Rezension: “Der nackte Wahnsinn” am 25.10.2015 im Landestheater Coburg

Coburg, 25.10.2015 – Dieser Abend war ein Theaterabend mit durchschlagendem Erfolg. Was ein klein wenig holprig begann, wurde zu einem Abend voll mit Zwerchfellkrämpfen und Lachtränen. Wer schon immer einmal wissen wollte, wie es eigentlich hinter der Bühne während einer Vorstellung aussieht, dem sei das Stück “Der nackte Wahnsinn” von Michael Frayn sehr ans Herz gelegt. Besonders in der Coburger Inszenierung von Matthias Straub und Dirk Olaf Hanke (Dramaturgie). Erfahrungsgemäß endet dieser Theaterabend in einer Katastrophe, aber das ist gewollt, sehr zur Freude des Publikums.

Das Stück brauchte ein paar Minuten, bis es richtig in Schwung kam, doch dann folgte in Kracher auf den anderen und man sah wie sich das Publikum vor Lachen bog. Schlechte Laune und traurige Gedanken wurden – so können wir bezeugen – einfach weggeweht, oder einfach zerstört, wie das Bühnenbild. Nein nein, es ist Absicht, dass am Ende des Stückes die Bühne in Trümmern liegt und die Darsteller völlig mit den Nerven fertig sind.

Und dazu kann man nur eines sagen: es bedarf sehr guter Schauspieler, dieses hohe Tempo, das das Stück innehat, zur Perfektion zu beherrschen. Auch die schnellen Stimmungswechsel von vor der Bühne zu hinter der Bühne müssen auf den Punkt genau sitzen. Und genau dies ist den Darstellern auf der Bühne des Landestheaters Coburg gelungen. Wobei es sehr schade war, dass nur ungefähr die Hälfte des Theaters besetzt war. Wer nicht da war, hat echt was verpasst. Anders kann man es nicht sagen.

Begrüßt wurde das Publikum von Niklaus Scheibli in seiner Rolle als Regisseur Lloyd Dallas. Dieser stürzte sich sogleich mit Feuereifer in die Proben zu seinem Stück “Nackte Tatsachen” und schlitterte somit von einer Katastrophe in die nächste. “Der nackte Wahnsinn” ist ein sogenanntes “Stück im Stück”. So kann man sehr gut den Wahnsinn einer Theateraufführung aus beiden Seiten betrachten, nämlich vor und hinter den Kulissen. Und man erhält so auf einen wunderbaren Einblick auf die dunklen Seiten des Bühnen-Lebens.

Die Darsteller blühten richtig in ihren Rollen auf und man hatte das Gefühl, je schneller es wurde, umso mehr Spass hatten sie. Besonders Anne Rieckhof als Brooke Ashton und Thomas Strauss als Selsdon Mowbray waren die Rollen wie auf den Leib geschrieben. Man erkannte ihnen den Spass am Spiel einfach an. Auch Katja Teichmann als Dotty Otley schien ihre helle Freude daran zu haben, immer wieder ihren Text (in der Rolle als Mrs. Clackett) oder die Sardinen zu vergessen. Nils Liebscher und Kerstin Hänel als Frederick Fellowes und Belinda Blair, bzw. Mr. und Mrs. Brent wandeletn sich immer wieder gekonnt vom steuerhinterziehenden und flüchtetenden Ehepaar, welches gar nicht da ist, zum Weichei der Truppe (er) und zur Mama von allen (sie). Thorsten Köhler zeigte vollen Körpereinsatz, als seine Rolle Garry Lejeune mehr als einmal auf den – von Dotty vergessenen oder verlegten – Sardinen ausrutschte oder als er die Treppe hinunterfiel um das Bühnenbild zu zerstören. Man fragte sich für einen kurzen Moment, ob der Mann sich wirklich etwas getan hatte. Mitleid hatte man fast sofort mit Tim Allgood, gespielt von Benjamin Hübner und spätestens wenn er mit dem Kaktus auf der Bühne erscheint, will man den armen Mann einfach nur noch in die Arme nehmen und sagen: Alles wird gut. Und wenn die Welt in Trümmern liegt, hilft nur noch eines: ein großer Teller Sardinen. Auch sehr viel Mitleid empfand man für Poppy Norton-Tayor, wundervoll gespielt von Eva Marianne Berger. Dieses kleine chaotische Mäuschen, welches wie kopflos hinter der Bühne umherwuselte, schaffte es dennoch, allem Struktur und Halt zu geben und brachte dem Zuschauer eines bei: Gib niemals auf.

Hier noch einmal die Darsteller in Kurzform, der Name in Klammern ist der Rollenname vom Stück im Stück:
Dotty Otley (Mrs. Clackett): Katja Teichmann
Garry Lejeune (Roger Tramplemain): Thorsten Köhler
Brooke Ashton (Vicki): Anne Rieckhof
Frederick Fellowes (Philip Brent): Nils Liebscher
Belinda Blair (Flavia Brent): Kerstin Hänel
Selsdon Mowbray (Einbrecher): Thomas Straus
Lloyd Dallas, Regisseur: Niklaus Scheibli
Poppy Norton-Taylor: Eva Marianne Berger
Tim Allgood, Inspizient: Benjamin Hübner

Das Bühnenbild von Till Kuhnert zeigte die ganze Bühne des Stückes von beiden Seiten. Im ersten Akt die Vorderansicht, wie sie der Zuschauer sieht, im zweiten Akt die Rückansicht, wie sie die Darsteller normalerweise sehen. Es war genial zu sehen, wie wandelbar sein Bühnenbild war und wie schnell man innerhalb eines Aktes wieder zur Vorderansicht wechseln konnte. Auch die Kostüme von Thorsten Köhler zeigten auf bezaubernde Weise, wie robust Theaterkleidung wirklich sein muss. Und auch dass sie Nässe und Stürze aushalten können muss. Außer Nitro: das frisst sich durch alles, in diesem Fall auch durch Hosen.

Viel zu schnell ging ein wundervoller Theaterabend in die erste Pause. Verwunderte Blicke trafen sich, als das Saallicht wieder anging. Im Treppenhaus und im Spiegelsaal des Landestheaters Coburg hörte man die Zuschauer schwärmen und sie zeigten ihr Wohlgefallen sehr genau: immer wieder mussten die Darsteller beim Schlussapplaus auf die Bühne, immer wieder gab es Fussgetrappel und Begeisterungsrufe – zu Recht. Und um es noch einmal zu wiederholen: Wer nicht da war, hat echt etwas verpasst.

Quelle: Christine Daaé
  • Gregor de la Quak war nat?rlich auch mit dabei
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    © Christine Daa

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  • Michael Frayn: Der nackte Wahnsinn
    Michael Frayn: Der nackte Wahnsinn
    © Henning Rosenbusch
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    © Henning Rosenbusch
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