„Wer was Großes werden will, braucht große Träume“ (Zitat aus „Hairspray“)

Auf großer Tournee durch Deutschland, Österreich und der Schweiz befindet sich aktuell das Musical „Hairspray“ in einer deutschsprachigen Inszenierung (Dialoge: Jörn Ingwersen, Songs: Heiko Wohlgemuth). Tourneeproduktionen sind oft eine heikle Sache, weil man nicht alle Möglichkeiten eines fixen Theaterstandortes zur Verfügung hat. Aber die Produktion war im Großen und Ganzen gut gelungen, auch wenn ein reduziertes Bühnenbild zum Einsatz kam und viele neue Ansätze u.a. bei der Personenführung zu entdecken waren. Jan Freese hatte das Bühnenbild entworfen. Es bestand aus einem mittig platzierten Fernseher, der von Pastelltönen umrahmt war. Ein schwarz-weißer Vorhang mit einem Testbildmotiv machte deutlich, dass das Bild eigentlich alles andere als bunt für den Fernsehzuschauer der damaligen Zeit sein sollte. Vor dem Gerät befanden sich einige fahrbare Podeste, die im Laufe des Stücks viele Funktionen u.a. die Einzelzelle von Tracy erfüllten, allerdings war manchmal etwas Phantasie gefragt. Sonst sorgten noch einige passende Accessoires wie z.B. Ednas Bügelladen oder am Ende die große Spraydose für das passende „Hairspray“-Feeling. Heike Meixner setzte bei ihren Kostümen nicht auf auf Petticoat, sondern im Großen und Ganzen auf Etuikleider. Diese waren kurz und figurbetont und auch eher in Pastelltönen gehalten. Auch auf die sonst meist sehr hoch geratenen Frisuren wurde verzichtet. Outfitmässig hoben sich nur die van Tussles mit ihren weißen Haaren (leider war die Perücke von Velma nicht sehr kleidsam) und ihren roséfarbenen Kleidern ab, was auch sinnvoll war. Auch durften diese beiden zeitweise ein wenig Tüll tragen, was sie von den anderen abhob. Christopher Tölle war für die Choreographie zuständig, bei der auch einiges neu arrangiert worden war, speziell das Finale gestaltete sich erfrischend neu. Am Tag der besuchten Vorstellung (3.2., Wiener Stadthalle) hatte Andrew Hannan die musikalische Leitung über.

Ins Auge stach sofort der vorhandene Orchestergraben, was in der Stadthalle eine Seltenheit ist, er wurde auch noch nach der Aufführung ordentlich bestaunt. 10 Musiker sorgten für einen tollen Sound der Songs und es wirkte sich ausgesprochen positiv aus, dass die Musik nicht vom Band kam.

Katja Wolff hatte die Regie dieser Fassung übernommen und wie schon erwähnt waren viele neue Ansätze bei diversen Charakteren zu merken, einiges war vielleicht nicht ganz so vorteilhaft, anderes machte durchaus Sinn.

Das Musical „Hairspray“ basiert auf dem 1988 entstandenen Film von John Waters, am Broadway feierte das Stück 2002 Premiere und 2007 gab es ein Remake u.a. mit John Travolta als Edna. Da „Grease“ (auch mit John Travolta) doch eine Spur bekannter ist, hier ein kleiner Einblick in die Geschichte.

Baltimore Anfang der 60er Jahre. Tracy Turnblad entspricht aufgrund ihrer Körpermaße nicht dem Ideal der damaligen Mädchenfigur und wird auch immer wieder daran erinnert, wenn sie die Corny Collins Show sieht. Dort tanzen die hübschesten und begehrtesten Teenager und Tracy träumt davon eines Tages mitmachen zu dürfen. Auch ihre Mutter Edna hat Figurprobleme und bügelt lieber anderer Leute Kleidung, als ihre eigenen Probleme auszubügeln. Wilbur, der Familienvater ist Besitzer eines Scherzartikelladens und ganz vernarrt in seine beiden Damen. Tracys einzige Freundin ist Penny Pingleton, die es dank einer strengen Mutter auch nicht leicht hat. Als eines Tages ein Mädchen ausfällt, beschließt Tracy zum Vortanzen zu gehen. Dort wird sie von Velma van Tussle, der Produzentin nur schikaniert. Ein kleiner Traum erfüllt sich aber doch für Tracy, sie kann ihrem Schwarm Link Larkin kurz nahe sein. Dank einer Extralektion Tanz vom farbigen Seaweed Stubbs, den sie beim Nachsitzen kennengelernt hat, kann sie Corny auf sich aufmerksam machen und schon ist sie im Fernsehen in der Show gelandet, sehr zum Missfallen von Amber van Tussle, die dieses dicke, hässliche Mädchen alles andere als toll findet. Tracy schließt auch neue Freundschaften u.a. mit Motormouth Maybelle der Mutter von Seaweed und beschließt etwas für die Rechte der Schwarzen zu tun. Ihr Einsatz führt sie zuerst ins Gefängnis, dann in die Arme von Link, der eingesehen hat, dass Amber nichts für ihn ist. Auch Penny hat Glück in der Liebe, ihr auserkorener ist Seaweed, sehr zum Schrecken ihrer Mutter. Zuviel Engagement bringt Tracy in den Knast, doch dank Link kann sie ausbrechen und es geht dem großen Finale bei der „Miss Teenage Hairspray Wahl“ entgegen, wo es zu so einigen Überraschungen für Velma kommt.

„Hairspray“ ist aber nur auf den ersten Blick dank mitreißender Tanzszenen und tollen eingängigen Songs ein feelgood Musical. Es hat auch mit einer sehr gut verpackten, gesellschaftskritischen Story aufzuwarten und verleitet zum Nachdenken, warum etwa noch immer nicht alle gleichbehandelt werden, obwohl doch jeder Mensch darauf ein Anrecht hat. Auch das Thema „liebe dich selbst“ wird angesprochen und ist auch in der heutigen Gesellschaft immer noch ein Thema. Akzeptiert man sich nicht, ist man mit sich und der Welt unzufrieden und fühlt sich in seiner Haut nicht mehr wohl.

Beatrice Reece ist definitiv eine ideal besetzte Tracy, perfekte Kurven und eine absolut umwerfende stimmliche Bühnenpräsenz machen sie zu dem Mädchen, das seine großen Träume lebt. Interessant ist allerdings die Tatsache, dass ihr nur normale lange Haare mit Mascherl im Haar verpasst wurden und nicht wie sonst die typische Tracy-Frisur, die in anderen Inszenierungen etwas ausgefallener und definitiv höher ausfällt. Reece setzt auch mit anderen Betonungen und Phrasierungen neue Akzente so z.B. bei „Glocken klingen hell“, was dem Lied gleich etwas Neues verleiht. Ihre flammenden Reden, die sie für die Gerechtigkeit hält sind glaubwürdig und auch bei ihren Songs zeigte sie, dass eine Weiße durchaus Soul im Blut haben kann. Etwas anders als sonst wurde die Turnszene gelöst. Meist bekommt Tracy von Amber beim Völkerball spielen den Ball auf den Kopf und ist dadurch ohnmächtig. Hier wurden Bocksprünge gemacht und Amber zog ihr den Bock weg, sodass Tracy auf den Boden fällt. Die „Ball-auf-den-Kopf“ Variante wäre dann aber doch etwas glaubwürdiger gewesen. Nicht so ganz Tracylike war dann der Zusammenbruch, nachdem Link nicht bei ihrem Aufstand mitmachen möchte. Das wollte nicht so ganz zur sonst so starken Tracy passen, allerdings könnte man auch sagen, dass man eine neue Seite von ihr kennenlernte und sie einmal nicht die Starke spielen konnte, weil sie das zu sehr mitnahm.

Uwe Kröger ist ein „Hairspray“-Wiederholungstäter und da das „Ich bin, was ich bin“ Motto auch gut zu Edna passt, ist er eine gute Wahl für die liebevolle Mama. Allerdings wird sie in dieser Inszenierung etwas stärker und selbstbewusster als sonst dargestellt. Anfänglich trägt Edna zwar einen Hausfrauenkittel, dieser ist aber sehr hipp und mit schönem Muster, dass man einen gewissen Sinn für Stil schon erkennen kann. Gesundheitsschuhe stören nur wenig, wer hat die nicht zuhause gerne an. Edna mit flotter Kurzhaarfrisur (interessant, dass am Ende die Haare plötzlich halblang sind) ist ein Blickfang und auch die Tatsache, dass sie bereits mit Make up am Anfang gestylt ist ändert etwas ihr Erscheinungsbild. Kröger ist schön ausgepolstert worden und wenn er bügelt, dann hat das fast schon etwas Erotisches an sich, da seine Edna offenbar leidenschaftlicher angelegt ist als in anderen Inszenierungen. Krögers Edna wirkt lebensfroher, aber es fehlt noch immer das gewisse Etwas, um sich in die Öffentlichkeit zu trauen. Dieses Etwas gibt ihr letztendlich Tochter Tracy, die sie überzeugt gebraucht zu werden. Sobald Krögers Edna aus den angedeuteten vier Wänden in die große weite Welt geht, ist sie viel freier und wagemutiger und stellt sich vor ihre Tochter wie eine Löwin.

Claudius Freyer als Familienoberhaupt Wilbur Turnblad hatte natürlich bei zwei so starken Frauen etwas das Nachsehen. Auch musste er nur mit kleinen Accessoires den fehlenden Scherzartikelladen ersetzen. So trat er einmal mit falscher Nase, Tröten oder humorigen Kopfbedeckungen auf. Auf jeden Fall zeigte er einen in seine beiden Mädels vernarrten Vater, der auch das letzte (nicht vorhandene Geld) für sie hergibt.

Die deutsche Sängerin, Schauspielerin, Musicaldarstellerin und Fernsehmoderatorin Isabel Varell schlüpfte in die Rolle der Velma van Tussle. Stimmlich war sie eine sehr rauchige ehemalige Miss Baltimore Crabs, zeigte sich aber schauspielerisch rollenkonform bös und gab ihr „Brust raus und Po auch“ Image an das Fräulein Tochter Amber perfekt weiter.

Als Amber van Tussle war Maja Sikora zu sehen. Mit fast weißen Korkenzieherlöckchen ausgestattet, konnte ihr in Sachen Gemeinheit und Grimassen niemand so schnell das Wasser reichen. Genauso muss eine Amber sein, fies, gemein und nur darauf bedacht die eigenen Interessen zu wahren.

 Krisha Dalkes Link Larkin hatte etwas von einem Danny Zuko aus „Grease“, vor allem, wenn er sich dauernd durch die perfekt zurecht gesprayten Haare fuhr. Bei seinem Solo „Ich und du“ zeigte er eine tolle Kopfstimme und das Ende des Liedes bestimmte ausnahmsweise nicht Tracy, die spontan Link küsste, sondern Link, da er sie küsste. Dass sein Link überheblich wirkte, hielt in dieser Inszenierung länger als gewohnt an, Tracy schien das aber nichts zu machen, da sie völlig in ihn vernarrt war. Erst im zweiten Teil, als ab „Ohne dich“ großes Geknutsche angesagt war, nahm man ihm sein neues Image etwas mehr ab.

Devi-Ananda Dahm war Penny Pingleton und zwar so wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Einerseits sprühte Penny nur so vor Lebenslust und Freude und explodierte vor Unternehmerdrang nur so, andererseits hatte sie einen Pulli mit Häschen vorne an und immer einen Kuschelhasen für Babies mit sich, dass sich hier zwei Extreme trafen. Sonst wird sie fremden Menschen gegenüber eher schüchtern dargestellt und nur mit einem Drang zum Kaugummikauen. Hier nahm sie sich fast schon was sie wollte sehr eindeutig und das war … Seaweed.

Seaweed Stubbs wurde von Riccardo Haerri verkörpert. Durch die dominierende Penny geriet sein Charakter fast schon etwas ins Hintertreffen. Süß das Kaugummiwechseldich-spielchen der beiden und als Haerri Tracy neue moves beibrachte.

Janko Danailow als Corny Collins gab sich als farbenneutraler Moderator seiner Show und sah in seinem weiß/schwarzen Sakko wie eine optische Täuschung aus.

Motormouth Maybelles Plattenladen hieß „Black Power Records“ und black power hatte Darstellerin Monica Lewis-Schmidt allemal. Mit voluminösem blondem Lockenschopf, goldglänzenden Outfits und einer ebenfalls mehr als voluminösen Stimme sorgte sie u.a. mit „Breit, blond und blendend“ und „Ich weiß, wo ich war“ für Highlights.

Als die drei Dynamites waren Chiara Fuhrmann, Rebecca Stahlhut und Jahlisa Nikitser zu sehen. Neu auch ihr Auftreten bei „Willkommen in den Sixties“. Oft werden sie als Showgirls präsentiert, hier wurden sie als Schaufensterpuppen hereingetragen und wurden nach und nach mehr als lebendig. Besonders Chiara Fuhrmann, die auch Little Inez (die Schwester von Seaweed) verkörperte, machte stimmlich auf sich aufmerksam und agierte als kleines Energiebündel auf der Bühne.

Angela Hunkeler gab eine Prudy Pingelton, die ihrer Tochter ordentlich auf die Nerven ging. Auch die gestrenge Gefängniswärterin und die Sportlehrerin wurden von ihr verkörpert. Frank Brunet war Harriman F.Spritzer, Mr. Pinky und der Schuldirektor.

Das Ensemble wurde von Kai Braithwaithe, Sarah Kornfeld, Silvana-Lisa Schollmeyer, Lukas Schwedek, Lysanne van der Sijsk, Nigel Watson, Thomas Zigon und David Mendez komplettiert.

Weitere Infos zu Terminen etc unter:
http://www.hairspray-musical.co

Quelle: Andrea Martin

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