Edges – auf der Suche nach dem eigenen Ich

Das Theater 82er Haus in Gablitz, nur wenige km von der westlichen Wiener Stadtgrenze entfernt besteht seit 1994. Seit 1995 sind Dr. Bernhard Jonas und Markus Richter die Intendanten und sorgen mit einer guten Mischung aus „Musical off Wien“ Produktionen, Kabarettaufführungen, Liederabenden, Kindertheater uvm. Für kulturelle Abwechslung.

Für eben diese wurde auch von 27.4. bis 7.5. an fünf Vorstellungstagen gesorgt. Die MOVING STAGE Productions zeigte in Kooperation mit dem Theater „Edges“. Noch nie davon gehört? Keine Schande, denn hiebei handelte es sich um die österreichische Erstaufführung. Es ist kein Musical, wie man vielleicht irrtümlich glauben mag, sondern viel eher ein Liederzyklus von niemand geringerem als dem Erfolgsduo Benj Pasek und Justin Paul. Ihre Songs aus „La La Land“ machten beim Oscar auf sich aufmerksam und auch die hitverdächtigen Songs aus „The greatest showman“ stammen aus ihrer Feder und machten den Film zu einem Erlebnis.

In den Liedern aus „Edges“ (zu deutsch: „Kanten“) wird viel über die Liebe nachgedacht. Die Liebe zum Leben, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst. Wer ist man und wo möchte man hin und vor allem mit wem?

In Gablitz bediente man sich der Fassung von Timothy Roller mit sehr viel Bezug zur heutigen Jugendsprache. Felix Lanmüller war für die Produktionsleitung verantwortlich. Martin Pasching, der zurzeit auch in „I am from Austria“ auf der Bühne des Raimundtheaters steht, gab sein Regiedebüt.

Im Ensemble waren zu sehen: Ruth Hausensteiner als Frau 1, Lisa-Maria Greslehner als Frau 2, Martin Enenkel als Mann 1 und Peter Neustifter als Mann 2. Dass die SängerInnen quasi zu Nummern wurden, war keinesfalls negativ gemeint, sondern sollte darauf hindeuten, dass es jede x-beliebige Person sein kann, die die Geschichten, die in den Songs erzählt werden, betreffen kann.

Das Bühnenbild bestand aus jeder Menge Umzugskartons, die zu einer Zimmereinrichtung drapiert wurden. Im rechten hinteren Eck der Bühne wurde noch Platz für Birgit Zach gelassen. Sie begleitete am Klavier und hatte die musikalische Leitung über. Ein Schlafsofa diente als Bett- bzw. Sitzgelegenheit. Einige vielleicht etwas aus der Mode gekommene Accessoires wie z.B. ein Röhrenfernseher sollte zeigen, dass die vier nicht so gut bei Kasse sind und deshalb nicht das Teuerste vom Teuren besitzen.

Im Song „Was kommt“ geht es darum, dass man vielleicht oft Angst vor einer ungewissen Zukunft hat und man sich den Kopf über das „wie geht es weiter“ zerbricht. Neustifter wirkte bei „Monticello“ passend gelangweilt, da es in dem Titel darum geht, dass er in einem Kaff wohnt, eben Monticello, dieses mehr als satt hat und weg möchte. Greslehners Gedanken und Emotionen waren bei „Neben mir“ deutlich im Raum spürbar. Sie wachte neben ihrem schlafenden Freund und zerbricht sich den Kopf, ob er wohl der richtige ist. „Ich hmm dich“ war ein amüsantes Duett zwischen Hausensteiner und Neustifter. Beide sehen einander als Freunde, doch könnt es auch gern mehr sein. Als sie ihren ganzen Mut zusammennehmen kommt aber statt des Wortes „liebe“ nur „hmm“ heraus. Sie verstehen einander blind, sind aber doch unsicher, ob es für eine Beziehung reicht. Das Ende des Songs gab aber die Antwort, nämlich, dass sie es miteinander versuchen wollen.

Gemeinsamen Urlaubserinnerungen hing Enenkel im Lied „Gemälde“ nach, während im nachfolgenden „Perfekt“ eine Trennung behandelt wurde. Hausensteiner will für ihren Freund „Perfekt“ sein, doch offenbar war sie ihm eine Spur zu dominant und er hat sich getrennt. Ruth will absolut nicht ohne ihn bleiben und wenn ihre Blicke töten hätten können, wären ein paar weniger in der ersten Zuschauerreihe gewesen. Nicht alle Songs luden so zum mitgrooven ein, wie der nächste. Bei den meisten wurde mit der Musik und des Textes nachdenkliche Stimmung verbreitet. „Geil“ war eine Nummer der beiden Männer und kann getrost auch dem Titel entsprechend bezeichnet werden. Sie beschrieben sich als Draufgänger, die gern mit einer (oder mehreren) Flasche Bier einen draufmachen. Am Ende erfährt man dann aber doch, warum etwas nicht so ist, wie sonst. Ein guter Freund ist ihnen abhanden gekommen (einer Frau sei Dank) und das unschlagbare Trio wurde auf ein Duo gekürzt. „Treiben“ war der letzte Song vor der Pause, den alle vier gemeinsam zum Besten gaben. Wer ist unsicher? Wer ist heiß auf ein Date? Wer findet die richtigen Worte für das Gegenüber?

In „Besser“ zog Lisa-Maria über zwei Girls her, die ihr offenbar nicht das Wasser reichen können. Ein Text, der sogar einen Rapeinschlag hatte, sorgte für neue Momente. Sie sonnte sich im Misserfolg anderer, ihr Freund (Enenkel) machte es ihr schließlich nach. Witzig als am Ende herauskam, dass sie beide eigentlich pleite sind und auch nicht sonderlich gut dastehen. Bei „Auf meinem Lebensweg“ lernte man Enenkel als etwas chaotischen Kindskopf und Chaoten kennen, der auch schon mal rücksichtslos sein kann. Trotz seiner Verfehlungen wird sich die Welt weiterdrehen, ist er sich sicher. War der Anfang noch humorig gehalten, wurde das Ende nachdenklicher. Man erfuhr, dass die Freundin schwanger ist und er große Angst hat etwas falsch zu machen. Schließlich ist er ja selbst ein (großes) Kind geblieben. Bei Ruth’s „Ganz kurz“ ging ordentlich die Post ab. Sie konnte perfekt zwischen himmelhochjauchzend und Tode betrübt switchen und wünschte ihren Ex, der sie offenbar betrogen hatte x Todesursachen. In so einer Situation sollte man vermutlich einen großen Bogen um sie machen, da nichts und niemand sicher ist.

Sehr berührend war Peters Lied „Frau“. Am Handy sprach er offenbar zu einer, erst am Ende erfuhr man, dass es seine kranke Mutter war, der er offenbar Mut zusprach. Eine tolle gesangliche Leistung lieferte Greslehner bei „Raum“. Auf der Suche nach der wahren Liebe lässt sie so einige hinter sich, bis sie denkt beim richtigen gelandet zu sein. Dass dieser ihr dann von sich aus den Laufpass gibt, passte nicht so ganz in ihre Zukunftsplanung. Als Duo gaben Hausensteiner und Enenkel „Austauschbar“. Es hatte augenscheinlich eine Trennung stattgefunden, aber beide lieben sich noch immer. So tun, als ob man in der Situation happy ist, ist sicher nicht so einfach. Ein Duett bei dem die Damen auf sich aufmerksam machten war „Liebe bereit“. Beide wollten ihre Herzen für die große Liebe öffnen. Der Song war auch einer derjenigen, die eher zum Ohrwurm neigten und gemeinsam klangen beide Frauen wirklich richtig gut. Beim letzten Song des Abends „Atem“ sangen alle vier gemeinsam, aber doch auf textliche Art und Weise getrennt.

Es ist sicher nicht einfach, nur mittels aneinander gereihter Songs Emotionen zu vermitteln. Dem Quartett gelang das aber ganz gut auch ohne gesprochenen Text auszukommen und begeisterte das Premierenpublikum.

Quelle: Andrea Martin

 

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