kommt, aber dennoch bei vielen Unverständnis hervorruft. Dass die Stadt ihre Planungshoheit wahrnimmt, zumal es hier quasi um ein liegenschaftliches Filetstück geht, ist ihr gutes Recht. Sie trägt auch Verantwortung für das ”Allgemeinwohl”, wie es so schön und hochtrabend heißt. Und dazu zählt nun einmal eine ordentliche Bebauung und eine an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kommune, der Menschen und des Verkehrs orientierte Stadtentwicklung. Andererseits müssen sich die Verantwortlichen den Vorwurf gefallen lassen, zum Totengräber des Musicalstandortes zu werden.

Das Angebot von Thomas Krauth, rund 25 Millionen Euro auftreiben zu wollen, um an gleicher Stelle einen repräsentativen, funktionalen und vielleicht sogar noch besser ins Bild passenden Theaterbau zu errichten, verhallte offenbar ungehört. Und dass sein Kollege und Mitstreiter Michael Brenner nicht bereit ist, mal eben zehn Millionen Mark für eine neue Top-Produktion an einem wenig attraktiven Standort wie Deutz zu investieren, leuchtet ein. Zumal das ein Risiko mit völlig ungewissem Ausgang wäre. Und deshalb schließt sich jetzt der Kreis: Klappe zu – Musical tot. Andererseits hätten Brenner und Co. Schon noch einiges in der Hinterhand, um am angestammten Platz für weitere Jahre attraktive Angebote zu machen. Die ”West Side Story” beispielsweise, die derzeit in Paris Abend für Abend für volle Häuser sorgt. Oder den Broadway-Schlager ”Hairspray”, der ab März nächsten Jahres zunächst in kleinerem Rahmen im Stadttheater in St. Gallen angetestet wird.

Wenn der Zug einmal abgefahren ist….

Mag ja sein, dass bis zur Räumung des ”Domes” an der Uferpromenade im Frühjahr 2009 hier die ein oder andere Gastspielproduktion noch für etwas Leben sorgt, aber damit wird auch kein Staat zu machen sein. Parole: Hängen im Schacht! Danach wird es hier erst einmal für mindestens zwei Jahre eine wirtschaftliche Brache geben. Ob während dieser Zeit der ins Auge gefasste Ersatzstandort Deutz bebaut wird, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso, ob sich dann für diesen ein anderer, erfahrener und potenter Produzent erwärmen kann. Aber dann könnte es für Köln sowieso zu spät sein. Der Musical-Zug ist für die Stadt abgefahren und macht derweil an einem anderen Ort halt. Leichtfertig verspieltes Terrain zurück zu gewinnen, dürfte dann ein ziemlich mühsames Unterfangen sein – sofern es überhaupt gelingt.
Quelle: Jürgen Heimann

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