Rezension: Uraufführung “Norika” am 29. November 2014 (Heilig-Geist-Spital Nürnberg)

Mit “Norika” bringt der Verein Musical-Netzwerk-Nürnberg die dritte Produktion auf die Bühne. Die Uraufführung wurde am 29. November 2014 im Heilig-Geist-Spital in Nürnberg gefeiert. Leider konnte diese Produktion im Vergleich zu den Produktionen in den Vorjahren nicht ganz überzeugen.

Da – zur Verwunderung mancher Zuschauer – die Inhaltsangabe auf der offiziellen Webseite zu “Norika” vom eigentlichen Inhalt etwas abweicht, soll hier eiin kurzer Abriß gegeben werden: Die Jugendlichen Lili und Robbi streiten sich mit ihrer Mutter über Sinn und Unsinn des Weihnachtfestes und machen sich dann wütend auf, um mit ihren Freunden eine Weihnachtsparty in den Nürnberger Felsengängen zu feiern. Den Schlüssel dazu erhielten sie von einem Fremden, der wenig später als der Dämon Kaspar wieder auftaucht, um Lili und Robbi die Aufgabe zu geben, einen goldenen Ring in das Gitter des Schönen Brunnen einzulassen. Der Ring ist ein Wunschring, der alle Wünsche der Menschen erfüllen soll – auch die Wünsche, die von den sieben Todsünden getrieben werden, wie z.B. die Gier nach Macht. Doch die Fee Norika will das unter allen Umständen verhindert und gibt den Jugendlichen nun ihrerseits einen eisernen Ring, der für die Erfüllung von guten Wünschen zuständig ist. Dieser soll anstelle des goldenen Ringes in das Gitter. Die Beiden vertrauen der Fee und mit Hilfe von guten Geistern treten sie den sieben Todsünden und Kaspar entgegen.

Doch auch wenn diese Produktion Sagen und Orte der Stadt Nürnberg aufnimmt, so darf man keine exakte Umsetzung der Legenden erwarten. Es ist eher eine Anlehnung und die grundlegenden Aussagen wurden stark verändert. Im Grunde ist die Geschichte von “Norika” von der Basis der Legenden losgelöst und sollte als eigene Geschichte verstanden werden. Etwas unglücklich gewählt war in diesem Zusammenhang der Name “Kaspar”, da dieser in Bezug auf Nürnberg unweigerlich mit “Kaspar Hauser” verknüpft ist, der allerdings in “Norika” keine Rolle spielt.

Die Darstellerin der “Norika” (Carina Poleschinski) überzeugte durch einen klaren Gesang und eine würdevolle Erscheinung. Ebenso hervorzuheben sind die Leistungen von Thomas Bernardy (Schmiedegeselle Hartmut), Marie Hörburger (Lili), Jonathan Hörburger (Robbi) und der Mutter, gespielt von Karin Schubert. Für einige Lacher und auch für Bewunderung sorgten die Darstellerinnen der guten Geister (Nele Pesavento,Aimée Biedermann, Nele Klinge und Dorothea Roller). Insgesamt harmonierten die Darsteller der “Seite des Guten” wunderbar miteinander und ließen immer wieder das Pontential aufblitzen, das “Norika” im Grunde besitzt.

Leider nicht überzeugen konnte Thomas Hartkopf in der Rolle des Kaspar. Es hatte den Anschein, als ob sich der Darsteller nicht genügend mit der Rolle auseinandergesetzt hat – oder aber die Rolle war von vorneherein nicht genügend durchdacht. Als Dämon war er zu brav und zu schlicht. Man hätte eine arrogantere und würdevollere Erscheinung erwartet, die in all Ihrem Handeln von obenherab und der Welt überlegen erscheint. Die passende Kleidung für diesen Charakter hatte die Rolle – auch wenn anscheinend das korrekte Tragen und Behandeln des Zylinders noch Übung bedarf – doch die Chance einen Dämon in geeigneter Weise darzustellen, wurde leider durchwegs verpaßt. Kostüme und das Spielen darin mögen zwar nur ein Teil des Ganzen sein, aber es zeigt große Wirkung, wenn sich der Schauspieler im Kostüm nicht zurechtzufinden scheint.

Die Ausarbeitung der Konfrontationen mit den Todsünden und den damit verbundenden Auftritten der Todsünden fiel an manchen Stellen etwas zu schwach aus, da es an Energie und Dynamik fehlte. Besonders deutlich war es beim “Zorn” zu merken, dessen Abwehr ein etwas zu einfaches Ende fand.

Ebenso nahmen die häufigen Textwiederholungen in den Songs der Inszenierung einiges an Energie, da die Lieder dadurch zu sehr in die Länge gezogen wurden und zusammen mit den oftmals kaum zu verstehenden Sängern schnell dazu beitrugen, den Anschluß an die Geschichte zu verlieren.

Der angekündigte Chor hatte nur wenig Auftritte und hatte für den Geschmack mancher Zuschauer zu wenig Tragweite. Gerade bei den dynamischeren Songs hätte man hier mehr herausholen können, um die Gewalt der Todsünden – und auch des Dämons – zu unterstreichen.

Das Ensemble unterstützte die Hauptdarsteller mit Tanz und Gesang und brachte gerade bei den energiegeladeneren Songs die nötige Dynamik auf die Bühne. In manchen Szenen allerdings wirkte es durch den Einsatz des gesamten Ensembles auf der Bühne viel zu eng und man verlor die Hauptdarsteller darin viel zu schnell aus den Augen.

Für das Bühnenbild wurde die digitale Variante gewählt und auch bis auf wenige Ausnahmen auf Requisiten verzichtet. Die jeweiligen Szenen wurden über Beamer an die Rückwand der Bühne projeziert – manchmal auch etwas seltsam kombiniert – , während den Songs sorgten bewegte Einspielungen für Unterstreichung – aber auch für eine gehörige Portion Ablenkung, da es oftmals überladen wirkte. Deutliche Ruckler in den Einspielungen sorgten für ein insgesamt sehr unruhiges Bild und somit unruhige Szenen.

Dazu muß leider noch als kritisches Detail angemerkt werden, daß es mehrere Ausfälle bei der Technik gab. Natürlich können Pannen immer wieder passieren, aber wenn das Bühnenbild nur und ausschließlich aus digitalen Einspielungen besteht, dann sollte ein Notfallplan bereitstehen, damit die Schauspieler dann nicht buchstäblich im leeren Raum spielen müssen.

Die Technik insgesamt wirkte an manchen Stellen etwas unkoordiniert. Die Beleuchtung war ab und zu zu spät, während der Ton oft nicht ausgeglichen war. Die Musik überdeckte bei Solosongs oder Duetten oftmals den Gesang und bei Songs mit Ensemble verstand man die Einzelsänger kaum bis gar nicht. Das machte es schwer, der Geschichte zu folgen.

Zusammengefaßt waren es viele kleine Details, in der Umsetzung des Themas sowie in der Darstellung der Geschichte, die den einen oder anderen Zuschauer unzufrieden in die Nacht hinaus gehen ließen. Sei es die unruhige Technik, die verpaßten Chancen oder das unvollständige Ausspielen der Rollen – diese Inszenierung konnte leider nur zur Hälfte überzeugen.

Fazit: Den Ansprüchen, die man aufgrund von der Produktion des Vorjahres (“PanNai”), in “Norika” gesetzt hatte, wurde die Inszenierung leider nicht gerecht. Woran es gelegen hat, kann man nur vermuten. “Norika” ist aber sicherlich eine Bereicherung der mittelfränkischen Musicallandschaft, auch wenn an vielen Ecken noch gefeilt werden muß. Der Einsatz des gesamten Ensembles und der vielen Helfer im Hintergrund muß natürlich dennoch gelobt werden!

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Besetzung der Uraufführung:

Norika: Carina Poleschinski

Kaspar, Geiz, Zorn: Thomas Hartkopf

Mutter, Trägheit, Neid, Eitelkeit, Luxuria: Karin Schubert

Schmiedegeselle, Dürer, Völlerei: Thomas Bernardy

Lili: Marie Hörburger

Robbi: Jonathan Hörburger

Kalli: Nele Pesavento

Klio: Aimée Biedermann

Polly: Nele Klinge

Terpi: Dorothea Roller

Solotanz: Simon Bernhard, Felicitas Babari

Tanzensemble: Lena Albertsen, Franziska Schiller, Jule Löffler, Joann Schafferhans

Band: Andres Rüsing (Keyboard ), Hong Kim Nan (Geige), Friedel Pohrer (Bass), Frank Wendeberg (Schlagzeug)

Chor: Jenny Deinzer, Judith Theis, Nela Härtfelder, Eva Tschamler, Daniela Murrmann, Friederike Kittelt, Belana Schmidtke, Mandy Jacob, Wolfgang Illner, Stefan Koselka, Jörg Tremmel, Yannic Dwehus

Weitere Termine sind auf der Webseite www.norika-musical.de zu finden.
Quelle: Alexander Brock

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0 Comments

  1. Andreas Rüsing

    Vielen Dank für die ausführliche Besprechung zu “Norika”. Ich möchte mich als musikalischer Leiter ausdrücklich von den hier getroffen Vermutungen distanzieren, Thomas Hartkopf sei schlecht Vorbereitet gewesen oder hätte die Rolle ungenügend durchdacht. Keine der beiden Behauptungen ist aus meiner Sicht in irgendeiner Form zutreffend. Vielmehr verlangt diese Rolle extremes sängerisches und darstellerisches Können, und an der Premiere konnten ihm auch keine technischen Fehler nachgewiesen werden. Über Interpretation lässt sich bekanntlich streiten, aber mich persönlich hat seine Umsetzung der Rolle auf ganzer Linie überzeugt.

    Andreas Rüsing
    Komponist und musikalischer Leiter

    Reply
  2. Redaktion Bühnennetzwerk

    Herr Rüsing, wie sie schon sagten: über Interpretation kann man streiten und man darf auch nicht vergessen, daß es von einem Projekt immer eine Innenwirkung gibt (auf die Beteiligten) und eine Außenwirkung (auf die Unbeteiligten). Beide Wirkungen müssen nicht immer übereinstimmen. Noch dazu haben wir keine Vermutungen angestellt, sondern den Anschein beschrieben, also die Wirkung auf die Zuschauer (und das nicht nur auf uns).

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