„Jane Eyre“, das Musical: Wenn Schatten auf der Seele durch Sonnenstrahlen fortgetragen werden…

Was die Macht der Liebe alles vermag… das erfuhr man im Stück „Jane Eyre“, welches vom 22.3. bis 8.4. im Rahmen des Musical Frühlings Gmunden im dortigen Stadttheater gezeigt wurde. Das Team rund um Markus Olzinger, Elisabeth Sikora und Caspar Richter blieb auch im vierten Jahr dem mystischen und geheimnisvollen Musical, das alles ist, nur nicht Mainstream, treu. Durch Zufall wurde man auf das Musical „Jane Eyre“ (Musik und Gesangstexte: Paul Gordon, Buch und zusätzliche Gesangstexte: John Caird) aufmerksam und präsentierte das Musical, basierend auf der Romanvorlage von Charlotte Brontë, als deutschsprachige Erstaufführung (Fassung: Sabine Ruflair). Olzinger war für die Gesamtleitung, Regie und Bühnenbild zuständig. Beim Bühnenbild dominierten Holzbretter, ein blickdichter Vorhang auf der rechten Seite sorgte für schnelle Szenenwechsel, die dahinter vorbereitet werden konnten. Eine LED Wall wurde von Jürgen Erbler & Jan Schütz bespielt, leider war dann der Vorhang zeitweise doch zu blickdicht und man sah nicht alles. Einen tollen Effekt gab es z.B. beim Ausbruch/Löschen des Feuers. Die Kostüme von Mathilde Grebot waren perfekt dem England des 19. Jahrhunderts angepasst. Und auch wenn die Darstellerin der Jane nur grau in grau trug, ebenso wie die Internatskinder, waren sie ein Blickfang weil man sich genauso die die strengen Uniformen vorstellte. Die musikalische Leitung/Einstudierung lag wieder in den bewährten Händen von Caspar Richter. Das Orchester aus Brünn spielte die vielen schwermütigen Lieder mit viel Leidenschaft.

Jane Eyre erzählt die Geschichte von einem Waisenkind, das von den Verwandten schlecht behandelt und in ein hartes Internat gesteckt wird. Jane ist niemand, der man den Mund verbieten kann und ihre eigene Meinung bringt sie oft in unschöne Situationen. Ihre beste Freundin Helen Burns stirbt an Typhus. Die Jahre vergehen und Jane ist mittlerweile Lehrerin im Internat geworden. Doch mit der Zeit möchte sie mehr vom Leben, verlässt das Internat und nimmt eine Stelle als Gouvernante in Thornfield Hall an. Dort soll sie das Mündel von Mr. Rochester betreuen. Dieser ist sehr geheimnisvoll und scheint etwas zu verbergen. Trotzdem herrscht zwischen beiden von Anfang an eine unsichtbare Anziehungskraft, die beide erst im Lauf der Zeit wahrhaben wollen. Auf mysteriöse Art und Weise bricht ein Feuer aus. Jane kann ihn retten und Mr. Rochester weiß immer mehr, dass es nicht nur Dankbarkeit ist, die er für diese junge Frau verspürt. Augen für andere Frauen, wie die lebensfrohe und extravagante Blanche Ingram hat er nicht mehr. Er will sie heiraten, doch kurz bevor die Ehe geschlossen werden kann, stürmt ein Mann in die Kirche, der behauptet Mr. Rochester hätte bereits eine Frau, die sogar noch lebt. Jane ist wie vor den Kopf gestoßen und erfährt, dass seine Frau, Bertha Mason, geisteskrank ist und für die vielen seltsamen Vorkommnisse verantwortlich war. Sie zieht die Konsequenzen und flieht aus dem Haus. Geschwächt wird sie von Vikar St. John Rivers gefunden und wieder aufgepäppelt. Sie bleibt einige Zeit bei ihm und er will sie sogar heiraten. Durch Zufall erfährt sie auch, dass sie durch einen Onkel zu Reichtum gelangt ist, ihre Tante hatte ihm allerdings verheimlicht, dass sie noch am Leben ist. Dann aber hört Jane Edward Rochester aus der Ferne wie in einem Traum nach ihr rufen. Sie weiß, dass etwas passiert ist und er sie dringend braucht. Sie verlässt ihr aktuelles Heim und kehrt nach Thornfield Hall zurück. Doch das Herrenhaus war einmal… sie findet nur Ruinen vor. Sie erfährt, dass es einen Brand gegeben hat, bei dem Rochester alle Bewohner gerettet hat. Nur seine Frau Bertha konnte er nicht retten, sie starb. Edward ist aber seitdem nicht mehr der alte – er hat sein Augenlicht verloren. Jane eilt zu ihm und beide sind froh wieder vereint zu sein und lassen sich nicht mehr los. Sie heiraten und im Lauf der Zeit gewinnt er sein Augenlicht zurück und kann somit auch seinen erstgeborenen Sohn mit eigenen Augen erblicken.

Die diesjährige Produktion ist vermutlich die erfolgreichste in der Geschichte des Musical Frühlings Gmunden. Fast jede Veranstaltung war bis auf den letzten Platz ausverkauft und dank einer starbesetzten Cast reisten auch viele Musicalfans aus weiter Ferne an.

Auch dieses Jahr gab es eine Zusammenarbeit mit der Musicalschule Schnuppdi Starwalk aus Linz. Die musikalische Einstudierung hatte Carmen Wiederstein über. Als Internatskinder standen am Tag der besuchten Vorstellung (24.3.2018) Emma Niederberger, Jana Furtmüller, Julia Scheiblehner, Layla Heider, Rubina Jungwirth und Sofie Schneidinger auf der Bühne. Bei „Kinder von Gott“ zeigten sie, was sie konnten und aufgrund der strengen Vorschriften hieß es auch im Gleichschritt Marsch. Als gemeiner John Reed, der Sohn der gehässigen Tante war Niklas Schachinger zu sehen. Drei Mädchen hatten eine größere Rolle ergattert und spielten wie die ganz Großen. Katharina Shamiyeh gab die junge Jane Eyre. Sie umgab eine unglaubliche Aura und hatte eine tolle Bühnenpräsenz. Vor allem ihre Gesichtsmimik war hervorragend. Ein Kind darzustellen, noch dazu eine Waise, das immer zu hören bekommt, dass es nichts wert sei, das nach Liebe strebt, diese nicht bekommt und noch dazu geschlagen wird, ist absolut nicht einfach. Shamiyeh lieferte eine beeindruckende Leistung.

Als beste Freundin im Internat, Helen Burns, war Anna Gassner zu sehen. Sie kümmerte sich rührend um Jane und vor allem ihr Solo „Vergebung“, indem sie Jane empfahl auch ihren Feinden zu vergeben, ging zu Herzen. Helen ist, trotz roher Behandlung der Erzieherin, ein lebensfrohes Mädchen. Als Gassner dann aber die Todkranke spielte, wirkte sie wirklich um einiges zerbrechlicher und starb quasi in den Armen ihrer Kollegin Katharina.

(c) Rudi Gigler

Bei der Szene „Am Grab“ gab es ein schönes Zusammentreffen der jungen und älteren Jane als Duett. Von dem Zeitpunkt an übernahm dann Elisabeth Sikora die Rolle der Jane.

Mit „Süße Freiheit“ hatte Sikora mit Sicherheit einen der stärksten Songs des Stücks. Grundsätzlich waren die Melodien jetzt nicht unbedingt eingängig, aber diese hatte etwas Besonderes und war auch nicht so einfach zu singen. In diesem Lied verpackte Sikora alles, was Jane mit ihrem Vorhaben, in einen neuen Lebensabschnitt aufbrechen zu wollen, ausdrücken wollte. Trotz vieler Niederschläge hatte sie noch genug Lebensmut in sich, um Neues zu erkunden. Ein stimmgewaltiges Solo mit einem sensationellen Finalton. Mit ihrem Arbeitgeber hat es Jane nicht leicht auch wenn sie beginnt ab einem gewissen Zeitpunkt Gefühle zu entwickeln, kann sie diese nicht sofort zulassen, zu oft wurde sie schon enttäuscht und sie zieht sich lieber in ihr Schneckenhaus zurück. Sikora kann sehr gut die Zerrissenheit ihres Charakters widerspiegeln. Einerseits kann sie in das Herz von Edward Rochester blicken, andererseits auch wieder nicht die ganze Zeit, da er es zu oft vor ihr verschließt. Man sieht ihr sehr deutlich an, wenn Jane kurzfristig dachte ihm wichtig zu sein, dann aber doch aufgrund der eingeladenen Blanche Ingram anderer Meinung wird und die Gefühle Rochesters nur für ein Spiel mit ihr hält. Sehr berührend ist die Szene als sie „die Stimme in der Heide“ von ihrer wahren Liebe Edward hört, der sie so dringend braucht und Jane weiß, was sie tun muss. Auch wunderschön das berührende Ende, als sie sich für eine Ehe mit ihm trotz seiner Blindheit entscheidet. Der Seele eines Menschen ist es egal, ob man blind ist. Er fragt sie sogar noch am Ende mit seiner Art von Humor „Bin ich hässlich?“ und sie antwortet „ja sehr – aber das waren sie schon immer“. Von Sikora und Bühnenpartner Yngve Gasoy-Romdal gab es dann noch ein schönes gemeinsames Finalduett mit „Mutig ist mein Herz“ zu hören.

Somit wären wir schon bei der Besetzung des undurchsichtigen Mr. Edward Rochester gelandet. Mit dem charismatischen Norweger, der viel zu selten in Österreich zu sehen ist, haben die Verantwortlichen das große Los gezogen. Nicht nur, dass sich Yngve einen Namen in der Musicalszene gemacht hat, er trägt diesen auch zu Recht. Die Rolle des Mr. Rochester ist sehr vielschichtig. Sie darf lieben, selbst zweifeln, unberechenbar und zuversichtlich sein. Gasoy-Romdal schlüpfte auf wunderbare Weise in den Mann, der oft schon vom Leben enttäuscht wurde und der die Liebe auch wieder entdecken musste. Oft brachte er Jane in Verlegenheit („finden sie mich attraktiv“) oder als er sie absichtlich glauben machte, dass er Blanche heiraten möchte. Stimmlich gab es nichts zu bemängeln und in Soli wie „Ich male ihr Bildnis“ oder „Ich seh den Himmel“ wurden dem Publikum auf eindrucksvolle Art und Weise die Gefühle eines zerrissenen Mannes nähergebracht, der langsam beginnt wieder das Leben lebenswert zu finden. Riesenspaß machte es Yngve offenbar auch bei „Die Zigeunerin“ in eine andere Rolle zu schlüpfen. Vor allem mit der komplett verstellten Stimme hörte er sich richtig gruslig an. Aufmerksamen Beobachtern fielen auch seine hilfesuchenden Blicke Richtung Jane auf, als er sich von Mrs. Ingram zu sehr bedrängt fühlte. Yngve Gasoy-Romdal war in jedem Fall ein Glücksgriff für die Produktion.

Als drittes Mädchen ist Ronja Zeilermayr zu erwähnen, die die ungestüme und unberechenbare Adele, das Mündel von Mr. Rochester, gab. Mit Lockenkopf und perfektem französischem Akzent wusste man nie, was als nächstes kam. Vor allem bei „Adeles Melodrama“ merkte man, dass sie einfach nur Aufmerksamkeit brauchte und Mr. Rochester als Respektsperson akzeptiert.

Etwas schräg war auch der Charakter von Mrs. Fairfax, der Hauswirtschafterin auf Thornfield Hall, dargestellt von Carin Filipcic. Sie war zwar „Gänzlich erfreut“, da Jane aufgetaucht ist, aber so ganz glauben konnte man das nicht die ganze Zeit. Mit ihr gab es auch humorige Momente z.B. als sie sich taub stellte oder ihr Diener Robert (Roman Straka) mehr als einmal hilfreich auf den Rücken klopfen musste. Kleiner Gag beim Kaffeepäuschen war, dass sie die bekannte Gmundner Keramik benutzte. Kurz vor der Hochzeit war ihr Charakter wieder sehr zwiegespalten. In „Vermessenes Kind“ hyperventilierte sie schon fast bei dem Gedanken, dass eine Gouvernante Mr. Rochester ehelichen will, als Jane das Hochzeitskleid anhatte, änderte sie allerdings schlagartig die Meinung.

Eindeutig zuordnen konnte man Blanche Ingram, dargestellt von Leah delos Santos. Sie ist schöner als Jane, besser als alle anderen und weiß, was sie will, nämlich Edward Rochester. In „Des Lebens Glanz“ zeigte Leah den beachtlichen Umfang ihrer Stimme und begeisterte mit einer wunderbaren Einlage, mit Operettentouch. Sie behandelte Jane von oben herab, schmiedete Pläne für sich und Edward und zog am Ende doch den Kürzeren.

Gleich in mehrere Rollen schlüpfte Carmen Wiederstein. Zu Anfang war sie die gemeine Mrs. Scatcherd im Internat, infolge verkörperte sie die irre geisteskranke Bertha mit wirrem Blick und zausigem Haar.

(c) Rudi Gigler

Heidelinde Schuster spielte die böse Mrs. Reed, die sogar noch am Sterbebett Jane nicht herzlich zugetan war. Sie war aber auch Grace Pool, die Pflegerin von Bertha, die anfangs von Jane der bösen Taten gegenüber Mr. Rochester verdächtigt wurde.
Als Richard Mason, der Bruder von Bertha, trat Max Niemeyer bei der Hochzeit energisch auf.
Marcel-Philip Kraml war St. John Rivers, der nur aus Zweckmässigkeit Jane heiraten wollte und Dennis Kozeluh war u.a. Mr. Brocklehurst und der Vikar.

(c) Rolf Bock

Der Applaus am Ende des Stücks war kaum zu überhören und das Ensemble bekam auch standing ovations.

Bisher überraschte der Musical Frühling Gmunden immer wieder auf’s Neue, sicherlich wird er dies auch mit einer Produktion im nächsten Jahr tun. Man darf gespannt sein, welche die Verantwortlichen für 2019 entdecken werden.

Nähere Infos siehe: http://www.musical-gmunden.com/

Quelle: Andrea Martin

(c) Karin Nussbaumer

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