Das Linzer Musicalensemble wagt einen Ausflug in die Vergangenheit mit „Forever Young“

Das Landestheater Linz konnte sich in der Musicalszene in den letzten Jahren, dank hochwertiger Musicalproduktionen, einen Namen machen und hat dazu auch ein eigenes Ensemble. Zwischen den Stücken hat man sich in dieser Saison für die Präsentation eines persönlichen Abends des mittlerweile 10köpfigen Musicalensembles unter dem Motto „Forever Young“ entschieden.

Man hätte das Ganze einfallslos gestalten können. Alle stellen sich in einer Reihe hinter Mikros mit Gesangsbüchern auf und damit hat es sich. Natürlich wollte man das Publikum so nicht abspeisen. Die Inszenierung von Simon Eichenberger hatte mit vielen Überraschungen u.a. wunderbaren, zum Teil außergewöhnlichen musikalischen Arrangements, einem roten Faden und schönen
Erinnerungen der SängerInnen aufzuwarten. Für das Bühnenbild (Charles Quiggin) wurde die BlackBox, die kleine Spielstätte des Musiktheaters, mit dreh- und fahrbaren Spiegeln ausgestattet, mit denen das Geschehen auf vielfältigste Art und Weise in Szene gesetzt wurde.

Auch Richard Stockingers Kostüme sorgten bei vielen Nummern für das gewisse Etwas. Ein interessantes Detail am Rande – die SängerInnen wurden sogar in die Gestaltung der Show miteinbezogen indem sie einen Fragebogen zu diversen Erlebnissen bzw. Erinnerungen der Vergangenheit ausfüllen mussten. Das Ergebnis wurde dann entsprechend verwertet und herauskamen interessante
Darbietungen mit flotten Choreos und witzigen Accessoires.

Das Publikum befand sich auf einer Tribüne. Die Darsteller agierten, wenn man so sagen möchte, zu dessen Füssen, sodass eine sehr intime Atmosphäre aufgrund der Nähe entstand. Die 4köpfige Band unter der Leitung von Tom Bitterlich sorgte für den passenden Sound, der perfekt auf die Gegebenheiten abgestimmt war.

Gemeinsam wurde das Programm mit dem stimmgewaltigen „Go the distance“ aus dem Disneyfilme „Hercules“ eröffnet. Dann überraschte Gernot Romic als Rapper bei „Ding“ von Seeed. Mit Käppi lieferte er eine sehr coole und lässige Performance, während Peter Lewys Preston einen tollen Beatboxer gab. Danach war Romic außer Atem und meinte, er wäre wohl auch nicht mehr ganz jung. Auch wenn es nicht das Paradeliebeslied war, so verband er den Titel doch mit seiner ersten großen Liebe. Riccardo Greco gab dann zu, dass er als Junge gerne mit Barbiepuppen gespielt hatte und widmete seiner „großen Liebe von einst“ den Song „River deep, mountain high“. Natürlich hatte er eine Puppe mitgebracht, aber auch noch High Heels, die es in sich hatten und glatte 16 cm hoch waren. So als wären es die bequemsten Schuhe der Welt lieferte er eine tolle Showeinlage, begleitet von den Boys als Background und den Girls als Tänzerinnen. Sowohl vom Arrangement wie auch vom Gesang her war es eine außergewöhnliche Darbietung, die wunderbar gelungen war und man merkte, dass Greco das geschafft hatte, was er sich, als er klein war vorgenommen hatte. Früher hatte er geplant die Welt zu seiner Bühne zu machen, jetzt ist die Bühne seine Welt und das ist gut so, denn man fühlt, wie sehr er sich dort zuhause fühlt.

Bei Lynsey Thurgars „Smells like teen spirit“ von Nirvana wurde das Intro in einer tollen Version mit Vokalakrobatik vom Feinsten von allen gemeinsam gesungen. Danach ging die Post ab und es wurde ordentlich Gas gegeben. Sogar eine Trommeleinlage und das nicht nur vom Trommler selbst wurde gezeigt. Jede Menge Rhythmus im Blut hatte auch Kristin Hölck bei ihrem „Conga“ (Gloria Estefan). Ariana Schirasi-Fard erzählte von ihrem ersten (erfolgreichen) Casting bei dem sie „The rose“ von Bette Middler singen wollte und ein kleines Notenhoppala hatte, das das Publikum schmunzeln ließ. Dann ließ sie mit ihrer Wahnsinnsstimme den damaligen Moment Revue passieren, schade, dass man diesen nicht auf CD bannen konnte, denn er verging viel zu schnell. Was im Übrigen ein schöner Pluspunkt war, dass alle SängerInnen sich trotz vorgegebenem Text nicht verstellten und es so wirkte, als würden sie wirklich zu guten Freunden sprechen. Keiner musste seinen Dialekt oder Akzent verstecken und gerade das machte die Moderationen unterhaltsam. So erfuhr man von Ruth Fuchs, dass sie aus Niederbayern kommt und in ihrer Kindheit ganz spezielle Spielkameraden (Schnecken und Grashüpfer) dressiert hatte. Ihre Erinnerungen hatten durchaus etwas Kabarettistisches an sich. Aus einem kleinen Köfferchen zog sie dann diverse Andenken ihrer Kindheit u.a. ein Bild von Alfred J. Kwak, was zu „Warum bin ich so fröhlich?“ führte. Hanna Kastner erzählte von ihrer Vorliebe als Kind für spezielle Brillenfassungen und hatte sogar eine besondere mitgebracht, die sie zurück in die Zeit beim Kinderchor versetzte. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen gab sie dann die Gäste bei der Vogelhochzeit und überraschte auch mit einer tollen jazzigen Einlage. Peter Lewys Preston dachte dank einer Muschel an seine Urlaube aus der Kindheit in Italien zurück. Bei „Gente di mare“ legte er sich ordentlich ins Zeug und ließ den Italiener heraushängen. Besonderes Augenmerk legte er auf seine ganz eigene deutsche Interpretation des Textes, die er den Anwesenden auf humorige Art mit großen Gesten näherbrachte. Rob Pelzer fand als Kind die Lieder von Bob Dylan furchtbar, zumal er auch die Texte nicht verstand. Dass er mit dem „nicht mögen“ des Sängers abgeschlossen hatte, bewies er mit einer sehr reduzierten Version von „The times they are a-changin“ nur mit Gitarre begleitet. Vor der Pause wurde es dann noch bunt und schrill. Mit weißen Wuschelperücken und Plateauschuhen, die es in sich hatten wurde der Jackson 5 mit „I want you back“ und „ABC“ gedacht.

Der zweite Teil wurde von Preston mit Barry Manilows „Dancin‘ Fool“ eröffnet. Die Farben schwarz/weiß dominierten und alle zeigten eine sehr rasante Nummer, bei der Preston sogar eine flotte Stepeinlage auf die Tanzfläche legte. Tolle Effekte wurden auch dank der Spiegel erzielt. Eine Erinnerung an eine Musikkassette führte bei Greco zu „Kissing you“ von Des’ree. Mit viel Wehmut in der Stimme lieferte er im Spotlight eine stimmungsvolle Darbietung. Bei einer guten Mischung aus „Please Mr. Postman“ (Fuchs) und „Top of the world“ (Kastner) kam es zu einem kleinen gewollten Kabelsalat. Danach folgte ein sehr außergewöhnliches „Think“. Pelzer und seine männlichen Kollegen setzten sich, sehr zum Gaudium des Publikums spezielle Kopfbedeckungen mit Lämpchen auf, damit ihnen bei Aretha Franklins Song wohl ein Licht aufgeht. Der Titel wurde in Max Raabe Manier gesungen und bekam so einen völlig neuen Klang. Hölck gab zu nie Fan von jemand gewesen zu sein. An ihr erstes Konzert von Herbert Grönemeyer konnte sie sich aber noch gut erinnern und widmete „Halt mich“ ihrem kleinen Sohn, zumal sie „Fan“ von bedingungsloser Liebe ist und wo kommt diese besser zur Geltung als zwischen Mutter und Kind! Dann wurde Künstlern gedacht, die viel zu früh von uns gegangen und in den legendären Club27 eingegangen sind. Von Jimi Hendrix über Amy Winehouse bis Kurt Cobain waren sie alle vertreten. Erinnerungen verband Schirasi-Fard augenscheinlich auch mit „I like to move it“ von Reel 2 Real. Es folgte eine spassige Nummer, bei der sie sowohl die Band wie auch das Publikum fest in der Hand hatte. Einige Gäste mussten nämlich Fragen beantworten, die Antworten wurden mit einer Loopstation aufgenommen und infolge während des Songs abgespielt. Christian Fröhlich führte dann das Ensemble bei „Jump (for my love)“ an, welches durch den swingenden Stil und die witzige Sakko-Choreo und natürlich Fröhlichs markanter tiefer Stimme zu etwas völlig Neuem wurde. Dann schnappten sich alle Sessel und begannen in feinster Vokalakrobatik „Man in the mirror“ anzustimmen. Erst zum Refrain setzten die Instrumente mit ein. Eine sehr stimmungsvolle Einlage. Die Spiegel aus dem Hintergrund rückten dann auf fast magische Weise nach vor und sorgten direkt hinter den SängerInnen für einen tollen Effekt. Dann folgten noch von allen Gedanken zum Nachdenken das Thema älter werden und jung bleiben betreffend, die auch schon zum letzten Titel führten, der passend „Forever Young“ von Alphaville war. Dazu gab es eine einfallsreiche Choreo, bei der sich Kinder des Kinderchors des Landestheaters mit den Erwachsenen hinter den Spiegeln begegneten und mit ihnen sangen. Was für ein Moment!

Das Publikum war sehr begeistert und bekam zum Dank dann auch noch mit „I’ll be there for you“ eine Zugabe mit jeder Menge action auf der Bühne.

Quelle: Andrea Martin

2 Comments

  1. Arne Beeker

    Danke für die schöne Kritik. Aber die BlackBox ist keine Probebühne des Landestheaters, sondern die kleine Spielstätte des Musiktheaters, und die Spiegel gehören nicht zur BlackBox, sondern sie sind Teil des eigens gebauten Bühnenbildes – dreh- und fahrbare Spiegel auf einer Probebühne habe ich ehrlich gesagt auch noch nie gesehen 😉

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    1. Alexander Brock

      Guten Tag,

      vielen Dank für den Hinweis! Der Text wurde entsprechend korrigiert.

      Viele Grüße,
      Alexander Brock

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