Im weißen Rössl, Kammerspiele

Seit 7.2.2008 kann man es in den Kammerspielen lautstark wiehern hören. Wenn man glaubt es ist das “weiße Rössl” selbst, dann liegt natürlich ein großer Irrtum vor. Es ist das Publikum, dass sich beim Anblick der diversen, teils sehr skurrilen Gestalten, die sich “Im weißen Rössl” die Klinke in die Hand geben, nicht erwehren kann.

“Mach das “Rössl” wie du willst – nur machs auf jeden Fall trashig” Das war die Vorgabe von Theaterdirektor Herbert Föttinger und dass diese Werner Sobotka bei seiner Bearbeitung sehr ernst nahm, davon können sich die Besucher nun überzeugen.

Das Bühnenbild (Hans Kudlich) wurde von der Front des “Weißen Rössls” (im Stück zuckerlrosa) dominiert, durch verschiedene Requisiten konnten aber andere Örtlichkeiten dargestellt werden. Elisabeth Dressel durfte sich bei den Kostümen austoben, meist nach dem Motto “weniger ist mehr”. Christian Frank war für die äußerst flotten musikalischen Arrangements zuständig und schlüpfte für das Stück mit seinen drei Bandkollegen sogar in zünftige österreichische Tracht. Obwohl die Bühne nicht die größte ist, fand sich doch genügend Platz für Ramesh Nairs spritzige Choreographie, die von Schwimmbadgymnastik bis zu einem Wiener Walzer auf Berliner Art alle Stücke spielte.

Während der Hochsaison im Hotel “Zum weißen Rössl” hat nur Zahlkellner Leopold (Viktor Gernot) die Situation unter Kontrolle. Er singt seinen Gästen (das Ensemble spielt sehr viele außergewöhnliche Gäste, bei denen man auf den ersten Blick nicht weiß, wer männlich oder weiblich ist) “Aber meine Herrschaften, nur hübsch gemütlich”. Er wirkt seelenruhig, kann aber schon mal im Befehlston “setzen” schreien, sodass alle schnell Platz nehmen. Bei den Gästen ist er sehr beliebt, nur Josepha Vogelhuber (Eva Maria Marold), die Wirtin weist ihn immer zurück, auch wenn er im Glückstaumel auf der Bühne schwebt und “Es muss was Wunderbares sein” vor ihr zum Besten gibt. Sie steht mehr auf Dr. Siedler (Boris Eder), einem smarten Berliner Rechtsanwalt, der seinen Besuch angekündigt hat. In feschem Golferoutfit gibt dieser theatralisch das Lied des Stücks “Im weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür” zum Besten und wird von einem ordentlich marschierenden Ensemble unterstützt. Wilhelm Giesecke (Toni Slama), ein Berliner Fabrikant, der nur seiner Tochter Ottilie (Caroline Vasicek) zuliebe Urlaub in Salzburg macht, ist nicht sonderlich erfreut über Dr. Siedler als Gast. Er hat einen Prozess gegen ihn und dessen Mandanten, seinem Erzkonkurrenten Sülzheimer, verloren. Dr. Siedler ist jedoch gleich Feuer und Flamme für Ottilie und bringt ihr mit “Die ganze Welt ist himmelblau, wenn ich in deine Augen schau” ein Ständchen. In strömendem Salzburger Schnürlregen (was für ein außergewöhnlicher Regieeinfall tatsächlich Schnüre auf die Bühne hängen zu lassen, dem Publikum gefiel dieser Gag sehr gut) endet der erste Akt.

Nachdem die Wirtin dem Kellner Leopold zuviel zugemutet hat (er soll ein Lebkuchenherz und Blumen zu Siedler bringen), kommt es zum Streit und er wird zum Leidwesen seiner Kollegen gekündigt. Was für ein Pech, dass die Wirtin nicht weiß, dass Siedler nur Augen für Ottilie hat und mit ihr zu “Mein Liebeslied muss ein Walzer sein” übers Parkett schwebt. Giesecke, der versucht das Salzburger Flair für sich zu entdecken, indem er sich in eine extravagante Lederhose zwängt, wird von der Wirtin in “Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein” über die Vorteile des Bundeslandes aufgeklärt. Die nächsten Gäste, die ankommen, sind Prof. Dr. Hinzelmann (Christian Futterknecht) und sein einsilbiges Töchterchen Klärchen (Ruth Brauer-Kvam). Sigismund Sülzheimer (Martin Niedermair) in grauenvoller Kleidungskombination und stetem Dauergrinser im Gesicht, ist sofort hin und weg von ihr. Da Klärchen einen schlimmen s-Fehler hat, zieht sie es lieber vor zu schweigen. Irgendwann jedoch ist das Eis gebrochen und Sigismund gesteht ihr, indem er seine Kopfbedeckung abnimmt, dass er auch nicht ohne Makel ist. Darunter kommt eine riesige Glatze zum Vorschein, die nur noch von einem kleinen Haarbüschel, dass auf der Stirn klebt, gekrönt wird. Trotz allem kann Sigismund sein “Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist” singen und Niedermair stellt, vor allem in der Schwimmbadszene seine Körperlichkeit unter Beweis. Als sich der Kaiser Franz Joseph I (Kurt Sobotka) zu Besuch ankündigt, geht es im Hotel drunter und drüber. Die Wirtin akzeptiert sogar alle Bedingungen von Leopold, nur damit dieser wieder zurückkommt, um auszuhelfen. Das Publikum ist auch gefordert. Es muss sich von den Sitzen erheben, “Gott erhalte unseren Kaiser” anstimmen und Fähnchen zur Begrüßung schwenken. Nur die Ansprache, die Leopold extra einstudiert hat, gerät zunehmend außer Kontrolle, sodass nur mehr die Pause das Chaos beenden kann.

Im zweiten Teil sucht Rösslwirtin Vogelhuber beim Kaiser Rat i.S. Liebesangelegenheiten. Der singt ihr “Sx0092ist einmal im Leben so” und öffnet ihr die Augen. Während Giesecke und Hinzelmann auf der Alm etwas zu viel ins Glas schauen, vergnügen sich Klärchen und Sigismund auf ihre eigene Art und Weise. Dr. Siedler klärt Giesecke über die einzelnen Pärchen auf und dass er selbst und nicht Sigismund seine Ottilie ehelichen werde. Leopold, der endgültig Abschied nehmen will, wird von einer reuigen Josepha als Kellner entlassen, aber als Ehemann auf Lebenszeit eingestellt. Dieser kann sein Glück gar nicht fassen, dabei steht es doch beim Rössl immer vor der Tür.

Nach dem Motto “sind wir nicht alle etwas das Rössl” überrascht das gesamte Ensemble mit einem speziellen Auftritt, der aber an dieser Stelle nicht verraten wird und zum Besuch des Stücks anregen soll.

Eva Maria Marold als resche Rösslwirtin geizt nicht mit ihren Reizen und bietet tiefe Einblicke. Im extravaganten Dirndl geht sie sogar vor Viktor Gernot auf die Knie und schmiert für seine Majestät das Kaisersemmerl.

Viktor Gernot überlässt das Lustigsein zum Großteil seinen Kollegen und gibt den schwerverliebten Kellner mit viel Herz-Schmerz, sodass man ihm seine Gefühle für die Chefin voll und ganz abnimmt.

Einen von vielen Vögeln darf Toni Slama als griesgrämiger und ewig der deutschen Heimat verbundener Wilhelm Giesecke abschießen. Er berlinert auf Teufel komm raus, kann mit einer österreichischen Speisekarte (was sind bitteschön Fisolen und Beuschl?) nichts anfangen und findet das Krähen von Salzburger Hähnen alles andere als melodiös.

Caroline Vasicek als seine Tochter Ottilie wirkt schon sehr erwachsen und weiß genau, was sie will, nämlich Dr. Siedler, mit dem sie einen flotten Walzer aufs Parkett legt.

Boris Eder gibt den Frauenschwarm, dem die Herzen zufliegen überzeugend und obwohl er ein wenig mit falschen Karten spielt, gönnt man ihm am Ende sein Glück.

Der konservative Prof. Dr. Hinzelmann wird von Christian Futterknecht gespielt. Besonders gut kann er einen Bummelzug nachmachen und auf der Alm seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellen. Ruth Brauer-Kvam spielt das Klärchen mit entzückendem Sprachfehler, den sie sogar gekonnt bei den Liedern beibehält. Die Zöpfchen lassen auf ein braves Mädel schließen, jedoch nach dem Motto “auf der Alm da gibts ka Sünd” fallen die Hemmungen und sie über Sigismund her.

Martin Niedermair steht die Rolle des Sigismund gut. Hier kann er sein komisches Talent mehr als einmal unter Beweis stellen. Er sorgt für viele Lacher, vor allem, da ihm unmögliche Kleidung – speziell das Superman/Sigismund-Outfit zum Baden – verpasst wurde.

Als seine Majestät Kaiser Franz Joseph I gibt sich Kurt Sobotka die Ehre. Mit dem richtigen Ton in der Stimme wirkt er sehr kaiserlich und auch noch im Nachthemd und mit Zipfelmütze erscheint er majestätisch.

Der Piccolo wird von Joe Ellersdorfer dargestellt. Mit roten Wangerln und Giftschipperl am Kopf ist er sehr bemüht seine Arbeit zur Zufriedenheit von Kellner Leopold zu erledigen, auch wenn er meist nur Watschn kassiert und er mehr als einmal in steinerweichendes Heulen ausbricht. Als Kellnerin Kathi ist Martina Moharitsch zu sehen. Sie wirkt unterstützend u.a. bei den Ensembleszenen mit.

Was außer “Gratulation” kann man an Regisseur und Ensemble zu einem gelungenen Stück abschließend noch sagen? Ein äußerst unterhaltsamer Abend, bei dem kein Auge trocken bleibt, wird erwartet und die Erwartungen bei weitem noch übertroffen. Wenn der Kartenverkauf weiterhin so gut läuft, müssen sicher noch öfters Zusatzvorstellungen eingeschoben und über eine Verlängerung der Spielzeit nachgedacht werden.
Quelle: Andrea Martin

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