Jan Ammann im Interview – was ihm Flügel verleiht und warum er gerne fliegen möchte

Wofür steht Jan Ammann und wofür nicht?

J.A.: Da müssen Sie meine Fans fragen. Ich stehe auf der Bühne, singe, spiele Rollen und mache damit Menschen glücklich – und mich auch. Was für ein Luxus.

Was mögen Sie an sich selbst am liebsten und was weniger? 

J.A.: Was ich nicht so an mir mag, ist die Tatsache, dass ich mit organisatorischen Dingen oftmals etwas überfordert bin. Sei es Rechnungen zu überweisen, Termine einzuhalten, Telefonate zu führen oder Behördengänge abzuwickeln, das sind alles Dinge, die mir so unnötig erscheinen, aber die zum Überleben in dieser Welt einfach unglaublich wichtig sind. Ich bin froh, dass mir mein Manager vieles davon abnimmt (lacht). Was ich an mir mag? Dass mir das Wort Neid so fremd ist. Wenn ich mich in dieser Musicalszene umblicke, habe ich oft das Gefühl, dass Neid und Missgunst Dinge sind, die im Umgang miteinander eine immer größere Rolle spielen. Das finde ich sehr bedauerlich. Wenn ein Kollege auf der Bühne steht und mit seinem Auftritt mein Herz berührt, dann bin ich glücklich und freue mich. Denn dann hat er das gezeigt, was ich ja auch immer zeigen möchte: Eine Geschichte zu erzählen, ein Lied zu singen – und das beides am besten so miteinander zu kombinieren, dass es die Zuschauer mitnimmt. Bei meinen Solo-Konzerten habe ich oft Gäste, die so wunderbar sind und oft ihre eigenen Standing Ovations bekommen, Ich schaue dann durch den Vorhang und freue mich wie ein Schneekönig, dass ich so unglaublich tolle Gäste bei meinen Konzerten dabei habe. Das ist immer wieder ein wunderschönes Gefühl. 

Sind Sie grundsätzlich ein kritischer Mensch und wann gehen Sie mit sich selbst besonders hart ins Gericht?

J.A.: Ja, das bin ich schon. In meinem Beruf wird man zudem regelmäßig von anderen öffentlich kritisiert, deshalb habe ich gelernt, damit umzugehen. Besonders nachdenklich bin ich, wenn Menschen, die mir nahe stehen, mich kritisieren. Natürlich schmerzt diese Kritik ganz besonders und man möchte sie auch nicht hören. Aber ich habe mir angewöhnt, mich dennoch damit zu beschäftigen und mich damit auseinanderzusetzen. Denn besonders Menschen, denen man etwas bedeutet, sollte man Glauben schenken, wenn Sie auf Dinge hinweisen, die ihrer Meinung nach nicht okay sind. Von daher bin ich dankbar, dass es diese Menschen gibt und wünsche jedem Kollegen Menschen in seinem Umfeld, die einfach mal ein Zeichen geben, wenn sie privat oder künstlerisch in die falsche Richtung laufen.

Kommt es vor, dass Sie irgendetwas von einer Rolle auch privat annehmen?

J.A.: Nein, ich glaube eher nicht. Es ist allerdings durchaus so, dass ich mich bei meinem Rollenstudium sehr intensiv mit der Zeit und dem sozial-kulturellen Hintergrund meines Charakters beschäftige und dadurch Dinge entdecke oder auf Dinge aufmerksam werde, die mir bisher nicht so bewusst waren. Deshalb sind viele Rollen eine Bereicherung für mein Leben und Puzzlestücke, die mir in meinem realen Leben interessante Aspekte bringen. Generell ist es eher so, dass man immer bemüht ist, viel von sich in eine Rolle einzubringen. Viele Gefühle, die man selber schon gefühlt und gespürt hat – Enttäuschungen, Glück, Freude – all’ diese Dinge, die man im Leben kennengelernt hat, auf eine Rolle zu projizieren und in dem Moment auf der Bühne genau dieses Gefühl aus seinem Innersten hervorzuholen, das sind kleine Kunstwerke, die mir immer wieder gelingen und auf die ich sehr, sehr stolz bin. Je mehr ich dazu fähig bin – durch einen guten Regisseur – diesen Weg zu gehen, desto erfüllender ist mein Beruf für mich. Denn einen Charakter aus Fleisch und Blut zu erschaffen und den in einer Theaterwelt auf die Bühne zu bringen, das ist das größte Ziel eines jeden Schauspielers und Sängers.

Wenn Sie eine neue Rolle übernehmen, von der Sie nicht viel wissen, wie informieren Sie sich? Buch, Film? z.B. Haben sie bei Rebecca das Buch gelesen oder den Film gesehen? 

J.A.: In der Vorbereitungsphase für eine Rolle bin ich immer sehr begierig, alles Mögliche zu erfahren. Ob es historische Hintergründe sind, biographische Romane, Mutmaßungen über eine Person, alles, was bei Wikipedia steht, sauge ich auf. Ich schaue Filme, lese Bücher, das finde ich sehr spannend. Das alles hilft mir, diese imaginäre Welt auferstehen zu lassen und mich in dieser Welt zu bewegen. Das erscheint mir unerlässlich, um auf der Bühne authentisch zu sein. 

Finden Sie, dass die Rollen, die Sie verkörpern etwas gemeinsam haben oder sind sie so unterschiedlich wie Tag und Nacht und deshalb immer wieder eine neue Herausforderung? 

J.A.: Viele meiner Rollen haben eine gewisse Traurigkeit, Einsamkeit und Melancholie. Ob’s der Graf von Krolock ist, Juri Schiwago, König Ludwig oder auch Maxim de Winter. Und auch der Gaylord Ravenal in „Showboat“ war zwar oberflächlich ein Draufgänger, aber tief in seinem Herzen auch ein einsamer Mann. Wenn ich ganz ehrlich bin, mag ich diese melancholisch gefärbten Charaktere sehr, weil auch ich ein melancholischer Mensch bin, der allzu gern bei einem Gläschen Wein und etwas ruhiger Musik über das Leben philosophiert und sich Gedanken über die Welt macht. Dennoch – trotz dieses kleinen melancholischen roten Fadens – sind meine Rollen glücklicherweise so unglaublich unterschiedlich und das auf sehr spannende Weise. Jeder Charakter, den ich erschaffen darf, hat einfach ein eigenes Seelenbild. Manchmal breche ich ja auch aus meinem Muster aus und schwinge mich von Liane zu Liane, um meine Sippe zu schützen (lacht). Ja, der Kerchak in „Tarzan“ war mal ein Abenteuer der ganz besonderen Art. Ich finde es wunderbar, dass wir als Künstler so privilegiert sind, in unterschiedliche Charaktere zu schlüpfen. Dadurch hat unser Job etwas von einem immerwiederkehrenden Karnevalstag, weil man sich jeden Tag verkleiden darf und dafür sogar auch noch Geld bekommt.

Apropos Herausforderung – was ist für Sie eigentlich stimmlich oder schauspielerisch gesehen überhaupt noch eine challenge?

J.A.: Natürlich gibt es einige Rollen, die mich noch sehr reizen würden. Den Javert in „Les Miserables“ würde ich gern singen und darstellen! Oder auch den Edward Rochester im Musical „Jane Eyre“, das in diesem Jahr in Gmunden seine deutsche Erstaufführung erlebt – eine wunderbare Musik und eine wunderbare Rolle. Mein dritter Favorit ist Bruce Bechdel, der Vater im Musical „Fun Home“. Dieses Stück über eine ganz besondere amerikanische Familie hat den Pulitzer-Preis gewonnen und die Musik und die Dramaturgie der Geschichte fesselt und begeistert mich.

Bald verkörpern Sie wieder in Füssen einen König (Ludwig II). Wären Sie gerne selbst ein König und wenn ja zu welcher Zeit, „damals“ oder heute (es gibt ja auch noch in Europa von Königshäusern regierte Länder wie Belgien, Niederlande, Dänemark…) und wie würden Sie Ihr Reich regieren? 

J.A.: Wenn man immer auf der Bühne steht und in fremde Rollen schlüpft, hat man als Musicaldarsteller manchmal auch das Luxusproblem, seine eigene Rolle im Leben zu finden und seinen eigenen Weg zu gehen. Diese Aufgabe erscheint mir deutlich wichtiger, als ein ganzes Reich zu regieren. Mir reicht es, wenn ich über meine eigenen vier Wände die Übersicht behalte, putze, durchlüfte und auch mal Blumen auf meine Fensterbank stelle. Das Regieren großer Reiche überlasse ich lieber anderen.

Ihr letztes Album heißt „Wunder geschehen“. Welches Wunder hätten Sie gerne, das geschieht und hatten Sie schon einmal den Moment, wo Sie an Wunder geglaubt haben?

J.A.: Der viel besungene Frieden auf der Welt wäre schon ein tolles Wunder, mein persönliches Wunder ist mein Sohn. Seit er auf der Welt ist, hat sich viel verändert. Viel Wunderbares.

Gibt es ein Vorbild (noch lebend) mit dem Sie gerne einmal auf der Bühne stehen möchten? Und wenn ja warum genau der oder die?

J.A.: Ich bin ein großer Fan von Anthony Warlow und würde wahnsinnig gerne mit ihm einmal auf einer Bühne ein Duett singen. Das wäre mir eine so unglaublich große Ehre. Ich schätze Anthony sehr, er ist ein wunderbarer Interpret und ein ganz, ganz großartiger Sänger. Hut ab!

Stichwort Fan. Wie weit dürfen Ihre Fans bei Ihnen gehen? Sind Sie eher einer, der sich gerne umarmen und Seite an Seite fotografieren lässt oder wahren Sie auch gerne einmal die Distanz? 

J.A.: Ich glaube, die körperliche Nähe hat nicht unbedingt viel damit zu tun, ob man dennoch eine gewisse respektvolle Distanz dem Künstler gegenüber bewahrt. Ich kann mich mit Fans fotografieren lassen, meinen Kopf nah an den Kopf eines Fans halten, damit beide Köpfe auf das Selfie passen. Ich kann auch mal einen Fan drücken und in den Arm nehmen oder ihm herzlich die Hand schütteln, ohne dass ich das Gefühl habe, dass eine Grenze überschritten wird. Allerdings gibt es auch Fans, die allein durch die Häufigkeit ihres Auftauchens oder durch das, was sie mir sagen oder schreiben, eine Grenze überschreiten. Und zwar in der Hinsicht, dass sie sich nicht damit begnügen, dass ich als Künstler auf der Bühne stehe und meine Lieder singe, sondern dass sie Anspruch darauf erheben, Teil meines Privatlebens zu sein. Das macht mich immer traurig. Und wenn ich nach vielerlei Erklärungen bemerke, dass solche Personen es nicht aufgeben und die Nähe zu mir immer und immer wieder einfordern, werde ich tatsächlich manchmal auch verbal recht ungehalten. Das ist mir stets unangenehm, aber ich fühle mich in dieser Situation wirklich immer sehr hilflos. Glücklicherweise sind das die Ausnahmefälle und mir geht es tatsächlich meistens bei den Konzerten so, dass ich schon, wenn ich auf der Bühne stehe, mich über all’ die Fan-Gesichter freue, die ich kenne, weil sie regelmäßig zu meinen Konzerten kommen. Das hat etwas von Klassentreffen. Auch später, wenn es eine Autogrammstunde gibt und ich all’ die bekannten Gesichter sehe und sie mir noch sagen, dass es ihnen gefallen hat. Ohne Fans könnte ich nicht sein und ich bin dankbar für jeden. Und ich hoffe einfach, dass ich auch denen, die mir ab und zu zu nahe kommen, irgendwann klar machen kann, dass ich als Künstler Jan Ammann auch ein Recht auf Privatleben habe.

Stichwort Distanz – Presse kann ja auch manchmal aufdringlich sein. Wo wäre bei Ihnen der Punkt erreicht, wo Sie sagen stop bis hierhin und nicht weiter? z.B. Wenn jemand jeden Schritt, den Sie tun dokumentieren möchte oder sogar Familienmitglieder befragen möchte, wo hört sich da für Sie der Spaß auf?

J.A.: Ich mag es, Interviews zu geben. Ich mag es besonders, wenn die Fragen mich aus der Reserve locken, wenn Fragen auftauchen, bei denen ich überlegen muss, bevor ich antworte und nicht meine schematisch vorgefertigten Gedanken zu Standardfragen in die Welt hinausposaunen muss. Für mich ist der Schutz der Privatsphäre sehr wichtig. Jeder Künstler und Kollege geht anders mit diesem Thema um. Ich persönlich bin der Meinung, dass mein Sohn, solange er nicht volljährig ist und selber entscheiden kann, ob er zu einem medialen Sohn werden möchte, nicht in Erscheinung tritt. Ich möchte ihm diese Entscheidung nicht vorwegnehmen. Deshalb halte ich meinen Sohn und meine Lebensgefährtin aus der Presse heraus. Wenn man ein öffentlicher Mensch ist, so wie ich, dann sind das auch die letzten Dinge, die man tatsächlich für sich allein haben und schützen möchte. Mein Privatleben gehört ganz einfach mir. Dadurch fällt es mir leichter, eine Grenze zu ziehen zwischen Beruf und Privatleben und diese Grenze ist nötig. Denn nur das Leben außerhalb der Bühne macht das Leben auf der Bühne erst möglich, ich möchte da keine Vermengung.

Was war das schönste Kompliment, das Sie je erhalten haben – egal ob privat oder für einen Auftritt?

J.A.: Das schönste Kompliment ist, wenn mein Sohn mir in die Augen schaut und ich sehe, wie sehr er mich liebt.

Worauf könnten Sie in Ihrem Leben nicht verzichten und warum nicht?

J.A.: Auf meinen Sohn könnte ich nicht verzichten. Er ist mein ein und alles!

Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft (kräfte) hätten Sie gerne und wie wäre Ihr Name?

J.A.: Wie ich heißen würde, weiß ich nicht. Aber ich würde unglaublich gern fliegen können: Mal wegfliegen von Orten, wo ich mich gerade nicht wohlfühle. Mal hinfliegen zu Menschen, die ich viel zu selten sehe, wie zum Beispiel meine Eltern. Oder einfach gemeinsam wegfliegen mit meinem Sohn – wie einst Peter Pan nach Nimmerland – und Abenteuer erleben.

Noch eine Frage aus Sicht Ihrer österreichischen Fans – wann verschlägt es Sie nicht nur für ein oder zwei Konzerte pro Jahr nach Wien, sondern für ein longrun Engagement? Ihre österreichischen Fans wollen doch einmal gerne in den Genuss Ihrer Person kommen!

J.A. Die Frage ob und wann und in welchem Land man als Musicaldarsteller eine Rolle spielt, liegt nicht allein im Ermessen des jeweiligen Künstlers, sondern vor allem im Ermessen der Theater. In den vergangenen Jahren gab es durchaus Rollen, die mich interessiert hätten und für die ich mich auch beworben habe. Leider hat sich bislang niemand dazu durchgerungen, den Herrn Ammann in Wien auf eine Bühne zu stellen. Warum auch immer. Aber ich übe mich in Geduld und freue mich in der Zwischenzeit über all’ die schönen Rollen, die ich in Deutschland spielen darf.

Ein herzliches Dankeschön an Jan Ammann für die Zeit diese wunderbaren Worte für uns und unsere LeserInnen zu finden. Noch etliche zukünftige Karnevalstage und mögen noch ganz viele Träume in Erfüllung gehen!

Quelle: Andrea Martin

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