Was macht … ein Übersetzer?

Bevor wir etwas in deutscher Sprache auf der Bühne genießen können, ist die Arbeit eines (oder mehrerer) Übersetzer von Nöten, da viele Stücke im Original in englischer Sprache geschrieben sind. Wie funktioniert die Arbeit eines Übersetzers eigentlich? Das haben wir uns gefragt und zwei gefunden, die uns alle Fragen beantworten konnten.

Anlässlich der deutschsprachigen Erstaufführung von „Kick it like Beckham“ (wir waren bei der Premiere am 4.5.2018 dabei) am Landestheater Salzburg standen uns sowohl Nina Schneider als auch Johannes Glück Rede und Antwort.

Ihr habt gemeinsam die Übersetzung von „Kick it like Beckham“ gemacht. Wurdet ihr angefragt oder gab es eine Ausschreibung? Wie ist das abgelaufen?

N.S.: „Ich wurde vom Salzburger Landestheater angefragt, ob ich die Übersetzung machen möchte; da ich aber zeitgleich an zwei weiteren Projekten gearbeitet habe und die Deadline für die Beckham-Übersetzung recht knapp angesetzt war, habe ich ziemlich schnell daran gedacht, mir die Arbeit mit Johannes zu teilen. Ich arbeite schon seit langem und sehr gerne mit ihm zusammen und halte ihn für einen der besten Texter (und Komponisten!) in der Branche, daher habe ich mich sehr gefreut, dass er tatsächlich Zeit und Interesse hatte.“

Wie habt ihr euch die Übersetzungen untereinander aufgeteilt und wie schaut man, dass das Endresultat einigermaßen homogen ist?

J.G. „Nina hat das Buch, sprich die Dialoge und Regieanweisungen übersetzt. Die Liedtexte haben wir uns aufgeteilt, wobei ich etwa zwei Drittel der Hauptnummern getextet habe. Nina hat gemeint, sie übergibt mir die Männernummern (Joe, Tony, Mr. Bhamra), aber ich habe auch die Songs der Hounslow Harriers, das Opening und das Finale I übernommen.

Natürlich mussten wir uns während der Arbeit absprechen, nämlich dann, wenn z.B. im Finale und in den Reprisen Zitate aus Ninas Nummern vorkamen oder andere Bezüge zu „ihren“ Songs aufgetaucht sind. Wir haben uns die neuen Texte immer gegenseitig geschickt und einander Änderungsvorschläge gemacht. Ein bisschen habe ich mich auch im gegenseitigen Einvernehmen in den Dialog eingemischt. Vier Augen sehen manchmal mehr als zwei.“

Nina Schneider fügte hinzu, dass Feedback ganz wichtig ist und dass sich die beiden, sobald die deutsche Fassung eines Liedes fertig war untereinander ausgetauscht haben. Wenn es wo gehakt hatte, dann wurde der andere auch schon mal „Fällt dir dazu was ein?“ gefragt.

Die Aufteilung wurde gemeinsam gemacht und darauf geachtet, dass der Workload einigermaßen gleichmäßig verteilt war. Hatte einer der beiden einen „Wunschsong“, den er gerne übersetzen wollte, wurde auch das natürlich berücksichtigt.

Woran orientiert man sich bei Übersetzungen? Habt ihr im Fall von „Kick it like Beckham“ das Musical auf irgendeine Art gesehen (live in London, auf DVD…?) oder nur das Textbuch gelesen?

J.G. „Meine Ausbildung und meine Erfahrung als Komponist und Liedtexter helfen mir sehr, die Gestaltung und Absicht der Lieder zu analysieren und zu erfassen. Die Übersetzung eines Liedtextes muss mehrere Aufgaben erfüllen: 1. Sie muss technisch möglichst perfekt sein, d.h. rhythmisch exakt, ohne falsche Betonungen, dem Reimschema des Originals möglichst genau folgend. 2. Sie muss den Inhalt und die Aussage des Originals möglichst genau wiedergeben, wobei man die dramaturgische Funktion des Liedes innerhalb des Stücks immer im Auge behalten muss. Die Art und Weise wie sich die Figur ausdrückt, der Subtext, die Stimmung, der Humor, die Metaphern, die stilistischen Besonderheiten – das alles muss man so gut es geht ins Deutsche übertragen. 3. Das Ganze, und das ist das Wichtigste, muss gut und natürlich klingen und singbar sein. Das alles ist ein kreativer Brainfuck sondergleichen, der viel Geschick und Ausdauer erfordert. Ich habe „Bend It Like Beckham“ (Anm. so heißt das englische Original) weder in London noch als Aufzeichnung gesehen. Meine Arbeitsgrundlagen waren Buch, Klavierauszug und die CD mit dem Original London Cast.“

N.S.: „Der Sinn des Originals muss transportiert werden und das geht oft besser, wenn man NICHT wörtlich übersetzt, weil sich gewisse Bilder oder Sprichwörter nicht 1:1 übersetzen lassen und es dann im Deutschen immer unbeholfen klingt. Des Weiteren müssen natürlich möglichst alle Reime übernommen werden und alles silbengenau auf der Originalfassung liegen – ohne falsche Betonungen oder unnatürliche Satzverdrehungen. Das ist oft sehr kniffelig und erfordert teilweise viel Überarbeitung.

Ich habe Ausschnitte im Internet gesehen und mir natürlich auch den Film nochmals angeschaut, ein DVD-Mitschnitt war leider nicht zu bekommen.“

Wie lang hat eure Übersetzungstätigkeit gedauert? Habt ihr einen vorgegebenen Zeitrahmen gehabt?

N.S.: „Wir hatten, wie gesagt, ziemlich wenig Zeit, etwas mehr als acht Wochen, deshalb war es ein Glücksfall, dass wir die Arbeit aufteilen konnten.“

J.G.: „Wir hatten eine Deadline – Mitte Januar. Ich habe mehrere Wochen intensiv an den Lyrics gearbeitet. Es verging oft ein ganzer Arbeitstag, bis ich mit der ersten Fassung einer Seite Liedtext zufrieden war.“

Wie oft muss man das englische Lied hören, damit schlussendlich ein deutscher Text herauskommt?

J.G.: „Schon recht oft, aber wenn es keine CD gäbe, würde ich die Lieder am Klavier spielen und singen. Ich höre mir am Anfang die Nummern zwei Mal komplett an, beim zweiten Mal lese ich dann im Klavierauszug mit. Danach kenne ich mich aus und kann anhand von Text und Noten arbeiten. Bei einzelnen Stellen, z.B. wenn die Phrasierungen der Sänger auf der CD von den Noten abweichen, höre ich aber ab und zu nach. Und wenn ich während der Arbeit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe, spiele ich die Aufnahme wieder an, um mich frisch inspirieren zu lassen und wieder ein besseres Gespür für das Gesamtbild zu bekommen.“

Irgendwie schaut man doch mehr auf die Schauspieler und das fertige Resultat und erwähnt Übersetzer meist nur nebenbei. Was wäre das schönste Kompliment, das ihr für eine Übersetzung bekommen könntet bzw. schon bekommen habt?

N.S.: „Eigentlich ist es das größte Kompliment, wenn der Übersetzer bei einer deutschsprachigen Erstaufführung nicht erwähnt wird, denn das bedeutet, dass die deutsche Fassung so gut war, dass Zuschauer/Kritiker vergessen haben, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Ein wunderbares Kompliment ist, wenn mich jemand für einen Job haben will, weil ihm meine bisherigen Arbeiten so gut gefallen haben; das ist mir zuletzt bei Disney passiert und ich habe mich sehr darüber gefreut.“

J.G.: „Das schönste Kompliment ist für mich, wenn man gar nicht merkt, dass es eine Übersetzung ist. Man darf den Übersetzer gar nicht wahrnehmen. Die Lieder sollten so klingen, wie wenn sie schon immer auf Deutsch gewesen wären. Und ich freu mich immer, wenn ich während der Vorstellung merke, dass die Texte in meiner Version so wie vom Original vorgesehen funktionieren. Wenn sich die richtigen Emotionen vermitteln, wenn das Publikum an den richtigen Stellen lacht oder gerührt ist.

(Anm. auch wenn beide Antworten sich ähnlich sind, wollten wir sie unseren LeserInnen nicht vorenthalten)

Gibt es ein Stück, das ihr unbedingt einmal übersetzen möchtet und wenn ja, warum?

J.G.: „Nein, ich möchte nichts unbedingt übersetzen. Ich möchte die Musicals am liebsten in der Originalsprache sehen. Aber z.B., wenn das Ehepaar Benjamin/O’Keefe wieder ein lustiges Stück schreibt, würde ich das bei Bedarf gerne ins Deutsche übertragen. Ich mag „Legally Blonde“, und ich kenne die beiden aus New York -ein super Team.

N.S.: „Ich liebe „The Book of Mormon“ und würde es wahnsinnig gerne übersetzen, halte es aber für fraglich, ob es in näherer Zukunft im deutschsprachigen Raum aufgeführt werden wird, da es so wunderbar durchgedreht und politisch absolut inkorrekt ist.“

Was muss ein Stück haben, dass ihr an einer Arbeit daran interessiert seid?

N.S.: „Als professioneller Übersetzer kann man nicht immer nur Stücke übersetzen, die man auch gerne privat stundenlang auf dem iPod hört. Natürlich macht es die Arbeit sehr viel erfreulicher, wenn einem das jeweilige Werk richtig gut gefällt, aber dass der Auftraggeber seriös (und zahlungswillig ist) ist ebenfalls wichtig- „Kunst geht nach Brot“, wie schon Lessing sagte.

J.G.: „Der Verlag muss einen fetten Vorschuss überweisen.“

Vielen Dank an Nina Schneider und Johannes Glück für einen kurzen Einblick in die Arbeit eines Übersetzers und noch ganz viele weitere tolle Projekte.

Quelle: Andrea Martin

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