„Hairspray“, umjubelte Saisoneröffnung der Spielzeit 2017/2018 am Musiktheater Linz

Am 15.9.2017 wurde die neue Spielzeit des Musiktheaters Linz mit einem Auftaktfest unter dem Motto „Welcome to the Sixties“ eingeläutet. Vor und nach der Eröffnungspremiere sorgte die Band „The Big Easy“ für den Sound der Swinging Sixties und auch das leibliche Wohl kam nicht zu kurz.

In das Baltimore der 60er Jahre wollten sich mit „Hairspray“ auch folgende bekannte Gesichter entführen lassen: Ana Milva Gomes, Ramesh Nair, Barbara Obermeier, Jakob Semotan, Kristin Hölck oder Peter Stassen.

„Hairspray“ ist ein feelgood Musical, das aber nicht nur bunt und lustig ist und tolle Songs zum mitgrooven hat. Nein, es ist ein Stück, mit mehr als einer Message. „Steh zu dir“, „Liebe dich selbst“, „Verurteile andere nicht nach ihrem Aussehen“, „Jeder hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung“, um nur einige zu nennen.

Das Buch des erfolgreichen Stücks stammt von Marc O’Donnell und Thomas Meehan. Die hitverdächtige und ohrwurmreiche Musik ist von Marc Shaiman. Gesangstexte wurden von Shaiman und Scott Wittman beigesteuert. Die deutsche Version, der man sich aber nicht zu 100% in dieser Produktion bediente, stammte von Jörg Ingwersen (Dialoge) und Heiko Wohlgemuth (Gesangstexte). Die gesprochenen Texte waren auf Deutsch, aber bei dem ein oder anderen Song wurde dann doch auf das englische Original zurückgegriffen, auch wenn die Auswahl nicht immer ganz schlüssig war. So wurde z.B. „Breit, blond und blendend“ von Motormouth Maybelle deutsch gesungen, während „I know where I’ve been“, ebenfalls von dem Charakter, auf Englisch interpretiert wurde. In jedem Fall kann man aber sagen, dass die englischen Songtexte besser wirken und die Lieder damit mehr zur Geltung kommen. Ein kleines goodie für Mitsingfreudige war die Tatsache, dass man auf den Monitoren, die sich auf der Rückwand der Vordersitze befanden, die jeweiligen Texte, egal ob englisch oder deutsch, sehen konnte.

 

Matthias Davids sorgte für eine flotte Inszenierung und auch wenn man schon andere Produktionen gesehen hatte, so fragte man sich dennoch immer wieder, wie das eine oder andere gelöst werden würde. Tom Bitterlich hatte die musikalische Leitung über und brachte die Sixties, gemeinsam mit der Band „Black Beauty and Friends“ in Form von Balladen, fetzigen Songs oder Soulnummern auf die Bühne. Niemand geringerer als Dennis Callahan konnte für die Choreographie gewonnen werden und dort, wo die Bühne nicht für das Bühnenbild verwendet wurde, nutzte er den Platz für schwungvolle Choreos. Im Bühnenbild von Hans Kudlich dominierten Gitter und Treppen und es war auf mehreren Ebenen nutzbar. Links ein Element herausgeschoben, schon sah man Wilburs Laden, rechts wurde die Wohnung der Turnblads, die mit jeder Menge Wäsche verhangen war, sichtbar. Auch der schnelle Aufbau eines 3stöckigen Gefängnisses war möglich. Für die Kostüme verantwortlich zeichnete Leo Kulaš. Besonderes Augenmerk lag auf dem Duo der van Tussles, wo schon mal ein weißer Pudel das Kleid von Amber zierte. Auch die Outfits von Motormouth Maybelle zeigten eindeutig, dass sich dieser Charakter nicht verstecken will und muss. Ah’s und Oh’s gab es natürlich für sämtliche Glitzeroutfits von Edna und Tracy, die damit noch mehr die Blicke auf sich zogen.

 

Baltimore im Jahr 1962. Die vollschlanke Tracy Turnblad wächst bei ihren Eltern Edna und Wilbur behütet auf. Von den anderen wird sie aufgrund ihres Körperumfangs als Außenseiterin behandelt, trotzdem ist sie lebenslustig und hat in Penny Pingelton eine beste Freundin, die ihr überallhin folgt. Tanzen zählt zu ihrem größten Hobbies, gleich nach dem Stylen ihrer üppigen Haarpracht. Am liebsten sehen die Mädchen die „Corny Collins Show“ im Fernsehen, bei der „The Nicest Kids in Town“ auftreten und zeigen, was sie tanzmässig draufhaben. Am liebsten würde sie natürlich mitmachen, zumal ihr Schwarm Link Larkin auch dabei ist. Ein Vortanzen bei der strengen Velma van Tussle scheitert. Beim Nachsitzen freundet sie sich mit dem Farbigen Seaweed Stubbs an. Dieser zeigt ihr ganz spezielle Tanzmoves („Bettgeflüster vor der Ehe“), die sie bei einer Schulparty Corny Collins zeigen kann und so seine Aufmerksamkeit erregt. Tracy ist so überzeugend, dass sie als Ersatz für ein ausgefallenes Mädchen engagiert wird. Mama Edna ist anfangs nicht sehr begeistert, aber als sie ihr Mädchen im Fernsehen sieht, ist sie doch sehr stolz. Auch Link, kann sich der Faszination von Tracy nicht entziehen und lässt seine Freundin Amber fallen. Gemeinsam entdecken sie die Welt der Schwarzen, die aufgrund der herrschenden Rassentrennung nicht mit den Weißen tanzen dürfen. Tracy organisiert mit ihren neuen Freunden (Link lässt sie im Stich, da er seine Karriere gefährdet sieht) einen Protestmarsch und landet im Gefängnis. Dank Wilbur kommen alle frei, bis auf Tracy. In der Zwischenzeit kommen sich auch Seaweed und Penny näher, sehr zum Ärger ihrer Mutter Prudy, die die Intoleranz in Person ist. Link kann mit einem kleinen, aber umso effektiveren Trick Tracy befreien und gesteht ihr in „Ohne dich“ seine Liebe. Am Abend der Wahl der „Miss Teenage Hairspray“ überschlagen sich die Ereignisse. Obwohl Amber eine Nasenspitze vor Tracy gewonnen zu haben scheint und die Krone schon an sich gerissen hat, stürmen plötzlich Tracy und ihre Freunde die Bühne. Wilbur sorgt mit dem größten Scherzartikel, den er je geschaffen hat für einen Überraschungsmoment, bei dem Edna eine große Rolle spielt. Happy End am Schluss für alle, Velma van Tussle wird mit einem neuen Job überrascht, den sie nicht ausschlagen kann, Tracy hat ihren Link und ist für die Abschaffung des Negertags und die Integration von Schwarzen und Weißen verantwortlich und Penny hat ihr neues Ich und die Liebe entdeckt. Und Edna und Wilbur, die lieben sich weiterhin, so wie sie sind und das ist gut so.

 

Vom aktuellen fixen Theaterensemble wurde Ariana Schirasi-Fard für die Tracy Turnblad ausgesucht. Da sie nicht die für die Rolle notwendigen Maße von Haus aus mitbringt, wurde einfach ein wenig nachgeholfen und voilà schon hatte man eine wunderbare Tracy. Schirasi-Fard konnte sich perfekt in die Figur hineinfühlen und zeigte Lebensfreude pur, die eigentlich so gut wie nie getrübt werden konnte. Etwaige Schicksalsschläge machten sie sichtlich stärker und Tracy stand zu jedem Zeitpunkt zu sich und bewies, dass curvy sein auch beim männlichen Geschlecht ankommen kann. Wichtig ist vor allem in dem Stück die Ausstrahlung von Tracy, denn alle mit ihr agierenden Charaktere müssen von dieser regelrecht geblendet werden und so die Denkweise „nur das Aussehen spielt beim Verlieben eine große Rolle“ außer Kraft setzen. Lebensfreude, Positivität und Willensstärke, das alles verkörperte Schirasi-Fard, dazu kam noch eine starke Stimme, mit der sie Songs wie „Good Morning Baltimore“ oder „Welcome to the Sixties“ in Richtung Publikum schmetterte. Diese Tracy war echt ein Vorbild und man hätte sie gern zur Freundin gehabt, da einem mit ihr sicher nie langweilig wurde.

Als „love interest“ von Tracy kann ohne Zweifel Link Larkin bezeichnet werden. Hierbei handelt es sich um eine Figur, die ein unerreichbares Objekt der Sehnsucht des Protagonisten ist. Gernot Romic erinnerte in Lederjacke und Haartolle an einen Danny Suko („Grease“). Im silbernen Anzug und vor allem mit Backgroundjungs in roten Anzügen musste man bei „It takes two“ sofort an die „Four Seasons“ denken. Ziemlich schnell war er von Tracy fasziniert und konnte sich von Amber’s Leine losreißen, die ihn wie ein Schoßhündchen behandelte. Anfangs merkte man, dass Link auch andere benützt, um seine Karriere voranzutreiben. Er gibt Amber seinen Ring und im Endeffekt lässt er sogar Tracy bei ihrer ersten Revolte im Stich. Aber Romic zeigte schön, dass Link im Verlauf des Stücks andere Prioritäten setzt und herausfindet, an wem ihm wirklich etwas liegt. Sehr halsbrecherisch die Freilassung Tracy’s als Link an den Gitterstäben zu ihr klettert und ihr sogar in luftiger Höhe die Liebe gesteht.

Die Rolle der Edna Turnblad, die im Film von John Travolta verkörpert wurde, hatte Riccardo Greco übernommen, der es am Anfang gar nicht so richtig glauben konnte, waren es doch in anderen Produktionen wesentlich ältere Kollegen gewesen, die diese gewichtige Rolle gespielt hatten. Aber die Verantwortlichen vertrauten ihrem Instinkt und setzten auf Greco, der ausgepolstert und mit etwas Nachhilfe eine stattliche Wuchtbrumme mit wunderbarem mütterlichen Beschützerinstinkt abgab. Im Hausfrauenkittel hätte man ihn am liebsten in den Arm genommen, weil er so unglücklich mit seiner Arbeit, dem waschen und bügeln anderer Leute Wäsche, war. Je überzeugender das Fräulein Tochter allerdings wurde und ihre Mutter in das Leben außerhalb der vier Wände holte, desto mehr blühte Edna auf. Wunderbar wie Greco mit jeder Faser von Ednas Körpers die neue Welt für sich entdeckte und sich mehr und mehr in ihr wohlfühlte. Als Mutter musste Edna auch erkennen, dass sie Tracy zwar weiterhin unterstützen kann, diese aber auch lernen muss auf eigenen Beinen zu stehen. Dieses Loslassen kam auch gut rüber. Riccardo Greco als rosa Glitzer-Edna beim Finale war ein wahrer Hingucker und er zeigte auch stimmlich zunächst die Unsichere, im Verlauf aber die immer stärker werdende Mama und Ehefrau.

Besonders war das Zusammenspiel von Edna mit Wilbur ihrem Mann, der auf einzigartige Weise von Rob Pelzer gespielt wurde. Er war ein lebender Scherzkeks mit dem ganz speziellen holländischen touch, der wie ein Wirbelwind um seine Liebste herumwuselte und sie so gut wie möglich auf „Händen“ trug. Bei diesem doch sehr außergewöhnlichen Bühnenpaar waren die Funken fast schon sichtbar. Ihr romantisches „Du bist zeitlos für mich“ war aufgrund der schmachtenden Blicke von beiden auf jeden Fall ein Highlight auch dank des kleinen Tänzchens, bei dem sich beide zuckersüß anstrahlten.

Anaїs Lueken war dieses Mal in einer der „bösen“ Rollen zu sehen, nämlich als herrische Velma van Tussle. Sie spielte ihren Charakter schön biestig und egal ob im giftgrünen oder dem gelben finalen Outfit, sie war, auch dank der unglaublichen Perücken, ein Blickfang. Sie spielte in „Hairspray“ die wohl wildeste und ungestümteste Mutter, mit ihren eigenen Erziehungsmethoden. Wenn man von ihrer Bühnentochter Amber absieht, dann kann trotzdem gesagt werden, dass sie im Doppelpack auftrat, denn, geschickt von den Kostümbildnern versteckt, trug sie noch ein kleines Geheimnis unter ihrem Herzen. Wenn alles gut geht, wird sie noch die Vorstellungen bis November spielen. Wir wünschen an dieser Stelle Anaїs Lueken alles Gute für ihre neue Rolle im privaten Leben und freuen uns schon, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf der Bühne erleben zu dürfen.

Hanna Kastner gab die alles andere als einfach zu handhabende Amber van Tussle. Mit herrlich verstellter Stimme versuchte sie die Szenen, in denen sie mitwirkte in Ambermanier an sich zu reißen und hatte als Amber bis zu einem gewissen Zeitpunkt auch Erfolg. Als dieser aufhörte wurde sie noch eine Spur biestiger und man musste vor ihr fast schon in Deckung gehen. Tracy gelang das beim Völkerballturnier nicht, was allerdings dem Duo Tracy/Link zu Gute kam. Bei ihrem Song „Eklig“ wollte man ihr am liebsten nicht in die Quere kommen.

Ruth Fuchs gab die fortwährend Kaugummi kauende Penny Pingelton, die mit ihren unbeholfenen Aussagen für Lacher sorgte. Besonders überraschte sie in ihrem glitzernden Finaloutfit, wo sie hammermässig aussah und nicht mehr wie das kleine Mädchen wirkte, dass sie die ganze Show über spielte.

Wem der Name Dinipiri Etebu vielleicht durch das Fernsehen bekannt vorkam, der hatte mit Sicherheit 2015 „Got to dance“ gesehen. Dort schaffte er es bis ins Finale. Als Seaweed Stubbs waren seine Tanzkenntnisse sehr von Vorteil, da er in einigen Szenen die Blicke damit auf sich ziehen konnte. Auch gesanglich überzeugte er mit dem englischen „Run and tell that“ auf ganzer Linie.

Als seine Mutter Motormouth Maybelle war Amanda Whitford zu sehen und es war nicht ihr erster Ausflug nach Baltimore. Egal ob mit blondem Lockenkopf oder frechem Bob am Ende, sie war ein optischer Hingucker und auch stimmlich eine Wucht. Sie hatte natürlich die Soulnummern für sich gepachtet und im ersten Teil war man sich jetzt nicht so ganz sicher, woher die kratzige Stimme plötzlich kam und ob sie nicht vielleicht etwas angeschlagen war. Vor dem zweiten Teil trat dann Dramaturg Arne Beeker auf die Bühne und machte dankenswerterweise auf die Erkältung von Whitford aufmerksam. Somit war auch geklärt, woher der Bonnie Tyler Effekt herkam, der aber alles andere als schlecht war. Hut ab, dass sie so toll die Premiere meisterte.

Als Corny Collins zeigte Peter Lewys Preston bei seinen Songs „The Nicest kids in town“ und „Hairspray“ den passenden Hüftschwung und setzte dank einiger Betonungen und gekonnter Lässigkeit neue Akzente.

Als Little Inez hatte Jelisa van Schijndel einen kurzen Auftritt, bei dem sie allerdings alles andere als eine kleine Stimme hatte. Als „The Dynamites“ traten Kudra Owens, Meimouna Coffi und Jane-Lynn Steinbrunn in Erscheinung und das waren sie in ihren goldenen Glitzerkostümen wirklich. Sie untermalten stimmlich und optisch einige Titel. In diverse Rollen u.a. als Mr. Pinky schlüpfte Peter-Andreas Landerl und sorgte in der Rolle als rosa Rudolf Moshammer Lookalike für Lacher. Ebenso Gunda Schanderer, die in mehreren Rollen (u.a. Prudy Pingelton) zu sehen war. Witzig ihre Einlage als russische Sportlehrerin.

All die genannten und das restliche Ensemble zogen das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann und unterhielten perfekt. Lebensfreude mit positiver Message gepaart wurde mit langanhaltendem Schlussapplaus und Standing ovations goutiert und das zu Recht.

Quelle: Andrea Martin

  • "Hairspray" im Landestheater Linz
    © Barbara Palffy

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    © Barbara Palffy

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    © Barbara Palffy

  • "Hairspray" im Landestheater Linz
    © Barbara Palffy

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    © Barbara Palffy

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