Die Tschaunerbühne in neuem Gewand: Hotel Tschauner „Die Neue“, Stegreif 2.0

Am 12.6.2018 wurde in der Maroltingergasse 43 im 16. Wiener Bezirk ein neues Hotel eröffnet. Bis 16.8. kann man dort einchecken und eine flotte Neuinterpretation des Genres Stegreif erleben. Die Tschauner Bühne ist mit dieser Art von Theater die letzte in Europa und steht möglicherweise sogar kurz davor Teil des immateriellen Weltkulturerbes zu werden. Das Stegreif Theater ist sicher eines der schwierigsten Theater. Es gibt einen Handlungsfaden und ein Grundkonzept, wie die einzelnen Szenen angelegt sind, der Rest liegt in der Kreativität der Schauspieler und was ihnen in der jeweiligen Sekunde einfällt. Und das war jede Menge. Wenn hier wirklich nichts (und davon gehen wir einmal aus) einstudiert war, dann Hut ab vor so vielen spontanen Einfällen und Ideen. Alles ging dem Ensemble sehr flüssig von den Lippen und lediglich ein kleines Schmunzeln oder kurzes Innehalten auf der Bühne verriet, dass jetzt etwas Unvorhergesehenes passiert war. Mit dem Zusatz 2.0 will man, bestehend zu den althergebrachten Stegreifklassikern eine neue Zielgruppe ansprechen, die den Weg in die Tschaunerbühne finden soll. Eigens dafür wurde eine Welturaufführung geschrieben. Petra Kreuzer zeichnete für Konzept, Spielleitung, Choreographie sowie Zusammenstellung des Ensembles verantwortlich. Ihr zur Seite standen Andy Hallwaxx und Thomas Schreiweis. Das Bühnenbild stammte von Petra Fibich, die gut ein etwas aus der Mode gekommenes Hotel auf die Bühne gebracht hatte. Susanne Rader war für die Kostüme zuständig und Florian Schäfer für die „Aufzugmusik“, sprich die musikalische Leitung in Form des Pianisten, der im Aufzugsschacht versteckt war und dieser somit nicht fahren konnte.

Das Hotel war in jedem Fall am Premierenabend ausgebucht und es gab auch einige bekannte Gesichter zu entdecken, so etwa Baumeister Richard Lugner, Sopranistin Birgit Sarata, Adriana Zartl, Caroline Vasicek, Birgit Denk, Dennis Jale, Markus Richter, Lilly Kugler oder Gudrun Nikodem-Eichenhardt, einer Hälfte der Kernölamazonen.

Alle Geschehnisse auf der Bühne zusammenfassen zu wollen, könnte ein Ding der Unmöglichkeit werden. Es gab zwar eine Story, die dem Ganzen zugrunde lag, aber jeder der Einzelcharaktere kochte sein eigenes Süppchen und dadurch, dass keiner wusste, was der andere sagen würde, wurde es sowohl für die Darsteller als auch das Publikum zu einem einmaligen Erlebnis. Dies natürlich im doppelten Sinn, denn mit Sicherheit wird es den Ablauf des Stücks bei der Premiere nur einmal geben, so gesehen könnte man sich rein theoretisch jeden Auftritt des Ensembles ansehen, da man jedes Mal was Neues entdecken wird.

Lucy McEvil ist die neue Chefin des Hotels Tschauner. Sie ist die Universalerbin und hat lediglich einige Auflagen zu erfüllen, wie das Weiterbeschäftigen der einzigen beiden Angestellten, der Köchin und der Reinigungskraft. Sie will einiges ummodeln, bei dem ihr auch die nichtzahlenden Dauergäste Mutter und Tochter Hofer helfen sollen. Doch sie haben die Rechnung ohne Hanni Reiter-Schlagbacher gemacht, eine Landtagsabgeordnete aus St. Pölten, die die Tochter der verblichenen Hotelchefin ist und die auch etwas geerbt hat. Das Hotel soll dem Erdboden gleichgemacht werden und auf dem Grundstück frei finanzierbare Eigentumswohnungen entstehen. Doch die Mutter von Hanni hatte etwas Anderes für sie vorgesehen – sie erbt nur die Sauna. Hanni’s Familie, der Mann Rudi und der Sohn Sebastian sind auch im Schlepptau mit dabei. Rudi leidet unter Verfolgungswahn der Mafia, Sebastian möchte endlich seinen Jungmannstatus loswerden und dann gibt es da auch noch die Köchin Anna Maria, die selbst gedacht hat, sie hätte das Hotel geerbt und die die Saunaerbin mit einer vergifteten Wurst ins Jenseits befördern will. Andere haben auch Interesse an der Wurst, doch diese spielt erst am Ende eine große Rolle. Dann taucht auch noch ein Hoteltester auf, der rumschnüffelnd die Gegend unsicher macht.

Jeden Abend wird es einen oder mehre Stargäste geben, am Premierentag war es Eva Maria Marold und diese musste einen vom Unwetter (es regnete wirklich) gezeichneten Gast mimen, der einfach nur auf sein Zimmer will, das aber aufgrund der vielen anwesenden Personen fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Thomas Schreiweis, gekleidet als Portier, war in Wirklichkeit ein Anwalt, der auch im Hotel herumspionierte auch sorgte er für kleine Erklärungen zwischendurch. Nach sündigen Saunagängen, flotten Songs, Tanzeinlagen und kleinen Rangeleien gab es am Ende doch noch ein Happy End. Es wurde eine Information gefunden, worin stand, dass Lucy und Hanni Zwillingsschwestern (!) wären und somit das Hotel in der Familie bleibt. Alle sind augenscheinlich mit dieser Wendung zufrieden, nur der Hoteltester, der hat aufgrund plötzlicher Wurstgelüste ausgetestet….

Thomas Schreiweis ist so etwas wie der heimliche Erzähler des Stücks, da er immer wieder auf wichtige Details hinweist. Sein Charakter selbst, Dr. Eduard Novotny, ein Anwalt, ist etwas undurchsichtig, da man nicht so ganz den Grund erkennt, warum er sich als Portier ins Hotel geschmuggelt hat. Er ist aber, wie er selbst sagt zu 100% in der Rolle (und absichtlich vielleicht ein paar Prozent mehr im Outfit) drinnen und hat die Diskretion für sich gepachtet, vor allem, wenn er dem Hoteltester inkognito sämtliche Unzulänglichkeiten des Hotels verrät. Als er im zweiten Teil mit stoischem Blick den Titel „Sexualverkehr“ von Christian Steiffen singt, ist es mit der Zurückhaltung des Publikums auch vorbei.

Petra Kreuzer gab das heiße Stubenmädchen Jana Novacek, das mit osteuropäischem Akzent ein kleiner Teil des Hotelerbguts war. Ihre Vorliebe ist das Kaugummikauen, nur weiß sie manchmal nicht wohin damit, vor allem schluckt sie ihn nicht so gerne auf Befehl. Sie ist eigentlich eine arbeitslose Schauspielerin auf der Suche nach dem Traummann. In Helmuth hätte sie ihn gefunden und darf mit „Hero“ von Mariah Carey hinterherschmachten. Leider wird diese Schwärmerei nicht näher aufgegriffen. Kreuzer interagierte auch öfters mit dem Publikum und bezog es gekonnt mit ein.

Astrid Golda gab die energiegeladenen Esoterikdramaqueen, die hippiemässig angehaucht mit ihrem beschwörenden Sing Sang für Lacher sorgte. Ob der Richtige bei ihren Hypnoseversuchen einschlief oder nicht, war egal, Hauptsache das Geld floss. Als sie mit der toten Hotelchefin Kontakt aufnehmen soll gibt sie ein umgetextetes „Wuthering Heights“ zum Besten und sorgte mit ihren schrägen, fast schon schwebenden Choreo für Erstaunen. Auch bei der Darbietung von „I love Rock’n’Roll“ fegte sie mit Gitarre über die Bühne und das Publikum ging Füße stampfend und Hände klatschend gut mit. Von Golda selbst stammte auch das Introlied „Hotel Tschauner“, sie hatte es gemeinsam mit Stefan Holoubek verfasst und es wurde flott von allen interpretiert…

Linde Prelog alias Anna Maria Fuchs muss man nicht unbedingt über den Weg laufen. Ihre Lieblingstätigkeit ist das Schnitzel klopfen, je blutiger, desto besser. Je mehr sie von ihren Wurstspezialitäten erzählt, desto eher wirkt sie wie von einem anderen Stern. Und sie ist gut… gut im Pläne schmieden, die zum Beseitigen anderer zweckdienlich sein können. Offenbar bestand ein tieferes Verhältnis zur Verstorbenen und sie hätte sich gerne als Erbin gesehen. Es ist herrlich Prelog zuzusehen, wenn sie wie eine Furie immer wieder andere von ihrer ganz speziellen Wurst abhält und am Ende doch jemand abkratzen muss. Auch dass sie den Gaststar der Premiere Eva Maria Marold offenbar vergöttert und ihr immer wieder nette Worte sagt sorgt oftmals für Schmunzeln.

Lucy McEvil, die sich namentlich zumindest selbst spielt ist der Ruhepol auf der Bühne und fast durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Man könnte meinen je verrückter die Gäste, umso relaxter ist sie. Allerdings gab es auch Momente, wo es etwas wilder wurde, nämlich als sie sich mit Kollegin Eva D. am Boden wälzte oder als sie sich des armen Buben Sebastian annahm und ihm eine Lektion in Sachen Beckenbodentraining (wohlgemerkt nicht für das hohe Alter) erteilte.

Eine schrecklich nette Familie waren die Schlagbachers. Eva D. ist neben lieber Ehefrau und Mutter (oder so ähnlich) eine Furie par excellence. Sie hat definitiv die Hosen an und sobald sie auftaucht nehmen alle einen Sicherheitsabstand ein. Ihre beiden Männer sind ihr total ergeben und hören auf sie. Ihren Mann nennt sie liebevoll „Trottiviechi“ und nach einer zu heftigen Saunasitzung würde sie ihn am liebsten ausrangieren, da er schon ein wenig baufällig ist.

Jürgen Kapaun alias Ing. Rudi Schlagbacher war auch eine Nummer für sich. Er leidet permanent unter Verfolgungswahn und sieht in jedem einen Paten von der Mafia, der bei ihm seine Spielschulden eintreiben will. Als Vermittler zwischen der Angebeteten seines Sohnes ist er genauso unbrauchbar wie nach einem Saunabesuch. Schräg, als er denkt, dass der Hoteltester ein Mafioso ist, der ihm etwas abschneiden oder Organe entnehmen will. Gegen Ende stellt er fest „Love hurts“ und bekommt dennoch einen dicken Schmatzer von seinem Frauchen.

Georg Hasenzagl als Sebastian, Sohn des Ehepaars Schlagbacher, hatte es nicht immer leicht. Er hat sowohl offensichtliche Probleme mit Drehtüren und noch offensichtlichere mit dem weiblichen Geschlecht. Dennoch hat er es faustdick hinter den Ohren, nämlich als er seinen Vater erpressen will als er von dessen Spielschulden erfährt und der Papa ihm dann eine Frau besorgen soll. Stattdessen gibt es Übungen von Lucy, die ihm später auch helfen und er seinen Mut zusammennimmt und für Amelie „How deep is your love“ schmettert.

Ida Golda alias Amelie Hofer ist zunächst von der Mutter und dem brotlosen Herumsitzen genervt. Erst als sie sieht, dass bei einer spirituellen Sitzung ihrer Mutter das Geld fließt, wird sie kurzerhand zur Managerin und schröpft alle, die einen guten Rat von ihrer von Geistern besessenen Mutter wollen. Immer dabei ihre „Schrumpfgitarre“, besser bekannt als Ukulele, die immer wieder zum Einsatz kommt. Gesanglich darf Ida sich „Respect“ (Aretha Franklin) verschaffen und auch als die beiden im Endeffekt verliebten Youngsters Amelie und Sebastian miteinander singen ist das herzig anzusehen.

Karim Rahoma verkörperte den Hoteltester Helmuth Mut. Er hat ganz eigene Vorstellungen, was ein Regenschirm ist und schnüffelt überall im Hotel herum, entnimmt Proben und hat seine Augen und Ohren überall. Als das Publikum dann entschieden hatte, dass er singen soll, brauchte er sogar einen Ständer (für’s Mikro) und gab eine leicht abgeänderte Version von „Der gschupfte Ferdl“ zum Besten. Am Ende hätte es eigentlich „Ende gut, alles gut“ heißen können, allerdings nicht für ihn, es wurde ein bitteres Ende, da die Wurst so einen komischen Beigeschmack hatte…

Eva Maria Marold trat als sie selbst auf und bewies einmal mehr ihre Schlagfertigkeit. Sie hatte einen feuchten Einstieg, da sie von draußen kam und komplett nass geworden war (wie passend, dass es an diesem Abend wirklich zeitweise sehr stark regnete). Die Haare und das Gewand waren nass und das Mascara verwaschen, dass sie sogar für Batman gehalten wurde. Als running Gag durfte sie erst sehr spät in ihr Zimmer und wurde stets als Frau Mangold bezeichnet. Schade fand es Marold, dass es nichts Gescheites auf der Bühne zum trinken gab und die Flüssigkeit in den diversen Flaschen nur Attrappe war. Ihren großen Auftritt hatte sie, als sie aus „Sunset Boulevard“ „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“ interpretierte. Ein fulminanter Auftritt, den man sicher auch noch auf der Straße gehört hatte und den das Publikum danach auch entsprechend honorierte.

Mit „Komödie heut‘ Nacht“ aus „Die spinnen die Römer“ verabschiedete sich das Ensemble und das Hotel Tschauner wurde für diese Nacht geschlossen.

Nicht alles war logisch und nachvollziehbar, aber es machte trotzdem Spaß und zwar allen Beteiligten auf und vor der Bühne und das war die Hauptsache. Rein theoretisch könnte man sich das Stück immer wieder ansehen, erstes gibt es immer andere Gäste und zweitens wird dem Ensemble sicher nie 100% das Gleiche von den Lippen kommen. Und wer weiß, vielleicht gibt es 2019 ein Wiedersehen in dem Hotel.

Quelle: Andrea Martin

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