The Producers

Am 30.6. wurde mit Pauken und Trompeten oder besser gesagt mit dem Musical “The Producers” das Ronacher nach langjährigem Umbau wiedereröffnet. Buch, Liedtexte und Musik stammen vom dem US-amerikanischen Komiker und Regisseur Mel Brooks. Er will mit einer rasanten, irrwitzigen und unterhaltsamen deutschsprachigen Erstaufführung das Publikum zum Lachen bringen. Ob es sinnvoll war, in den Sommermonaten zu starten, sei in Frage gestellt, da doch viele in den wohlverdienten Urlaub gefahren sind.

“The Producers” ist anderes, als alles andere, bisher dagewesene. Es bezieht seine Comedyelemente aus Bereichen, die man sonst weniger mit dem Begriff “lustig” in Verbindung bringt. Das Showbusiness an sich wird mehr als einmal auf die Schaufel genommen, die derbsten Scherze gehen aber noch immer auf Kosten von Schwulen und Nazis. Die Person Adolf Hitler wird völlig entfremdet und in “Frühling für Hitler” (das Stück im Stück) auf besonders politisch unkorrekte Art und Weise dargestellt.

Die Geschichte des Musicals ist filmreif und wen wundert es da noch, dass Brooks 1968 den Oscar für das beste Drehbuch erhalten hatte und das Stück bereits zweimal (zuletzt mit Nathan Lane, Matthew Broderick und Uma Thurman in den Hauptrollen) verfilmt worden ist. Das Stück spielt 1959 in New York. Max Bialystock, einst erfolgreicher Broadway-Produzent hat das Glück verlassen und landet nur mehr Flops und Verluste. Er wäre gerne “der König vom Broadway”, aber leider sieht die Realität anders aus. Schulden haben sich angesammelt, da Bialystock seine Buchhaltung nicht besonders sorgfältig führt und hie und da auch mal etwas für private Zwecke ohne Belege abzweigt. Dieser Tatsache kommt auch der verklemmte und leicht zu hysterischen Anfällen neigende Buchhalter, Leo Bloom, auf die Schliche. Während dem Prüfen der Bücher hat Bloom eine Idee, die er so nebenbei gegenüber Max äußert. Wenn man einen Flop produzieren würde, dann würde man mehr Gewinn erzielen, als mit einem Hit, da man die Gelder den Investoren nicht zurückzahlen muss, weil man ja nichts hat. Bialystock gefällt dieser Gedanke ausgesprochen gut und er versucht bei “Wir zusammen” Bloom von einer gemeinsamen Arbeit in diesem Sinn zu überzeugen. Obwohl Bloom wahnsinnig gerne Bühnenluft schnuppern möchte, ist es nicht leicht, ihn zu überzeuge, doch schlussendlich kommt es zum Handschlag zwischen Max und Leo und sie ersinnen einen Plan. Das schlechteste Stück, der schlechteste Regisseur und die schlechtesten Schauspieler sollen den beiden zu vollen Taschen verhelfen. Das Buch, das am ehesten einen Flop verspricht, finden die zwei in “Frühling für Hitler”, dass vom ehemaligen Nazi Franz Liebkind stammt. Die beiden suchen ihn auf, um sein ok für die Verwendung seines Buches einzuholen. Dies bekommen sie jedoch erst nachdem sie mit ihm den “Rechts herum hupf auf” getanzt und den Siegfried-Eid geschworen haben. Den schlechtesten Regisseur finden Max und Leo in Roger de Bris. Umgeben von seinen speziellen Freunden, allen voran seinem Lebensabschnittspartner Carmen Ghia muss auch er erst von dem Projekt überzeugt werden. Erst als sie ihm versprechen, dass er es in seinem Sinn (“Mach es warm”) umändern darf, sagt er zu. Im Büro von Bialystock taucht die Schwedin Ulla auf, die glaubt, dass es ein Casting gibt. Die Herren der Schöpfung sind hin und weg von dem blonden Engel und stellen sie bis zum Beginn der Show (irgendeine Rolle wird es für sie schon geben) als Sekretärin und Empfangsdame ein. Im Finale des ersten Teils geht es rund. Bialystock gibt sich bei “Und dann kam Bialy” als Latinlover von New York und will alte Ladies (seine potentiellen Geldgeberinnen) mit seinem unwiderstehlichem Charme gefügig machen. Das Geld ist schnell kassiert und nach einer abenteuerlichen Audition, in der Autor Franz Liebkind selbst als Hitlerdarsteller hervorgeht (“Haben sie gehört die deutsche Band”) kann mit “Es ist soweit” der denkwürdige Augenblick – die Premiere, die eigentlich auch gleichzeitig die Derniere sein soll, begonnen werden. Leider kann Liebkind, aufgrund eines gebrochenen Fusses nicht die Hauptrolle spielen, Roger de Bris springt kurzfristig ein und mit ihm wird es einem natürlich so richtig warm ums Herz. Als “Stück im Stück” sieht man den Auszug “Frühling für Hitler”, bei dem wirklich allerhand auf der Bühne geboten wird. Es ist eine Revuenummer bei der die Showgirls eine ganz besondere Ausstattung aufweisen können. Bierkrüge, Brezel und Würste wurden den Girls um- und aufgeschnallt, ein Stepptanz der Hitlerjugend aufgeführt, Soldaten marschieren auf, speziell angefertigte (unechte) Fallschirmspringer kommen von oben herab und als Krönung stolziert Ulla als Reichsadler umher. Am nächsten Tag bleibt das vernichtende Urteil der Presse für Bloom und Bialystock aber, oh Wunder, aus – im Gegenteil, die Produktion war ein voller Erfolg und alle begeistert. Leo sieht sich schon im Gefängnis, Bialystock beschimpft de Bris und Liebkind, im Trubel der Ereignisse bricht sich letzterer noch das 2. Bein und alle außer Leo (der sich verstecken konnte) werden von der Polizei verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Leo setzt sich mit Ulla nach Rio ab, wie er es eigentlich mit Max geplant hatte und heiratet dort Ulla. Bialystock versinkt in Selbstmitleid und ist schwer enttäuscht von seinem ehemaligen Partner, der ihn augenscheinlich verraten hatte. Leo bekommt jedoch Gewissensbisse, kehrt zurück und macht eine Selbstanzeige. Im Gerichtssaal singt er ein Loblied “ein Freund” auf Max und beide sind wieder gut. Nach fünf Jahren Knast werden sie wegen guter Führung entlassen und setzen ihre abrupt beendete Karriere als Producers fort. Und wenn sie nicht gestoben sind, dann.

Die Verantwortlichen, allen voran Susan Stroman (Regie und Choreographie der Originalfassung), Leigh Constantine (Einstudierung der Choreographie), Nigel West (Einstudierung der Inszenierung), Robin Wagner (Bühnenbild) und William Ivey Long (Kostüme) haben ein Stück auf die Beine gestellt, das seinesgleichen sucht. Für die deutschen Liedtexte holte man sich Philipp Blom, Michaela Ronzoni schrieb die Dialoge. Musikalisch gesehen ist das Musical vielleicht nicht so wertvoll, wie so manch anderes, die Melodien sind nicht wirklich dazu bestimmt länger als einen Abend im Ohr zu bleiben. Viel wichtiger ist die schauspielerische Leistung jedes einzelnen Darstellers, denn ein so umstrittenes Thema wie Hitler und Konsorten ins Lächerliche zu ziehen, ist sicher nicht immer leicht. Von den Darstellern wird so einiges abverlangt und an Emotionen jeglicher Art wird nicht gespart.

Cornelius Obonya als Max Bialystock, ein Spross aus der Hörbiger-Dynastie, dessen Arbeitsstätte bisher meist das Wiener Burgtheater war, schnupperte zum ersten Mal Musicalluft. Gesanglich konnte er überzeugen, wobei ihm zugute kam, dass er keine komplizierten Songs schmettern musste. In schauspielerischer Hinsicht war er unschlagbar. Bei jeder Szene verausgabte er sich sichtlich total und brachte die Emotionen glaubhaft rüber.

Andreas Bieber schlüpfte in den von Neurosen (ohne sein blaues Schmusetuch ging fast nichts) gebeutelten Buchhalter, der sich von einer grauen Maus zum Broadway-Producer entwickelt. Anfangs tollpatschig, unschuldig und von hysterischen Angstanfällen geplagt, avanciert er zu einem richtigen Mann, der sogar eine Frau – Ulla – abbekommt. Es ist ein Vergnügen Bieber zuzusehen, vor allem, wenn er mit Angstschweiß auf der Stirn am Boden liegt oder sich wieder eines seiner genialen Verstecke (hinter der Eingangstür hängend oder am WC) ausgesucht hat.

Als dralle blonde Schwedenbombe Ulla hatte man Bettina Mönch verpflichtet. Zuletzt eher in deutschen Landen unterwegs, kann sie sich auch in Wien einen Namen machen. Als supersexy Ulla geizt sie nicht mit ihren Reizen und schafft es vor allem das ganze Stück hindurch einen entzückenden schwedischen Akzent beizubehalten. Während ihres Solos “Wenn du’s drauf hast, zeig es” zeigt sie ihren ganz eigenen Tanzstil (Hüfte rechts, Hüfte links), der den beiden Männern ausgesprochen gut gefällt.

Von Herbert Steinböck, der in der Rolle des Franz Liebkind auf der Bühne stand, wissen nur die wenigsten, dass er vor “The Producers” schon mit dem Genre Musical in Berührung gekommen war (“Evita”, “My fair lady”). Die meisten kennen ihn als Vollblutkabarettisten und auch für die Rolle des Liebkind benötigt man eine besonders große Portion Humor. Ganz zünftig in Lederhose und mit Wehrmachtshelm bringt er Leo und Max den “Rechts herum hupf auf” bei, bei dem so richtige Oktoberfeststimmung aufkommt. Sehr unterhaltsam, wenn seine Tauben mitsingen und im Takt gurren. Auch in gesanglicher Hinsicht sorgte Steinböck für eine Überraschung und überzeugte auch den letzten Zweifler, die Töne saßen.

Als tuntiger, extravaganter Roger de Bris kann man Martin Sommerlatte erleben. Egal ob in glitzerndem Fummel, gestylt wie Großherzogin Anastasia, oder in Uniform als Adolf Hitler, er ist immer ein Hingucker. Sein Partner Carmen Ghia wird von Rob Pelzer gespielt, der meistens in schwarzen Outfits mit einem ordentlichen Popowackler um Roger herumschwänzelt.

Neben Carmen hat de Bris auch noch weitere Mitbewohner, die aufgrund ihrer Skurrilität extra erwähnt werden müssen: Bryan (Reinwald Kranner, sehr offenherzig in trendigem Lederoutfit), Kevin (Oliver Mülich geschniegelt im fliederfarbenen Anzug), Scott (Peter Lesiak in lila, gut befülltem Samthöschen), Sabou (Florian Theiler in einem orientalisch Hauch von Nichts) und Shirley (Katharina Dorian ist nicht wiederzuerkennen, da sie ausgestopft im Männeroutfit und mit roter Kurzhaarperücke komplett in eine Art Mann verwandelt worden war).

Die genannten Personen sowie das große restliche Ensemble schlüpften in Lauf des Stücks in die Rollen von alten Damen mit klangvollen Namen wie “Halt-mich-grapsch-mich”, sind Teilnehmer der Audition oder Darsteller in “Frühling für Hitler”.

Ein spassiger Abend ist garantiert und vielleicht macht sich doch der ein oder andere auch danach Gedanken über Wahrheit und Fiktion.

Quelle: Andrea Martin

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