Vaudeville ist tot, es lebe die Burlesque Kunst: Gypsy an der Wiener Volksoper

Bereits am 10.9. feierte das Musical „Gypsy“ (Buch: Arthur Laurents nach „Gypsy: A Memoir“ von Gypsy Lee Rose) mit der Musik von Jule Styne seine Premiere. In der Wiener Volksoper bediente man sich der deutschen Übersetzung von Henry Mason, die von Werner Sobotka, der auch Regie führte noch etwas bearbeitet wurde. Wir haben uns die Vorstellung am 28.10. angesehen.

Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten und es handelt sich um reale Personen. Rose Louise Hovick, die später unter dem Namen Gypsy Rose Lee durchstartete, wurde zusammen mit ihrer Schwester Ellen, die später als June Havoc bekannt wurde, von ihrer Mutter früh zum Showbusiness, man kann fast schon sagen, gezwungen.
Mama Rose träumte ein Leben lang selbst davon ein Star zu sein, projizierte ihre Wünsche und unerfüllten Träume aber auf ihre beiden Töchter, egal ob diese sich ein Leben als „Star“ wünschten oder nicht. Leider gibt es auch heute noch Eltern, die über ihre Kinder und deren Zukunft bestimmen möchten und das nicht nur in Amerika. Das Motto des Stücks ist „Lebe deinen Traum“, aber wenn, dann bitte deinen eigenen und nicht auf Kosten anderer!

Rose ist eine Mutter, die haargenau weiß, was ihre Kinder fühlen, sich wünschen und wie sie ihr Leben gestalten möchten, wohlgemerkt, ohne sie jemals gefragt zu haben. Schon von klein an werden sie zu Auftritten gezwungen. Von den beiden Schwestern ist aber eindeutig die blonde June das Liebkind der Mutter. Sie darf auch wie ein Mädchen auftreten. Louise hingegen wird in Jungenklamotten gesteckt. Sie ist in den Augen der Mutter nicht so begabt wie ihre Schwester und diese lässt sie dieses Manko mehr als deutlich spüren. Rose folgt ihren Träumen, in denen sie immer neue Herausforderungen für die Mädchen sieht. Die Zeit vergeht, aber sie lässt die Kinder, zu ihrer Truppe zählen auch vier Jungs, nicht erwachsen werden. Die Kleider, die Lieder und das Liebliche der Kinder müssen erhalten bleiben. Am liebsten würde Rose die Zeit anhalten, in denen die Kinder nicht altern und ein Leben lang maximal 12 Jahre alt sind. Zufällig lernt sie Herbie kennen, der sich, auch wenn man sich oft nach dem „warum“ fragt, in Rose verliebt und sie am liebsten sofort heiraten möchte. Ihr zuliebe managt er die Truppe und steht hinter ihr wie eine eins, versucht aber auch den Kindern der verlorene Vater zu sein. Besonders für Louise ist er eine wichtige Person. Rose möchte ihre Mädchen immer größer herausbringen und immer mehr Geld mit ihnen verdienen. Ein eigenes Leben gibt es für die beiden nicht. June rebelliert als erste gegen das Regime der herrischen Mutter. Sie möchte ihre eigenen Träume verwirklichen, heiratet heimlich Kansas, einen der Jungs und flüchtet vor ihrer Mutter, um ihr Glück zu finden. Auch die drei anderen Burschen wollen aufgeben, zumal Vaudeville nicht mehr gefragt ist und die Auftritte und auch das Geld ausbleiben. Zurück bleiben Rose, Herbie und Louise. Diese hofft, dass diese Abschiede ihrer Mutter eine Lehre gewesen sind und dass sie Herbie endlich heiratet. Sie möchte endlich an einem Ort leben, den sie zuhause nennen kann. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre Mutter gemacht. Rose hat ein neues Projekt und das heißt Louise, denn kann sie nicht June haben, so muss nun Louise June ersetzen und zum neuen Star am Himmel werden.
Louise bekommt eine blonde Perücke verpasst, um wie ein Star (oder vielleicht doch eher wie ihre Schwester) auszusehen und hübsche Mädchen zur Seite gestellt, doch Louise ist nicht June, was auch Rose erkennen muss. Die Truppe landet in einem Burlesque Theater. Doch Rose stellt fest „spielt eine Vaudeville Nummer in einem Burlesque Theater, dann ist sie unten durch“. Auch hat sie etwas dagegen, dass sich ihr „Baby“ vor anderen Leuten auszieht. Das Schicksal will es, dass Louise in dem Theater bei einem Sketch aushelfen darf und ein kurzes Engagement hat. Herbie, den Rose noch immer nicht geheiratet, sondern immer nur vertröstet hat, besteht auf eine Hochzeit nach dem Louise „frei“ ist. Doch es soll anders kommen. Im Theater fehlt plötzlich der Hauptstripact, Rose ist schlagartig frei von Zweifeln und schlägt doch glatt ihre Tochter Louise vor. Herbie trifft für sich und sein Leben die Entscheidung, dass er nicht mehr Teil von Roses Leben sein möchte und verlässt sie. Louise ist bei ihrem ersten Auftritt vor Publikum noch wacklig auf den Beinen und wird ausgepfiffen. Dann macht es aber offenbar „klick“ und von einer Sekunde auf die andere findet sie Gefallen daran sich selbst zu vermarkten und dem Publikum stückchenweise etwas von sich zu geben, auch wenn sie schlussendlich nicht mehr so viel anhat. Man erlebt sie bei mehreren ihrer Auftritte in den verschiedensten Städten und erfährt dass sie ein gefeierter Burlesque Star geworden ist. Noch immer möchte ihre Mutter sie herumkommandieren, doch Louise, deren Künstlername Gypsy Rose Lee geworden ist, widerspricht ihr und lässt sich keine Befehle mehr erteilen. Vom hässlichen Entlein wurde sie zum stolzen, schönen Schwan, der sich selbst und das was sie tut endlich lieben gelernt hat. Im großen Finale gibt Mama Rose endlich zu, dass sie selbst gerne ein Star geworden wäre, aber niemand da war, um ihr das zu ermöglichen. Das allein war der Grund, warum sie ihre Mädchen auf die Bühne gezwungen hat. Am Ende gibt es doch noch so etwas wie eine Versöhnung zwischen Mutter und Tochter. Doch Rose hat wieder einen Traum, sie hat ein Plakat gesehen, auf dem Rose und Gypsy im gleichen Kleid zu sehen sind und das den Titel „Madame Rose und ihre Tochter Gypsy“ trägt… sie scheint doch nichts dazugelernt zu haben.

In Stephan Prattes Bühnenbild dominierten Reisekisten. Sowohl das Anfangsbild, wie auch im Lauf des Stück (z.B. die Betten der Kinder), alles sollte darauf hindeuten, dass die Familie rund um Rose ständig auf Reisen ist. Besonderer Hingucker war die „Happy Birthday“ Kiste, die letztendlich herunterkam, sich öffnete und das Interieur für die nächste Szene im Chinarestaurant u.a. mit einem großen roten Lampionschirm offenbarte. Die Kostüme (Elisabeth Gressel) passten gut zu den 1920 Jahren, auffallender waren die von June geraten, damit man merkte, wer der Liebling der Mutter war, Rose selbst eher unscheinbar geraten, denn sie gab ja alles für die Kinder. Danny Costello zeichnete für die Choreographie verantwortlich, hier waren keine Massen zu koordinieren, aber sowohl Spagate und Steppnummern wollten richtig platziert und ein Hingucker sein und das waren sie allemal.

In der besuchten Vorstellung verkörperte Tania Golden die Rose. Sie ist die alternierende Besetzung zu Maria Happel und da sich die Presse doch mehr der Darstellerin widmet, die die Premiere spielt, haben wir uns entschlossen etwas „presseuntypisches“ zu machen. Gleich vorweg, wir haben es nicht bereut. Als Rose mit Baby June und Baby Louise auftritt zeigt sie doch ab und an noch wahre mütterliche Gefühle, als sie ihnen über den Kopf streicht oder einen Kuss gibt. Für Rose dürfen die Mädchen nicht wachsen und keine eigene Meinung haben, sie will nicht „Manch einer“ sein, sondern jemand ganz bestimmter, von der man spricht, auch wenn es nur über die eigenen Kinder ist. Rose sieht sich selbst in ihnen und genießt ihren Erfolg als wäre es der eigene. So richtig außer sich sieht man Golden, als ihr Charakter von den Showjungs und June gleichzeitig verlassen wird. Sie schickt alle, die sie verlassen haben zum Teufel und stellt klar, dass sie, Rose, niemanden braucht. Beim Finale des ersten Teils „Dir blüht nichts anderes als Rosen“ ist sie dank ihrer Idee Louise zum neuen Star zu machen, voller Energie und sieht der Zukunft positiv entgegen. Rosen sind auch schöne Blumen, nur sie haben Dornen…Toll gelungen auch Goldens Finale des Stücks „Rose ist am Zug“, wo sie all das, was sie als Star versäumt hat in einer intensiven Solonummer durchleben darf

Herbie wird von Toni Slama verkörpert und es ist eine Freude ihm zuzusehen wie er von Rose fasziniert ist, seine Bedürfnisse zurückstellt ohne sein stetes Lächeln zu verlieren. Mit einem Satz hat er das Wesen von Rose erfasst „sie nimmt sich das, was sie kriegen kann und lässt sich nichts vorschreiben“. Sobald er ein ernstes Wort mit ihr reden will, schafft sie es immer wieder ihn breitzuschlagen. So auch beim Duett „Du kommst niemals los von mir“. Sehr spät gesteht sich Herbie erst ein, dass Rose ihn nur für ihre Zwecke ausgenützt hat, damit sie sich nicht allein um alles kümmern muss. Er muss erfahren, dass er keinen Platz in ihrem Leben hat und zieht die Konsequenzen. Ein einziges Mal wird er so richtig laut und fährt sie an, aber es ist zu spät, sie hat ihn verloren.

Kompliment an die beiden „Babies“ vom 28.10. Sophie-Marie Hofmann gibt ihre Baby June marilynlike mit Lippenstift, blonder Perücke und Petticoat als Markenzeichen. Sie schmeißt das Beinchen in die Höhe und bittet „Let me entertain you“, während Sophie Grohmann als Bub verkleidet im Hintergrund steht, um wie eine Unbeteiligte das Leben um sich herum wahrzunehmen. Einziges Ziel von ihr, ihre Schwester gut aussehen zu lassen. Gemeinsam mit den Jungs Fabian Rihl, Lino Gaier, Jonas Ambrosch und Oliver Kirnbauer haben die Mädchen eine tolle Szene bei „Baby June und ihre Zeitungsjungs“, vor allem Baby June muss natürlich auffallen und tut dies u.a. auch mit einem Spagat.

Lisa Habermanns Jahr steht gleich unter zweifachem „Gypsy“-Zeichen. Im Frühjahr gab sie in Klagenfurt die June. An der Volksoper schlüpft sie nun in die Rolle der Louise. Auch als Teenager darf Louise nur wie ein Bub gekleidet herumlaufen. Besonders liebt sie ihren Geburtstag. Das ist der einzige Tag, wo sie etwas Aufmerksamkeit bekommt. Bei „Kleines Lamm“ kuschelt sie mit ihrem Stofftier und besingt traurig ihre Identitätskrise, da sie gar nicht weiß, wie alt sie eigentlich ist. Traurig, als Tulsa sich von ihr verabschiedet und sie als „Kompliment“ zu hören bekommt, dass sie ein guter Kumpel war, genau das wollte sie nicht hören und man sah es in Habermanns Gesicht wie etwas in ihr zerbricht. Sehr berührend, als sich Louise das erste Mal mit einem Kleid, gemachten Haaren und Makeup vor einem Spiegel sieht. Sie sieht zum ersten Mal nicht den unscheinbaren Jungen, sondern ein hübsches Mädchen. Das Finale hat sehr viele Umzüge für Habermann parat, alles läuft reibungslos und man sieht, wie sie besser und besser wird, allerdings ohne jemals billig zu wirken. Gelungen auch die Garten Eden Szene, in der sie von den Girls (Ilvy Schultschik, Victoria Demuth, Angelika Ratej und Andrea Sulzmann) unterstützt wird.

Auch wenn June so gut wie die ganze Aufmerksamkeit der Mutter für sich gepachtet hat, so merkt man Marianne Curn, die diese Rolle verkörpert, an, dass ihr Leben sie nicht erfüllt. Sie hat es satt im goldenen Käfig der Mutter gefangen zu sein und mag kein altes Baby sein.
Beide Schwestern werden auf eine gewisse Weise, aufgrund der unterschiedlichen Behandlungsart der Mutter, voneinander entfremdet. Im Song „Wenn Mama einen Mann hätt‘“ zeigen sie sich zum ersten Mal als Schwestern, die sich einig sind und dasselbe wollen, nämlich ein eigenes Leben.

Eigentlich ist Curns Rolle nach dem ersten Akt zu Ende, da sich ja June entscheidet von der Mutter wegzugehen, aber am 28.10. kommt alles anders. Zu Beginn des zweiten Teils erscheint Dramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz auf der Bühne. Passiert so etwas, dann verheißt es meist nichts Gutes. Das Publikum wurde informiert, dass Christian Graf, der im zweiten Teil die Rolle der Tessie Tura verkörpern soll krankheitsbedingt ausfällt. Da es aber keine Zweitbesetzungen gibt, musste man sich sehr kurzfristig etwas einfallen lassen. Und wer hat sich als Retterin des Abends entpuppt – Marianne Curn! In Windeseile studierte sie die Rolle ein, passten ihr die Kostümbildner das Outfit auf den Leib und schwupps hatte Curn eine neue Berufung im zweiten Teil, nämlich die einer schon etwas abgebrühten Stripperin, die weiß, wie der Hase läuft und die Louise mit zwei Kolleginnen Nachhilfe gibt.

Als Trio Infernale haben Tessie Tura, Miss Mazeppa (Maren Kristin Kern) und Miss Electra (Martina Dorak) nur einen gemeinsamen Auftritt, aber der hat es in sich. Sie zeigen, wie man sich das Strippen erleichtern kann, denn „Man braucht nur einen Gimmick“ und schon hat man das Publikum auf seiner Seite. Curn zieht alle Register und fegt wie ein Wirbelwind über die Bühne, vor allem ihre sprachliche Ausdrucksweise ist nicht ohne. Das Verhalten ist natürlich total widersprüchlich zum lieblichen Schmetterlingskostümchen, Fühler, Flügel und einen Schmetterling mit einem ganz speziellen Körper auf ihren Röckchen inbegriffen. Ausdruck (ein herrlich gelangweilter) und Sprechweise sind alles andere als fein, aber sie hat als alteingesessene Stripperin in dem Theater einfach schon zu viel erlebt. Kern gibt die römische Legionärin, bei der das Kostüm nicht wirklich viel verdeckt. Ihr spezielles Accessoire ist die Trompete und man kann nur so staunen, wo diese überall plötzlich auftaucht. Dorak als leuchtender Christbaum verkleidet setzt mit der grünen Farbe der Hoffnung bunte Akzente.

Die älteren Jungs, die allerdings für Rose auch für immer jung bleiben sollen wurden von Peter Lesiak (Tulsa), Oliver Liebl (Kanas), Simon Stockinger (Yonkers) und Maximilian Klakow (L.A.) gespielt. Auch sie versuchen u.a. bei einem Vorsingen sowohl Mr. Grantziger als auch Rose zu gefallen, vor allem der Broadwayteil mit Hut und Stock war sehenswert. Highlight in dieser Szene ist aber sicher die Kuh Caroline (die auch Muhsicals mag 😉 ) und für die June den Broadway sausen lässt, da Liebe und Freundschaft wichtiger sind. Speziell von diesen vier hervorzuheben Peter Lesiak, der mit „Mir fehlt noch eine Frau“ eine Solonummer hat, in der er auch von einem eigenen Leben, einer eigenen Show und einer Frau träumt, ohne zu sehen, dass die, die ihn möchte (Louise) ganz in seiner Nähe ist.

Drei Stunden sind trotz Pause sehr lang für ein Stück, trotzdem verflogen sie, zumindest die meiste Zeit, wie im Flug, da man wissen wollte, wie jeder weitere Traum umgesetzt wird und ob es am Ende vielleicht doch noch ein Happy End für die liebe Familie gibt.

Quelle: Andrea Martin
  • Lino Gaier, Louisa Popovic (Baby June), Sophie-Marie Hofmann (Baby Louise), Lorenzo Popovic
    Lino Gaier, Louisa Popovic (Baby June), Sophie-Marie Hofmann (Baby Louise), Lorenzo Popovic
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Lisa Habermann (Louise), Peter Lesiak (Tulsa)
    Lisa Habermann (Louise), Peter Lesiak (Tulsa)
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Lisa Habermann (Louise)
    Lisa Habermann (Louise)
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Toni Slama (Herbie), Tania Golden (Rose)
    Toni Slama (Herbie), Tania Golden (Rose)
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Tania Golden (Rose)
    Tania Golden (Rose)
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Maren Kristin Kern (Miss Mazeppa), Christian Graf (Tessie Tura), Martina Dorak (Miss Electra)
    Maren Kristin Kern (Miss Mazeppa), Christian Graf (Tessie Tura), Martina Dorak (Miss Electra)
    © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
  • Marianne Curn backstage als Tessie Tura
    Marianne Curn backstage als Tessie Tura
    © Marianne Curn

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!