„Kick it like Beckham“ – zerrissen zwischen Tradition und Moderne

Der Kinofilm „Kick it like Beckham“ mit Keira Knightley und Parminder Nagra war 2002 ein großer Erfolg. Im Juni 2015 fand am Londoner West End die Premiere des Musicals statt. Fast drei Jahre danach, am 4.5.2018 war es soweit und es hieß Anpfiff für die deutschsprachige Erstaufführung. Diese fand im Salzburger Landestheater statt.

Das Musical stammt von Howard Goodall. Für die deutsche Übersetzung wurde das Duo Nina Schneider und Johannes Glück verpflichtet (wir hatten das Vergnügen ein Interview mit den beiden zu führen, in Kürze wird es hier einen Verweis darauf geben). Die Inszenierung hat sich der Intendant des Hauses Carl Philip von Maldeghem nicht nehmen lassen selbst zu übernehmen. Gemeinsam mit seinem Leading Team (Choreographie: Josef Vesely, Kate Watson, Bühne und Kostüme: Christian Floeren, Videodesign: Sebastian Lang) ließ er einen Hauch von Hollywood durch’s Landestheater wehen.Bis 17.6. wird es noch gespielt, definitiv nicht nur ein Kulturtipp für Fans von Frauenfussball!

Die kleine „Beckham Band Salzburg“ unter der Leitung von Wolfgang Götz war im hinteren Teil der Bühne, sichtbar, aber durch ein Netz geschützt, untergebracht. Für die Darsteller gab es eine Spielmöglichkeit im „ersten Stock“ und dort wurden auch entweder Bilder oder kleine Videoeinspielungen (wie Fussballspiele der Mädels) gezeigt.

In dem Stück geht es um das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, die erst zusammenfinden müssen. Auf der einen Seite steht Jesminder (Jess) Bhamra. Sie lebt mit ihrer Familie in Southall, einem Teil Londons. Die Bhamras, zumindest die ältere Generation, sind sehr traditionell veranlagt. Die Eltern von Jess wollen, dass beide Töchter ihre Einstellungen zur Religion akzeptieren und auch danach leben, wie es sich eben für einen Inder gehört. Die andere Seite wird von Juliette (Jules) Paxton vertreten. Sie ist eine junge Engländerin, eine leidenschaftliche Fussballerin und Teil der Mädchenmannschaft Hounslow Harriers. Jess liebt es auch zu kicken und steht vor allem auf ihr Idol David Beckham. Allerdings darf sie ihre Begeisterung dafür nur im stillen Kämmerchen ausleben, da ihre Eltern dafür kein Verständnis haben. Doch auch Jules Mutter hat Bedenken. Fussball ist etwas für Jungs und da sie selbst eine junggebliebene Mutter ist, die mit der Mode geht, hätte sie lieber gerne ein Mädchen, dass sich auch so wie eines benimmt. Der Zufall will es, dass sich die beiden Mädchen kennenlernen und es entwickelt sich eine Freundschaft. Auch Trainer Joe ist begeistert von dem vielversprechenden Neuzugang in seiner Mannschaft und angetan von ihrem Talent und ihrer Natürlichkeit. Dummerweise muss Jess aber ihre Freizeitaktivitäten vor ihrer Familie geheimhalten. Diese ist aber ohnehin viel mehr mit der anstehenden Hochzeit von Jess Schwester Pinky beschäftigt. Einmal hatte sich Jess schon für ein wichtiges Match mit einer Ausrede davongeschlichen, sie ist der Star der Mannschaft und Joe sieht großes Potenzial. Auch sind sich die beiden nähergekommen, sehr zum Leidwesen von Jules, die auch in Joe verknallt ist. Die Freundschaft leidet darunter und Jess bekommt auch noch Hausarrest und Fussballverbot. Die Situation spitzt sich aber zu, als die zukünftigen Schwiegereltern die Hochzeit absagen, da sie Jess mit Jungs (mit nackten Oberkörpern) kicken gesehen haben. Pinky ist untröstlich, aber ihrem Freund Teetu ist es egal, was seine Eltern sagen und so findet die Hochzeit schließlich doch noch statt. Leider kommt am Tag X alles zusammen. Pinkys Hochzeit ist am selben Tag, wo Jess ein wichtiges Spiel hätte, bei dem auch ein Talentescout anwesend ist. Dank ihres guten Kumpels Tony überzeugt sie ihren Vater sich von der Hochzeit zu schleichen. Das Spiel wird zu einem Triumph für Jess und Jules. Die Mannschaft geht nicht nur als Sieger hervor, sondern die Freundinnen bekommen auch die Möglichkeit eines Stipendiums in den USA. Sowohl die Bhamras als auch Mama Paxton können überzeugt werden, dass die Mädchen ihren eigenen Weg gehen dürfen. Ob Joe Jess am Ende bekommt ist nicht so ganz auszumachen. Möglicherweise geben sie einer Fernbeziehung eine Chance.

Die Frage, die sich ein Außenstehender als erstes stellt – woher nimmt Salzburg plötzlich soviele indische Darsteller? In London war das alles andere als ein Problem, aber wie wird das Multikultigefühl in Salzburg erzeugt? Ganz einfach, man nehme, wen das Theater zu bieten hat, egal aus welcher Sparte, stecke sie in indische Outfits und voilà fertig. Das war jetzt vielleicht nicht die perfekteste Lösung, aber durchaus ein Ansatz, vor allem aber waren alle mit Feuereifer dabei und legten sich ordentlich ins Zeug. Und das war mitunter gar nicht so einfach, mussten doch viele typische indische Tanzmoves einstudiert werden und auch die Art des Singens ist eine ganz eigene und eine Herausforderung, die alle annahmen. Aber auch die Fussballerinnen, junge Damen aus dem Chor des Salzburger Landestheaters machten auf sich aufmerksam, indem sie alle Sparten eines Musical hervorragend bedienten. Sie hatten sogar eigene Fussballtrainer (Isabella Grössinger, Sascha Milicevic) bekommen, damit ihnen das Ballspiel leichter von der Hand geht.

Bevor wir zu den Hauptcharakteren kommen, müssen zwei aus dem großen Ensemble hervorgehoben werden – Mona Akinola (Simi) und Alexander Hüttner (Shadid). Akinola sorgte als einzige, schon allein ihres Aussehens wegen, für den indischen touch und ihr gelangen die Bewegungen und der spezielle Singsang am besten und sie und ihr Kollege wurden auch speziell dafür eingesetzt. Als männliches Pendant überraschte gesanglich Hüttner und wenn beide gemeinsam ihre Momente hatten, lag Magie im Raum.

Für die Hauptdarstellerin der Jess hatte man sich für Elisa Afie Agbaglah entschieden. Sie gehört eigentlich zum Schauspielensemble. Sie ist das beste Beispiel, dass es keine Grenzen am Theater gibt, da sie schon u.a. in den Musicals „Joseph and the amazing technicolor dreamcoat“ und „Doctor Dolittle“ mitgespielt hatte. Sie spielte eine sehr burschikose Fussballliebhaberin, die von der Familie nur belächelt wird. Man merkt, dass sich Jess in Jeans und in ihrem geliebten Fussballtrikot am wohlsten fühlt und Agbaglah verlieh diesem Charakter ein komplett anderes Wesen, sobald sie in einen Sari gesteckt wurde oder Hausarrest bekam. Agbaglah ist viel auf der Bühne, hat so einige Songs zu bewältigen und dann noch jede Menge sportliche Choreos zu tanzen. Das alles gehört natürlich nicht zum Standardrepertoire eines Schauspielers. Aber die Darstellerin ließ sich nichts anmerken und überzeugte auf der ganzen Linie. Besonders schön ihr „Fabelhaft“, wo sie beschließt der Welt zu beweisen, was sie drauf hat. Manche Sequenzen wie der Refrain waren aufgrund des speziellen indischen Einschlags extrem schwierig zu singen – Hut ab – Elisa Afie Agbaglah schafft es mit viel Feingefühl und ohne sichtbare Nervosität oder Überanstrengung. Sehr überzeugend ist sie auch gegen Ende. Sie hat ein eigenes Leben und will es selbst bestimmen dürfen. Als sie eine Reprise von „Leute wie wir“ singt, zeigt sie, dass auch Ausländer etwas können und sich nicht verstecken müssen und das sehr eindrucksvoll.

Um mit den Bhamras fortzusetzen, sollen an dieser Stelle die Eltern von Jess erwähnt werden. Vania Hristova und Christoph Wieschke waren fürsorgliche Eltern, fast schon eine Spur zuviel. Sie wollen für ihre Kinder nur das Beste, dass sich das aber nicht immer deckt mit deren Wünschen müssen sie noch einsehen lernen. Wieschke sorgt für viele humorige Momente, kleine und große. Egal, ob er einfach in einer großen Zeremonie die Hochzeitslichterkette an den Strom anschließt oder plötzlich eine irre Tanzeinlage (Spagat inklusive) beim Aufeinandertreffen mit den Schwiegereltern in spe auf’s Parkett legt. Hristova und Wieschke überzeugen, wenn sie gemeinsam in Erinnerungen an ihre Hochzeit („Seht uns jetzt an“) schwelgen. Den vielleicht emotionalsten Moment hatte Christoph Wieschke mit seinem Solo „Leute wie wir“. Hier wurde auch bei der Übersetzung darauf wert gelegt, dass die richtige Message rüberkommt. Ein sehr nachdenklicher Song, der nicht nur auf Inder, sondern generell auf Menschen, die eine andere Herkunft haben, als man selbst, gemünzt ist. Viele haben es im Leben schwer und dieser Titel sollte definitiv zum Nachdenken anregen und tat es auch. Schön anzusehen, dass am Ende auch Mama Bhamra loslassen kann und ihrer Tochter viel Glück wünscht.

Janina Raspe gab Pinky, Jess Schwester. Hier war es definitiv interessant, dass die Eltern nichts gegen die Freizügigkeit ihrer Tochter hatten, denn diese trat in knappem Mini und Glitzershirt auf und gab sich nur bei der Hochzeit eine Spur traditioneller. Sie hatte immer ihre zwei Groupies oder waren es doch die Cousinen Rimpy und Dimpy (Anna Menslin, Sofia Payet) um sich und gemeinsam gab es immer ein Gekicher und smalltalk über Mode und wer die Schönste ist. Raspe gab eine sehr in sich selbst verliebte Pinky (natürlich war die Lieblingsfarbe pink) und machte ihre kleinen gesanglichen Defizite durch ein overacting der Extraklasse wieder wett. Als ihre Hochzeit abgesagt wurde, gab es von ihr einen Nervenzusammenbruch, der sich gewaschen hatte, da sie nicht als alte Jungfer enden will. Manchmal möchte man meinen, dass sie schöne Kleider, Schmuck und Schminke mehr liebt als ihren Zukünftigen, aber als sich Teetu (Gürkan Gider) vor sie hinkniet ist die Reaktion eindeutig – die beiden haben sich lieb und wollen eine gemeinsame Zukunft. Teetu stellt sich sogar gegen seine Eltern (Gloria Jansen, Michael Schober), als er vor die Wahl gestellt wird ihr Sohn zu bleiben oder Pinkys Mann. Für Pinky tut er alles und Gider kommt nicht drum rum sogar zu Psy’s „Gangnam Style“ zu tanzen.

Als bester Freund von Jess, Tony, war Hanno Waldner zu sehen. Auf ihn konnte sich Jess immer verlassen und er war es auch, der bei ihren Eltern immer ein gutes Wort für sie einlegte. Er würde sie sogar heiraten, nur um ihr aus der Patsche zu helfen, dieser Vorschlag ging Jess dann aber doch zu weit. Ein verlegener und gleichzeitig auch humoriger Moment war die Aufklärung durch die Blume, dass er eigentlich auf Jungs steht. Nach dieser Offenbarung gegenüber Jess, merkte man ihm sofort an, dass er sich leichter fühlte. Jess machte er im Song „Ein bisschen Dribbling“ Mut zu ihren Gefühlen zu Joe zu stehen und dass es auch Wege gibt ihren Eltern die Fussballsituation schonend beizubringen. Für einen Lacher sorgt sein Verhalten gegenüber Joe, den er offenbar selbst auch ganz süß findet.

Als Juliette (Jules) Paxton wurde Jaqueline Bergrós Reinhold engagiert. Als Gastsängerin aus demBereich Musical merkte man ihr natürlich stimmliche Vorteile an, leider war in dem Stück kein Solo für ihren Charakter vorgesehen. Das vermisste man etwas oder noch besser wäre ein Duett mit Freundin Jess gewesen. Trotzdem machte sie hörbar bei den diversen Ensemblenummern (z.B. „Die Besten“, „Jawoll“) der Hounslow Harriers auf sich aufmerksam. Für Jules war Jess nicht anders, sondern ein Teenager wie sie selbst auch, die ihre Leidenschaft für Fussball teilt. Erst als beide auch die Leidenschaft für Joe teilen kühlt die Freundschaft etwas ab. Gottseidank gibt es am Ende eine Versöhnung und sie lassen niemanden mehr zwischen ihrer Freundschaft stehen.

Eine Freundschaft vermisste man auch zwischen Mutter und Tochter Paxton. Als Paula Paxton wurde Anja Clementi an das Theater geholt. Sah man sie das erste Mal, hätte man sie auch für die Mutter von Pinky halten können. Paula sah aus wie Elle aus „Natürlich Blond“, nur das Hündchen fehlte. Die Farbe pink dominierte und sie war die flotte heiße Mum von Jules. Leider hätte sie lieber eine Tochter mit einem weiblicheren Hobby gehabt, das führt auch immer wieder zu Konflikten und Aussagen wie „Es gibt einen Grund, warum Sporty Spice von den Spice Girls die einzige ist, die keinen Freund hat“. In ihrem Solo „Sie stürmt los“ lässt sie all ihre Sorgen betreffend der Beziehung zu ihrer Tochter freien Lauf. Witzig der Moment, als sie denkt, dass Jules lesbisch ist und sie damit etwas überfordert scheint. Gottseidank gibt es bei ihr zu guter Letzt auch noch eine Wendung und sie ist stolz auf ihre Tochter und das was sie beim Fussball erreicht hat.

Gregor Schulz stellte Joe, den Fussballtrainer der Mädchenmannschaft dar. Vor allem will er Disziplin und Konzentration und verlangt den Girls so einiges ab. Aber er ist auch ein Freund von ihnen, zumal er selbst einmal kurz vor einer großen Karriere gestanden ist, bevor er verletzt wurde. Vor allem Jess hat es ihm angetan und seine Nachhilfe in Sachen locker bleiben („Hirn aus“) sorgt für ungeahnte Nähe. Einerseits spielt er den unnahbaren Coach, der nur das Beste für die Mädels will, andererseits entdeckt er Gefühle für eines von ihnen und weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll. Beides weiß Schulz in seiner Darstellung gut zu kombinieren.

Das Publikum, das vorwiegend aus sehr jungen Besuchern bestand, jubelte bei der Premiere und bekam dann noch eine Spezialeinlage von sechs jungen Damen des FC Bergheim geboten die ihre Ballkünste auf der Bühne zeigten.

hier einige Eindrücke vom großen Premierenfinale:

Die neue Produktion am Landestheater Salzburg überzeugt mit einem Multikultistück, bei dem es für nichts und niemandem Grenzen gibt.

Quelle: Andrea Martin

1 Comment

  1. Pingback: Was macht … ein Übersetzer? » Buehnennetzwerk

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!