Was für eine schöne Sauerei: „Betty Blue Eyes“ am Landestheater Linz verdreht allen den Kopf!

Seit dem 24.2. steht am Landestheater Linz die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals mit dem Schwein „Betty Blue Eyes“ am Spielplan. Vielleicht ist es gerade die Experimentierfreude der Verantwortlichen an diesem Theater, die den Erfolg der dort gespielten Musicals ausmacht. Auch „Betty Blue Eyes“ ist nicht das Mainstreammusical, das dauernd überall aufgeführt wird. Für viele Leute ist der Besuch des Stücks der erste Kontakt mit dem niedlichen Schweinderl und den teilweise sehr schrägen Charakteren, die es in dem kleinen Shepardsford in England gibt. Das Musical stammt von George Stiles (Komponist) und Anthony Drewe (Texte) und basiert auf dem britischen Spielfilm „Magere Zeiten – Der Film mit dem Schwein (Originaltitel: A Private Function)“ aus dem Jahr 1984.

In Linz bediente man sich der deutschen Übersetzung von Roman Hinze, der gekonnt die Pointen des englischen Originals herausgearbeitet hatte und dank der wunderbaren Interpretation der Darsteller konnte man mehr als nur einmal lautstark lachen.

Für die kurzweilige Inszenierung sorgte Christian Brey, für die schwungvolle Choreographie war Kati Farkas zuständig (toll anzusehen der Jitterbug zu „Löwenherz“). Dank dem Bühnenbild und den Kostümen von Anette Hachmann fühlte man sich in die 40er Jahre zurückversetzt. Betty Blue Eyes, das von Hand geführte Schweinderl stammte von Sebastián Arranz und war wirklich entzückend anzusehen. Vor allem, wenn es beim Titelsong „Betty Blue Eyes“ eine kleine Tanzeinlage lieferte oder als es entführt wurde die Beinchen auf kleinen Rädern fixiert sind, sodass es aussieht, als würde es radeln. Tom Bitterlich hatte die musikalische Leitung über und gemeinsam mit der Band „Black Beauty and Friends“ sorgte er für wunderbaren Swingsound aus dem Orchestergraben, der sogar extra für die Ouvertüre und das Finale emporgefahren wurde, damit man die Damen und Herren auch sehen konnte. Die Songs gehen vielleicht nicht gleich beim ersten Mal ins Ohr, deshalb ist nachhören (ja, es wird eine CD Aufnahme von diesem Musical geben!) oder ein nochmaliger Besuch zu empfehlen.

Die Geschichte spielt in Shepardsford, England im Jahr 1947. Die gute Nachricht: die Hochzeit von Prinzessin Elizabeth und Philip Mountbatten steht an, die schlechte: die Lebensmittelrationierung wird verschärft. „Wohlstand für jedermann“ wird zwar versprochen, aber das Anstellen für Lebensmittel bleibt nicht aus und manche haben ihre eigenen Methoden, um ans Essen heranzukommen. Inspektor Wormold vom Ernährungsministerium überwacht alles und jeden. Noch unentdeckt sind die drei Herren vom Stadtrat Swaby, Allardyce und Lockword, die zu Ehren der Hochzeit ein Bankett planen. Highlight soll ein illegal gemästetes Schwein sein. Gilbert Chilvers, der Hauptprotagonist dieser Geschichte ist ein fahrender Fusspfleger und lebt sozusagen vom Fuss in den Mund. Er hat einen großen Traum, nämlich einen eigenen Laden („Laden hier am Platz“). Als er ein freies Lokal sieht ist das ein Zeichen für ihn. Seine Kunden, vor allem die weiblichen lieben ihn und freuen sich immer, wenn sich seine „Zauberhände“ an ihren Füssen zu schaffen machen. Er ist aber nicht nur, ein phantastischer Fusspfleger, sondern vor allem ein guter Zuhörer, der den Damen zuhört, wenn sie ihm ihre Probleme schildern. Gilbert ist eher scheu, nicht redselig und genau das brauchen sie, um sich wohlzufühlen. Ok manche wollen vielleicht nicht nur einen guten Zuhörer, sondern mehr, aber Gilbert ist eine treue Seele und hat außer fremden Füssen nichts im Sinn. Beim Fleischer Metcalf gehen die Vorräte aus, noch dazu erscheint der Fleischinspektor und schließt den Laden, nachdem die Fleischersgattin versucht hat unlizenziertes Fleisch im Kinderwagen aus dem Geschäft zu schmuggeln. Wormold konfisziert das Fleisch und färbt es in einer ganz eigenen Zeremonie grün. Veronika, die Tochter von Allardyce nimmt Klavierunterricht bei Joyce und muss aus dem Mund der Göre hören, dass sie nicht zu den angesehendsten Damen der Stadt gehört. Auch wenn sie die Kommentare der anderen stören, für sie ist klar, „Es gibt niemanden“, der sie Niemand nennen darf. Das Triumvirat der Stadtoberhäupter besucht das Schwein, das bei einem Bauern versteckt ist. Allardyce ist sehr verliebt in das rosa Borstenvieh und hat ihm sogar einen Namen, Betty, gegeben. Da es lahmt, wird Gilbert gerufen, der ihm auch helfen kann und auch er verfällt Betty und wird in ihren Bann gezogen. Joyce und ihre Mutter stehen ein weiteres Mal bei einem Fleischer an und wollen ein Stück Fleisch ergattern, zu dumm, dass auch dieser krumme Dinge dreht und Pferde- für Schweinfleisch verkauft. Der Fleischinspektor tut auch hier seine Pflicht. Die beiden Frauen und etliche andere gehen leer aus. Joyce denkt an die Zeit zurück, wo ihr Gilbert noch ein Held war. Nachdem es einen Luftangriff gegeben hat, rettete er sie nämlich aus einem Ballsaal und so wurde er zu ihrem „Löwenherz“ (eine absolut gelungene Shownummer, alles swingte und der Jitterbug ließ niemanden stillstehen, erschreckend, als auf die Vorhänge ein Luftangriff projiziert wurde, sich plötzlich alles in rot hüllte und alle am Boden lagen). Gilbert möchte bei Lockwood den Pachtvertrag unterzeichnen, doch dieser wird von Swaby, der als Arzt sein Geschäft flöten gehen sieht, davon abgehalten. Gilbert, der eben noch so ruhig erschien, hat eine Idee, er will dem Stadtrat schaden und er beschließt „Stiehl das Schwein!“. Es kommt zu einem fulminanten Finale des ersten Teils, bei dem sich alle auf der Bühne tummeln. Die drei Stadträte besprechen ihre Pläne für das Bankett und singen ein Loblied auf das Schwein, das Volk protestiert gegen die Essenssituation, Wormold fuchtelt mit seiner Farbpalette in Grüntönen herum und Gilbert denkt an alle Teile, die man von einem gestohlenen Schwein genießen könnte.

Nach der Pause sieht man, wie Gilbert das Schwein mit sich führt, da er es schon gekidnappt hat, schade, dass man dies nicht im Stück sieht. Sogar das Publikum darf es mit seinen Lieblingskeksen (Ingwer) füttern. Betty fügt sich ihrem Schicksal und landet im Abstellraum unter der Treppe im Haus der Chilvers. Dummerweise hat Betty augenscheinlich große Magenprobleme (Gottseidank hat man sich nicht für ein Geruchserlebnis der anderen Art für das Publikum entschieden, lediglich die passenden Geräusche sind zu hören).

Das Ehepaar freut sich, denn „Der Sieg für uns, die kleinen Leute“ ist ein großes Ereignis. Sie träumen sich das englische Königspaar herbei und feiern ihren Triumph. Joyce will, dass Gilbert das Tier umbringt, damit sie was zu essen haben. Doch Gilbert ist dem Tier verfallen und kann sich nicht überwinden zum Schweinschlachter zu werden. Mittlerweile stinkt es furchtbar im Haus „Ein Geruch füllt die Luft“ und alles und jeder ist verdächtig. Das Beste ist allerdings, als die Schwiegermama von Gilbert glaubt, dass sie es ist, die stinkt und infolge ein Gespräch von Joyce und Gilbert belauscht, indem die beiden über die Ermordung des Schweins reden. Allerdings fällt nie der Name des Tiers und die arme Dear ist der Meinung, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen und sie bangt um ihr Leben. Mit einem gellenden Schrei fleht sie die beiden an ihr nichts anzutun. Was dann kam, war einfach nur zum Brüllen komisch und das Publikum konnte sich fast gar nicht mehr einkriegen. Die Schwiegermutter wird in die „Sache mit dem Schwein“ eingeweiht, allerdings darf diese, wenn sie gefragt wird ja nicht sagen, dass ein Schwein im Haus ist. Dear ist letztendlich so verwirrt, dass sie glaubt ins Irrenhaus zu müssen, es ist aber auch kompliziert „Schwein, kein Schwein“.

Betty türmt, dass sie sich nur am WC versteckt, weiß zu dem Zeitpunkt noch niemand. Dann geht alles Schlag auf Schlag. Veronika kommt zur Klavierstunde, sieht das Schwein, brüllt wie am Spieß und wird hinausgeworfen. Der Fleischinspektor erscheint zwecks Fusspflege, doch Gilbert ist so verwirrt, dass er ihn verletzt. Joyce möchte erneut, dass ihr Mann seinen Mann steht und Betty umbringt, doch er kann es noch immer nicht.

Die drei Herren vom Stadtrat beklagen sich in einer Bar, dass „Seit dem Krieg“ alles den Bach runtergeht und sind sauer, dass Betty verschwunden ist. Sie kriegen aber Wind von ihrem Versteck und statten Gilbert einen Besuch ab. Zu dumm nur, dass Wormold auch mitgehört hat. Es kommt zum großen Aufmarsch sämtlicher Beteiligten bei Gilbert. Der Inspektor sucht das Schwein, doch Joyce erfindet eine haarsträubende Geschichte, dass Betty ihr Künstlername wäre und Ringelschwanz der von Gilbert und dass alle gemeinsam nur an einem Unterhaltungsprogramm für das Bankett basteln. Schlussendlich hört es sich aber trotzdem für das Publikum so an, als würde der herbeigerufene Schlachter das Vieh ermorden…Der Tag das Banketts, ein Herr darf der Queen die Hand küssen, der Brautstrauß wird ins Publikum geschmissen und alle Einwohner sitzen an einer langen Tafel. Auf einem Tisch wird ein Schwein hereingefahren. Es wird doch nicht Betty sein… Allen läuft das Wasser im Mund zusammen.. Nachdem der Fleischinspektor das Schwein konfiszieren will, kommt heraus, dass Gilbert rechtzeitig mit Betty geflüchtet ist. Es gab nur einen Unterschlupf für Betty, nämlich das Haus von Allardyce. Dort darf es jetzt mit ihm in einem Zimmer (im Bett?!) schlafen, seine Frau musste auf’s Sofa. Als sich alle fragen, was das ist, was aussieht wie ein Schwein, gibt Joyce zu, dass es eine Eigenkreation aus Dosenfleisch ist. Allen schmeckt dieses Gericht fantastisch und sie machen sich über Wormold lustig, der unverrichteter Dinge abziehen muss. Gilbert bekommt am Ende ein Telegramm von der Queen. Darin bedankt sich diese für Bezugsscheine, die das Hochzeitsbankett ermöglichten. Gilbert hatte ein Jahr lang gesammelt und sie beiseitegelegt. Joyce ist so gerührt von dieser Geste und macht ihm eine Liebeserklärung. Beim großen Finale sieht man, dass Gilbert schlussendlich doch seinen Laden bekommen hat und dass er einen riesigen Fuss aufhängt. Ende gut alles gut und Betty ist auch happy.

Rob Pelzer als Gilbert Chilvers ist wirklich einer, dem man abnimmt, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Wenn er in Unterwäsche auf der Bühne steht und sich fragt „Was für ein Mann bin ich“, dann würde man das Häufchen Elend am liebsten in die Arme nehmen und trösten. Sowohl von Joyce wie auch Dear wird er nicht für voll genommen, auch wenn er seiner Frau immer zeigt, dass er sie liebt und sie nur bissig reagiert. Als er sich zum Diebstahl des Borstentiers entscheidet, nimmt er zum ersten Mal seit langem sein Schicksal wieder einmal selbst in die Hand und will zeigen, dass er doch kein Loser ist. Pelzer überzeugt vor allem als Fußkenner mit seinen Zauberhänden und einfühlsamen Frauenversteher mit Seele und zeigt auch gekonnt eine Gratwanderung zwischen schüchternem Mann und jemandem der über seine Grenzen hinauswachsen kann.

Joyce Chilvers alias Kristin Hölck hat in der Beziehung eindeutig die Hosen an, sie ist bei all ihren Argumentationen sehr überzeugend und Gilbert hat nicht viel zu sagen. Damit ihr braver Ehemann das tut, was sie möchte, verspricht sie ihm immer Geschlechtsverkehr als Belohnung.Sie gibt sich als Luxusweibchen, das keinen zaudernden Gatten möchte, erst am Ende kommt sie drauf, was in einer Beziehung wirklich zählt. Ihr Solo „Es gibt niemanden“, ist stimmgewaltig und sie singt sich eindrücklich ihren Frust von der Seele. Der Titel wird zu einer tollen Revuenummer, die Girls mit Federfächern und Boys mit Frack beinhaltet.

April Hailer als Schwieger-Monster Dear hat in jedem Fall die meisten Lacher auf ihrer Seite und das zu Recht. Ihre Rolle ist einfach nur schräg und man wartet schon regelrecht, dass sie wieder etwas anstellt. Dear ist sehr verfressen und nimmt ungefragt jedem seine Portion weg, manchmal gelangt sie auch mit einer List an Essen. Hat sie etwas mitgehen lassen, wie eine Banane, wird diese einfach ins Publikum geschleudert. Ihr Alter – sie ist 77 – wird immer als Entschuldigung für ihr Verhalten genannt, aber natürlich ist sie alles andere als eine von Alzheimer geplagte Omi, sie hat es faustdick hinter den Ohren. Vor allem die Szene als sie sich in purer Verzweiflung vor ihre Tochter wirft und bettelt nicht ins Heim oder Irrenhaus zu müssen ist einfach nur zum Totlachen.

Der Fleischinspektor Wormold (nicht zu verwechseln mit Lord Voldemort) sieht aus wie ein Fleisch gewordener Inspektor Gadget (ja genau der aus der Zeichentrickserie), als quasi Armverlängerung hat er immer seinen Pinsel mit grüner Farbe dabei. Riccardo Greco spielt eine für ihn eher untypische Rolle und genau diese Tatsache macht ihm sehr viel Spaß und das sieht man auch. Wenn er seine Gesetzesparagraphen wie ein Gebet aufsagt, bei „Malen mit Stil“ plötzlich mit einer irrsinnig tiefen Stimme singt und böse mit den Augen rollt, dann ist das schon ganz großes Kino. So diabolisch, vor allem der Lacher mit einem leichten Jack Nicholson Einschlag, hat man ihn noch nie erlebt.

Jonathan Agar gibt den Henry Allardyce. Als Steuerberater soll er eigentlich weniger zimperlich sein, aber sobald es um seine geliebte Betty geht, brechen bei ihm Staudämme. Einen gestandenen Mann dauernd heulen zu sehen, hat doch etwas für sich und wenn er bei „Betty Blue Eyes“ singt, dass er sich in den Blautönen der Schweineaugen verloren hat, dann geht das doch ans Herz.

Dr. James Swaby (Thorsten Tinney) ist der härteste der drei „bösen“ Kerle. Sein Ziel: das Schwein schön dick zu bekommen, schlachten und ein Festmahl daraus bereiten. Seine gemeinste Tat war als er den riesigen Fuss, den Gilbert über seiner Praxis aufhängen wollte, absichtlich auf den Boden schmettert und dieser in hunderte Scherben zerbricht, da merkt man, dass in Gilbert ebenfalls etwas zerbricht.

Francis Lockwood alias Peter Lewys Preston, ein Anwalt, ist derjenige, der am wenigsten spricht, er stellt lediglich sehr oft fest „das bin dann wohl ich“ und das war es dann leider auch schon.

Sergeant Noble (Gernot Romic) tritt fast immer gemeinsam mit dem Fleischinspektor in Erscheinung, hat aber nicht sein Auftreten, sondern macht sich fast immer in die Hose und hat definitiv den falschen Beruf als Hüter des Gesetzes gewählt.

In weiteren Rollen zu sehen waren: Christian Fröhlich (Nutall/Sutcliffe), Ruth Fuchs (Mrs. Lester), Brady Harrison (BBC-Sprecher), Hanna Kastner (Mrs. Lockwood/Girl Trio), Wei-Ken Liao (Barmann), Suzana Novosel (Mrs. Turnbull/Girl Trio), Kira Primke (bei ihrer Interpretation der Mrs. Allardyce wusste man sofort, warum ihr Mann das Schwein lieber im Bett haben wollte), Sabrina Reischl (spielte die Veronica Allardyce frech, vorlaut, unhöflich und sehr biestig), Ariana Schirasi-Fard (Mrs. Metcalf/Mrs. Tilllbrook), Tina Schöltzke (Mrs. Roach/Girl Trio), Bonifacio Galván (Ensemble), Tomaz Kovacic (Metcalf/Cunliffe), Ulrike Weixelbaumer, Jonathan Whiteley (beide Ensemble)

Vom Ensemble erwähnenswert Nina Weiss und Thomas Karl Poms, die das Königspaar darstellen. Weiss winkt die ganze Zeit wie eine japanische Winkekatze und kann gar nicht mehr aufhören und Poms zwei Worte „Thank you“ allein schon sorgen für Schmunzeln.

Lynsey Thurgar lieh als Puppenspielerin Betty Arme und Beine, durfte aber auch im Ensemble mitmischen, besonders hervorzuheben als Tanzsolistin umgeben von den Tänzern bei „Löwenherz“.

Wer sich selbst überzeugen möchte, dass das Stück saugut ist, der sollte unbedingt einen Theaterbesuch in Linz einplanen. Auch für Tierliebhaber geeignet! … und wenn Betty nicht gestorben ist, dann liegt sie auch heute noch im Bett von Henry Allardyce.

Quelle: Andrea Martin

 

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