Mit Volldampf aus dem “Tal der Tränen”: Die Bad Hersfelder Festspiele finden zu alter Form zurück

Vertrauensvorschuß für eine packende West Side Story: Alle Shows ausverkauft

Und dabei hatte die an einen Löwenkäfig erinnernde, im Zentrum der Bühne platzierte Stahlkonstruktion bei dem ein und der anderen durchaus schlechte Erinnerungen (und ebensolche Vorahnungen) geweckt. Schließlich hatte Vorjahres-Regisseur Frank-Alva Buecheler weiland mit der sinnfreien und überzogenen Verwendung von großen Gitter- und Gerüstelementen seine Jekyll-Inszenierung ziemlich verhunzt. Doch entsprechende Befürchtungen diesmal waren unbegründet. Im Gegenteil: Der überdimensionale, zweiteilige Eisenkäfig ist ein variabler Raumteiler und erweist sich als multifunktionsfähige, innenarchitektonische Mehrzweckwaffe. Darüber hinaus genügen einige wenige Interieur-Fragmente völlig, um wechselnde Schauplätze wie eine triste Hinterhof-Kulisse, das Brautmoden-Atelier, Marias Schlafzimmer oder den Drugstore zu visualisieren. Trotz dieser spärlichen Möblierung wirkt das Bühnenbild, für das Heinz Hauser verantwortlich zeichnet, alles andere als billig. Vielleicht gerade dadurch wird atmosphärische Dichte erzeugt. Ein Eindruck, der durch das sensible und stimmige Lichtdesign (Lukas Kaltenbäck/Hartmut Litzinger) noch betont und verstärkt wird.

Eine echte Herausforderung

An der 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre uraufgeführten “West Side Story”, die als erfolgreichstes Bühnenstück aller Zeiten gilt, haben sich schon viele verhoben. Das Stück, die “Mutter des modernen Musicals”, ist eine Herausforderung für jeden ambitionierten Regisseur und eine noch größere für die Choreografie-Fraktion. Mit Matthias Davids und Melissa King hatten die Hersfelder dahingehend eine hervorragende Wahl getroffen. Beide hauchten dem in den 50er Jahren im Emigrantenviertel auf New Yorks Upper Westside angesiedelten Krieg zwischen den spät pubertierenden, perspektivlosen Mitgliedern zweier verfeindeter Halbstarken-Gangs neues Leben ein. Darin eingebunden eine berührende Love-Story zwischen Romeo, der hier “Tony” heißt, und seiner “Maria” getauften Julia. Um Authentizität bemüht, erlag Davids nicht der Versuchung, die (sowieso zeitlose) Story zu modernisieren und/oder in die Neuzeit zu verlegen. Das ist und war auch nicht notwendig, denn thematisch ist der Stoff hoch aktuell: Intoleranz und (Fremden-)Hass sind so alt wie die Menschheit.

Als ein einziger “Bulle” eine komplette Hundertschaft ersetzte

Was damals im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die puertoricanischen “Sharks” und die sich aus Neu-Amerikaneren polnischer Herkunft rekrutierenden “Jets” waren, könnten heute bei uns in “good, old Germany” die Türken der dritten Generation und die deutschstämmige Übersiedler-Jugend aus dem zerfallenen Ostblock sein. Spannt man diesen Bogen, ist der Konflikt, um den es vordergründig in dem Musical geht, keineswegs Schnee von gestern, sondern höchst aktuell. Die Parallelen sind offensichtlich. Mit dem Unterschied, dass heuer die Autorität eines einzigen “Officer Krupke” kaum genügt, um einen Mob sich bekriegender Rowdies in die Schranken zu verweisen. Auch die Wahl der Waffen hat sich gewandelt. Statt wie damals Fäuste, Knüppel und Messer gehören heute an den sozialen Brennpunkten der Metropolen Schnellfeuergewehre, Pump-Guns und Handgranaten zur materialischen Grundausstattung rivalisierender Gossen- und Gassen-Rambos. Da bedarf es mitunter schon einer Hundertschaft Bereitschaftspolizei oder der Hilfe eines Mobilen Einsatzkommandos, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.

Ein Biderbuch-“Anton” und zwei umwerfende Frauen

Dem Publikum in Europas größter romanischer Kirchenruine präsentiert sich eine handverlesene, vor Energie und Spielfreude strotzende Spitzen-Cast. Da ist jeder Charakter bis in die hinterste Reihe treffsicher, mit viel Gespür und Bedacht besetzt worden. Das fängt bei “Anton” (Christian Alexander Müller) an und hört bei “Mariechen” (Leah Delos Santos) noch lange nicht auf. Mit Maaike Schuurmans als feurig-temperamentvolle Puertoricanerin “Anita” ist die vorjährige Hersfelder Ehrenpreisträgerin wieder am Start – mit souveräner Ausdrucks- und Stimmstärke. “Deutschlands jüngstes Phantom”, der in seiner Rolle von anderen West-Side-Inszenierungen her erfahrene Müller, ist ein “Tony” wie aus dem Bilderbuch, sympathisch, überzeugend, brillant, charmant und vokal absolut auf der Höhe. Und mit Leah Delos Santos steht ihm eine ebenbürtige Partnerin als “Maria” zur Seite. Die zierliche Philippinin spielt und singt hingebungsvoll. Sie gehört zu den ganz großen Künstlerinnen des Musical-Genres.

Furioses Ensemble – “Action” sorgt für Action

Typgerechter als mit Nivaldo Allves hätte man “Bernado”, den Anführer der “Sharks”, gar nicht besetzen können. Und das gilt in gleichem Umfang auch für Nielson Soares als “Chino”. Und Bernados Gegenspieler von den “Jets”, Philippe Ducloux (“Riff”), ist ein Streetfighter par excellence. Aus der Masse der Bandenmitglieder sticht Marc Seitz hervor, der dem Part des aufbrausend-cholerischen “Action” mit viel Dynamik und Körpereinsatz ein ganz eigenes Profil verleiht. Es macht einfach Spaß zu zusehen, wie Seitz das “HB-Männchen” gibt und mit schöner Regelmäßigkeit explodiert. Frank Buchwalds Inspektor Schrank ist ein bestechend cooler (Pragmatiker-)Typ mit unverhohlenen rassistischen Zügen, während Manfred Stella als Drugstore-Betreiber “Doc” eine gute Figur macht. Ein Kompliment, das auch Heinrich Cuipers als “Officer Krupke” gebührt. “Gee, Officer Krupke” ist denn auch der Titel des witzigsten und schrägsten Liedes des Abends, in dem sich die “Jets” über jedwede Sozialisierungsversuche verbeamteter Streetworker und amtlich-psychologischer Gutmenschen lustig machen. Die Dialoge sind zwar allesamt in Deutsch gehalten (die deutsche Fassung stammt von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald), die Songs jedoch im englischsprachigen Original belassen. Dem des Englischen nicht ganz so mächtigen Besucher erschließen sich so die intelligenten und satirischen Texte eines Stephen Sondheim leider nicht in allen Nuancen, was gerade beim Krupke-Song schade ist.

Die Bedeutung der West Side Story, die bis in die heutige Zeit Gültigkeit hat, liegt vor allem in der bis dato unübertroffenen Verschmelzung von Schauspiel, Musik und Tanz zu einer Form des “totalen Theaters”, wobei vor allem das einzigartige, atemberaubende Bewegungsvokabular zum beinahe wichtigsten, dramaturgischen Stilmittel gerät. WWS-Ur-Choreograf Jerome Robbins hätte seine helle Freude daran, könnte er sehen, wie kraftvoll, atemberaubend und präzise die Tanzsequenzen hier umgesetzt und weiter entwickelt worden sind. Jeder einzelne Tänzer muss ein ganz bestimmtes, auf die jeweilige Figur zugeschnittenes, individuelles Repertoire an Gesten einstudieren. In der Summe entsteht dadurch stilisiertes Tanztheater, das die bis aufs Messer geführten Auseinandersetzungen in dem benachteiligten Einwanderer-Milieu Manhattans intensiver und konzentrierter widerspiegelt, als es jede noch so realistische Darstellung vermag. Und das ist auch das große Verdienst von Melissa King, die Wochen lang eisern mit dem Ensemble gearbeitet und dabei weder dieses noch sich selbst geschont hatte.

Die unvergänglichen Melodien wurden zu Welthits

Das große 23-köpfige und von Christoph Wohlleben geführte Orchester intoniert die anspruchsvolle Partitur Leonard Bernsteins erfrischend, kraftvoll und prätentiös. Der zeitlos-modernen, spannungsgeladene Partitur entstammen so unsterblichen Melodien wie beispielsweise “Maria”, “America”, “Tonight”, “One Hand, one Heart” oder Somewhere”. Die Musik hat ja in der West Side Story, abgesehen von ihrem Unterhaltungswert, eine mehrfache Funktion, nämlich die beiden Handlungsstränge, das dramatische Geschehen und die lyrisch-sentimentale Liebesgeschichte, stilistisch zu verdeutlichen sowie die Story als Ganzes zu untermalen und voranzutreiben. Ganz nebenbei glückten dem Meister dabei einige unsterbliche Melodien, die trotz (oder gerade ob) ihrer teilweisen Komplexität, der Integration dissonanter Elemente und der Überlagerung diverser Rhythmen zu Welt-Hits wurden.

Elke Hesses Abschiedsgeschenk

Für die Festspiele in Bad Hersfeld ist diese “West Side Story”, die noch bis 2. August zu sehen ist, ein Glücksfall. Karten gibt es freilich, wie erwähnt, so gut wie keine mehr. Es sei denn auf dem “Schwarzmarkt”. Die Inszenierung krönt die hiesige Arbeit der scheidenden Intendantin, die sich damit selbst ihren größten Wunsch erfüllt hat. Ihr designierter Nachfolger wird als erste Musical-Produktion entgegen ursprünglichen Bekundungen nun doch nicht das angestaubte “My Fair Lady” auf den Spielplan setzen. Etwas moderner soll und darf es schon sein. Die Entscheidung, was, fällt in den nächsten Wochen. Man darf nach einigen Enttäuschungen wieder gespannt sein, was die Hessen zu bieten haben.
Quelle: Jürgen Heimann

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  • Leah Delos Santos ( Maria) , Maaike Schuurmans (Anita) und Nivaldo Allves ( Bernardo)
    Leah Delos Santos ( Maria) , Maaike Schuurmans (Anita) und Nivaldo Allves ( Bernardo)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Maaike Schuurmans ( Anita) und Nivaldo Allves ( Bernardo)
    Maaike Schuurmans ( Anita) und Nivaldo Allves ( Bernardo)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Tanzszene Sharks
    Tanzszene Sharks
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Sharks und Jets mit  Frank Buchwald (
    Sharks und Jets mit Frank Buchwald ("Schrank" mit Mantel)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Leah Delos Santos (Maria) und Christian Alexander Müller (Tony)
    Leah Delos Santos (Maria) und Christian Alexander Müller (Tony)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Szenenfotos Jets
    Szenenfotos Jets
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Kampfszene Nivaldo Allves (Bernardo li) und Philippe Ducloux (Riff mit Messer)
    Kampfszene Nivaldo Allves (Bernardo li) und Philippe Ducloux (Riff mit Messer)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld
  • Nielson Soares (Chino) und Leah Delos Santos (Maria)
    Nielson Soares (Chino) und Leah Delos Santos (Maria)
    © Bad Hersfelder Festspiele Am Markt 1 36251 Bad Hersfeld

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