“Evchen” auf der Clingenburg: Vom Mundschenk Kaiser Barbarossas zum Engel der Armen Argentiniens

Fesselnde Evita-Inszenierung hoch über dem Main geriet zum Publikums-Hit

Damals gab es auch den dortigen Festspielverein noch nicht, der 1994 erstmals in Erscheinung trat und mit Eichendorffs “Freier” eine bis heute andauernde Sommerspielreihe begründete. Zweimal hatten sich die Verantwortlichen seitdem mit “Der Mann von La Mancha” und “The Scarlet Pimpernel” auf musi-calisches Terrain gewagt, und weil aller guten Dinge wohl Drei sind, setzte Intendant Georg Mittendrein 2008 das Webberx0092sche Frühwerk “Evita” auf den Spielplan, für dessen Inszenierung er auch als Regisseur verantwortlich zeichnete. Die gemessen an bisherigen Aufführungsserien äußerst aufwändige Produktion geriet zu einem fulminanten (Publikums-)Erfolg und bescherte den Gastgebern über Wochen hinweg eine nahezu 100-prozentige Auslastung. 25 ausverkaufte Vorstellungen, eine ebenso proppenvolle Zusatzshow und begeisterte Kritiken und Publikumsreaktionen sind die Bilanz.

Umso unverständlicher erscheint es, dass es das jetzt auch erst einmal wieder gewesen sein soll. Im nächsten Jahr kehren die Franken zur gewohnten klassischen Hausmannskost zurück. Mit Shakespeares “Sommernachtstraum” werden sie natürlich die Musical-Fans nicht hinter dem Ofen hervor locken können. Da hat sich die Intendanz gegenüber dem Vorstand der Festspiele wohl nicht durchsetzen können. Möglich, dass die Oberen auch verschnupft sind, weil Ole Solomon Junge, als “Che” einer aus der ersten Reihe der diesjährigen Cast, der Festspielleitung im Nachhinein öffentlichkeitswirksam “gnadenlose Ausbeutung” und fehlende Abrechnungstransparenz vorgehalten und bezüglich der Entlohnung von “moderner Sklaverei” gesprochen hatte. So stand es in einer örtlichen Zeitung.

Von diesen unschönen Nachwehen einmal abgesehen, vor den Kulissen war alles eitel Sonnenschein. Die Inszenierung Mittendreins war stimmig, stringent, ideenreich und ausbalanciert und schenkte den jeweils 800 Besuchern – mehr passen in den Zuschauerbereich der Ruine nun mal nicht rein – wunderschöne Stunden voller Emotionen und Tragik. Der zeitlose Webber-Klassiker, dessen Übersetzung ins Deutsche von keinem Geringeren als Dr. Michael Kunze stammt, vermag, entsprechend umgesetzt, die Menschen auch 30 Jahre nach seiner Uraufführung noch zu packen und zu berühren.

Gegen “Evchen” war “Lady Di” eine graue Maus

Die Lebensgeschichte vom Aufstieg und frühen Krebstod der aus ärmlichsten Verhältnissen stammenden Eva Duarte, die sich bis ganz nach oben geschlafen hat, bietet von jenem Stoff, aus dem die Träume sind, eine ganze Menge. Was würde die internationale Regenbogenjournaille heuer für ein neuzeitliches Update geben! Gegen die Strahlkraft des charismatischen “Evchens” war Lady Di eine graue Maus. Evitas von faschistischer Attitüde nicht ganz freien Göttergatten, den mit ihrer Unterstützung 1946 erstmals zum Präsidenten Argentiniens gewählten Juan Domingo Perón, hätte Basta-Gerd und Gasmann Schröder sicherlich auch als lupenreinen Demokraten bezeichnet. Aber ein solcher war der gerissene Bursche mitnichten. Als Team und Paar gaben Eva und Juan ein ideales Gespann ab, machtbesessen, karrieregeil und rücksichtslos. Als dritte Figur im Bunde komplettiert eine gewisser Che Guevara das Trio Infernal. Obwohl Fidel Castros revolutionäre Speerspitze dem Ehepaar Perón persönlich nie begegnet ist, haben Sir Andrew und sein Buchautor Tim Rice den zum kubanischen Freiheitshelden verklärten Zigarren-Pistolero als Kunst-Figur mit in die Handlung eingebaut – als Beobachter. Mit Zynismus und Sarkasmus (“Was für ein Circus!”) gibt Che in dem Stück (zu fast allem) seinen Senf dazu.

Aus “Diedaa” Bohlens Mutanten-Stadel auf die Clingenburg

Für den bereits erwähnten und zitierten Ole Solomon Junge, der einst aus “Diedaa” Bohlens RTL-Mutanten-Stadl “Deutschland sucht den Super-Dödel” geflogen war, weil er seine Personalien frisiert und sich als 25-jähriger Koch ausgegeben hatte, eine Glanzrolle. Der stimmstarke Engländer (37) reizte alle Facetten, die dieser Part bietet, weidlich, treffsicher und mit großer Bühnenpräsenz aus. Wobei der Begriff “Bühne” auf der Clingenburg durchaus mehrdeutig ist und nicht nur die klitzekleine und terrassenförmig angelegte Spielfläche im Zentrum umfasst. Die Handlung fließt auf mehreren Ebenen, wobei die (verbliebenen) baulichen Gegebenheiten der früheren Stauferburg viele Möglichkeiten eröffnen. Und die hat sich Regisseur Mittendrein mit Geschick zunutze gemacht.

Dass hier einmal, wenn auch nur im Spiel, die First Lady und bessere Hälfte eines zweifelhaften südamerikanischen Diktators “ihr” Argentinien besingen und repräsentieren würde, hätte sich Conradus Colbo, der Mundschenk von Kaiser Friedrich Barbarossa, als er das Gemäuer im Jahre 1100 errichten ließ, sicherlich auch nicht träumen lassen. 908 Jahre später gab Helena Blöcker als Senora Perón an gleicher Stelle ihren gefeierten Einstand und machte die historische Stätte zum Gastspielort ihrer “Regenbogen-Tour”.

Mit Charme und Ellenbogen

Und die Künstlerin erwies sich als exzellente Wahl. Mit brillanter Stimme und bewegender Ausdruckskraft zeichnete die aus Bonn stammende Aktrice die differenzierte Persönlichkeitsstruktur der in ihrer Heimat einst als “Engel der Armen” vergötterten Titelheldin auf und nach. Das Bild einer Frau, die nie vergaß, wo sie her kam, aber immer wusste, wo sie hin wollte, und die zur Erreichung ihrer Ziele je nach Lage Charme und/oder Ellenbogen einsetze, gleichzeitig aber neben aller Machtbessenheit auch sehr verletzlich war.

Ihr “Männe” (Don) Juan hat in dem Webber-Stück hingegen nicht (so) viel zu melden. Dessen Rollenprofil ist weniger stark akzentuiert und ausgeprägt. Dennoch hinterließ Thorsten Tinney als “El Präsidento” und “Erfinder” des “Perónismus” einen nachhaltigen Eindruck, vokal und schauspielerisch. Den Klingenbergern und ihren Gästen war er bereits aus der Spielzeit 2005 her bekannt, als er in Brechts Dreigroschenoper den “Mackie Messer” gegeben hatte.

Sehr stark auch Andreas Birkner, der als “Magaldi” mit seinem Schmachtfetzen “Die Nacht ist so sternenklar” offenen Szenenapplaus einfuhr, sowie Maria Schmidt als Geliebte Peróns. Teilweise bis zu 50 Akteure, Rumba- und Tangotänzer, Statisten und Chor- und Kinderchormitglieder des Festspielvereins eingeschlossen, sorgten auf dem verschlungenen Spielareal für quirlige Betriebsamkeit, von der Regie geschickt platziert und aufgestellt. Viele der Ensemblemitglieder waren im Laufe des Stücks gleich in vier, fünf unterschiedlichen Rollen zu sehen.

Kein “Sommer vorm Balkon” – Evita auf dem Pferderücken

Dass “Evita” die Menge mit ihrem “Weinx0092 nicht um mich Argentinien” entgegen sonstiger Inszenierungs-Gepflogenheiten nicht vom Balkon des Präsidentenpalastes “Casa Rosada” herunter beschwor, sondern ihre letzte große öffentliche Rede an das Volk vom Rücken eines veritablen Pferds direkt vor den Zuschauern hielt/sang, war kaum den örtlichen Verhältnissen geschuldet. Warum nicht auch mal so? Ein erfrischender Einfall der Regie. Überhaupt spielte sich Vieles ganz dicht am Publikum ab – Theater zum Anfassen. Die “Musi” agierte nicht im Orchestergraben (den es gar nicht gibt), sondern hatte sich oberhalb der Terrassenbühne häuslich eingerichtet. Florian Caspar Seibel, der Musikalische Leiter, hatte dort ein kleines, aber erlesenes Häuflein an Vollblutmusikern um sich geschart, das mit viel Verve und Einfühlungsvermögen sicher und virtuos für eine adäquate Umsetzung der Partitur sorgte.

Die Clingenburg-Festspiele haben mit dieser Produktion bewiesen, dass sie durchaus in der ersten Liga der deutschen Freilichtbühnen mitspielen und -halten können. Es wäre jammerschade, wenn sie die Musicalfans wieder auf Jahre hinaus links liegen lassen würden.
Quelle: Jürgen Heimann

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