Wenn der Regenbogen in all seinen Farben über dem Gärtnerplatztheater in München erstrahlt, dann… ist Priscilla vorbeigefahren!

Am 5.1.2018 besuchten wir die 7. Vorstellung nach der Premiere der deutschen Erstaufführung am 14.12.2017 von „Priscilla – Königin der Wüste“. Bis 12.4. steht es noch am Programm, allerdings sind alle Vorstellungen so gut wie komplett ausverkauft. Und das zu Recht, aber der Reihe nach.

Das Musical von Stephan Elliott und Alan Scott (Buch) ist ein sogenanntes Jukebox-Musical, das Discohits der 70er und 80er beinhaltet. Es basiert auf dem Film „Priscilla – Königin der Wüste“, wurde aber um einige Songs erweitert.

Die Regie hatte Gil Mehmert übernommen. Keiner der Charaktere wurde nur als tragikomische Witzfigur dargestellt über die man lachen kann. Nein, ganz das Gegenteil war der Fall. Jeder, allen voran natürlich die drei Hauptfiguren von Tick, Adam und Bernadette, waren Menschen wie du und ich. Jeder mit einer Geschichte und einem Schicksal. Die unglaublich intensive Präsentation war dafür verantwortlich, dass man nicht über, sondern mit ihnen lachen und auch weinen konnte. Es war sehr berührend anzusehen, wie die drei zu Anfang glauben nur sich selbst zu haben und im Endeffekt aber Liebe, Anerkennung und Freundschaft finden. Die Choreographie hatte Melissa King übernommen. Hier war es vor allem eine große Herausforderung nahtlose Übergänge zwischen den vielen Umzügen des kompletten Ensembles zu schaffen, was perfekt gelang. Das Bühnenbild stammte von Jens Kilian, wobei natürlich Priscilla, der titelgebende Bus, der sich auf einer Drehbühne befand ein absoluter Hingucker war. In Windeseile konnte aber auch eine Bar, das Casino oder der Ayers Rock dargestellt werden.

Die musikalische Leitung hatte am Abend der besuchten Vorstellung Andreas Partilla über, der mit dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz den vielen Discohits einen wunderbaren Sound verlieh.

Das Stück handelt von Tick und Adam, ihres Zeichens Drag Queens, die aber nur mässig Erfolg mit ihren Auftritten haben. Dann ist da noch die nicht mehr ganz so junge transsexuelle Bernadette, die als Ralph zur Welt gekommen war. Sie trat als eine der berühmten „Les Girls“ einer Travestieformation auf und ist mittlerweile ganz und gar eine Frau. Doch Tick hat ein kleines Geheimnis. Er ist verheiratet und hat sogar einen mittlerweile achtjährigen Sohn. Als sich Marion, seine Frau meldet und ihn bittet in Alice Springs in dem Casino, wo sie arbeitet aufzutreten, sagt er zu, da er nichts zu verlieren hat. Da es von Sydney nach Alice Springs kein Katzensprung ist, fragt Tick Adam und Bernadette ob sie mitfahren möchten und beide entschließen sich, mehr oder weniger sofort, mit von der Partie zu sein. Vor allem Adam, der als Drag Queen den Namen Felicia Jollygoodfellow trägt und von den anderen auch so genannt wird, hat einen Traum, den er verwirklichen möchte, nämlich im Fummel am Ayers Rock und Songs von Kylie Minogue schmettern. Adam hat für die drei auch das passende Gefährt organisiert – einen alten Bus, der auf „Priscilla – Königin der Wüste“ getauft wird. In Broken Hill feiern sie zwar als Draq Queens mit den Einheimischen, werden aber mit schwulenfeindlichen Parolen am Bus verabschiedet. Plötzlich gibt Priscilla den Geist auf und es heißt kurzfristig „Endstation Wüste“. Nach dem Motto „Colour my world“ (im Original Petula Clark) beschließen sie den Bus rosa zu färben. Wie von Geisterhand sieht der Bus danach wirklich wie frisch gestrichen aus. Gottseidank stoßen die drei dann auf Bob, den Mechaniker. In seiner Werkstatt kann er den Bus provisorisch flicken, die Lieferung eines Ersatzbenzintanks würde zu lange dauern. Es stellt sich heraus, dass er ein Fan der „Les Girls“ ist und er besteht auf einem Auftritt der drei in seiner Stammkneipe. Dort zieht aber eher die Nummer der durchgeknallten Cynthia, der Frau von Bob, alle Aufmerksamkeit auf sich. Bob, der sich augenscheinlich etwas in Bernadette (und auch umgekehrt) verguckt hat fährt nach einer Trennung von Cynthia mit dem Trio mit, falls der Bus wieder repariert werden muss. Auf einer Rast in Coober Pedy, einem Opalabbaugebiet sorgt Adam bei einem Auftritt als halbnackte Felicia für Aufsehen und wird fast vergewaltigt. Seine Freunde können ihn aber retten. Tick, Adam und Bernadette haben es endlich bis zum Casino geschafft, wo sie schon erwartet werden. Dass Tick verheiratet ist, hat er Felicia und Bernadette schon in der Wüste anvertraut, als Bernadette Benji, seinen Sohn, sieht, fällt sie prompt in Ohnmacht. Ticks Zweifel, dass sein Sohn ihn nicht akzeptiert sind unbegründet. Benji ist sehr weltoffen und hat keine Probleme, dass sein Vater a) als Drag Queen im Showbiz tätig ist und b) homosexuell ist. Sie beschließen von nun an eine guter Vater/Sohnbeziehung zu haben und fangen mit einer Gute Nacht Geschichte an. Und auch Bernadette, die schon nicht mehr daran geglaubt hat, dass sie auch noch einmal einen Mann finden wird, der sie so akzeptiert, wie sie ist, hat mit Bob ihren Herzbuben gefunden. Sogar Adam kann sich seinen Traum am Ayers Rock erfüllen, wo sie dann alle gemeinsam „We belong“ (Original Pat Benatar) zum Besten geben und eine Party steigen lassen.

Von Anfang bis zum Ende weiß man gar nicht, wohin man schauen soll, soviele Sachen passieren gleichzeitig wie z.B. das Erscheinen der drei Diven am Bus und die Performances von Tick, Felicia und Bernadette. Diese werden auch noch von einem Ensemble unterstützt, das für so einige Überraschungen sorgt. Gleich zu Beginn bei „It’s raining men“ schwebt das männliche Ensemble von oben in Regenmänteln auf die Bühne, entledigt sich dieser, um dem Publikum einen heißen Anblick auf ihre so gut wie nicht mehr vorhandenen Kostüme zu gewähren. Auch die Szene in der Tick Wasser in einem Cupcake entdeckt wird toll gestaltet. Bei „Mc Arthur Park“ fahren plötzlich cupcakes auf Rollschuhen umher. An Einfällen mangelte es wahrlich nicht, das bekamen auch sechs ahnungslos im Publikum sitzende Gäste am eigenen Leib zu spüren. So wurden sie doch bei der Eröffnungsnummer des zweiten Teils „Thank god I’m a country boy“ auf die Bühne geholt und toll in die allgemeine Tanzchoreo integriert.

Eine Transsexuelle darzustellen stellt sicher eine große Herausforderung dar. Erwin Windegger nahm diese an, indem er Bernadette verkörperte. Er gab eine Lady, die weiß was sie will und meist eine toughe Frau ist, die andere vor Unrecht beschützt (wie sie Shirley in der Bar niederbrüllt ist schon großes Kino). Neben der harten Schale spürte man aber auch in vielen Momenten den weichen Kern und man freute sich, als es zu ersten kleinen Annäherungsversuchen zwischen Bernadette und Bob kam. Nach dem Motto „was sich liebt, das neckt sich“ war sie einmal schüchtern und kokettiert vorsichtig, um dann wieder mit ihm zu scherzen. Egal ob er gefühlvoll bei „True Colours“ Trost spendete oder mit seinen Freunden u.a. „Don’t leave me this way“ zum Besten gab, es ist eine Freude ihm zuzusehen, mit welcher Selbstverständlichkeit er diesen Charakter verkörperte.

Armin Kahl schlüpfte von Kopf bis Fuß sowohl in einen Travestiekünstler, namens Doris Gay, als auch in einen Mann, der Geheimnisse in sich trägt. So richtig frei fühlen kann er sich erst, als er diese mit seinen Freunden geteilt hat und auch sein Sohn kein „Monster“ in ihm sieht. Letztendlich kann er nach vielen sehnsuchtsvollen Jahren seinem Sohn das geben, was er braucht, einen liebenden Vater. Nach großen Zweifeln kann sich Tick über den „besten Fehler, den er je gemacht hat“ freuen. Kahl hatte mit „I say a little prayer“ ruhige Momente, aber er gab auch u.a. trotz Schweinchenmaske bei „Shake your groove thing“ mächtig Gas und zeigte mehr als einmal seine Beine, die man nur bewundern konnte.

Zwei Queens in einem vereinte Terry Alfaro in seinem Adam bzw. seiner Felicia. Neben der Drag Queen war er auch die Drama Queen der illustren Truppe. Er strotzte nur so vor Energie, hatte aber auch während des Stücks Höhen und Tiefen zu verzeichnen. Als Höhepunkt kann man auf jeden Fall die Szene bezeichnen, als er wie in einem Thron im überdimensionalen rosa Schuh am Bus saß und sein Schleier wehte. Alles andere als damenhaft verhielt er sich bei seinem Versuch Männer aufzureißen, was gehörig in die Hose ging, die er aber nicht einmal anhatte. Das sonst so fröhliche „Hot stuff“ wirkte hier sogar richtig bedrohlich als Felicia eingekesselt und fast vergewaltigt wurde.

Die Diven, die in viele Szenen für die gesangliche Untermalung zuständig waren, wurden von Amber Schoop, Jessica Kessler und Dorina Garuci verkörpert. Sie waren ein echter Hingucker, da sie meist in schwarzen Bodies und ebenfalls schwarzen Schmetterlingsflügeln auftraten. Schon bei „It’s raining men“ ließ Schoop ihr kräftiges Organ ertönen und das war nicht das einzige Mal, dass sie hervorstach. Auch Garuci überzeugte bei ihrem Solo „I will survive“, wo sie Bernadette ihre Stimme lieh. Kessler hatte die Leadstimme bei „Girls just wanna have fun“ über und stand ihren Kolleginnen in nichts nach. Eines der besten Kostüme trugen die drei als sie im Casino Roulettetische darstellten und mit Gesten zeigten, ob jemand Pech oder Glück beim Spiel hatte.

Frank Berg als Bob der Mechaniker bewies, dass er nicht nur gut mit Fahrzeugen, sondern auch mit Menschen umgehen kann. Er hatte eine so ruhige und gelassene Art und sah nichts „Abnormales“ in seinen drei Mitreisenden und das war gut so und zeigte, wie es eigentlich immer sein sollte.

Marides Lazo hatte einen kurzen, aber umso heftigeren Auftritt als Cynthia. In Minirock und Strapsen zeigte sie bei „Pop Muzik“, wo die Ping Pong Bälle wirklich herkommen.

Zum Fürchten war Angelika Sedlmeiers männliche Seite, die sie in einer Bar bei „I love the night life“ zeigte.

Tanja Schön gab die etwas biedere Ehefrau Marion von Tick und Jasper Baumann war Benji, der sehr aufgeklärte Sohn von Tick, der mit jedem rasch Freundschaft schloss.

In weiteren Rollen zu sehen waren: Eric Rentmeister als Miss Verständniss (seine Tina Turner blieb in Erinnerung), Juriaan Bles als Miss Fernanda Falsetta und Karim Ben Mansur als Eingeborener Jimmy, der seine Muskeln spielen ließ.

Das restliche Ensemble bestand aus: John Baldoz, Alex Frei, Luke Giacomin, Rachel Marshall, Andreas Nützl, Adriano Sanzó, Susanne Seimel und Samantha Turton.

Eine tolle Show, die man am liebsten gleich nochmal ansehen möchte und dank der man mit so einigen Ohrwürmern beswingt nachhause ging.

Quelle: Andrea Martin

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