„Schmetterlinge sind frei“, auch wenn man sie im Bauch hat…

„Blind vor Liebe sein“ ist eine geflügelte Redewendung. In dem Sprechtheaterstück „Schmetterlinge sind frei“ von Leonard Gershe (deutsch von Otto Beckmann) wird sie auf eine etwas andere Art gelebt.

Regie und Bühnenbild lag in den Händen von Sam Madwar. Der kleine Saal 1 im Theater Center Forum im 9. Wiener Gemeindebezirk wurde von Martin & Anke Gesslbauer von „Die Bühnenwerkstatt“ mit viel Liebe in eine Junggesellenwohnung verwandelt. Da gab es offene Regale, eine kleine Küche samt Kühlschrank, eine Badewanne, die mit Brett als Tisch diente, eine Couch, die wenn man genau hinsah, aus Paletten bestand, ein Hochbett, um Platz zu sparen uvam. Nichts wies darauf hin, dass hier jemand mit besonderen Bedürfnissen wohnt.

Der Autor wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert. Er erfuhr von einem jungen Mann, der trotz seiner Blindheit einen Jura-Abschluss in Harvard schaffte und machte das Thema Blindheit und den Umgang damit zum zentralen Thema.

Das Stück handelt von dem jungen Don Baker, der trotz massiver Widerstände von Seiten seiner Mutter in eine eigene Wohnung gezogen ist. Ein Auszug junger Menschen von zuhause ist nichts Ungewöhnliches, aber Don ist blind und seine Mutter hat große Bedenken, dass er sich allein nicht zurechtfinden kann. Sie gibt ihm zwei Monate, dann will sie ihn wieder zu sich holen. Don kann das Getue der Mutter nicht mehr hören und will ihr und auch sich beweisen, dass er es allein schafft. Als die junge Jill, die gerade süße 19 Jahre alt ist, neben ihm einzieht beginnt sich das Leben für ihn zu ändern. Sie lernen einander kennen, ohne dass sie etwas von seiner Blindheit bemerkt und sorgt mit ihrer unbekümmerten, lebensfrohen Art für einen Lichtblick in Dons Leben. Obwohl er immer wieder Zweifel hat, dass Jill sich mit ihm nur aus Mitleid abgibt, werden die zwei schnell Freunde. Es fühlt sich für beide so an, als würden sie einander schon eine Ewigkeit kennen und die Vertrautheit führt sogar soweit, dass sie das Bett miteinander teilen. Just in dem Moment als beide nicht viel anhaben erscheint Dons Mutter, schreit Zeter und Mordio und will ihren Sohn am liebsten sofort mitnehmen. Sie macht sofort alles im Leben ihres Sohns schlecht, von der Wohnung angefangen bis zu Jill, die mit der Situation auch überfordert ist. Mrs. Baker und Jill liefern sich hitzige Duelle, doch schlussendlich scheint seine Mutter als Siegerin hervorzugehen. Eine ziemlich heftige Diskussion zwischen den beiden Frauen führt dazu, dass Jill, die Schauspielerin werden will, zum Regisseur ihrer nächsten Produktion ziehen will. Erst als sie sieht, wie Don am Boden zerstört ist und als sie merkt, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann und es ihr ähnlich geht, fällt sie eine Entscheidung für ihre beiden Leben. Auch mit seiner Mutter kann sich Don aussöhnen, da ihr die Situation mit Jill die Augen geöffnet hat, da sie auch blind war. Nämlich blind vor Liebe zu ihrem Sohn, da sie ihn nicht den Gefahren der Umwelt aussetzen wollte. Schlussendlich musste sie aber auch einsehen, dass er ein Recht hat ein eigenes Leben zu leben.

Fazit der Geschichte: Viele Menschen gehen blind durch die Welt, ohne sie zu genießen, manche Menschen sind blind und können ihr Leben trotzdem in vollen Zügen genießen.

Der 1996 geborene Angelo Konzett wurde für die Rolle des Don engagiert und beeindruckte Leading Team, Kollegen und Publikum gleichermaßen. Er verkörperte den von Geburt an blinden Don mit soviel Sicherheit und Feingefühl, dass man sich zeitweise wirklich ertappte ihm nur auf die Augen zu sehen. Diese waren meist starr irgendwohin in die Ferne gerichtet und man hatte auch das Gefühl, als würde er weniger als ein sehender Mensch blinzeln. Don ist eigentlich mit sich und der Welt im Reinen und vergeht nicht in Selbstmitleid, wenn da nicht seine Mutter wäre, die ihn aus lauter Liebe glaubt beschützen zu müssen. Konzett überrascht auch mit Gitarrenspiel und einer kleinen, aber feinen Interpretation des englischen Titelsongs „Butterflies are free“ (von Stephen Schwartz). Im ersten Teil lernte man Dons humorige Seite kennen, nach der Pause wendet sich das Blatt und Konzett zeigte, dass sein Charakter bereit ist für sein Glück zu kämpfen. Bewundernswert auch die Tatsache, dass er, als er etwas durcheinander war, bewusst gegen Sachen stieß oder dagegenlief, da er als Blinder die Orientierung in der Wohnung verloren hatte. Hut ab vor seiner Leistung.

Glenna Weber war die vor Lebensenergie nur so sprudelnde Jill. Sie lebt in den Tag hinein, hat mit 16 Jahren schon das erste Mal geheiratet und sechs Tage Ehe durchgehalten und wirkt so als ob sie es nie lange an einem Ort aushält. Anfangs ist Jill entsetzt, als sie mitbekommt, dass Don blind ist, aber im Lauf der Zeit vergisst sie es immer wieder. Dann ist es immer sehr humorig, wenn Weber Kommentare wie „das wirst du schon sehen“ fallen lässt und sich im selben Moment dabei ertappt über ihr Gesagtes nachzudenken. Sie ist überhaupt eine, die zuerst handelt und dann nachdenkt und sehr impulsiv. Jill bewundert Don und wie er mit seinem Leben umgeht und Weber zeigte eine sehr direkte und aufgeschlossene junge Frau, die allen Anschein nach kein Problem mit dem Handicap von Don zu haben scheint.

Beide harmonieren sehr gut und haben viele witzige Momente, wie z.B. als Don Jill ertastet und plötzlich ihr Haarteil oder ihre künstlichen Wimpern in Händen hält. Die Stimmung schlägt allerdings bei Jill um, als es zur Begegnung mit Mrs. Baker kommt .Von der sanften Jill ist nicht mehr viel übrig und Weber präsentiert sich aufgrund der vielen Anschuldigungen nicht mehr als Traumschwiegertochter.

Die Mutter scheint gewonnen zu haben, als Jill sich entschließt zu Ralph, dem Regisseur zu ziehen, da sie offenbar von den Argumenten der Mutter überfordert war. Birgit Wolf als resolute Mrs. Baker mit Sauberkeitswahn spielte eine Frau, die ihren Sohn so sehr liebt, dass sie nicht möchte, dass er verletzt wird, ihm das aber nicht zeigen kann. Gemein sind Aussagen wie „es ist ein Segen, dass du nicht sehen kannst, wie du wohnst“. Sie macht ihm alles schlecht in seinem Leben und will ihm Gewissensbisse einreden, dass er wieder zu ihr kommt. Wolf sieht in ihrem rot/schwarzen Kostüm mit Haarknoten und festem Blick wirklich sehr streng aus und man ahnt, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen ist. Das Blatt beginnt sich zu wenden, als sie die Musik ihres Sohnes hört und ein klein wenig Stolz scheint durch ihre harte Oberfläche. Gottseidank geht am Ende das Mutter/Sohnverhältnis gut aus. Sie hat begriffen, dass er sie braucht, aber nicht die ganze Zeit um sich und es kommt zur finalen Umarmung.

In einer kleinen Rolle ist Regisseur Sam Madwar selbst zu sehen. Wen könnte er besser spielen, als Regisseur Ralph. Dieser ist sehr von sich selbst überzeugt und sorgt bei Don für Eifersucht.

Das Stück beweist dank eines wunderbaren Don-Darstellers, dass die Welt von Blinden nicht farblos sein muss und dass jeder Mensch seine Freiheiten braucht, egal ob seine Flügel vielleicht etwas kürzer geraten sind als bei anderen oder nicht, um auf den Titel des Stückes anzuspielen .

In Wien noch zu sehen bis 3.2.2018
19.30 Uhr, tgl. außer So. & Mo.
Theater Center Forum
Porzellangasse 50, 1090 Wien
Tel.: +43 1/310 46 46, http://www.theatercenterforum.com

und im Februar in der Steiermark:
MARIAZELL, K.O.M.M
19. Februar 2018, 19.30 Uhr,
Tel.: +43 7672/26 644, https://kommpost.mariazell.at

Quelle: Andrea Martin

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