Gedankengut: Ist das Kunst oder kann das weg ?

Anfangs letzten Monats kam ein Flyer des GripsTheaters per Post. Es war einfach viel zu tun, deswegen lag der Umschlag ungeöffnet auf dem Tisch.

Bis letzten Sonntag.

Kaum, daß der Flyer das Licht des Schreibtisches erblickte, fiel mein Blick auch schon auf den Satz auf dem Deckblatt “… das soll Kunst sein ? Das versteht doch jedes Kind”.

Dieser Satz, dieser Ausspruch, ließ mich für ein paar Sekunden staunend auf den Flyer starren.

Nein, ich habe den Ausspruch sehr wohl verstanden.

Und nein, ich habe auch keinen Schreibfehler darin gefunden.

Ich starrte, weil dieser simple Satz genau das widerspiegelt, was so mancher selbsternannte Kunstkenner zu meinen pflegt.

“Kunst ist nur Kunst, wenn sie nicht für die Masse ist.”, wird da doch gern gesagt.

“Kunst ist nur Kunst, wenn nur Gebildete sie zu verstehen wissen.”, schiebt man noch gerne hinterher.

Und schießt sich damit fein ins Abseits – zumindest wenn man nicht unter Seinesgleichen ist.

“Kunst”, schrieb einst mein Kunstlehrer im Leistungskurs Kunst an die Tafel – als es darum ging, den “Kunstbegriff” zu definieren.

“Was ist Kunst ?”, fragte ein Mitschüler frech.

Und die Antwort des Lehrers ? “Wenn etwas im Museum ist und die Menschen dafür zahlen, es zu sehen.”

Genau. Dann ist es Kunst, weil ins Museum gehen ja nur die Gebildeten, nicht wahr ?

Und dann das Lieblingsbeispiel: “Ein Steinhaufen in der Fußgängerzone, ist nur ein Haufen Schutt. Im Museum ist es ein Kunstwerk mit Botschaft.”

Aha. Stimmt auch. Leider.

Gibt es da nicht den Spruch: “Ist das Kunst oder kann das weg ?”

Kunst ist schließlich das, was jeder Einzelne darunter versteht – oder besser gesagt: meint zu verstehen.

Aber ich will nicht über Kunst streiten. Denn das kann man nicht, sollte man nicht und braucht man auch nicht.

Zurück zu den Kunstkennern, die zu dem erlesenen Kreis der Gebildeten gehören, die Kunst verstehen. Ich frage mich: sind sie schon so auf die Welt gekommen ? Oder wo kam die Bildung her ? Beinhaltet Bildung denn nicht auch die Kunst in jeglichen Formen. Wenn sie also nicht gebildet auf die Welt gekommen sind und deswegen Kunst nicht von Anfang verstehen konnten, wie konnten sie sich dann Bildung zum Thema Kunst aneignen ? Etwa durch ein Mathestudium ?

Und wenn Kunst nicht für die Masse ist, für wen denn dann ? Ist dann das Gebilde im Park niemals Kunst, wenn es ja jeder sehen kann ? Warum steht es dann da ? Wollte der Künstler einfach nur die Herden ungebildeter Menschen mit einem Haufen Steinen erfreuen oder gar verärgern ?

Kurzum: diese arroganten Ansichten sind nicht haltbar. Eben weil der Begriff “Kunst” nicht faßbar ist. Er unterwirft sich keinen Regeln, Normen oder Definitionen – das tun lediglich Kunstformen oder Kunststile – manchmal.

Aber “Kunst”, “Kunst” ist eine Worthülle, bei der es an einem selbst ist, sie mit Vorstellungen, Erwartungen, Sehnsüchten, Träumen und vorallem: mit Phantasie zu füllen.

Und genau deswegen verstehen Kinder so manches besser: sie haben Phantasie, denken (noch nicht) in Schubladen und sehen die Dinge aus anderen Perspektiven. Während der Erwachsene noch Sinn in etwas hineinzupressen versucht, hat es das Kind schon längst erfasst, weil es den Kern des Pudels sieht – der meist so einfach ist. Ist es deswegen dann keine Kunst ? Nur weil wir Erwachsenen nicht fähig sind aus unserem eingefahrenen Gedankengut auszubrechen ? Und überhaupt: ist Kunst nicht dafür da, andere Wege zu zeigen und zu gehen ?

Was also will mir ein Kommentar zu einer Rezension sagen, in dem es heißt (meist auch ziemlich forsch): “Ihr wart wohl blind oder habt eine andere Show gesehen! Ich kann nicht nachvollziehen, warum Ihr XYZ nicht gut fandet. Die Show ist supercool! Laßt es doch einfach bleiben, wenn Ihr es nicht könnt.” – aha.

Ich fülle die Worthülle “Kunst” nunmal mit anderen Erwartungen als andere Besucher das tun – ist es deswegen etwa falsch ? Oder bin ich deswegen ungebildet ? Ich denke nicht, ich sehe es einfach nur anderes. Warum ? Weil ich schon vergleichbare Shows gesehen habe und vergleiche. Oder weil ich schon andere Darsteller gesehen habe, die die Rollen einfach besser ausgefüllt haben. Oder weil ich … ja was ? … Weil ich nicht einsehe, anderen nach dem Mund zu reden – schon gar nicht Kunstkennern oder fanatischen Anhängern. Deswegen.

Und deswegen steht es jedem frei, “Kunst” zu nennen, was immer derjenige so nennen mag. Oder auch eben “Nicht Kunst”. Aber das ging im Dadaismus ja schon schief.

Die Theater, Museen, Austellungen oder Veranstalter leisten ihren Beitrag zu Kunst und Bildung. Sie können es dabei nicht jedem recht machen und das sollte auch niemals der Anspruch sein. Denn “nichts” ist jedem recht und “nichts” zu tun wäre keine Kunst.

Quelle: Alexander Brock

(c) #KulturAspekte, Flyer: GripsTheater

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