Ergreifende Bilder zwischen Reeperbahn, Rauschgoldengeln und Massenhysterie

Der Messias in Kassel am Kreuz: „Superstar“mit großem Gefolge

Das Premierenpublikum jedenfalls feierte die Inszenierung und vor allem die Darsteller mit (für die eher zurückhaltenden Nordhessen ungewohnter großer) Begeisterung. Dabei bietet die Produktion nichts wirklich Neues, was allerdings auch niemand erwartet hatte. Bei ”Jesus Christ Superstar”, das die Passionsgeschichte aus etwas anderer Perspektive, der des Judas Ischariot, erzählt, dürften alle Facetten bereits hinlänglich ausgereizt sein. Da bleibt kaum Spiel für weitergehende Variationen. Und das gilt auch für die Zeichnung der handelnden Personen. Seit der Welturaufführung 1971 in New York sind dahingehend wohl alle denkbaren Szenarien, Optionen und Möglichkeiten, die das Buch von Tim Rice bietet, irgendwo schon einmal in irgendeiner Form durchgespielt worden. Dennoch entbehrt die Kasseler Variante nicht eines gewissen Reizes

Das zeitlose Werk aus der kreativen Frühperiode des geadelten britischen Musicalpapstes zieht immer – und verzeiht auch den ein oder anderen Regiefehler. Umstritten war es eigentlich nur in der Anfangszeit. Viele fundamentalistische Christen störten sich an der menschlichen Sicht der biblischen Ereignisse und dem Ausdruck von Sexualität zwischen Jesus und Maria Magdalena, während orthodoxe Juden in der unbeschönigenden Darstellung der Priesterschaft antisemitische Tendenzen zu erkennen glaubten. Heute regt sich eigentlich kein Mensch mehr darüber auf, von einigen evangelikalen Hardlinern vielleicht mal abgesehen, denen das Ganze eben nicht bibeltreu genug ist. Ein unsicherer, von menschlichen Schwächen gezeichneter Jesus will so recht nicht in ihr Bild passen.

Stanke und MacLeod gefallen

Obwohl im Ablauf natürlich (fast) alles und jedes vorhersehbar ist, bleibt in Kassel doch ein gewisser Spannungsbogen erhalten, und sei es jener, der sich aus der individuellen Rollenzeichnung der Protagonisten speist. Natürlich kann auch ein Patrick Stanke, der übrigens in gleicher Mission ab März auch in einer J.C.-Inszenierung im Opernhaus in Magdeburg antritt, aus der schon von den Autoren eher schwach ausgelegten Messias-Figur nicht mehr herausholen. Doch dem aufstrebenden Wuppertaler gerät dieser Part auf jeden Fall intensiver und kräftiger als vielen anderen vor ihm. Sein abgeklärter, in sich gekehrter, schon etwas entrückt, fast sogar etwas distanziert wirkender Jesus war als solcher in jeder Sekunde natürlich und schlüssig. Ein Part, der eher nach große Gesten, denn nach einer großen Stimme verlangt, von ”Gethsemane” vielleicht einmal abgesehen. Das zählt ja nach wie vor zu den größten Monologen der Musicalgeschichte und ist für jeden Jesus-Darsteller Pflicht und Kür zugleich. Zumindest dabei durfte der Ex-Chemikant zeigen, was vokal in ihm steckt, wenngleich die fahrige Tonabmischung diesbezügliche Ambitionen etwas durchkreuzte – wenigstens am Premierenabend.

”Man in Red”

Darius Merstein MacLeod ist der zweite prominente externe Künstler, den die Kasseler für dieser Produktion haben gewinnen können. Und seine Aufgabe ist ungleich dankbarer und konturenstärker: Der gebürtige Pole spielt den Judas Ischariot , den er parallel dazu auch im Tiroler Landestheater in Innsbruck verkörpert. Die Person des küssenden Verräters, ein Mensch mit Ecken und Kanten, ist ja der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Aus seiner Auseinandersetzung mit dem Meister bezieht das Stück seinen Kick. Anders als in Innsbruck in weißem Glitzeranzug erscheint er hier in Nordhessen als ”Man in Red”, im schicken roten Lacklederanzug. Und er ist in der Herkules-Stadt auch eine Brise zurückhaltender, weniger selbstsicher, eher etwas verzagter, als man ihn aus anderen Inszenierungen her zu kennen glaubt. Es ist wohl auch nicht nur die dunkle Hornbrille, die dem Wilhelmshöhen-Judas etwas Woody Allan-haftes verleiht. Im auffälligen Kontrast dazu steht die schneidend scharfe Stimme, mit der MacLeod der Verzweiflung und dem Zorn der Figur Ausdruck verleiht, dass dem sich im Jubel der Menge sonnenden Chef die Dinge so entgleiten.

Bermudashorts und Schnellfeuergewehre

”Jesus Christ” verlangt weder nach aufwändigen Kulissen, noch nach großen bühnentechnischen Effekthaschereien. Die der Priesterschaft vorbehaltene Unterbühne, die bei Bedarf hochgefahren wird, ist dahingehend das einzige Zugeständnis. Ausstatterin Anna Kirschstein beschränkt sich auf das Wesentliche. Die Bühne bleibt meist leer, von einigen Quadern, Blöcken und Stufen einmal abgesehen. Das Lichtdesign gewinnt durch seine durch Zurückhaltung geprägte Schlichtheit. Die Kostüme sind eher dem Neuzeitlichen geschuldet. Der Messias (zunächst) in Jeans und legerem Hemd, ein von seinem Traum singender Pilatus (Lars Rühl) im Bademantel, Herodes (Ulrich Wewelsiep) im Elvis-Look. Und die römischen Soldaten tragen rote Barrets und sind mit Schnellfeuergewehren bewaffnet. Kamerabehängte Touristen in Bermudashorts bummeln durch Jerusalem, während die Damen des horizontalen Gewerbes in ihrem Outfit auch auf der Hamburger Reeperbahn nicht weiter aufgefallen wären.

Das Staatstheater kann personell klotzen. Und so sind es vor allem auch die Massenszenen und -Chöre, die von und nach dieser Inszenierung nachhaltig in Erinnerung bleiben. Thomas Dietrich glücken dabei einige wunderschöne Bilder. Jenes, in dem die nach Heilung heischenden Krüppel, Mühseligen und Beladenen von allen Seiten auf den von Panik gepackten Jesus zu kriechen und ihn zu erdrücken drohen, gehört da mit Abstand zu den eindrucksvollsten. Aber auch die Sequenz, in der Jesus den dealenden Pöbel aus dem Tempel scheucht, hat etwas, ebenso das Abendmahl, das direkt dem berühmten Gemälde von Leonardo da Vinci entnommen sein könnte. Über den Aufmarsch der süßen, flauschigen Rauschgoldengel hingegen kann man streiten, ebenso über die geheimnisvolle, stets im Halbdunkel verbleibende Rand-Figur, die wohl eine Art Todesboten oder -Engel personifizieren soll. ”King Herod’s Song” kommt trotz aller Anstrengungen etwas schlapp rüber. Das hat man schon packender und mitreißender erlebt. Dafür entschädigt mit knallig-schriller Dynamik die der Kreuzigung vorangestellte Discolicht-durchzuckte Superstar-Szene, während der Judas aus dem Jenseits zurückkehrt, mit den Soul-Girls Samba tanzt und seine zu Lebzeiten geäußerte Kritik (”Everytime I look at you, I can’t understand….”) wiederholt. Da bebt die Bühne.

Jaqueline Braun sammelt Punkte

Dieter Hönig ist mit seinem tiefen Bass und seinem akzentuierten Spiel als Hoherpriester Kaiaphas eine gute Wahl, ebenso seine Amtsbrüder und -kollegen Paul Erkamp (Annas), Michael Clauder (Nikodemus) und Markus Maria Düllmann (Eleasar). Das große Ensemble, Chor, Statisten, Kinderchor inklusive, agiert geschlossen und ist gesanglich auf der Höhe. Und ein Wiedersehen mit Sven-Olaf Denkinger (Simon Petrus) und Nico Gaik (Thaddäus) gibt’s in Kassel auch. Die eigentliche Überraschung des Abends begegnet uns jedoch in der Gestalt von Jaqueline Braun als Maria Magdalena. Welch eine mitreißende Soul-Stimme! Welch eine Performance! Das wirkt nichts aufgesetzt oder gekünstelt. Ihr ”I don’t know how to love him” gerät in seiner Schlichtheit und Eindringlichkeit zum Highlight der Show. Und das Publikum lässt beim Schlussapplaus auch keinen Zweifel daran aufkommen, wem seine uneingeschränkte Sympathie gehört.

An der Umsetzung der Partitur gibt es nichts zu mäkeln. Giulia Glennon liefert am Pult einen hervorragenden Job ab. Ihr und der Band gelingt es, die die ambitionierte, kantige Dynamik der Komposition in ihrer teils aggressiven Ursprünglichkeit mit Leben zu füllen. Im Vergleich zu den späteren, mehr auf Hittauglichkeit getrimmten, romantischeren Werken Andrew Lloyd-Webbers ist die Musik von ”J.C.”, die als Fusion aus Rock, Folk-Kantaten, Show-Music und klassischen Fragmenten mit teils überraschenden 5/4- und 7/8-Takten ja eher etwas gegen den Strich gebürstet. Aber gerade auch aus dieser Tatsache bezieht das Stück einen großen Teil seines zeitlosen Reizes. Man wird der Musik nicht so schnell überdrüssig, wie das bei anderen Stücken zwangsläufig der Fall ist.

Das Kassel Staatstheater legt mit dieser Produktion eine solide Inszenierung hin, die einen Besuch allemal lohnt. Die kleinen Schwächen sind technischer Natur und dürften in Folge behoben werden. Wenn die Soundabmischung so optimiert wird, dass man jede Stimme auch tatsächlich von Anfang an versteht, steht einem ungetrübten Musicalgenuss nichts mehr im Wege.
Quelle: Jürgen Heimann

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