Hairspray, Stadttheater St. Gallen

Hairspray, Stadttheater St. Gallen

Wer erinnert sich nicht an den von oben bis unten ausgepolsterten John Travolta, der im Remake des Musicals ”Hairspray” 2007, basierend auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1988, die dicke Mama Edna Turnblad verkörperte? Ihm zur Seite standen u.a. Michelle Pfeiffer als Velma von Tussle, Christopher Walken als Wilbur, Zac Efron als Link oder Queen Latifah als Motormouth Maybelle. Der Film wurde aufgrund seiner liebenswerten Charaktere und einer mitreißenden Musik ein voller Erfolg. Und schon gelang dem Stück der Einzug am Broadway und im Londoner Westend. Es war nur mehr eine Frage der Zeit, bis ”Hairspray” auch seine deutschsprachige Erstaufführung erleben würde.

Am 15.3.2008 war es dann soweit. Im Stadttheater von St. Gallen in der Schweiz sollte das Musical dem Publikum dann zeigen, wie man Gas geben kann, auch wenn man nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Für die Inszenierung zeichnete Matthias Davids verantwortlich, die schwungvolle Choreographie stammte von niemand geringerem als Dennis Callahan. Das Bühnenbild, das hauptsächlich aus vielen verschiebbaren Gittergerüsten bestand, wirkte auf den ersten Blick etwas steril, auf den zweiten jedoch zeigte es eine unglaubliche Wandelbarkeit, da man auf mehreren Ebenen gleichzeitig agieren und verschiedene Räumlichkeiten darstellen konnte. Während Jörn Ingwersen mit seinen Texten gekonnt teils witzige, teils nachdenkliche Dialoge geschaffen hatte, hatte Wolfgang Adenberg bei den deutschen Songtexten nicht viel zu tun. Das lag daran, dass nur drei der knapp 20 Titel ins Deutsche übersetzt wurden. Einerseits mutete diese Tatsache komisch an, da das Stück als deutschsprachig angekündigt worden war, andererseits kann man aber auch dankbar sein, dass die Verantwortlichen diesen Schritt nicht gewagt haben. Die englischen Texte besitzen den nötigen Drive und Aussagekraft und es wäre schade gewesen, wenn diese vielleicht verloren gegangen wären.

Das Stück mit einem Feuerwerk aus bunten Farben, eingängigen Songs, aber auch einem Inhalt, der des öfteren zum Nachdenken anregt, ließen sich u.a. nicht entgehen: Dirk Bach, dem die Show sichtlich gefiel und er nicht ”Ich bin ein Star holt mich hier raus” schreien musste, ”Lindenstraßen”-Akteur Georg Uecker, Künstlermanagerin Doris Fuhrmann, Choreographin Doris-Marie Marlis sowie die Musicaldarsteller Sabrina Harper und Jerome Knols.

Die Geschichte spielt in Baltimore im Jahr 1962. Tracy Turnblad, in deren Leben alles etwas überdimensional ist – von der Frisur, dem eigenen Körperumfang, bis zur Mutter Edna – ist in ihrer Schule eher eine Außenseiterin. Bis auf ihre beste Freundin Penny Pingelton und ihre Familie finden sie alle etwas zu sehr anders. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Tanzen. Auch die ”Corny Collins Show”, in der Highschoolkids coole Tänze präsentieren ist ein Fixpunkt, den sich die beiden Freundinnen nicht entgehen lassen. Am liebsten würde Tracy natürlich in der Show mittanzen, zumal ihr heimlicher Schwarm Link Larkin immer mit dabei ist. Durch Zufall wird Tracy von Corny Collins auf einer Schulparty beim Tanzen gesehen. Dieser ist ob Tracy’s Energie und Lebensfreude begeistert und sie wird trotz heftiger Proteste der Produzentin Velma von Tussle und deren Tochter Amber für die Show engagiert. Auch Link ist relativ schnell von Tracy fasziniert und entscheidet sich gegen seine bisherige Freundin Amber und für Tracy. Diese sieht ihre Chance sich öffentlich für die Integration für Schwarze einzusetzen gekommen und gemeinsam mit ihren Freunden zu denen u.a. Seaweed Stubbs zählt, organisiert sie einen Protestmarsch, der den Sender-Verantwortlichen gar nicht gefällt. Tracy landet mit allen Beteiligten im Gefängnis. Obwohl ihr Vater Wilbur für alle eine Kaution hinterlegt, ist sie die einzige, die nicht freigelassen wird. Sie kann jedoch fliehen und mit Hilfe ihrer Freunde schlussendlich auch noch bei der alles entscheidenden ”Miss Teenage Hairspray” Wahl mitmachen. Obwohl Amber schon die Krone an sich gerissen hat, wird sie in den Hintergrund gedrängt, da plötzlich Schwarze und Weiße gemeinsam im Studio tanzen und so ein wichtiger Schritt in Richtung Integration gemacht werden konnte.

Die Show verbindet viele Klischees miteinander und räumt aber auch gleichzeitig ordentlich damit auf. Dicke sind fast bei allen unbeliebt, Schwarze können nicht mit Weißen leben, gutaussehende Jungs stehen nicht auf dicke Mädchen uvam. Tracy beweist, dass sie sich durch ihre unbändige Lebensfreude, ihrem herzlichen, ehrlichen Charakter und ihre offene Art binnen kurzer Zeit in die Herzen vieler Menschen spielen kann – so auch in Links. Link, möchte man meinen, ist der typische Highschool-Schönling, zu dem nur eine entsprechende Highschool-Schönheit, wie Amber passt. Während des Stücks macht er jedoch eine unglaubliche persönliche Verwandlung durch. Er beginnt mit dem Herzen zu sehen und entdeckt, dass Amber nur oberflächlich und auf ihre Vorteile bedacht ist. In Tracy findet er eine warmherzige, liebenswerte Person, die ihn aufrichtig liebt und das ist letztendlich für ihn wichtiger als Ruhm und die Meinung der anderen. Ebenfalls eine wichtige Aussage des Stücks ist der, leider noch immer mehr als aktuelle, Konflikt zwischen Ausländern. Im Musical sehr gut verdeutlicht durch die beiden Fronten schwarz und weiß. Einerseits gibt es Seaweed, seine Schwester Little Inez und seine Mutter Motormouth Maybelle und ihre Freunde im Schwarzenviertel, die nur einmal im Monat am ”Negertag” in der ”Corny Collins Show” auftreten dürfen, andererseits die von Tussles und die ganzen Kids, die die Schwarzen am liebsten noch mehr ausgrenzen würden. Es bedarf erst einer Tracy, damit einigen die Augen geöffnet werden und diese auch für eine gemeinsame Zukunft auftreten.

Neben diesen ganzen Konfliktgeschichten darf natürlich der Spaß und der Unterhaltungsfaktor auch nicht zu kurz kommen. Bei den Songs folgt ein Ohrwurm dem nächsten und man möchte am liebsten bei ”Good Morning Baltimore”, ”Welcome to the ’60s”, ”Without love” oder ”You can’t stop the beat” aufspringen und mitsingen. Das komplette Ensemble liefert eine großartige Leistung, allen voran natürlich die Hauptdarsteller, auf die nachfolgend etwas näher eingegangen werden soll.

Für die junge Belgierin Ilse La Monaca ist es eine Herausforderung sich in ihrer ersten großen Rolle als Tracy Turnblad dem Publikum präsentieren zu können. Die Verantwortlichen haben mit ihr eine sehr gute Wahl getroffen. Sie ist eine Tracy wie aus dem Bilderbuch und man würde am liebsten sofort mit ihr auf der Bühne mittanzen und lachen. Ilse ist von der Größe her eher klein und hat für diese Rolle extra 20 kg zugenommen, um dem Charakter noch ähnlicher zu sein, wenn das keine guten Voraussetzungen sind? Mit viel Temperament, einer tollen, teils souligen Sing- und einer angenehmen akzentfreien Sprechstimme ist Ilse der absolute Sympathieträger des Abends.

Die etwas andere Mama, Edna Turnblad, wird von dem deutschen Moderator, Musiker und Schauspieler Ralf Morgenstern verkörpert. Im Vergleich zu John Travolta’s Filmvorlage ist Morgenstern weniger ausgepolstert, füllt aber dennoch seine Kostüme gut aus, da ihm zumindest ordentlich Hüftspeck und eine kräftige Oberweite verpasst wurden. Morgenstern mimt die ”einfache Hausfrau von unidentifizierbaren Dimensionen”, die alles für ihre Familie tun würde, mit viel Herz und bekommt vor allem nach seiner Verwandlung einen tobenden Auftrittsapplaus.

Walter Andreas Müller zaubert als Edna’s Mann Wilbur jedem schon bei seinem Erscheinen ein Lächeln auf die Lippen. Eine braune Perücke, unter der man aber noch sehr gut seine echten (grauen) Haare sehen kann, immer einen flotten Spruch parat, verrückte Outfits, aber vor allem der gigantische Größenunterschied zu seiner geliebten Edna – diese Tatsachen lassen einen nicht ernst bleiben. Berührend als beide zusammen das Duett ”Du bist zeitlos für mich” singen. Das Liebeslied der etwas anderen Art – besonders die gegenseitigen Vergleiche (Edna ist Wilbur’s knackiges Radieschen) kommt beim Publikum gut an und endet mit einem Küsschen der beiden.

Rasmus Borkowski als Mädchenschwarm Link Larkin darf während des Stücks eine enorme Entwicklung durchmachen und meistert diese Hürde wirklich gut. Vom oberflächlichen Typ, der nur auf Karriere aus ist, lernt er durch Tracy auch andere, wichtige Dinge im Leben kennen und lässt für sie Amber schlussendlich links liegen. Er hat einen heißen Auftritt, als er in Tracy’s Traumsequenz als Boxer mit nacktem Oberkörper und in schwarzen Boxershorts erscheint, aber auch als tanzender Teenager im smarten Anzug ist er nicht zu verachten. U.a. bei ”It takes two” darf er, wie einst Elvis, seine Hüften schwingen lassen und gesanglich abrocken.

Amanda Whitford als Motormouth Maybelle sieht, egal ob mit langer oder kurzer blonder Perücke, toll aus und macht ihrem Song ”Big, blonde and beautiful” alle Ehre. Sie ist die Mutter von Seaweed und Little Inez und tritt auch für die Gleichberechtigung von Schwarzen ein. Vor allem ihr ”I know where I’ve been” ist ein gesangliches Highlight. Mit ihrer Wahnsinnsstimme füllt sie den Raum und singt mit viel Gefühl.

Gudrun Schade und Nadine Schreier sind Mutter und Tochter von Tussle. Beide sind äußerst egoistisch und wollen immer nur den Vorteil auf ihrer Seite haben. Alle zwei sind sehr schreifreudig, vor allem wenn sie Schwarze sehen. Schade darf als einzige ihre Lieder (”Miss Baltimore Crabs” und ”Velma’s Rache” auf deutsch singen, was sie gut meistert. Ihr aufgesetzter, arrogant wirkender Gesichtsausdruck ist zur Rolle passend und auch Schreier hat die Oberflächlichkeit ihres Charakter gut herausgearbeitet.

Die ständig kaugummikauende beste Freundin von Tracy Penny Pingelton wird von Christina Ogink gespielt. Sie ist die einzige, die immer zu Tracy hält, egal was diese auch anstellt. Die Rolle der Penny kommt eigentlich von Anfang an relativ stark rüber, sodass man die Entwicklung vom etwas schüchternen Teenager bis zur kämpferischen, starken Frau etwas vermisst.

Seaweed J. Stubbs alias Marcel Rocha zeigt vor allem bei ”Run and tell that” mit vollem Körpereinsatz, was in ihm steckt und man kann Penny voll und ganz verstehen, dass sie sich in den gutaussehenden, sympathischen Typen verliebt.

Als immer gutgelaunter Corny Collins wurde Frank Josef Winkels verpflichtet. Mit stets perfekt gestylten Haaren darf er bei ”Nicest Kids in town” oder ”It’s Haispray” dem Publikum einheizen und kommt durch seine gewinnende Art, die er vor allem für die Vermittlungstätigkeiten seiner Charakters zwischen den beiden Seiten braucht, gut an.

Beim Feiern des Happy Ends auf der Bühne fliegen meterweit bunte Luftschlangen ins Publikum. Dieses ist total begeistert und entlässt die Darsteller erst nach vielen Verbeugungen und Zugaben. Dieses Stück ist auf jeden Fall ein Grund auch für alle Nichtschweizer einmal dem schönen Städtchen St. Gallen einen Besuch abzustatten.
Quelle: Andrea Martin

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  • Ilse La Monaca, Ralph Morgenstern, Gudrun Schade
    Ilse La Monaca, Ralph Morgenstern, Gudrun Schade
    © Andrea Martin
  • Ralph Morgenstern, Gudrun Schade, Rasmus Borkowski
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  • Ilse La Monaca, Ralph Morgenstern, Gudrun Schade, Rasmus Borkowski
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  • Ralph Morgenstern, Gudrun Schade, Rasmus Borkowski, Nadine Schreier
    Ralph Morgenstern, Gudrun Schade, Rasmus Borkowski, Nadine Schreier
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